Israel 2017 Elfter Tag

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Heute konnte ich echt nicht gut schlafen. Die letzten Nächte hatte ich schon dumme Träume und das hat sich dann wiederholt heute Nacht und ich bin früh, sehr früh aufgewacht. So früh, dass ich den Popen der mit einer Reisegruppe im Haus ist, um 4:50 seinen Morgenlob hab singen hören. Er wohnte glaube ich einen Stock über uns. So lag ich dann noch recht lange dumm rum bevor ich mich aufgerafft habe um aufzustehen, viel zu früh allerdings.
Das Frühstück war zum Glück früher angerichtet, da die russische Gruppe abreisen wollte. So konnte ich dann – nach einigen Versuchen – bei einem einigermaßen trinkbaren Kaffee ein bisschen Zeitung lesen, bis die anderen Freiburger dazukamen.

Um 8:00 Uhr ging es schließlich los. Erste Station waren die Hirtenfelder. Das ist ein Feld im nächsten Ort nach Bethlehem und erinnert an jenes Feld auf dem die Hirten in jener Nacht gelagert hatten, als Christus geboren wurde. Hier, so die Legende, soll den Hirten die Botschaft verkündet worden sein. Reichlich Leben ist an diesem Ort und auch so manch ein Weihnachtslied klingt über die heutige Parkanlage, in der sich mehrere Grotten befinden, die zu Kapellen umgewandelt wurden. In der Mitte findet sich auch eine Kirche, die wie viele andere Kirchen im Heiligen Land erst im 20. Jahrhundert von einem italienischen Architekten erbaut wurde.

Der Ort hat für mich leider keine tiefere Ausstrahlung. Es ist eine angenehme Parkanlage in der es sich gut beten lässt, aber auch hier spüre ich wieder einmal nichts nach. Eventuell ist es wirklich so; eventuell braucht es seine Zeit bis meine Seele bei all dieser Reise mir nachgekommen ist und ich die Ruhe finde sie zu weiten und hinzuwenden zu Gott.

Nach den Hirtenfelder ging es in Richtung Wüste, bzw. Totem Meer. Wir besuchten ein weiteres Orthodoxes Kloster, in dem unter anderem der Heilige Saba beerdigt ist. Auf der Fahrt dahin durften wir uns wieder einige Aussagen zu den bösen Israelis anhören. Wer diesem Guide absolut unreflektiert zuhört und sich nicht selber mit der Situation und der Doppelbödigkeit beschäftigt, wird am Ende der Zeit mit diesem Mann klar die These aufstellen: Die Bösen sind die Israeli und die einzigen Guten sind die Palestinenser. Der Mann, der selber christlicher Palestinenser ist, stellt sich und sein Volk in eine Opferrolle hinein, aus der sie nicht herauskönnen – aus meiner Sicht auch all zu oft nicht herauswollen. Vieles was die aktuelle Regierung in Israel gerade macht ist zweifelhaft und muss kritisch hinterfragt werden. Die Rolle des Militärs hier ist ein kritisches Thema, aber es gibt eben nicht nur eine Seite.

Das Kloster war sehr gut restauriert. Wie viele dieser Klöster ist auch dieses hier weihrauchgeschwängert und strahlt eine Spiritualität aus, die uns Westlern oft fremd ist. Ich erlebe diese Klöster oft wie eine schützende Höhle in die man eindringt und von der man umfasst wird. Im Halbdunkeln leuchten kleine Wegweiser zu Gott, dei es zu entdecken und aufzunehmen gilt.

Nächste Station war Bethlehem, die Kirche La Grotta di Santa Maria del Latte. Hier, so der Legende nach, lagerten Maria und Josef mit dem Kinde vor der Flucht nach Ägypten. Maria ließ an diesem Ort einen Tropfen ihrer Milch auf einen Stein fallen. So ist dieser Stein wundertätig geworden. seit vielen Jahrhunderten beten hier die Frauen um Nachkommenschaft. Viele Briefe und Botschaften berichten davon, dass die Gebete auch Wirkung zeigten. Wie ich ja schon an anderer Stelle geschrieben habe, bin ich nicht ganz so der, der sich auf diese Reliquienfrömmigkeit ausrichtet, aber wenn ich sehe, wie Menschen hier in voller Inbrunst die Hoffnung, die Sehnsucht vor Gott bringen in dem sie die Gottesmutter um Hilfe um Fürbitte ansprechen – da merke ich dann doch, dass auch die Volksfrömmigkeit, der schlichte und klare Glaube mich anspricht. Es gibt mehr als nur die Ratio und meine pragmatische Form des Gebetes. Es gibt viel mehr und das gilt es immer wieder zu bedenken.

Die Geburtskirche war für mich enttäuschend. Während ich am Abend davor noch wirklich gespürt habe: Hier bin ich richtig, war die Nähe zum Ort und zum Geschehen am heutigen Tag weg. Das hatte viele Gründe. Einer ist oder war dieser Trubel, diese nicht ansprechende und mitnehmende Form der Mittagsliturgie. Wenn ich da an Nazareth denke, also an die Mittagsliturgie die wirklich minimal und schlicht ist – dann muss ich traurig den Kopf schütteln. Ein Teil für diese Frustration hatte auch wieder andere Gründe – auch die hatte ich schon genannt.

Ein schöner und tiefer Moment war der Besuch im Kinderkrankenhaus von Bethlehem. Als Freiburger Katholik ist mir diese Einrichtung seit vielen Jahren bekannt. Einen Einblick in die Einzigartigkeit und Besonderheit dieser Einrichtung habe ich erst jetzt so richtig bekommen. Dank einer schönen Fügung hat uns die Chefärztin durch das Krankenhaus geführt und war danach noch für Fragen und Diskussion da. Sie hat sich viel Zeit genommen und uns einen wertvollen Einblick in die Arbeit und die Wertigkeit dieser Einrichtung gegeben. Eine caritative Einrichtung der christlichen Kirchen in dieser Form, die wirklich in einer gewissen Radikalität die Botschaft Christ im Alltag lebt, die ist wertvoll und ein entscheidender Faktor in der Verkündigung des Evangeliums. Wenn das Heilige Land das fünfte Evangelium ist, dann ist das Kinderkrankenhaus von Bethlehem mindestens ein Kapitel des Evangeliums. Auch wenn es Land auf und Land ab im Bistum schon Sammlungen gibt, da ist es entscheidend wichtig, dass wir das weiter machen. Die Zukunft des heiligen Landes liegt in einem großen Maße in jenen kleinen Betten und Intensivstationen die wir im Krankenhaus gesehen haben.

Im Anschluss an das Gespräch im Krankenhaus feierten wir die Tagesliturgie. Es ist schon ein Geschenk, dass wir das täglich können und Dana noch noch stehts mit einem guten, ansprechenden und passenden Impuls unseres Rektors. An ihm hat Gott wirklich ein guter Arbeiter im Weinberg des Herrn. Danach gab es dann nochmal ein Israelbasching bei der Besichtigung der Mauer. Ohne Reflexion wurde Israel wieder als der Bösewicht dargestellt und Palestina als die einzigen Leidtragenden. An der Mauer sind einzelne „Schicksalsgeschichten“ und Heldenerinnerungen angebracht – traurig dies alles. Ich bete für die Menschen die sterben mussten und für ihre Familien. Wo und wer erinnert an die vielen Israeli und Soldaten des Staates, die aufgrund des Terrors und der Intifada sterben mussten? Die Welt schiebt die Palestinenser in die Opferrolle und diese lassen sich gerne in dieser Rolle bemitleiden. Auf beiden Seiten ist schlimmes geschehen, auf beiden Seiten gibt es die Bösen – aber es gibt keine Zukunft wenn die beiden Seiten dabei bleiben.

Den Tag beendeten wir mit einem Besuch im Priesterseminar des lateinischen Patriarchats im Heiligen Land. Wir beteten den Rosenkranz gemeinsam – in arabisch und englisch – wobei ich im Arabischen immer nur die Namen von Jesus und Maria verstanden habe ;-). Danach waren wir zum Abendessen eingeladen, was für beide Seiten interessant war, denke ich. Einmal die Gespräche, die Erkenntnis, wir sind nicht allein mit unseren Sorgen, Gedanken und Problemen und zweitens hatten – so wurde uns erzählt – die Seminarkollegen dank unseres Besuches ein größeres Abendessen und Wein zum Essen, was bei ihnen nur an Festtagen der Fall ist. Ich persönlich fand es interessant, dass wir uns auch mit Spätberufenen unterhalten haben. „Mein“ Gesprächspartner kam aus Jordanien und war auch zuvor beruflich aktiv, bei einer großen deutschen Fluggesellschaft und es war, so denke ich für uns beide sehr angenehm zu erkennen, dass wir wirklich die gleichen Sorgen und Ängste und auch Schwierigkeiten haben. Witzig war, dass wir den gleichen Satz verwendet haben um unsere „Probleme“ zu benennen – welcher das ist, das erzähl ich auf persönliche Anfrage hin 😉

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