Israel 2017 Neunzehnter Tag

Neunzehnter Tag, Sonntag, Ruhetag – für uns Christen. Nicht für die Stadt Jerusalem. Da stand gestern, am Samstag vieles still. Für uns als Bibelreisende war heute aber wirklich ein Ruhetag. Die Tagesgestaltung lag ganz und gar in unseren Händen und so konnten wir nochmal ganz entspannt das machen, was uns zusagte.

In der Lesehore hatte die Leseordnung einen Text aus dem Buch Dtn vorgesehen. Dieser fing an mit dem S’hma Israel, dem Höre Israel. Es ist das zentrale Bekenntnis des gläubigen Juden zum Monotheismus, zum einen Gott. Es ist das Bekenntnis, eingebettet in die Geschichte, denn die Erfahrung mit Gott ist eine Erfahrung konkrete Menschen aus der Geschichte. Das was Menschen mit Gott erlebt haben wird hier in Worte gefasst. Dieses „Glaubensbekenntnis“ (wenn man es in eine christliche Begrifflichkeit einordnen will) ist die Quintessenz eines einseitigen Versprechens, das für zwei Seiten eine Zukunft ermöglicht und das ist eben auch für mich das faszinierende. Dieser Gott, den wir auch gerade hier im Text finden ist ein Gott der ganz und gar die Freiheit des Menschen anerkennt. Gott bietet an was er zu bieten hat. Es ist aber die freie Entscheidung des Menschen wie das Miteinander weiter geht. Ganz in einer Sprache des Menschen, ganz in menschlichen Größen zeigt sich hier dieser Gott. Ein Novum für die damalige Zeit und ein entscheidender Schritt hin zum barmherzigen und gerechten Gott den auch wir als Christen anbeten.

Dieses Bekenntnis begleitet mich an diesem Tag, den ich bei zwei Religionen erlebte. Mein erster Gottesdienst war ein Gottesdienst der arabisch-lutherischen Gemeinde. Ich kam ein bisschen später aber konnte mich gut einfinden. Das Kirchenlied war eine Übersetzung aus dem deutschen in die arabische Sprache und auch der Ablauf ließ sich recht gut erahnen. Auffallend war für mich aus all den Texten heraus, das Credo. Allein am Sprach-Rhythmus konnte ich erkennen, dass sie das Credo sprachen. „Wir glauben an den einen Gott“ … hier das Bekenntnis analog zum Text in Dtn.
Direkt im Anschluss an die lutherische Liturgie besuchte ich die katholische Messe in der Dormitio. Klar und sauber wird die Liturgie hier gefeiert und auch hier sticht das Glaubensbekenntnis heraus. Diesmal in deutscher Sprache und nochmal intensiver für mich.
Auffallend hier war die reichhaltige musikalische Gestaltung. Sologesang bei der Gabenbereitung, Trompete, Orgel und Horn begleiteten diesen Gottesdienst. Ein weiterer auffallender Punkt war die junge Gemeinde, die den Sonntag hier feiert. Schön, sehr schön ist das.
Eine kleine schöne Überraschung war, dass im Gottesdienst auch ein lieber Bekannter aus Rom dabei war. Paul Badde war hier und hatte einen Senderchef dabei für ein Projekt hier in Jerusalem. So hatte dieser Tag auch noch ein bisschen ein „Heimatgefühl“ für mich.

Auf dem Rückweg in das Österreichische Hospiz habe ich eine Unebenheit übersehen und die hat mich zu einem Kniefall auf offener Strasse gezwungen. Es ist nichts passiert, aber ein bisschen verrenkt habe ich mich doch, was dazu geführt hat, dass ich den meisten Teil des restlichen Tages im Garten des Hospiz zugebracht habe. Was nicht wirklich schlimm war. Ich habe mich weiter mit der Bibel beschäftigt, ein paar Mails beantwortet und die Bibelstelle des Morgens und die Frage nach dem „Credo“ weiter „durchgekaut“. Es ist schön meditativ diesen ersten Satz „Höre, Israel! JHWH unser Gott, JHWH ist Einzig“ und „Wir glauben an den einen Gott“ zu wiederholen, denn das sind recht intensive Sätze die ein riesiges Gebäude an Theologie sowohl im Judentum wie auch im Christentum geschaffen haben. An einen Gott glauben ist ein reduzieren, ein sich ausrichten auf einen Punkt. Aber eben mit einer Summe von Folgen die radikaler nicht sein können. Ein Gott! Das führt zu einem Du auf Du Verhältnis zwischen dem Menschen und Gott. Ein Gott! Das schafft eine Abhängigkeit, eine Verantwortung zwischen zwei „Parteien“ für beide Seiten, auf Gedeih und Verderben.

Diese Enge zwischen Gott und dem Menschen kann ich im Gebet immer wieder erleben. Ein ganz besonderer Ort für mich um dies zu erleben ist der Tempelberg und/oder die Westmauer-Klagemauer. Hier, an diesem Ort an dem Gott so oft direkt dem Menschen nahe wurde: In der Abrahamgeschichte, in verschiedenen Momenten in der Geschichte Israels zur Zeit der Tempel, zur Zeit als Jesus als Sohn Gottes hier lehrte und betete … Der Tempelberg und die Klagemauer sind heute in erster Linie besondere Orte der Muslime und der Juden aber für mich als Christ – auch wenn ich hier keine Besitzansprüche anmelden will – ist dieser Ort für mich und meine eigene Spiritualität entscheidend. Ich finde hier eine entscheidende Nähe zu meinem Gott. Hier an diesem Ort zeigt sich mir, dass der Alte Bund nicht beendet ist sondern die Wurzel ist, aus der der Neue Bund leben ziehen kann. Hier kann ich an der Klagemauer, im Chor aller, das Bekenntnis an den einen und wahren Gott, an JHWH sprechen. Für mich als Grundlage um auf Christus hin weiter zu gehen.

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