Lasst uns ziehen …

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Vorhin im Münster war das ein wunderbares Bild, wie die Menschen im Lichte der Abendsonne in dieses Münster eintreten. Sie treten ein in ein Haus, das als Symbol des himmlischen Jerusalems steht, sie treten mit den Heiligen, die draußen vor dem Tor stehen ein in das Gotteshaus, sie nähern sich gemeinschaftlich – egal wie viele Menschen gerade hineingehen – mit der ganzen Kirche dem Ort an dem die Realpräsenz Gottes erfahrbar ist, dem Gotteshaus mit dem Tabernakel. Das war schön sich das in diesem Moment zu verinnerlichen. Das ist gerade allgemein schön, mir das immer wieder zu sagen. Wenn ich tagsüber die Psalmen bete und es immer wieder heißt: lasst uns ziehen auf den Zion, zur Heimstatt Gottes auf Erden (Mischkan). Dann weiß ich, ja Jerusalem ist ein Zentralisationsort meines Gottes, aber ich muss nicht so weit ziehen, gleich „um die Ecke“ finde ich mein Zion, eine Stiftshütte, ein Tabernakel an dem ich mich sehr bewusst vor Gott niederwerfen kann und mein Opfer ihm vorlegen darf.

 

Allein Trauer?

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„Ich bin in diesem Lande [Deutschland], in dem ich und meine Eltern geboren sind, überflüssig, und stelle fest, mit jeder erdenklichen Sicherheit: ‚Der Geist, der mir im Busen wohnt, er kann nach außen nichts bewegen“ – so Alfred Döblin im Jahr 1953 an den damaligen Bundespräsident Heuss.

Dieses Zitat und die Stimmung in der Döblin diese Worte schrieb sind die Folge der Tatsache, dass in Deutschland sich niemand für Döblin interessiert. Während seine Romane in den USA die Millionenmarke überschreiten liegen seine Bücher in Deutschland wie Backsteine in den Bücherlagern. Darüber hinaus musste er erleben, wie jene Autoren die in der Nazizeit geschrieben haben auch heute wieder an den wichtigen Hebeln der Zeit saßen. Für Döblin hatte sich nichts in Deutschland geändert und das stimmte – was die Literatur und Kunst betraf – allemal. Die alten Geister, die die erste Demokratie zerstörten und die Diktatur lobpreisten und unterstützten, waren noch immer da.

Das was damals in Deutschland geschah sehen wir nur aus den Erfolgsberichten der Geschichte. Das Gute haben wir behalten, die schlechten Erinnerungen sind verschwunden. Gerade auch für uns, die in dritter Generation geboren wurden. Aber wer sich die damalige Zeit dediziert anschaut wird lernen müssen, dass die Erkenntnis dass die Nationalsozialistische Epoche nichts ist, das wir abstreifen können sondern ein Teil von uns ist. Remarque überzieht das meiner Ansicht nach aber bringt es zumindest einmal auf den Punkt und spricht von: der „Ratte im Menschen, die man nie ersaufen kann“ (Arc de Triomphe).

Ganz kann ich nicht mit dieser Vorstellung von Remarque mitgehen, aber im Roman Arc de Triomphe zeigt sich dann auch noch der Moment der Hoffnung wenn es weiter heißt, dass falsche Ideologien und falsche Werte „die ansteckendste Krankheit[en sind], die es gibt„. Gegen Krankheit kann man kämpfen, Krankheit kann man eindämmen und im besten Falle auch heilen. Dass Remarque in diesem Bezug recht hat sehe ich heute wieder. Die damals bekannte Krankheit ist nicht ausgerottet und befällt Menschen immer wieder. Eventuell ist es daher gerade heute an jenem Tag an dem wir an drei einschneidende Ereignisse und Taten in der deutschen Geschichte gedenken wichtig, dies im Blick zu halten.

Erinnern – gerade an die bösen Momente in der Menschheitsgeschichte – dürfen kein starres Aufzählen und Festhalten sein. Wenn wir etwas aus der Geschichte lernen wollen, dann müssen wir die Barrieren die wir durch eine zu rein moralisierende Erinnerungskultur geschaffen haben überwinden und aus dem Entsetzen, bei der Betrachtung der Taten, zu einem Erkennen und einem Wollen gelangen, das uns radikal erfüllt in dem Ausruf: Nie wieder! Wir können die Taten der Geschichte nicht ungesühnt werden lassen, wir können nicht zeitlebens in Sack und Asche gehen, aber wir können das Leben und Sterben jener Opfer des Terrors und der Unmenschlichkeit dahingehend würdigen und ihnen dahingehend erinnern, indem wir Räume und Wirklichkeiten schaffen in denen eben gerade diese Unmenschlichkeit keine Heimat mehr findet.

Heute an diesem Tag geht es wieder darum, dass wir die Menschen die in Shoa und Terror ermordet wurden nicht ein zweites Mal sterben lassen in dem wir sie vergessen. Beten wir für uns, dass dies nie in uns geschieht. Dies können wir in dem wir uns eben auch an die Glücksmomente dieses Gedenktags erinnern, die ganz klar von der Sehnsucht nach Freiheit, nach Frieden und Menschenwürde sprechen.

Verantwortung zu mehr als nur Fragen

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Gestern war ich bei einer Veranstaltung bei der es um zentrale Themen der Zukunft ging. Es ging um den Themenkomplex „Mensch & Maschine“. Ganz im (leider nicht angesprochenen) Kontext von Sophia, dem ersten Roboter der eine Staatsbürgerschaft bekommen hat, stellten die Referenten ihr Thema vor. Einstieg war ein Film aus dem Internet (wie der Referent sagte), der jeder im www anschauen kann. Wirklich interessant.

Danach sollte ein Vortrag kommen. Ich war gespannt, denn ich finde diesen Themenkomplex entscheidend wichtig. Gerade die (meine mir nachfolgende) nächste Generation, die nicht nur wie die meinige die digitale Welt so einigermaßen nutzt, sondern geradezu in sie hineingeboren wurde, bracht Fragen & Antworten. Und ich finde nun mal, dass diese Generation Antworten der Theologie, des Glaubens braucht. 1979 hat Hans Jonas sein Buch „Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“ herausgebracht. Schlussendlich bot er mit diesem Buch eine Grundlage zur Diskussion und erste Gedanken zu Antworten auf Fragen, die damals noch fern, heute mehr als nahe sind. Gibt es dazu aber Antworten innerhalb der Theologie?

Der Vortrag (wenn man diesen als einen solchen benennen kann) kam also. Es war ein deklamieren von Fragen. Fragen, Fragen, Fragen … denn – so die Referenten am Schluss – sie wollten uns Fragen geben zum weiterdenken. Waaaaas???? Das nenne ich verschenkte Chance im besten Falle oder wenn ich ganz böse wäre, Feigheit vor der Verantwortung. Aber das mit den Fragen ist wohl usus in den christlichen Vorträgen. Immer und immer wieder, ob in akademischen Vorträgen, ob in Predigten oder an anderen Orten, weichen die Referenten, Prediger, Redner aus und stellen Fragen, zur „Förderung des Denkens“. Das mag ja in einem gewissen Kontext und an einem gewissen Punkt ganz gut sein, aber Fragen alleine reichen nicht. Es braucht Antworten. Es braucht Antworten die auch mal daneben gehen, aber es braucht Antworten, die zur Diskussion stehen können und müssen, damit wir zumindest erste Antworten finden auf das was kommt.

Lassen wir uns hier, bei diesem Thema, nicht schlussendlich schon wieder das Heft aus der Hand nehmen? Zu einem Thema, bei dem wir Christen was zu sagen haben? Oder haben wir schlussendlich nichts mehr zu sagen? Ist unser Glaube, unsere Botschaft so schal und leer geworden, dass wir der Gegenwart nichts mehr geben können? Sind wir so sehr in internen Grabenkämpfen und Stellvertreterdiskussionen verstrickt, dass wir nicht mehr über das existenzielle Diskutieren und dadurch nicht mehr sprach-fähig sind? Sind die vielen Fragen in den Vorträgen und Texten Ausdruck von Neugier oder doch schlussendlich nichts anderes als die Botschaft: Wir haben aufgegeben?

Der Moralist – ein „literarischer“ Text

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Gerade habe ich ein bisschen Zeit um Texte fertig zu schreiben, oder sie voller Übermut einfach Online zu stellen. Es sind Momentaufnahmen, Gedanken die ausformuliert und ohne tiefere Zuordnung zu einem Ereignis, zu einer Person entstanden sind. Dieser text nun könnte einmal ein literarischer Text werden, eingebettet in einen Dialog, in eine Geschichte. Ich weiß es nicht.

Nein, ich höre in deiner Frage etwas anklingen, woran ich wirklich Anstoß nehme, denn ich glaube (ich hoffe, ich irre mich), den Hauch, den Atem eines Moralisten darin wahrzunehmen. Und in meinen Augen gibt es keine nutzlosere, verachtenswertere Kreatur als einen Moralisten. Du meinst es ist hart es so auszudrücken? Nein, ist es nicht. Vielmehr wäre es hart und unmenschlich dies so nicht zu sagen. Der Moralist (er mag auch weiblich sein) ist nutzlos, weil er all seine Energie damit vergeudet, Urteile zu fällen, statt sein Wissen zu mehren, und dies nur, weil Urteile leicht zu fällen sind, Wissen aber nur schwer zu erlangen ist. Und verachtenswert ist er, weil sein Urteil ein Selbstverständnis spiegelt, das er in seinem Stolz und seiner Ignoranz der ganzen Welt überstülpt. Du fühlst dich angegriffen? Ja? Das verstehe ich. Es ist ein altes Gefühl, das all jene kennen, die mit dir Umgang pflegen mussten. Die Jahr und Tag sich anhören mussten wie die Welt zu sein hat, wie wir als Mensch und auch ich im speziellen mich zu verhalten, zu denken, zu handeln habe.
Was mich am meisten an dir aufregt ist die Unehrlichkeit in die du deine festgemauerte Meinung und dein Moralgerede kleidest. Alle deine Forderungen finden sich in Fragen wieder. In Fragen die gar keine andere Antwort zulassen als jene, die du formuliert hast. Du stellst tote Fragen um noch totere Antworten zu bekommen. Damit tötest du jeden Moment eines Lebens, denn du zerstörst die Lebenskraft der Frage an sich.
Deine Fragen sind kleinlich, sie sind eng und damit schlussendlich dumm. Denn auch du bist schlussendlich dumm oder einfältig, denn du hast dich in deine Kokon eingewoben, der nur gehalten wird von überspitzten und auf Regeln und Gesetze reduzierte „Un-Ideale“. Aber Ideale sind nicht fest, sie sind nicht einengend, sondern gerade das Gegenteil. Ideale zeugen von der Weite des Denkens. Von der Weite des Weges und der Erkenntnis wo ich, wo du als Mensch in dieser Welt stehst.

 

Noch immer Bäume pflanzen …

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Aufgewachsen bin ich in einer elterlichen Welt der Widerstandsmusik. Puff the Magig dreagon kenne ich, Peter, Paul and Mary, Joaen Baez höre ich genauso wie John Denver und Santana … ich mag die Gedanken, ich finde die Zeit gut und der Widerstand gegen veraltete Strukturen. Ich mag es mir vorzustellen, dass Menschen für ihre Meinung auf die Straße gehen, friedlich demonstrieren und sich damit die Welt, die Politik verändert. Aber ich sage die Zweifel laut, ob diese Zeit und die damaligen Methoden eventuell vorbei sind. Andere fragen das nicht und das merkte ich, als ich auf einem Feld vor den Toren von Jerusalem eine Schaufel in die Hand gedrückt bekommen habe, um einen Baum gegen die bösen Israeli zu pflanzen – und ich habe nicht verstanden warum, warum … noch immer! Ich habe es getan, ich saß auch in einem Erdloch und habe mir die emotionalen Geschichten, die Lebensdramen angehört und es tut mir leid, mir blieb allein ein fahler Geschmack. Es tut mir wirklich leid, aber ich verstehe es nicht … was ich da dachte habe ich in mein Handy diktiert und vergessen. Hier die Gedanken:  

Wir leben wohl in einer Zeit die keine Antworten mehr hat, und keine echten Fragen. Oder noch trauriger, wir leben in einer Welt in der die Handlungen und das Tun von Gestern sind, wir drehen schlussendlich noch immer die gleichen Kreise, zu den gleichen Themen der letzten 50 Jahre.  Wir Pflanzen noch immer Bäume – und auch wieder auf illegalem Land –  reden von Brücken die wir bauen wollen und von frisch gebahnten Wegen, die wir ziehen wollen ohne miteinander zu reden. Wir tönen die alten Parolen, die alten Worte und die alten Modelle in die Welt hinein, wir akzeptieren die alte Propaganda die wir nicht mehr hinterfragen, die wir selber nicht mehr glauben.

Noch immer stehen wir in Israel und bejammern die Flüchtlinge, die zwischenzeitlich in der dritten Generation leben und dies in Flüchtlingslagern die eine bessere Infrastruktur haben als so manch eine russische Stadt. Wir akzeptieren, ja wir pflegen und lieben die alten Denkstrukturen ohne die Kruste aufzubrechen. Wir empören uns. Und dann treffen wir uns zu Friedensterminen, Konferenzen und anderen Begegnungen um schöne Bilder zu bekommen und feine Worte zu Papiere zu bekommen und immer noch reden wir nicht miteinander. Aber wir geben Stellungnahmen, Einschätzungen und Erwartungen ab. Wir sind Westler, wir verstehen die Welt, warum macht das nicht jeder so wie wir es wollen? Wer es nicht so will, wie wir es denken, der ist dumm.

Wer sich aber dann eines Tages gegen bäumepflanzen und friedenskettenbilden stellt, ist ein Mensch der den Wert nicht versteht, ein Nestbeschmutzer, einer der die Arbeit der Vorgänger nicht schätzt, denn er zerstört schlussendlich die heimelige Wohlfühlsituation, die gut gemauerte Lebensplanung, die so manch ein würdiger, verdienter und altgedienter Aktivist sich gebaut hat. Wer die Frage des „Warum“ stellt, an Menschen, die „etwas tun wollen“ stört, denn er zwingt zum Nachdenken, zwingt dazu aus den eigenen Sicherheiten heraus zu treten. Es ist so schön und einfach, heute im Jahr 2017, nach einem gepflanzten Baum die Hände, die man sich ja extra schmutzig gemacht hat, ganz kollegial mit den Landarbeitern an den Hosen abzustreifen und voller innerer Entspanntheit, ja auch mit einem wohl verdienten Maße an Wohlgefälligkeit zum biologisch angebauten Essen überzugehen und sich dann über jene aufzuregen, die gar nichts tun.

Wer solch einen Text schreibt, ja wer nur solche Worte denkt, ist ein Unmensch, einer der nicht versteht. Der hat es leicht, so entspannt hinter seinem PC während die wahren Menschen an Schlagbäumen stehen und Menschen zählen, während die guten Menschen hinter jedem möglichen Gewaltakt herrennen und stehst die jeweils genehme Seite ausblenden und die bösen Machenschaften der anderen auflisten. Der, der so schreibt ist der Nestbeschmutzer der Friedenswoller, ja schon fast ein Mörder, denn durch ihn wird weniger geholfen, wird weniger demonstriert und weniger auf das Unrecht der Welt gezeigt.

Aber was ist denn unrecht? Wer ist denn der oder die böse Seite? Wer hat denn angefangen? Noch immer eilen Menschen durch die Welt und teilen diese in Gut und Böse ein. Noch immer tragen die einen Schal und die anderen schaufeln Erde. Noch immer, noch immer … ja noch immer dreht sich die Welt und noch immer finden wir keine Veränderung in all den Problemen. Warum? Ich weiß es nicht. Nein, das stimmt nicht, ich will es nicht wissen, denn auch ich habe mich eingerichtet. Schweigen, nur hin und wieder mal ein bisschen ausbrechend um das Gewissen zu beruhigen, sitze ich auf meinem achtel Lorbeerblatt – und mache nichts. Eventuell sollte ich doch auch lieber Bäume pflanzen, denn es beruhigt das Gewissen, auch wenn ich weiß, dass Anderes mehr helfen würde – aber das bedeutet mein Leben zu ändern. Mein Leben, hier und jetzt, schmerzhaft, denn ich würde mit Menschen hier in Deutschland streit bekommen, wegen diesen Menschen da, weit weg von mir, die … ach das geht mich doch einfach auch nichts an. Die sollen ihre Probleme selber regeln. – Pfui Teufel, Björn, Pfui Teufel, … wer kann sich denn von uns noch im Spiegel anschauen, nach einer Baumpflanzaktion, nach einem Blick in die Tageszeitung …

Die deutsche Buchkultur in Rom

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Den nachfolgenden Artikel habe ich im Jahr 2016 auf einer anderen Internetseite geschrieben und nun überarbeitet und neu eingestellt. Ich denke es wird ein Artikel sein, den ich immer wieder umschreibe. – Das Thema ist spannend und noch nicht zu Ende (17.07.2017).

Vor über 170 Jahren wurde an der Piazza di Spagna eine deutsche Buchhandlungen eröffnet. Schon lange ist diese Geschlossen, aber mit Ihr entstand eine Tradition die in den Gedanken noch aktuell ist. Die Buchhandlung damals war eine positive Folge der Liebe zu Italien vieler deutscher Akademiker und Italienreisenden. Nicht nur Goethe und Winkelmann eroberten im 19. Jahrhundert mit ihren Bildungsreisen Italien. Auch für viele andere Menschen, ganz besonders auch für Pilger wurde die Möglichkeit größer in die ewige Stadt, zum Papst zu reisen. Dies veränderte die deutsche Gemeinde in Rom. Dies veränderte die deutsche Kultur. Drei Buchhandlungen sind prägend für diese deutsche römische Welt. Spitzhöfer, Herder und Brettschneider

Seit Gutenberg vor über 500 Jahren den Buchdruck mit beweglichen Lettern in Europa einführte, mussten der Buchhandel und das Verlagswesen viele Veränderungen ertragen und annehmen. Meist überlebten nur diejenigen Häuser die schmerzhaften Veränderungen vornahmen. Die waren zwar nicht immer leicht für die Beteiligten, aber in der Rückschau erlaubt sich der Geschichtsschreiber doch stets, das höhere Ziel dazu aufzuzeigen. Und das ist im Buchhandel, der Erhalt einer Verkaufsstelle, die Sicherung des Angebots, je nach Nachfrage. Und der Erhalt einer Kulturbotschaft Deutschlands in den Hauptstätten der Welt.

Deutsche Bücher in Rom

Es war ein schöner Maientag des Jahres 1925, an dem ein frischvermähltes Paar auf Hochzeitsreise aus Freiburg im Breisgau in Rom eintraf. Das Paar sollte über ein Jahr in der ewigen Stadt bleiben und dort eine kleine neu eröffnete Buchhandlung leiten. Im Rückblick war das ein großes Ereignis. Was aber oft genug vergessen wird, ist die Tatsache, dass es sich hier nicht um eine Neueröffnung handelte, sondern um eine Wiedereröffnung. Das Ereignis der Eröffnung, an dem sogar die Bettlerinnung den neuen Inhabern einen Blumenstrauß überbrachte, war also der Versuch des Erhalts eine Tradition, die schon im Jahre 1845 begann. 1845, die deutsche Italienverliebtheit war auf einem ersten Höhepunkt angelangt, sah der junge Buchhändler Josef Spithöver die Chance und ergriff sie. Er eröffnete in nächster Nähe zur späteren ersten herderschen Buchhandlung, an der Piazza di Spagna 55-56 (später 84-85) seine deutsche Buchhandlung. Als Buchhändler, Verleger, Kunsthändler und Musikalienhändler wurde Spithöver vermögend. Nachdem er 1862 das Gebiet des ehemaligen Gartens des Sallust mit der darauf vorhandenen Villa Barbarini kaufte, hatte er ausgesorgt ohne es zu wissen. Durch die Reicheinigung 1870/71 und die daraus heraus bedingte Veränderung der Stadt stiegen die Grundstückspreise und der italienische Staat verabschiedete ein Gesetz, das alle antiken Fundstücke demjenigen gehören sollten, dem der Grund und Boden gehört auf dem sie gefunden wurde. So wurde Spithöver auch noch ein Händler für Kunstwerke der Antike. Leider gab es keine direkten Nachfolger des Buchhändlers welche die Buchhandlung führten (eine Nichte zwar), sodass das Buchgeschäft oft seinen Inhaber wechselte. Indirekt übernahm dann im Jahre 1925 Hermann Herder sen. den Buchverkauf auf der Piazza di Spagna und trat in die Tradition ein.

Spithöver war aber im 19. Jahrhundert nicht der einzige deutsche Buchhändler, wohl aber der Platzhirsch. Nicht vergessen werden darf in diesem Bezug dann auch die Buchhandlung des deutschen Verlages Pustet aus Regensburg, die sich im Borgo befand (erste Hälfte 20 Jhdt.).

Die Tradition der Buchhandlung Bretschneider

Kennen Sie die deutsche Buchhandlung in Rom? „Ja, natürlich, Herder kennt jeder“, so konnte man einst allenthalben in der ewigen Stadt hören. Aber es gibt (bzw. gab) eben nicht nur Herder in Rom. Seit 1907 gibt es eine Buchhandlung in Rom, die nun schon in der dritten Generation geführt und seit 1928 seine Türen im Stadtviertel Prati offenhält. Die L’Erma di Brettschneider ist eine Fachbuchhandlung und ein Fachverlag für Altertumswissenschaften, Archäologie und Kunstgeschichte. Brettschneider ist ein Treffpunkt – aber eben nicht für den klassischen deutschen Romreisenden, sondern für die ganze Welt, die sich mit den hauseigenen Fachthemen beschäftigt. Weltweit bekannt in ihren Fachbereichen verlegt der Verlag, der von Max Bretschneider gekauft, seit 1894 (1896?) schon Bücher produziert und seit 1870 als Buchhandlung Löscher einen guten Namen hatte, in erster Linie italienische Fach-Werke.

Aber ein Besuch ist die Buchhandlung allemal wert, auch für jene, die sich nicht aktiv für die präferierten Themen interessieren. Der Geist des Humanismus atmet dieses Haus, was nicht nur an der Hermesstatue liegt, die den Besucher seit 1927 im Eingangsbereich begrüßt. Brettscheider ist ein Teil des alten Roms, das nur als so spezielle Nische noch lebensfähig ist und hoffentlich noch lange bleibt.

Der Papst und die Deutschen

Josef Spithöver, der ein katholischer Sohn seiner Zeit war, lebte die Besonderheiten der katholischen Welt des 19. Jahrhunderts aus. Noch lange vor Leo XIII. und seiner Enzyklika Rerum novarum ließ er sich von den Ideen Bischof Kettelers anstecken und erkannte die Wichtigkeit der täglich gelebten Caritas. Aktives Handeln für Menschen die Hilfe brauchen, war sein Antrieb, auch in seiner alten Heimat caritativ zu Wirken mit der Errichtung einer Stiftung. Aber wie auch seine anderen deutschen Mitstreiter des 19. Jahrhundert ging es ihm um den ganzen Menschen. Lebenssicherung ist wichtig, dazu gehört doch nicht nur das tägliche Brot sondern auch die geistliche Nahrung. Diese geistliche Nahrung verteilte er großzügig – in Buchform aber auch in der Organisation von Pilgerreisen und Audienzen beim Papst, denn durch seine Nähe zu Pius IX. konnte er vielen deutschen Pilgern eine Audienz vermitteln. Die Verantwortung für die Mitchristen zeigte sich auch in seiner spirituellen Heimat, der Erzbruderschaft am Campo Santo. Dort ist der Buchhändler auch begraben.

Spithöver war Zeit seines Lebens Buchhändler, Verleger, Kunstsammler und vieles mehr. Brettschneider oder Herder, damals Benjamin Herder, waren Buchhändler und Verleger. Auch Benjamin Herder, zweiter Verleger des Verlages Herder sah sein Tun als Unternehmer in einem christlichen Lichte. So war sein caritatives Wirken ausgerichtet auf die Ausbildung und Bildung junger Menschen und im verlegerischen Bereich auf die Verbreitung gut katholischer Schriften. Da lag es nahe, das damalige Verlagsprofil zu weiten und im Jahr 1846 die erste päpstliche Schrift zu verlegen. Im Verlag Herder begann der Rombezug eben auch mit Pius IX., mit dessen Pontifikat ja auch eine neue Nähe zwischen Rom und Deutschland begann.

Mit den Jahren wuchs die Zahl der Publikationen und auch das Interesse daran. Benjamin Herder und seine Nachfolger weilten immer mehr in der ewigen Stadt und sie bekamen auch die Veränderungen auf dem Buchmarkt der Stadt mit, sicherlich auch im Bereich der eigenen Absatzzahlungen, wenn man die These aufstellt, dass die Buchhandlung Spithöver auch herdersche Produkte verkaufte. Was schlussendlich der letzte Tropfen im Fass der Entscheidungen war, dass die Familie die Lücke der fehlenden Buchhandlung Spithöver ausfüllen wollte ist nicht Allgemeingut. Überliefert ist eben die Tatsache, dass im Jahr 1925 die Buchhandlung und dann im selben Jahr auch mit dem ersten Buch, einer Nachauflage und Überarbeitung eines Buches von de Waal, die Produktion der Editrice Herder Roma startete.

Der Start gelang trotz all der Wirren, welche die goldenen 20iger Jahre so mit sich brachten. Der Kundenkreis und auch der Autorenkreis wurde für das Haus Herder größer und Internationaler, denn Herder war damals ein Unternehmen, das in Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien, Mexico, Japan, England, und den USA Unternehmungen und Partner hatte. Globalisierung wird diese Situation erst in den späten 1990er Jahren genannt, aber die Situation gab es damals schon. Bei Herder war es damals somit möglich auf kurzem Wege Bücher aus allen Ecken der Welt zu bestellen und auch alle Ecken der Welt beliefern zu können.

Diese Zeit damals begründete auch den Ruhm des römischen Verlages. Herder Rom wuchs, auch trotz der durch die Nationalsozialisten eingeführten Devisengesetzte, die kurzzeitig dazu führten, dass der Betrieb 1936 eingestellt werden musste. Aber mit dem Jahr 1936 verbinden die Römer allein nur den Umzug der Buchhandlung an den Ort, der römische Geschichte schrieb, an die Piazza Montecitorio, direkt am Parlament. Hier gaben sich nun Politiker und Kuriale die Klinke in die Hand. Hier wurde sowohl der Staatssekretär Pacelli, wie auch – so sagt man – die königliche Familie bedient. Schwarzer und weißer Adel kam hier her und nach dem zweiten Weltkrieg auch so manch ein italienischer und bundesdeutscher Staatsmann. Herder hatte den Krieg trotz gefährlichen Situationen im Mutterhaus und trotz der Enteignungsphase deutscher Unternehmen und Immobilien gut überstanden und konnte nur wenige Monate nach Kriegsende den Betrieb wieder aufnehmen.

Die 50iger Jahre waren die Jahre des Aufstiegs, die Zeit des Konzils schuf Sicherheit, obwohl die Entscheidungen des Konzils nicht immer segensreich für den italienischen Herderverlag waren. Bisher war Herder weltweit bekannt für seine lateinischen Werke, aber nun? – Die Zeiten ändern sich nun mal. Aber der Verlag fand neue Produktionszweige und die Buchhandlung wuchs. Als Parlaments- und Universitätsbuchhandlung gab es viel zu tun. Fachbücher waren gefragt und die Antiquariats-Abteilung wuchs ebenfalls. Wenn es damals ein Buch nirgends mehr gab, so fand man es zumindest noch in der Libreria Herder. Die mit Kindheitserinnerungen verbrämten Geschichten berichten von großartigen Taten. Eines jedoch gilt als gesichert. Herder war eine deutsche Kulturbotschaft in den Jahren nach dem Krieg, eine Institution mit Schaufenstern „an denen sich junge Leser die Nase zerdrückten“ denn es gab hier all die schönen Sachen aus Deutschland. Bücher und ganz wichtig – den deutschen Adventskalender und viele andere schöne Advents- und Weihnachtssachen. Herder ist auch der Ort, an dem Generationen von Kindern ihre Schulbücher abholten. Diese Welt fand man auch noch in den Jahren des neuen Jahrtausends. Herder war ein Bollwerk gegen die Welt. Der Laden war die Bücherhöle, in die man eintauchen konnte und sich vergessen konnte. Aber das reichte nun einmal nicht mehr. Veränderte Situationen im römischen Verlag Herder, verändertes Kaufverhalten, Generationenwechsel, das Internet, Umsatzrückgänge bei den bis dahin sicheren Kunden, den Universitäten, aufgrund von radikalen Sparplänen und vieles mehr führte dazu, dass die Libreria Herder geschlossen wurde. Es ist verständlich, dass Schuldige gesucht werden. Aber hier mag schlussendlich der Satz angebracht sein: Es musste wohl so kommen, denn es brauchte ein Wandel, denn die Zeit für die alte Libreria war vorüber.

Deutsche Bücher im Ausland

Wenn der amtierende Papst Franziskus sich zu Wort meldet, dann blickt die ganze Welt auf die ewige Stadt. Mehrere Millionen an Pilger werden im Heiligen Jahr 2016 erwartet. Es ist ein wiederkehrendes Ereignis, das die deutschen Buchhandlungen in Rom schon öfters erlebt haben. Schon sehr oft, denn in Rom gab es nicht erst im 19 Jhdt. deutschsprachige Buchhandlungen, sondern eventuell auch ein traditionelles deutschsprachiges Druckgewerbe. Die (wahrscheinlich) erste Druckerei auf italienischem Boden wurde von einem Deutschen eröffnet. Zusammen mit dem Prager Drucker Arnold Pannartz eröffnete Konrad Schweinheim aus Frankfurt im Jahr 1467 diese damals hochmoderne und innovative Unternehmung. Das Druckgewerbe war und ist wohl somit auch eine deutsche Tradition in der ewigen Stadt und somit auch die Verbindung zwischen Druck und Verkündigung. Für die Drucker aber eben auch für die oben beschriebenen Buchhandlungen waren die heiligen Jahre erfolgreiche Veranstaltungen. All die Spithöver, Herders und Co. waren gerade im 19. und 20 Jhdt. eine beliebte Anlaufstelle für die passende Literatur und weitere Druckwerke.

Noch immer gibt es in Rom eine deutschsprachige Gemeinde. Und noch immer gibt es deutsche Buchhandlungen, leider nun eben nicht mehr so aktiv: L’Erma Brettschneider ist noch immer im Prati zu finden und direkt am Petersplatz gibt es eine kleine Verkaufsfläche des Verlages Herder. Leider gibt es dort nach zwei Versuchsjahren nur noch die Bücher des Verlages und keine ergänzende Literatur.

Buch als Kulturgut

Im Jahr 2015 gab es in Deutschland eine große Diskussion um die Bestimmungen zur Ausfuhr von deutschem Kulturgut. Eine Diskussion und ein Gesetz, das notwendig war. Doch was ist denn dieses Kulturgut? Wenn die Geschichte der deutschen Buchhandlungen im Ausland, am Beispiel Roms, oder Paris und an vielen andere Orte der Welt, in den Blick genommen wird, dann ist das eine Geschichte die für Deutschland wichtig und entscheidend war und ist. Es geht nämlich um die Ausfuhr von deutschem Kulturgut. Deutsche Literatur, das in deutscher Sprache gedruckte Wort der Wissenschaft, der Poesie und Prosa, ist ein entscheidendes Kulturgut, das ausgeführt werden muss, denn es zeigt ein Bild Deutschlands in der Welt, das keine deutsche Diplomatie und Politik leisten kann. Das war in früheren Zeiten so, das ist noch heute so. Somit überrascht es noch immer, dass es für die deutschen Buchhandlungen im Ausland keine finanziellen Unterstützungen gibt. Reden wir doch mal über dieses Kulturgut und den Schutz darum, bzw. eher die Förderung dafür.

Sowohl in Rom wie auch in Paris gab es wieder den Versuch eine Buchhandlung zu etablieren. Beides – so traurig es ist – scheiterte. Woran? Am Geld, klar, das ist die einfachste Aussage. Ich denke, dass es scheiterte und weiterhin scheitern wird, weil der Bezug zum Thema Kultur sich gewandelt hat. Das Buch ist ein Gebrauchsgegenstand und hat den Habitus des Besonderen verloren. Das ist grundsätzlich O.K., denn jeder sollte Bücher lesen, nicht nur Wissenschaftler und Menschen mit einem großen Geldbeutel, wenn damit nicht die Tatsache einhergehen würde, dass auch von anderen Seiten her das Verhältnis zum Buch sich verändern würde. Zum Buch und zu der Form wie ein Buch und damit Wissen erworben wird, bzw. wie der eigene Horizont geweitet wird. Das ist eine Erfahrung die ebenfalls nicht neu ist und auch nicht in eine Kulturkritik abflachen soll. Vielmehr bietet diese Situation die Möglichkeit ganz neu und ganz offen darauf zu reagieren. Wenn wir heute in Deutschland über Werte und Normen sprechen, über die Frage, was denn ein „Deutscher“ kenne und können muss und was dieser „Deutsche“ dann von Zuwanderern erwarten darf, dann ist es der Moment in der Gesellschaft, Institutionen, kulturelle Einrichtungen, Autoren etc. mit ihrer Persönlichkeit, mit ihrem persönlichen Denken und Erfahren Vorbild sein können und zeigen können, was deutsche Kultur ist.

Kulturvermittlung braucht primär kein Gesetz oder staatliche Initiative. Es braucht Lust und Freude der Menschen aus allen Gruppen und Ebenen der Gesellschaft. Und es braucht die Bereitschaft damit auch ehrlich umzugehen, mit allen Konsequenzen. Das ist eine Diskussion für die Heimat, die dann auch Einfluss nehmen sollte auf unser Leben in Deutschland und überall. Im 20. Jahrhundert wurde Deutschland von einer Kulturnation, zur Täternation hin zur Friedensnation. Wie wäre es denn, wenn wir als Friedensnation jetzt auch wieder zur Kulturnation werden würden, die Möglichkeiten sind da …

Schwanengesang

In Rom ist also was deutschsprachige Buchhandlungen angeht nicht mehr viel los. In Barcelona findet sich eine privat geführte Buchhandlung und auf Mallorca eine. In Kappstadt gibt es die Buchhandlung Naumann, in Athen, Tel Aviv, und selbst ganz nach den Worten Papst Franziskus „am anderen Ende der Welt“ findet sich deutschsprachige Buchhandlung(en). In Lateinamerika sind deutsche Bücher zu erstehen. Aber all das nur, weil Unternehmen, einzelne Persönlichkeiten sich auf dieses Risiko einlassen. Mögen sie zumindest von den deutschsprachigen Institutionen und den deutschsprachigen Einwohnern dort unterstützt werden. Aber solange der Staat nicht hilft könnte man auch den Grundsatz der Subsidiarität bemühen: Bei den Zahlen von Deutschen in Rom und Paris würde es schon reichen, wenn jeder deutschsprachige Bewohner dieser Städte, pro Jahr, zwei Bücher in den deutschen Buchhandlungen kaufen würde. Also Auslandsdeutsche übernehmt Verantwortung für eure Buchhandlungen auf dieser Welt – kauft die Bücher dort.

Bis dahin bleibt uns nichts anderes übrig als die Bücher in Deutschland zu kaufen und den traurigen wenigen Regalmetern in den verschiedenen Ländern vorbei zu schleichen.

Ein trauriger Tag und keiner schämt sich

Buchbild

Es ist mehr als unverständlich. Es ist zutiefst traurig. In Paris schließt die deutschsprachige Buchhandlung ihre Türen – für immer. Nachdem vor zwei Jahren die beiden deutschsprachigen Buchhandlungen ihr Aus erklärten, wagte es Frau Mönch-Hahn eine neue kleine Buchhandlung zu eröffnen. Zwei Jahre war sie jetzt tätig. Und wahrlich nicht untätig. Werbung in allen Formen, Lesungen und Veranstaltungen und eine große Präsenz zeichnete sie aus. Das dankten ihr nicht zuletzt die französischen Kunden.

Im November 2016 rief Frau Mönch-Hahn über einen Beitrag im Blatt des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels die deutschsprachigen Institutionen auf, ihr zur Seite zu stehen. Ich denke, dass dies nicht die erste Bitte dieser Art war. Persönliche Kontakte sind da sicher vorausgegangen. Diese Bitte an die deutschsprachigen Institutionen kenne ich sehr gut, habe ich doch auch selber diese Bitte immer und immer wieder in Rom formuliert. Ich kann also Frau Mönch-Hahn verstehen, denn diese Institutionen müssten nichts anderes tun, als nur ihre Bücher bei der jeweiligen deutschen Buchhandlung im Ausland zu bestellen.

Und jetzt wird geschlossen! Seit dem 14. Juli ist nun auch diese Kulturbotschaft im Ausland geschlossen. Frau Mönch-Hahn musste die Segel streichen und dieses wunderbare Projekt beenden.

Was mich daran so ärgert, was mich so aufregt, ist die Tatsache, dass wir hier in Deutschland immer so tun, als ob wir uns mit unseren Werten beschäftigten, mit unserer Kultur, mit unserer Tradition. Das ist – gerade auch, wenn wir einmal die Kulturpolitik im Ausland betrachten – mehr als peinlich, was Deutschland da liefert. Und die große Ausrede, dass wir ja unsere Goetheinstitute haben, die reicht nicht. Die bestellen nämlich lieber bei Amazon als beim deutschsprachigen Buchhändler vor Ort.

In den europäischen Großstädten haben wir mindestens drei deutschsprachige Botschaften, wir haben von den deutschsprachigen Ländern (Landesteilen) Deutschland, Österreich und Schweiz jeweils eine überraschend große Zahl von Instituten, wir haben Deutsche und Schweizer Schulen im Ausland – aber wir haben keine Bereitschaft dieser Einrichtungen – oder nur nach großen Kämpfen und mit großen Zugeständnissen oder Schwierigkeiten – die deutschen Buchhandlungen durch den Einkauf von Büchern zu unterstützen. Dass dies so ist, liegt wohl auch an den Gewohnheiten in Deutschland selber, denn auch dort erlebe ich immer wieder, dass staatlich geförderte Einrichtungen lieber bei Amazon bestellen, als den örtlichen Handel zu unterstützen – es muss Geld gespart werden, das ist meist die Begründung. Aber im Ausland zieht diese Argumentation nicht.

Förderprogramme für die deutschsprachigen Buchhandlungen gibt es nicht. Da sind uns die Engländer, Franzosen und Spanier weit voraus. Staatliche Preise und Ausschreibungen schließen deutschsprachige Buchhandlungen im Ausland aus. Subventionen etc. auch. All dies ist auch nicht die erste Forderung die die Deutschen Buchhändler an den Deutschen Staat haben/hatten. Auch die Deutsche Buchhandlung in Paris forderte dies nicht als Erstes. Die erste Bitte, die stehts ausgesprochen wird und die aktiv auch schnell helfen kann ist: Deutschsprachige Institutionen kauft bitte bei Deutschsprachigen Buchhandlungen. Das kostet nicht mehr Geld, das ist sogar – je nach Institut günstiger als die bisherigen Wege – denn einige der Institute dürfen ihre Bücher allein in Deutschland kaufen. Diese werden dann für viel Geld über Kurierdienste, zum Beispiel von München aus, verschickt. Der Blick in die deutsche und deutschsprachige Kulturarbeit eröffnet hier einen ersten Eindruck wie engdenkend diese Einrichtungen oft arbeiten.

Mit der Buchhandlung in Paris schließt eine weitere literarische Anlaufstelle. Die Botschafterin Schavan hat einmal, im Bezuge auf deutschsprachige Buchhandlungen im Ausland, von Kulturbotschaften gesprochen. Diese Zentren der deutschen Sprache und Literatur vertreten nicht nur Deutschland, sie vertreten den deutschen Sprachraum und die deutschsprachige Literatur. Es sind Orte, an denen Menschen, die die deutsche Sprache kennen oder kennenlernen wollen, erste Kontakte dazu finden. Hier, in Persona der Buchhändler und Buchhändlerinnen, werden und wurden Generationen von Menschen an die deutschsprachige Kultur und Denkweise herangeführt. Das ist dort, woe es dies nicht gibt, noch heute so. Das kann kein Internet, das kann kein YouTube-Video ersetzten. Das kann auch keine millionenteure Präsenz auf der Bienale in Venedig oder auf einer Weltausstellung und ganz oft auch nicht das Goetheinstitut vor Ort, das seinen Hauptauftrag im Film-Abend der Woche entdeckt hat.

Die Frankfurter Buchmesse präsentiert sich in vielen Ländern der Erde auf den Buchmessen. Dazu kommen sehr viele Politiker. Gerne – wie zuletzt auch in Polen – lassen sich Mitglieder der Bundesregierung oder in diesem Falle der Bundespräsident dort blicken. Dort werden die großen Reden gehalten über das Kulturgut Buch. Vor Ort aber, im Alltag, verschwindet dieses Kulturgut und das zuallererst in den Regalen der ausländischen Intelligenzija, denn die Hotspots der Literatur, wo erste Kontakte geknüpft wurden sind verschwunden. Studierende des 19. und 20 Jhdt. haben ihre Sprachkurse in den Großstädten der europäischen Nationen ergänzt und vertieft in den Buchhandlungen von Paris, Rom, Warschau, Barcelona, Athen … – diese Orte für die deutschsprachige Welt gibt es nicht mehr. Mit diesen Orten sterben die sprachlichen Kontakte. Mit diesen Orten sterben jene Orte, die auch entscheidend dafür da waren, damit aus nationalen Gedanken europäische Denkprozesse wurden. Wer die deutsche Sprache fördern will, der muss sich darüber bewusst sein, dass dies entscheidend davon abhängt, wo das geschehen kann. Das Buch ist Träger der Verständigung, das ändert sich auch nicht am Format, es ändert sich allein dann, wenn die Vermittlung zum Buch hin verschwindet.

Ich schmecke die Stadt …

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Es ist Wahnsinn wie sehr diese Stadt mich gefangen hält. Vor einigen Tagen habe ich das obige Bild auf meinen Desktop gesetzt. Spontan, ohne lange nachzudenken, allein mit dem Wunsch, nach einem neuen Bild.

Gerade habe ich aber einen Text fertig gemacht und das Programm geschlossen und da war das Bild. Spontan. Plötzlich, Ganz und gar und ich spürte den Geschmack des römischen Morgen, ich spürte die Wärme und die Kühle des morgendlichen Windes. Ich höre die wunderbare Stille und hatte einen vollen Korb an Gefühlen, Eindrücken und Gedanken.

Das Bild habe ich an einem Morgen im August gemacht. Es war jener Tag an dem ich zum ersten Mal im Petersdom ministrieren durfte. Kurz vor sieben war es und bevor ich mit meiner Ministrantenkleidung in die Sakristei verschwinden wollte, musste ich einfach noch ein schnelles Bild vom Petersplatz machen.

Erinnerungen! Momente der Schönheit, verbunden mit dem Alltag – ich bin so dankbar, dass ich dies in dieser Stadt erleben durfte. Es hat aber einfach gepasst. Es war, wie wenn die Stadt auf mich und ich auf sie gewartet hätte. Und jetzt, nach der Zeit dort und nachdem ich nun bald schon zehn Monate wieder in Deutschland lebe wächst die Sehnsucht nach ihr, der großen Dame und noch mehr nach den Momenten mit den Menschen denen ich dort begegnen durfte. An die Menschen, an die Gespräche, an die Plätze und die wunderbaren Augenblicken mit „Gott und der Welt“ in dieser Stadt. Hach, Sehnsucht … und doch ist es gut. Das Ziel ist schön und klar, der Weg gehört dazu, die Stadt wird mich immer wieder empfangen.