Israel 2017 Zwölfter Tag


Lasst uns ziehen nach Jerusalem!

Wie sehr ich mich auf diese so einzigartige Stadt gefreut habe, habe ich ja schon geschrieben. Nun bin ich also hier. Dort wo Abraham seinen Sohn opfern wollte, dort wo David sein Reich einte, dort wo Salomon den Tempel baute, wo Jesus lehrte, gekreuzigt wurde und auferstanden ist, dort wo Mohammed mit seinem Pferd in den Himmel geritten ist. Dort wo Himmel und Erde irgendwie näher beieinander sind, wo das Heilige keine Abstraktion sondern ein Teil der Wirklichkeit ist … ich könnte noch weitermachen mit diesen Superlativen.

Den Weg hinauf nach Jerusalem fuhren wir über Hebron und über einen Weinberg, der das Projekt „Zelt der Völker“ initiiert hat und aktuell in einigen Rechtsstreitigkeiten steckt, da ihn das Militär und!oder die Siedler weghaben wollen.

In Hebron gingen wir durch jene Straßen die zum Zankapfel zwischen Palestinänser und Israeli wurden, da sich hier Siedler angesiedelt haben. Die Siedler und die Zweiteilung der Patriarchengräber sind jene Punkte die so eingefahren sind, dass eine Einigung nicht als machbar erscheint. All die Gitter, all die laxen und doch vorhandenen Sicherheitskontrollen zeugen davon, dass hier nicht mehr miteinander gesprochen wird.

Allgemein zum Thema Sicherheitsvorkehrungen: Ich kam in dieses Land mit der Information, dass die ganzen Checkpoints schwer kontrollierte Bereiche sind in denen intensiv die Bevölkerung schikaniert wird. Davon habe ich bisher noch nichts erlebt – bis auf einmal: da wurde ein jüdischer Junge mit seinem Roller weggeschickt, da er nicht durch die Kontrolle (Detektor) wollte.

Auf dem Weg nach Hebron, das muss ich eingestehen, konnte ich meinen Mund nicht halten. Das war nicht gut. Der Guide hat wieder einmal die Opferrolle der Palestinenser herausgeholt. Diesmal zum Thema „Flüchtlinge“. Hier in Palestina gelten nicht nur jene Menschen als Flüchtlinge, die 1948 vertrieben wurden – was grundsätzlich einmal nicht gut ist – sondern auch die heutige dritte Generation. Das Flüchtlingslager in Bethlehem ist somit eine ganz „normale“ Siedlung, wie viele andere, nur dass die Einwohner – obwohl sie hier geboren sind – sich als Flüchtlinge sehen und somit Flüchtlingshilfe bekommen. Der Zustand ist nicht O.K. in diesem Land, aber es ist für mich als Deutscher dann doch auch einmal irgendwie komisch, das zu hören. Mein Opa ist aus Pommern. Er ist ein Vertriebener, kein Flüchtling. Wenn ich einmal das in einem Vergleich setzte, dann bin ich jene dritte Generation ähnlich, die heute in den „Flüchtlingslagern“ in Bethlehem leben. Unrecht ist etwas schlimmes, Unrecht darf nicht geschehen, aber Unrecht endet nicht, wenn man daran festhält sondern, wenn man aufsteht und sich vom Unrecht nicht unterjochen lässt.

Trotz der komischen Stimmung in Hebron hat mich der Besuch bei den Patriarchen doch berührt. Immer wieder dieses Erkennen, dass man im Glaube nicht alleine ist, dass es da eine Verbindung gibt, die in der Gegenwart wirkt aber auch Linien in die Vergangenheit und in die Zukunft bestehen. Die Entscheidung der Erzväter und Mütter an die wir hier in Hebron denken, prägen uns noch heute. Das ist Anforderung, aber auch Entspannung, Rückhalt und Freude.

Nach dem Ankommen in Jerusalem machten wir uns durch das Damaskustor auf in die Altstadt zu unserer Unterkunft, die ein bisschen Gewöhnungsbedürftig ist, da es sich um einen Gemeinschaftsschlafsaal für zehn Personen handelt. Es ist ein bisschen urig, rustikal oder so … Naja, auch das gehört wohl dazu.

Den Abend habe ich mir mit einem privaten Termin blockiert. Als klar war, was wir wann und wo alles machen in der Zeit der Bibelreise habe ich mir einfach Kontakte gesucht von Menschen, die in Israel leben. Einer davon, eine Islamwissenschaftlerin habe ich im Internet gefunden und sie bzw. ihre Institution angeschrieben. An diesem Abend hatte sie einen Vortrag in einem Hotel vor einer anderen Reisegruppe zu dem sie mich über den Mailkontakt eingeladen hatte. Es war ein sehr informativer Abend mit der Folge, dass wir uns am kommenden Sonntag nochmal treffen. Es ist einfach gut und schön neue Menschen, neue Gedanken und Ideen neue Lebens-wahrnehmungen zu hören, kennenzulernen und zu verarbeiten. „Stolz“ bin ich (;-)) dass ich gaaanz alleine es geschafft habe Fahrkarten für die Tram zu lösen und auch an das Hotel zu kommen. Den Rückweg unternahmen wir dann am Anfang in tiefen Gespräch in einer Gruppe. Danach spazierte ich noch völlig entspannt und mit vielen neuen Gedanken durch die Weststadt und auf das Damaskustor zu. Es war schön sich so ein Stück von Jerusalem zu „erobern“.

Ich denke, dass der Abend mir gezeigt hat, dass eine Eigenschaft die ich habe sehr gut sein kann – auch für mein späteres wirken: Kontakte zu knüpfen, Fragen zu stellen und in Gespräche zu kommen … Der Dialog mit Menschen, das Gespräch über das Leben, den Glauben und dessen Auswirkungen auf das Leben den kann ich führen, so denke ich, und ich danke Gott, dass ich da ein Händchen dafür habe. er hat mich mit so vielen Gaben beschenkt und ich hoffe, dass ich viele davon auch ausleben kann und ihm damit Lob und Dank aussprechen kann.

Jerusalem endlich sehe ich dein Licht

 

Was kann man über diese Stadt schreiben? Endlich sind wir hier. Wie keine andere Stadt zieht sie an und stößt aber auch ab.

Zwischen hochmoderner Tram und Eselsfuhrwerk, zwischen Altstadt und Hochhäusern, zwischen Tränen und Freude, zwischen unerlässlicher Schönheit und abgrundtiefer Hässlichkeit der Fratze  – ja zwischen Heiligkeit und Fluch schwebt diese Stadt, nie fähig „eine normale“ Stadt zu sein. Stehts extrem, stehts einmalig, stehts die Einzige! Jerusalem du Sinnbild der Sehnsucht, dich liebe ich.

Es ist wahrhaftig so. Das Licht verschlingt einen, die Heiligkeit zieht einen an und lässt dich erschauern. Wer bin ich, kleiner Mensch, dass du Gott an ihn denkst – das ist erlebbar hier an dieser Ort. Wir sind nun hier, wir werden eine Woche hier bleiben, die Stadt einatmen, das Licht einsaugen, Glocken und Muezzin eindringen lassen in unsere Ohrwindungen um zu rufen „Herr, wo bist du und wann sind wir Menschenkinder stark genug deinen Frieden zu leben!“. Jerusalem du Bild der Hoffnung, dich liebe ich!

Schon Kilometer vor der Stadt drang das Lied in mein Ohr, zwang sich auf meine Lippen, das wie kein anderes die Sehnsucht und das Unglück dieser Stadt in der Neuzeit besingt und dessen Worte ich mir gerne zu Eigen mache:

„Aber als ich heute kam, um für Dich zu singen,
und Dir Kronen zu binden,
da bin ich doch das geringste all Deiner Kinder, der letzte dem es zustünde, Dich zu besingen.

Brennt doch Dein Name auf den Lippen, wie ein Kuss der Serafim:
Wenn ich Dein vergäße – Jeruschalajim, Du ganz und gar Goldene.

Jerusalem aus Gold
und aus Kupfer und aus Licht,
lass mich doch, für all deine Lieder, die Geige sein.“

(3. Strophe von Jiruschaajim schel Sahaw aus der Feder von Nomi Schemer)