Sexueller Missbrauch und Zölibat

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Gestern habe ich unter einem Beitrag des ZDF  zu Kardinal Pell die Kommentare gelesen und habe einmal eine Antwort dazu geschrieben, ohne hier Kardinal Pell in Schutz nehmen zu wollen, da ich nicht weiß was geschehen ist. Der Kommentar findet sich in kürzerer Form auch in facebook auf der Seite des ZDF.

Kardinal Pell ist beschuldigt worden Kinder sexuellen missbraucht zu haben. Bis dato ist nichts nachgewiesen. Bis dato gibt es Anklagen, die gerichtlich geklärt werden müssen. Solange sollte man Kardinal Pell nicht verurteilen. Auch wenn in unserer Gesellschaft der Grundsatz besteht: Im Zweifel für den Angeklagten, wird aber auch hier wieder anders gehandelt. Das Volkstribunal entscheidet. Leider zeigt die Berichterstattung in manchen Medien und auch so manche Reaktion in Kommentatorenspalten, dass selbst wenn sich rausstellen sollte, dass der Kardinal nichts getan hat, er sein restliches Leben als Täter verbringen wird. Verurteilt ist er ja schon, von der Öffentlichkeit. Diese Vorverurteilungen, diese ganzen harten und pauschalen Reaktionen führen nicht zu einem besseren Umgang mit dem Thema. Sexueller Missbrauch an Kindern ist schlimm und muss bestraft werden. Der einzelne Täter muss bestraft werden und die Gesellschaft muss sensibilisiert werden für dieses Thema. Dies ist bis zum heutigen Tag nicht geschehen. Das Thema wurde auf einzelne Personen und Institutionen abgewälzt bzw. reduziert. Wie ist das aber mit dem sexuellen Missbrauch in Sportvereinen, durch Nachbarn und innerhalb der Familien? Die Zahlen und die errechneten Dunkelziffern zeigen düsteres. Noch immer haben wir in Deutschland eine Mentalität, die dieses Thema unterdrückt und vertuscht.

Die Kommentare hier unter diesem Artikel des ZDF sind ungemein interessant. Insbesondere da hier von vielen Schreibenden eine Lebensform und damit direkt Menschen teilweise pauschal unter Generalverdacht gestellt werden. Priester sind per se hier für sehr viele die Ausgeburt des Bösen. Die Klitsche des geilen Mönchs aus dem Mittelalter findet sich hier immer und immer wieder. Das ist leider sehr unreflektiert und zeigt, dass das Thema „Fake-Nachrichten“ keine neue Erfindung ist. Schon Dairmaid MacCulloch erzählt davon in seinem Buch „Die Reformation“, wie gut gestreute Gerüchte gegen Priester/Mönche über ihre sexuellen Laster genutzt wurden, um eben diese Mundtot zu machen oder zu diffamieren. Das ist also schon eine Tradition aus dem 12/13 Jhdt., die immer wieder aufkommt. Ohne das Versagen einzelner abzuschwächen, sollten wir intelligenten Menschen des Informationszeitalters da ein bisschen reflektierter sein.

Wir können diese Angriffe und Beleidigungen einmal überspitzen und personalisieren: Diese Menschen unterstellen mir und vieler meiner Kollegen in den Seminaren und in Klöstern und im Priesteramt grundsätzlich eine Neigung zum sexuellen Missbrauch. Viele der Damen und Herren in den Kommentaren unterstellen jenen Menschen die zölibatär leben ein sexuelles und wahrscheinlich auch ein geistiges Problem. Zölibatär lebende Menschen müssen – nach den Kommentaren – krank sein, oder einfach den Beruf aus Machtgeilheit um andere Menschen zu unterdrücken, machen. Das ist eine Pauschalisierung und eigentlich nicht wert darauf einzugehen. Trotzdem ist es einfach mal an der Zeit, das persönlich zu nehmen, ohne dass ich da nun weniger gut schlafen kann. Ich stelle mir die Frage, ob diese Menschen in den Kommentarspalten, diese Aussage auch mir ins Gesicht sagen würden, oder einem Priester entgegenschleudern würden, den sie kennen.

Ich denke, ich habe ein normales Verhältnis zu Männern und Frauen. Ich komme aus einer normalen Familie und kann ganz normal mit Menschen umgehen. Ich hatte selbst Partnerschaften in meinem Leben, die ganz „normale“ Partnerschaften waren. Wir haben gestritten und geliebt. Wir haben miteinander einiges erlebt und haben uns getrennt. Mit einigen habe ich hinterher sogar noch Kontakt gehabt, mit anderen nicht. Also alles ganz normal für die heutige Zeit. Ich habe keine abartigen Neigungen oder andere psychische Krankheiten. Wenn dies anders wäre, dann wäre dies in meinem Umfeld (Freunde, Familie, Arbeit … ) schon lange aufgefallen, nicht zuletzt weil viele meiner Bekannten in pädagogischen, psychologischen und anderen ähnlichen Berufen aktiv sind. Darüber hinaus gibt es heute auch eine große Sensibilität in diesem Themenbereich, gerade bei der Aufnahme im Seminar. Die katholische Kirche, namentlich die Jesuiten in Rom, sind da weit vorne dabei und haben da einige Programme erarbeitet, die Weltweit gut angenommen werden. Natürlich gibt es in den Seminaren und unter den Priestern „komische“ Gestalten. Manchmal habe ich das Gefühl, dass das aber auch bis zu einem gewissen Punkt so sein muss, streben oder haben wir angestrebt einen Beruf, eine Lebensform, die eben „komisch“ oder aus dem Mainstream-Leben heraus ver-rückt ist.

Ich habe kein Problem mit meiner Sexualität, ich mag – bis auf meinen doch ein bisschen zu vielen Kilos – meinen Körper, kann ihn anschauen, ziehe mich nicht im Dunkeln an oder aus. Ich geh in die Sauna, zur Massage, ins Schwimmbad, ich bin in all diesen Punkten ein ganz normaler Mensch. Und doch wird mir das – per se da ich Priester werden will – irgendwie abgesprochen.

Ich habe auch kein Problem mit dem Zölibat, ich habe ein Problem damit, dass ich täglich dafür von Menschen angegriffen werde. Meist mit sehr fadenscheinigen und sehr einseitigen Angriffen. Manchmal würde ich gerne diesen Menschen entgegenschleudern: Warum macht dich das so wütend. Das ist allein mein Problem, wie ich lebe. Wo störe ich dich bei deiner eigenen Lebensform. Halte dich da raus! Lass mich mein Leben leben.

Irgendein Kommentar erwähnte, dass es einen Sinn hat, diese Entscheidung des Zölibats. Und zwar dahingehend, dass sich diese Menschen ganz und gar zur Verfügung stellen. Für Gott und die Welt. Da bin ich gleicher Meinung. Das Zölibat hat einen Sinn, hat eine tiefere, eine substantielle Komponente, die heute eher fremd erscheint. Das mag verwirren in der heutigen Zeit. Das kann ich verstehen, aber ich bin froh, dass ich mich auf diese Lebensform einlassen kann, denn dann kann mehr als in anderen Lebensformen, für alle Menschen, die mich brauchen da sein. Das ist nicht einfach. Das sagt auch keiner. Es ist aber möglich. Dazu gibt es Beispiele, viele Lebenszeugnisse anderer Priester, Ordensschwestern, Männer und Frauen des geistlichen Standes. Und auch da gilt: Ich lasse es nicht zu, dass auf dieses Argument alle anderen Menschen, die vor uns diese Form gelebt haben belächelt und verleumdet werden.

Dass das nicht von allen Priestern und Menschen des geistlichen Standes perfekt gelebt wird und wurde, habe ich selber erlebt, aber in welch einer Welt leben wir denn heute? Ist es nicht mehr erlaubt einem Ideal nachzustreben und dabei auch eben Mensch zu bleiben und zu scheitern? Das entscheidende ist doch das Scheitern anzunehmen und ein Leben nach innen und außen als Mensch zu leben der um seine Zerbrechlichkeit, seien Bruchstückhaftigkeit weiß.

Wieso wird immer auf uns eingeschlagen, nehmt uns doch mal an, nutzt doch unser Angebot da zu sein. Ich erwarte von der Gesellschaft, dass sie das tut – mich zu akzeptieren, uns Priester, Geistliche Ordensleute, oder hört die überall so eingeforderte Freiheit, der Respekt vor Andersdenkenden und Anderslebenden gerade bei uns auf?

Von vielen wird Zölibat und sexueller Missbrauch in eine enge Verbindung gebracht. Ja, es gibt Menschen, die zölibatär leben und andere Menschen – auch Kinder – zu sexuellen Handlungen gezwungen haben. Das ist ungemein schlimm und muss bestraft werden. Das ist böse, das ist unsagbar, das ist etwas für das wir uns schämen müssen als Kirche. Aber: Sowohl Wissenschaft und Forschung haben nachgewiesen, dass kein direkter Zusammenhang zwischen dem Zölibat und sexuellem Missbrauch besteht. Allein die Erhebungen in diesem Punkt bezeugen das, denn sonst dürfte es nicht der Fall sein, dass die Meisten der Fälle sexuellen Missbrauches innerhalb der Familie oder im nächsten Umfeld (Nachbarn, Schule, Sportverein) geschehen. Da sind kaum zölibatär lebende Menschen dabei. Vater, Mutter, Opa, Oma, Onkel, weitere Verwandte, Nachbarn, Sportlehrer, Lehrer, … da sind alle Beziehungspersonen dabei, da sind alle möglichen Berufsgruppen dabei. Sexueller Missbrauch ist ein Phänomen der Gesellschaft. Dies gilt es zu erkennen und erst, wenn wir uns darüber bewusst werden, ohne panisch zu reagieren, kann sich hier was verändern.

Also, sehr geehrte Kommentatoren/innen. Bevor ihr weiter pauschal verbal reinschlagt. Überlegt euch mal auf welche Rechte wir in unserer Gesellschaft uns beziehen. Dazu gehört der Respekt vor dem Mitmenschen. Böse pauschale Beleidigungen, Diffamierungen eines ganzen Berufsstandes, das passt nicht in unser Recht auf Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, etc. Und Menschen die das Zölibat leben, brauchen auf alle Fälle eines: Menschen, die sie dabei unterstützen und das Angebot nutzen, dass hier angeboten wird.

Menschen, Kinder die dieses böse Erlebnis des sexuellen Missbrauchs erlebt haben brauchen ebenfalls keine Hexenjagden. Sie brauchen Menschlichkeit, sie brauchen Liebe, sie brauchen echte, ehrliche Hilfe, sie brauchen Verständnis und eine Gesellschaft die seriös und reflektiert mit diesem Thema umgeht, damit Täter verurteilt werden die eine Tat begangen haben, damit Kinder frei und ohne Angst leben können, damit Menschen sich nahe sein können ohne Ängste, damit wir eine Welt haben, die Liebe leben kann, ohne Gefahr, ohne Hintergedanken und ohne Gewalt – wobei Gewalt ja dann auch keine Liebe mehr ist.

 

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