Lasst uns ziehen …

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Vorhin im Münster war das ein wunderbares Bild, wie die Menschen im Lichte der Abendsonne in dieses Münster eintreten. Sie treten ein in ein Haus, das als Symbol des himmlischen Jerusalems steht, sie treten mit den Heiligen, die draußen vor dem Tor stehen ein in das Gotteshaus, sie nähern sich gemeinschaftlich – egal wie viele Menschen gerade hineingehen – mit der ganzen Kirche dem Ort an dem die Realpräsenz Gottes erfahrbar ist, dem Gotteshaus mit dem Tabernakel. Das war schön sich das in diesem Moment zu verinnerlichen. Das ist gerade allgemein schön, mir das immer wieder zu sagen. Wenn ich tagsüber die Psalmen bete und es immer wieder heißt: lasst uns ziehen auf den Zion, zur Heimstatt Gottes auf Erden (Mischkan). Dann weiß ich, ja Jerusalem ist ein Zentralisationsort meines Gottes, aber ich muss nicht so weit ziehen, gleich „um die Ecke“ finde ich mein Zion, eine Stiftshütte, ein Tabernakel an dem ich mich sehr bewusst vor Gott niederwerfen kann und mein Opfer ihm vorlegen darf.

 

Josef der Arbeiter

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Viele Darstellungen gibt es mit Josef. Aber welche Rolle hat er nach diesen Bildern ?

Er hat wohl aus mancher Sicht den stehts undankbarsten Job auszufüllen, dieser Josef. Beiwerk, kein handelnder Mensch, ja nur notwendiges Übel. Unscheinbar mag er im ersten Moment erscheinen, wenn wir nach ihm in der Bibel suchen. Wenige Stellen sind es, in denen er auftaucht. Rund um die Geburt und dann noch einmal, als letzte Erwähnung, in jener Szene bei Lukas als Jesus von seinen Eltern gesucht wurde (Lk 2,48). Noch immer wird er fast stiefmütterlich behandelt, wenn man bedenkt, dass Josef gerade in Deutschland noch immer nicht als fester Heiliger ins Messformular aufgenommen, bzw. von den Priestern neben Maria immer genannt wird. Er ist einfach für viel zu viele Menschen fremd. Dabei gibt es auch die Gegenseite in Form einer sehr intensiven Josefsfrömmigkeit, ganz besonders auch in der Ostkirche, die schon viel früher als die westliche Kirche Josef als wichtige Person entdeckt hat.

In der Westkirche findet sich erst um 850, in einem Dokument der Reichenau, ein eigener Festtag (19. März). Es dauerte dann noch über 600 Jahre bis der Josefstag der offizielle Festtag des Josefs wurde. Und es gingen nochmal gut zweihundert Jahre ins Land bis der Festtag zu einem gebotenen Festtag wurde. 1714 kam ein Messformular und Gebete dazu und Benedikt XIII. fügte ihn in die Allerheiligenlitanei ein.

1937, der Kamp gegen den Kommunismus und gegen Russland war das große Thema, da wurde Josef zum Patron all jener die gegen den Kommunismus kämpften. Diese Patronatserhebung durch Pius XI. wurde 1955 mehr oder weniger gesteigert in dem am 01. Mai, also am Musterfesttag des Sozialismus und Kommunismus von Pius XII. ein weitere Josefstag eingeführt wurde.

Aber was bringt das? Wie die verschiedenen Festtage seiner Frau, der Mutter Maria, soll auch der „zweite Josefstag“ die Möglichkeit bieten eventuell über einen anderen, einen zutiefst menschlichen Ansatz die Offenbarung in den Blick zu nehmen. Festtage mit einer besonderen Prägung geben Raum zum ganz besonderen Nachdenken. Festtage mit einer besonderen Prägung sind Ergebnisse, nicht Anfänge von Traditionsentwicklungen. So wie die einzelnen Marienfesttage aus der Volksfrömmigkeit, aus dem Alltag und den Sorgen, Freuden und Nöten der Menschen sich heraus entwickelt haben, so ist das auch hier. Josef der Arbeiter ist ein nahezu neuer Festtag, aber eben Ausdruck der Beschäftigung der Kirche mit den Sorgen und Freuden der Menschen und mit den Problemen, die es in der Arbeitswelt seit der Industrialisierung gibt. Der Festtag des Josef des Arbeiters ist so, genauso wie es Leo XIII. mit seiner Enzyklika Rerum novarum getan hat, die Zusammenführung von all dem was die Kirche in diesem Themenbereich denkt, erlebt hat und an Botschaft weitergeben will. Der 1. Mai ist somit der Tag an dem das „Evangelium der Arbeit“ (LE) im besonderen Maße reflektiert und verkündigt wird.

Während wir den Josefstag im März eventuell unter den Titel „Josef der Gerechte“ stellen können und ihn so im Blick auf die Familie, auf sein Wirken für Jesus, auf seine Form Partnerschaft zu leben („Einheit des Herzens“, wie Augustinus sagt) schauen. Nehmen wir heute Josef als Mensch wie du und ich, wie einer, der die Mühen des Alltags kennt, in den Blick. Dass Jesus im Umfeld eines Arbeiters aufwuchs, von ihm lernte, die Welt erlebte, die eben Alltag war, zeigt einmal mehr, dass die Arbeit des Menschen mit zum Heilsgeschehen gehört (vgl. LE 24), dies aber eben nur, wenn wir auch in diesem Bereich uns bewusst werden, dass die Botschaft Jesu Christi Messlatte ist für ein richtiges miteinander. Arbeit muss einen Wert haben, der sich vom Wert des Arbeitenden,d er im Kontext zu Gott steht, ableitet. Weder Arbeiter noch Arbeit darf hinter dem Kapital zurücktreten und nur noch ein Ding, eine Leistung, ein Produkt werden, das zu verkaufen ist. Der Arbeitende ist so wertvoll, dass Gott ihm seinen Sohn anvertraut hat. Das müssen wir bedenken in all dem was wir in unserer Gesellschaft tun. Heute mehr denn je. Wenn dann Papst Franziskus mahnt, dass der Kapitalismus tötet, dann ist das die Erinnerung, dass auch der Kapitalismus nur dann gut ist, wenn durch ihn, „der Mensch durch seine Arbeit Gott, seinen Schöpfer,“ (LE 25) nachahmen kann. Dazu braucht es den Raum und die Sicherheit, dass Arbeitende ihre Arbeit leisten können, dass Menschen Arbeit bekommen um eben Anteil zu haben am Schöpfungswirken (LE 25) und dass Menschen aus dem Ertrag der Arbeit leben können, sowohl während ihrer Zeit des Schaffens als auch davor und danach.

Josef als Arbeiter zeigt uns, wie wir unsere Arbeit zu leisten haben: Überlegt, fragend und mit Ernsthaftigkeit. Bei ihm geht es nicht um eine dümmliche Hörigkeit, sondern um ein hohes Maß der Selbstentscheidung. Er befolgt nicht stupide irgendwelche Gesetze in seinem Tun, ja er umgeht sogar Gesetze der damaligen Zeit, sondern prüft und entscheidet dann. Er ist offen für neue Wege, ist offen für das was ihm auch fremd erscheint. Josef hat die Gegenwart im Blick, ist offen für die Zukunft aber lebt nicht träumend in ihr. Die Gegenwart ist Wirklichkeit und diese Wirklichkeit umfasst für ihn, ganz selbstverständlich, das Wirken Gottes.

Wenn ich mir die wenigen Stellen in der Bibel betrachte, in denen Josef erscheint, dann spüre ich da auch eine gewisse Ruhe, eine Form des Selbstinsichruhens. Josef wird es in seinem Beruf nicht leicht gehabt haben. Man sagt, er war einer, der mit Holz arbeitete. Schreiner, Bauhandwerker, so in der Art. Ein reiner Möbelschreiner, wie wir es auf den Bildern sehen wird er eher weniger gewesen ein. Dafür war Nazareth zu klein. Also wird er viele kleine Arbeiten zu erledigen gehabt haben, oder gar auch auf Wanderschaft gegangen sein, also dorthin wo gerade größere Bauprojekte waren und viele Handwerker gebraucht wurden. Das dürfte alles Knochenarbeit gewesen sein. Und doch strahlen die wenigen Bibelstellen eine gewisse Ruhe. Josef lebte und handelte unaufgeregt. Auch das wäre für uns noch ein kleiner Aspekt, den wir mitnehmen können an diesem Tag. Gerade für Menschen, die Freischaffend sind, für jene die mit dem Kopf arbeiten und lesen, schreiben denken und damit in die Gefahr geraten, nie fertig zu werden. Josefs handeln kann uns zeigen, wie entscheidend Muße ist, Ruhe und eben auch das Annehmen der Wirklichkeit (und damit auch Pause, Sonntagsruhe, menschliche Schaffenskraft und notwendige Ruhepausen), denn nur in ihr kann die Zukunft verändert, kann Arbeit erledigt werden.

Franziskus: Gott ist jung! Unbedingt lesen

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Habt keine Angst“ – das ist wohl eine der entscheidenden Aussagen des kleinen Büchleins von Papst Franziskus, das in diesen Tagen in verschiedenen Sprachen erschienen ist (Deutsch im Verlag Herder). Wer die letzten Zeilen des Interviewbuches liest, dürfte da etwas in sich (nach-)klingen hören. Es sind irgendwie Worte, die manche schon kennen, die aber gerade deshalb nicht alt oder abgedroschen klingen, sondern so wie Gott voller Jugendlichkeit, sprich Vitalität, sind. Das was Papst Franziskus uns – und nicht nur den Jugendlichen alleine – zu sagen hat, das erinnert eben an jenen jungen mutmachenden Papst aus Polen. Wieder klingen dessen Worte, wie am Tag der Wahl des Papstes vor fünf Jahren, nach. Papst Franziskus hat, so lassen es die Worte erahnen, in der Sprache ein Vorbild. Das „Fürchtet euch nicht“ des jungen Papstes, in Polen, gegen die Mächtigen der damaligen Welt gesprochen, ließ Mauern zerbrechen. Dies dürfen wir auch diesen Worten, schlussendlich allen Worten Franziskus wünschen. Diesmal ruft er die mutmachenden Worte den Jugendlichen zu und – ganz dediziert – den Alten, die wir bitte nicht verwechseln dürfen mit den Erwachsenen. Zwar in vermeintlichen fest-gezurrten und pauschalen Begriffen redend, will der Papst eben zeigen, wie bunt, wie reichhaltig, wie ungreifbar und unangreifbar gerade die jungen Menschen sind.

„Die Zeit ist reif für eine echte kulturelle Revolution des Dialogs“ (S. 126). Dieser neue Dialog ist, nach Papst Franziskus, der Dialog zwischen den Träumen und den Erfahrungen der Alten und den Hoffnungen und Erwartungen der Jungen. Hier kann sich die Zukunft der Menschheit entwickeln, die jetzt gerade in eine falsche, unmenschliche Richtung abdriften, so der Papst. Der Interviewpartner des Papstes malt diese Welt noch radikaler aus, er negiert und präsentiert eine doch sehr pessimistische – ja fast schon verstockte – Haltung zur heutigen Kultur und es scheint im ersten Moment, dass der Papst hier einsteigt, gerade wenn er die Situationen der Jugendlichen, der Menschen die von einer Welt des „Konsums um des Konsums willen“ (S. 45) weggeworfen und vernichtet werden, benennt und auch drastisch betitelt. Aber der Heilige Vater ist Seelsorger. Er öffnet Räume und schafft neue Horizonte, denn sein in Gottes Liebe fußendes Vertrauen schenkt er den Jugendlichen – nicht ohne auch sie vor Verstockung und Gefahren zu warnen (S. 81/85).

Die Themen sind reichhaltig in diesem Buch. Von Internet, Drogen, Ökologie bis hin zur Freiheit des Menschen und zum Selbstmord, vieles wird angesprochen. Das mag einem zu viel vorkommen, der Papst zeigt aber, dass es hier immer nur um Auswüchse geht, vielmehr zeigt er an diesen Themen, was falsch läuft und wo das gemeinsame Grundübel verortet werden kann und dass alles zusammenhängt an dem einen: Jesus Christus.

Das neue Buch des Papstes ist ein kleines Buch, aber eines das Mut macht, das die Fehler und Schwächen unseres Lebens aufzeigt, uns warnt aber immer wieder sagt: Brecht auf, noch ist die Zeit!

Josefstag – nicht Kitsch sondern Verantwortung

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In Nazareth gibt es eine Ausgrabung eines Hauses unter dem heutigen Straßenbelag. Das Haus wird als “ das Haus des Gerechten“ bezeichnet und dem Hl. Josef zugeordnet. Josef der Gerechte, ebenfalls ein sprechendes Bild was Demut bedeutet: Gerecht sein.

Am Montag ist Josefstag. Ein wunderbarer Tag an dem ganz besonders durch den Blick auf Josef die Väter nochmal ganz eigen in den Blick kommen. Der Josefstag ist der wahre Vatertag. Nicht jener Tag für Bollerwagen und saufen, sondern ein Tag an dem der einzelne Mensch, in diesem Fall der Mann, als Geschöpf Gottes – im Kontext von Beziehung und Gemeinschaft – im Mittelpunkt steht.

Josefstag bedeutet für mich: bewusst zu werden welche Rolle der Mann in der Beziehung zu Gott und Mensch einzunehmen hat, einnehmen kann und soll (auch wenn die Gedanken zu Demut genauso Frauen zugeordnet werden können). Josefstag ist jener Tag an dem ich mich als Mann nochmal ganz bewusst einordnen (lassen) darf in den Kontext mit Gott. So wie es Josef selbst getan hat. Dem hl. Josef wird die Demut zugesprochen, was stehts als Anweisung gilt, dass auch wir demütig zu sein haben. Dies wird meist in einer Art und Weise übersetzt, die mich echt verzweifeln lässt. Oft genug verkommt dann der Josefstag und die Texte zu diesem Tag zu einem „Singsang“ den ich nur mit Pastelltönen und einem „Kuschelchristentum“ beschreiben kann. Da wird der Josef zu einem devoten, sich selbst aufgebenden Bubi, der nicht mehr Fisch und Fleisch ist und zurücktritt in eine Unwichtigkeit, die ich fast nur ecklig finde.

Dabei ist Josef gerade das nicht. Er ist nicht devot, er ist nicht unterwürfig und er verschwindet auch nicht in eine Bedeutungslosigkeit. Die Demut des Josef ist vielmehr eine Haltung des „daseins“, des sich vergewissern und der Übernahme von Verantwortung. Demut ist – wenn wir den hl. Josef der Bibel einmal in Blick nehmen – sich selbst anerkennen mit der Frage nach wer und wie ich bin und draus heraus seine Verantwortung für die Welt, seine Rolle in der Welt und sein Handeln in und an der Welt anzugehen (Beziehungsgeschehen).

Josef ist ein Nachkomme Davids. Er ist königlich. Dessen ist er sich bewusst. Mag er auch nur Handwerker sein. Das ist er aber ganz, denn auch als König kann ich Handwerker sein. So wie er sich ganz und gar zu seiner Rolle als Vater stellt. Was er deshalb kann, weil er weiß, wie er zu Gott steht, seinem Vater. In diesem Bereich kann er uns gerade auch im Alltag einen ersten kleinen Impuls geben. Etwas Besonderes bin ich nicht durch Farbe an der Kleidung, durch Titel oder anderes. Auch nicht durch ein vor mir her getragenes Wissen. Das ist alles nur Beiwerk. Demut zeigt sich bei diesen Punkten wie und für was ich es nutze.

Francisco de Osuna, ein spanischer Theologe, schreibt: „Manche verstehen unter Demut eine Enge des Herzens und die platte und kleinmütige Veranlagung eines Menschen, den nur Unwesentliches interessiert. Andere denken, Demut sei kränkliches Aussehen und Niedrigkeit, die sich in Haltung, Kleidung und Benehmen manifestiert. Manche verwechseln die Demut mit Feigheit und Furcht, von denen einige beherrscht sind, so daß sie sich nicht an große Dinge wagen. Schließlich meinen einige, es sei demütig, über keine Fähigkeiten zu verfügen oder die vorhandenen nicht zu nutzen, sondern zu verbergen. Alle diese Auffassungen sind falsch und haben nichts mit der Demut zu tun.“

Daher: Josef war kein kleiner dummer Handwerker, der alles akzeptierte. Nein, das war er nicht. Er hat Verantwortung übernommen und hat Anteil, wie Maria, am Heil der Menschen. Gerade darin ist er auch entscheidendes Vorbild für die Priester.

Und auch wir müssen uns nicht klein und dumm machen und nur schweigen. Gott schuf den Menschen; sich ebenbildlich. Die Annahme dieser Ebenbildlichkeit, die Annahme der Menschlichkeit meiner selbst, das einordnen meiner Möglichkeiten und ein sich bewusst werden, wie ich zu Gott stehe und zu was er mich berufen, mich beauftragt, mich befähigt hat – das ist Demut. Josef hat nicht gekuscht, Josef hat seine Aufgabe, seine Berufung angenommen. Voll des Wissens was ihn erwartet. Sicherlich mit Freude und auch viel Angst. Aber er hat sich als Mensch angenommen. Im Angesicht Gottes.

Josefstag kann daraus heraus die Aufgabe sein: Stelle dich in das Angesicht Gottes! Ganz und gar, du als Mensch, du als Ebenbild deines Schöpfers und erfahre Gott und damit dich.

La dolce vita ‐ die römische Lebensart

IMG_0954Da gibt es ungemein viel Klischee. Rom ist Klischee, so wie die tausend und eine Geschichte von und um diese Stadt und ihre Lebensart. Oder noch mehr, Rom ist das was wir erleben und in diesem Erleben in Gedanken, in Gefühlen und in Wissen uns schaffen. Deshalb kann es wohl auch nur drei Typen von Menschen geben. Jene, die Rom lieben, jene, die Rom hasse und jene, die noch nie da waren.

Der nachfolgende Text ist also auch nur das Bedienen von Klischees. Dieser Text ist zum Schluss gesehen nichts anderes als eine Traumvorstellung, eine Liebeserklärung an eine alte Dame, die eben gar nicht mehr so traumhaft ist, wie es sie nie war. Daher gilt es den Text nicht ganz ernst zu nehmen, sondern eher als ein Text zu sehen, der eine Liebeserklärung ist an eine alte Dame, von einem Herrn der schon lange die Dame nicht mehr bei Helligkeit gesehen hat.

Aber was macht ein Römer so?
Am Morgen ein Frühstück, colazione, das kennen die Römer im trauten Heim nicht. Dazu geht es in die Bar. Dort wird ein Cappuccino bestellt und ein Dolce, also ein Hörnchen (Cornettoo), mit/con oder ohne/senza Füllung/classico oder semplice) eine Bomba oder ähnliches. Es gibt zwischenzeitlich auch Müsli, Jogurt und Co. selbst schon zum Mitnehmen. Der Kaffee To‐Go ist aber noch immer eine Todsünde. Starbucks & Co. überleben, wenn überhaupt, nur dank der Touristen.
In Italien gibt es zwei Preise: für sitzende Gäste und für jene an der Bar. In Rom ist das heute – außer in einzelnen Fällen – kein so großer Unterschied mehr wie im versnobten Florenz. Es summiert sich nur wenn man, wie ein Römer, mehrmals einen Cappuccino/Cafe am Tag nimmt.
Jeder Römer hat seinen Barista. In seinem Viertel, denn der Römer geht – außer er muss zur Arbeit, oder er ist jung ‐ nicht aus seinem Viertel, also seinem Rione. Eine weitere entscheidende Trennlinie in Rom ist der Tiber. Den überschreitet man nicht, außer in absoluten Notällen.

Getränke mit Milch werden traditionell – je nachdem wie römisch das Restaurant/die Bar ist – nach elf Uhr vormittags nicht mehr serviert. Was daran liegt, dass in vergangenen Zeiten ohne Kühlschrank die Milch meist ab da gefährlich (sauer, Bakterien) wurde. Darüber hinaus ist der Römer der Meinung, dass der menschliche Körper nachmittags keine Milch verträgt.

Wer in seiner Welt lebt, den kennt jeder, der kennt jeden und so ist auch die erste große Aussage von Reinhard Raffalt, SJ der behauptet, dass es in keiner anderen Stadt der Welt charmanter ist arm zu sein als hier. Und das kenne ich auch. Wie oft hatte ich mein Geld vergessen, wie oft kam die Aussage des Patrone: Sei du heute mein Gast! In dieser kleinen Welt lernt man, es gibt Familie – aber nur für jene strangieri die sich darauf einlassen. Ich hab es erlebt und gesehen und erlebe es noch immer.

Mittagessen – pranzo/colazione
Erste Verhaltensregel: in Rom wird man platziert. NIE sich selber einen Tisch aussuchen. Damit steigen ganz oft die Preise, denn sie werden als ignoranter Ausländer erkannt.
Die Zeiten ändern sich. Während die Panini (belegte Brötchen) oder die Tramezzini (Belegtes Toastbrot, ohne Rinde meist caldo/warm zu genießen) früher mal was für „zwischendurch“ waren, gibt es auch in Rom heute für viele nur einen kleinen Mittagstisch. Ein Brot, ein Gang oder gar nur ein Salat, das gibt es heute immer öfters. Das ist die Folge dieses „unangenehmen deutschen Lebensstress“, der aus dem Norden kommt (die Deutschen = Tedeschi; sind nicht immer wir, damit sind auch, wie ich schon gehört habe, die Norditaliener gemeint).
Klassisch gehört jedoch zum Mittagessen mindestens zwei im besten Falle vier Gänge: Antipasta, Primo, Secondo, Dolce – was also bedeutet: Vorspeise, erster Gang mit Pasta o. Ä., Fleisch und ein Nachtisch, gern auch mal Früchte oder einen Fruchtsalat (macedonia). Der Wein darf dabei nicht fehlen; Tischwein, Wein des Hauses … und ein Digestif auch (Grappa, Limoncello, Amaro, …). Aber alles angemessen.

Dann kommt die Mittagspause/Mittagsschlaf. bei diesem Thema kommen dann die Deutschen und erzählen was davon, dass die Italiener faul sind. Nein, das sind sie nicht, sie arbeiten meist mehr Stunden, haben aber einfach eine andere Einstellung. Die Arbeit ist für das Leben da und nicht andersherum. Das ist doch viel besser. Beim Staat und im Vatikan zeigt sich oft auch noch: Es gibt eigentlich eine sechs‐Tage‐Woche. Von Montag bis Samstag wird vormittags gearbeitet. Dazu sind zwei oder drei (oder mehr) Nachmittage zu arbeiten. Aber auch das ändert sich so langsam und damit sinkt die Lebensqualität.

Der Abend
Der Römer, gerade der junge Römer – und da ganz besonders die ragazze – gehen am Abend auf den Giro. Dieser Termin wäre – ich glaub ich hab das mal bei Franca Magnani einmal in einem Beitrag vernommen – einer der Gründe warum es in Rom keine Popper, keinen Schlabberlook o. Ä. geben könne, und warum die Römerin die am besten angezogene Frau der Erde sei. Und es ist doch so: Nirgends auf dieser Welt sind die Frauen so schön wie in Rom. Das macht das Licht, die Schönheit der Stadt und der Charme des Augenblickes. Das gilt für alle Frauen in dieser Stadt.
Der Giro ist der Spaziergang am Abend (nicht zu früh). Man trifft sich nicht in einem einzigen Restaurant. Jeder hat sein Gebiet, seine Strecke, seinen Startpunkt und man findet sich. Man beginnt eventuell gemeinsam, aber geht im Laufe des Abends gern auch getrennt weiter, nur um sich am Ende des Abends wieder zu finden. Startpunkt ist der Aperitivo und erst danach geht es weiter. Dabei ist der Aperitivo nicht einfach ein Getränk, nein er ist viel mehr. Der Aperitivo ist eine Ausprägung der römischen Lebensform den Abend, die Minuten des Sonnenuntergangs zu genießen und den Gaumen und die Sinne zu reizen.
Der Studierende und jener der kaum Geld hat, wird sich hier (nicht ganz anständig, aber manchmal notwendig) satt essen. Ein vollständiges Abendessen gibt es somit schon mancherorts für 8 €.
Danach geht es in die bevorzugte Lokalität zum Essen. Die Antipasta kann man so getrost weglassen – oder doch nicht, je nachdem wie man mag. Auch hier folgt die normale Reihung, bis hin zum Dolce und einem schönen Käse als Abschluss, muss nicht, kann, darf sein ist aber nicht typisch römisch, sagen die einen, die anderen genießen. All das ist Idealform, die es immer weniger gibt für die Römer. Warum? Das liebe Geld ist daran schuld. Das Leben wird immer schwerer, aus verschiedenen Gründen, aber einer ist ganz sicher der, dass auf der einen Seite alles teurer wird wegen der Touristen und auf der anderen Seite zerstört Arbeitslosigkeit und Armut die Schönheit des Lebens, gerade der jungen Menschen.

Der Absacker in einer Bar ist möglich, auf der Piazza ab 23.00 Uhr nur mit Plastikbecher, was die einen abschreckt, die anderen nicht stört. Dabei kommt der Piazza die Rolle zu, die ihr zugetragen ist. Die römische Piazza ist das Wohnzimmer, der Salone des Volkes aber grundsätzlich auch der Ort der Demokratie in seiner jeweiligen Ausprägung. Die Piazza ist das Forum, welches es in Rom immer gab und um das wir die Stadt beneiden dürfen. Die Piazza ist der zentrale Ort des Lebens. Hier wird geliebt, gelacht, geweint und gefeiert. Hier zeigen sich die jungen Menschen, auch ohne viel Geld. Gerade nun, wenige Tage nach einer ganz traurigen Wahl in Italien stellt sich die Frage, was ist los in Italien? Eventuell liegt es an der Piazza, dem Forum, oder gerade daran, dass nicht mehr dort gestritten wird. Wo waren die Wahlplakate? Wo war die Diskussion, wo war die Wahl, die die Wirklichkeit abbildete und nicht irgendwelche Scheinwelten. Wo ist Cicero um den heutigen, immer wieder auftretenden Politiker, wie Verres, Catilina und Co. paroli zu bieten. Das geht immer noch nur auf den heutigen Plätzen der Öffentlichkeit. Es hilft uns und unserer Demokratie nicht, dass wir das Forum und die vielen wunderbaren Plätze der Demokratie in Trümmern belassen und sie nur als alte Relikte sehen. Sie müssen was in uns bewegen. Das Leben, das ich hier beschrieben habe, ist das Leben der Reichen, der großen Menschen, die Rom hervorgebracht hat. Es ist aber eben auch das Leben all jener, die für die jeweilige Freiheit und für das Leben und die Liebe in dieser Stadt gekämpft haben. Wir können das belächeln und wie im Museum aufnehmen, oder wir können es leben, in der Gänze, also schönes Leben und Verantwortung dafür.

 

Zum Jahreswechsel

Silvestergruss

Noch wenige Stunden trennen uns von dieser fast magischen Zeitenschneide. Ich weiß meist nie was daran jetzt so besonders ist. Jeden Tag haben wir Mitternacht. Und doch, auch ich merke, dass – trotz des nichtfeierns – an diesem Abend sich was verändert. Am eigenen Geburtstag eventuell noch, da kann es sein, dass man genauso wie heute, so intensiv spürt, dass die Zeit fließt, dass sich ein Jahr an das andere sich anschließt.

So ist dieser Abend, diese Stunden die beste Zeit um noch einmal zurückzuschauen auf das Jahr 2017 und, statt mit einem Kater und einer negativen Stimmung voller Freude, hellwach und gesund in das neue Jahr 2018 zu starten.

Nun hoffe ich, dass ihr alle einen guten, geruhsamen, friedvollen und schönen Abend erleben könnt, so wie ihr es wollt, so wie es zu euch passt. Ich freu mich viele von euch im nächsten Jahr wieder zu sehen, zu lesen und zu sprechen. Bis dann. Gott behüte euch!

Allein Trauer?

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„Ich bin in diesem Lande [Deutschland], in dem ich und meine Eltern geboren sind, überflüssig, und stelle fest, mit jeder erdenklichen Sicherheit: ‚Der Geist, der mir im Busen wohnt, er kann nach außen nichts bewegen“ – so Alfred Döblin im Jahr 1953 an den damaligen Bundespräsident Heuss.

Dieses Zitat und die Stimmung in der Döblin diese Worte schrieb sind die Folge der Tatsache, dass in Deutschland sich niemand für Döblin interessiert. Während seine Romane in den USA die Millionenmarke überschreiten liegen seine Bücher in Deutschland wie Backsteine in den Bücherlagern. Darüber hinaus musste er erleben, wie jene Autoren die in der Nazizeit geschrieben haben auch heute wieder an den wichtigen Hebeln der Zeit saßen. Für Döblin hatte sich nichts in Deutschland geändert und das stimmte – was die Literatur und Kunst betraf – allemal. Die alten Geister, die die erste Demokratie zerstörten und die Diktatur lobpreisten und unterstützten, waren noch immer da.

Das was damals in Deutschland geschah sehen wir nur aus den Erfolgsberichten der Geschichte. Das Gute haben wir behalten, die schlechten Erinnerungen sind verschwunden. Gerade auch für uns, die in dritter Generation geboren wurden. Aber wer sich die damalige Zeit dediziert anschaut wird lernen müssen, dass die Erkenntnis dass die Nationalsozialistische Epoche nichts ist, das wir abstreifen können sondern ein Teil von uns ist. Remarque überzieht das meiner Ansicht nach aber bringt es zumindest einmal auf den Punkt und spricht von: der „Ratte im Menschen, die man nie ersaufen kann“ (Arc de Triomphe).

Ganz kann ich nicht mit dieser Vorstellung von Remarque mitgehen, aber im Roman Arc de Triomphe zeigt sich dann auch noch der Moment der Hoffnung wenn es weiter heißt, dass falsche Ideologien und falsche Werte „die ansteckendste Krankheit[en sind], die es gibt„. Gegen Krankheit kann man kämpfen, Krankheit kann man eindämmen und im besten Falle auch heilen. Dass Remarque in diesem Bezug recht hat sehe ich heute wieder. Die damals bekannte Krankheit ist nicht ausgerottet und befällt Menschen immer wieder. Eventuell ist es daher gerade heute an jenem Tag an dem wir an drei einschneidende Ereignisse und Taten in der deutschen Geschichte gedenken wichtig, dies im Blick zu halten.

Erinnern – gerade an die bösen Momente in der Menschheitsgeschichte – dürfen kein starres Aufzählen und Festhalten sein. Wenn wir etwas aus der Geschichte lernen wollen, dann müssen wir die Barrieren die wir durch eine zu rein moralisierende Erinnerungskultur geschaffen haben überwinden und aus dem Entsetzen, bei der Betrachtung der Taten, zu einem Erkennen und einem Wollen gelangen, das uns radikal erfüllt in dem Ausruf: Nie wieder! Wir können die Taten der Geschichte nicht ungesühnt werden lassen, wir können nicht zeitlebens in Sack und Asche gehen, aber wir können das Leben und Sterben jener Opfer des Terrors und der Unmenschlichkeit dahingehend würdigen und ihnen dahingehend erinnern, indem wir Räume und Wirklichkeiten schaffen in denen eben gerade diese Unmenschlichkeit keine Heimat mehr findet.

Heute an diesem Tag geht es wieder darum, dass wir die Menschen die in Shoa und Terror ermordet wurden nicht ein zweites Mal sterben lassen in dem wir sie vergessen. Beten wir für uns, dass dies nie in uns geschieht. Dies können wir in dem wir uns eben auch an die Glücksmomente dieses Gedenktags erinnern, die ganz klar von der Sehnsucht nach Freiheit, nach Frieden und Menschenwürde sprechen.

Verantwortung zu mehr als nur Fragen

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Gestern war ich bei einer Veranstaltung bei der es um zentrale Themen der Zukunft ging. Es ging um den Themenkomplex „Mensch & Maschine“. Ganz im (leider nicht angesprochenen) Kontext von Sophia, dem ersten Roboter der eine Staatsbürgerschaft bekommen hat, stellten die Referenten ihr Thema vor. Einstieg war ein Film aus dem Internet (wie der Referent sagte), der jeder im www anschauen kann. Wirklich interessant.

Danach sollte ein Vortrag kommen. Ich war gespannt, denn ich finde diesen Themenkomplex entscheidend wichtig. Gerade die (meine mir nachfolgende) nächste Generation, die nicht nur wie die meinige die digitale Welt so einigermaßen nutzt, sondern geradezu in sie hineingeboren wurde, bracht Fragen & Antworten. Und ich finde nun mal, dass diese Generation Antworten der Theologie, des Glaubens braucht. 1979 hat Hans Jonas sein Buch „Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“ herausgebracht. Schlussendlich bot er mit diesem Buch eine Grundlage zur Diskussion und erste Gedanken zu Antworten auf Fragen, die damals noch fern, heute mehr als nahe sind. Gibt es dazu aber Antworten innerhalb der Theologie?

Der Vortrag (wenn man diesen als einen solchen benennen kann) kam also. Es war ein deklamieren von Fragen. Fragen, Fragen, Fragen … denn – so die Referenten am Schluss – sie wollten uns Fragen geben zum weiterdenken. Waaaaas???? Das nenne ich verschenkte Chance im besten Falle oder wenn ich ganz böse wäre, Feigheit vor der Verantwortung. Aber das mit den Fragen ist wohl usus in den christlichen Vorträgen. Immer und immer wieder, ob in akademischen Vorträgen, ob in Predigten oder an anderen Orten, weichen die Referenten, Prediger, Redner aus und stellen Fragen, zur „Förderung des Denkens“. Das mag ja in einem gewissen Kontext und an einem gewissen Punkt ganz gut sein, aber Fragen alleine reichen nicht. Es braucht Antworten. Es braucht Antworten die auch mal daneben gehen, aber es braucht Antworten, die zur Diskussion stehen können und müssen, damit wir zumindest erste Antworten finden auf das was kommt.

Lassen wir uns hier, bei diesem Thema, nicht schlussendlich schon wieder das Heft aus der Hand nehmen? Zu einem Thema, bei dem wir Christen was zu sagen haben? Oder haben wir schlussendlich nichts mehr zu sagen? Ist unser Glaube, unsere Botschaft so schal und leer geworden, dass wir der Gegenwart nichts mehr geben können? Sind wir so sehr in internen Grabenkämpfen und Stellvertreterdiskussionen verstrickt, dass wir nicht mehr über das existenzielle Diskutieren und dadurch nicht mehr sprach-fähig sind? Sind die vielen Fragen in den Vorträgen und Texten Ausdruck von Neugier oder doch schlussendlich nichts anderes als die Botschaft: Wir haben aufgegeben?