Der Moralist – ein „literarischer“ Text

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Gerade habe ich ein bisschen Zeit um Texte fertig zu schreiben, oder sie voller Übermut einfach Online zu stellen. Es sind Momentaufnahmen, Gedanken die ausformuliert und ohne tiefere Zuordnung zu einem Ereignis, zu einer Person entstanden sind. Dieser text nun könnte einmal ein literarischer Text werden, eingebettet in einen Dialog, in eine Geschichte. Ich weiß es nicht.

Nein, ich höre in deiner Frage etwas anklingen, woran ich wirklich Anstoß nehme, denn ich glaube (ich hoffe, ich irre mich), den Hauch, den Atem eines Moralisten darin wahrzunehmen. Und in meinen Augen gibt es keine nutzlosere, verachtenswertere Kreatur als einen Moralisten. Du meinst es ist hart es so auszudrücken? Nein, ist es nicht. Vielmehr wäre es hart und unmenschlich dies so nicht zu sagen. Der Moralist (er mag auch weiblich sein) ist nutzlos, weil er all seine Energie damit vergeudet, Urteile zu fällen, statt sein Wissen zu mehren, und dies nur, weil Urteile leicht zu fällen sind, Wissen aber nur schwer zu erlangen ist. Und verachtenswert ist er, weil sein Urteil ein Selbstverständnis spiegelt, das er in seinem Stolz und seiner Ignoranz der ganzen Welt überstülpt. Du fühlst dich angegriffen? Ja? Das verstehe ich. Es ist ein altes Gefühl, das all jene kennen, die mit dir Umgang pflegen mussten. Die Jahr und Tag sich anhören mussten wie die Welt zu sein hat, wie wir als Mensch und auch ich im speziellen mich zu verhalten, zu denken, zu handeln habe.
Was mich am meisten an dir aufregt ist die Unehrlichkeit in die du deine festgemauerte Meinung und dein Moralgerede kleidest. Alle deine Forderungen finden sich in Fragen wieder. In Fragen die gar keine andere Antwort zulassen als jene, die du formuliert hast. Du stellst tote Fragen um noch totere Antworten zu bekommen. Damit tötest du jeden Moment eines Lebens, denn du zerstörst die Lebenskraft der Frage an sich.
Deine Fragen sind kleinlich, sie sind eng und damit schlussendlich dumm. Denn auch du bist schlussendlich dumm oder einfältig, denn du hast dich in deine Kokon eingewoben, der nur gehalten wird von überspitzten und auf Regeln und Gesetze reduzierte „Un-Ideale“. Aber Ideale sind nicht fest, sie sind nicht einengend, sondern gerade das Gegenteil. Ideale zeugen von der Weite des Denkens. Von der Weite des Weges und der Erkenntnis wo ich, wo du als Mensch in dieser Welt stehst.

 

Verantwortung?

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Den nachfolgenden Text hatte ich einige Tage nach dem Anschlag in England geschrieben und ihn dann wieder vergessen. Hier stelle ich ihn, ganz im Kontakxt der Tage danach ein.

Ein bisschen war ich selber über mich geschockt. Irgendwo habe ich es gehört, dass sich da etwas in England ereignet hat, aber ich habe es nicht wahrgenommen. Auch am nächsten Tag war es kein Thema bei mir. Der Tagesablauf hat dazu geführt, dass ich erst am Nachmittag zum Lesen der Zeitung gekommen bin. Und auch danach: Irgendwie war das einfach weit weg. 22 Tote, viele verletzte … Ja, und nun?

Am Abend beteten wir für die Opfer und ihre Angehörigen. Mir kam nur so die Frage: und was ist mit dem Täter? Es ist leicht (und natürlich auch wichtig und gut) für die armen Menschen zu beten – aber wie ist das mit den „Feinden“?

Und selbst heute? Was fühle ich dabei, wenn ich daran denke, dass schon wieder Menschen sterben mussten? Die Bilder im Internet mit den Beileidsbekundungen, das angestrahlte Brandenburger Tor … zwischenzeitlich bekannte Rituale. Was sagt mir das, was macht das mit mir? Ich stumpfe ab. Schlussendlich so wie bei den Meldungen aus dem Nahen Osten oder aus anderen Ecken der Welt. Tote sind Zahlen, die mich nicht tangieren – solange sie nicht hier, direkt vor meiner Haustüre sind. Ist das nicht auch eine Art und Weise von Reduzierung. Ich schimpfe auf Trumps „Amerika zuerst“ und doch, mache ich selber da nicht das Gleiche? Ich reduziere mein Leben, meine Gedanken und meine moralischen Grundwerte auf mein Umfeld – alles andere ist unwichtig. Nach mir die Sinnflut. Der Rest ist mir doch schlussendlich egal – die paar Fürbitten tangieren mich nicht wirklich oder noch schlimmer sie sind ein pflichtschuldiger Akt.

Es ist so angenehm. Ich kann hier in einer heilen Welt sitzen. Habe schlussendlich alles was ich brauche und kann über die Ungerechtigkeiten der Welt philosophieren. Dass ich daran Anteil habe, durch den Kaffee den ich trinke, durch die Klamotten die ich trage, durch meine politische Lethargie … das verdränge ich. Das entschuldige ich mit der schönen These: Na, ich kann nicht die ganze Welt retten.

Wenn ich das so durchdenke, dann merke ich: Wow, das ko*** mich an was ich da denke. Und doch, ich stehe nicht auf, mache nichts …

Eine weitere Ausrede: Ich gehe zumindest wählen. Aber auch das reicht doch schlussendlich nicht. Oder? Ausreden über Ausreden. Ich mag mich gerade in diesem Bezug nicht. Da muss sich was ändern. Die Ausreden mit den „kleinen Dingen“ die ich leisten kann, müssen aufhören. Gerade auch als Christ muss ich mich endlich aufmachen und mein Leben so gestalten, dass ich mich einbringe. Wie kann das aussehen? Was muss ich tun?

Wie muss mein Leben, mein Handeln aussehen?
Welche Politik muss ich bevorzugen im Bezug auf Diktatoren, auf die Kriegsländer etc.?
Muss ich „meine“ Politiker mehr fordern, nicht nur von Werten zu reden, sondern auch die Werte einzufordern. Bei uns, aber auch ganz besonders in der Welt?
Wie stehe ich zum Pazifismus? Ist das wirklich die Antwort auf die Probleme dieser Welt? Oder ist das auch wieder nur eine Ausrede um nicht eine moralische Entscheidung zu treffen?
Wie denke ich über das Flüchtlingsthema in Deutschland?
Was mache ich dagegen, dass tausende Menschen auf dem Mittelmeer – sorry – verrecken?
Wie kann ich in den Spiegel schauen, wenn ich weiß, dass auf dieser Welt Christen sterben, psychisch & physisch zerstört werden, weil sie eben Christen sind?
Wie reagiere ich auf die Menschen, die sich in klassischer alter rechter Manier absolut untragbar benehmen? Stehe ich gegen Rechts, gegen Rassismus, gegen Ausgrenzung, gegen die geistige Dummheit der Einpeitscher von IS, NDP, AFD und anderen menschenverachtenden Gruppen in Deutschland und der Welt?

Das sind nur einige Fragen, spontan aus der Luft gegriffen, die mich umtreiben und die uns alle umtreiben sollten. Spontan, aber deshalb nicht falsch. Machen wir uns doch mal alle Gedanken.

Schuld und Fehlersuche

Hl. Vitus
Darstellung im Augustinermuseum in Freiburg. Zeigt den hl. Vitus wie er im heißen Fett schmort, so wurde er umgebracht. Darstellung um 1500, Süddeutschland

Den nachfolgenden Text habe ich in einer Grundform (stark gekürzt) als Statio zu einem Gottesdienst gehalten. Die Lesungstexte auf die ich mich beziehe sind vom 24.07.2017 (Ex 14, 5-18 und Mt 12, 38-42).

Es werden Heiden sein, „Anonyme Christen“ (Rahner), die gegen die Gläubigen aussagen. Das sagt (ja droht) uns Jesus im heutigen Evangelium (Mt 12, 38-42). Nicht wir messen uns, sondern die da draußen, jene die wir alle Tage schief anschauen, jene denen wir gar all‘ zu oft den Glauben absprechen. Sie werden jene sein, die beim Gericht gegen oder für uns aussagen werden.

Superchristen, die Rechtgläubigen, die Bigotten, diejenigen die die eigene Messlatte stets unterlaufen aber die anderen dauernd kontrollieren, das sind jene, die dann dumm aus der Wäsche schauen, die aus allen Wolken fallen, wenn es ernst wird – am Tag des Gerichts.

Meine Mutter erzählt immer wieder aus ihrer Kinderzeit von alten Frauen, die nach dem Gottesdienst zutiefst böse waren. Kaum aus der Kirche draußen, haben sie trotz Kommunion und Andacht ihre Familie tyrannisiert. Ein böses Wort geführt, gelästert und geschumpfen. Das ist abschreckend gewesen, dass hat die Botschaft der Liebe und Gemeinschaft völlig negiert.

Aber auch bei uns: Wie viele nehmen im Gottesdienst die Kommunion und haben schon auf dem Rückweg die ersten Verurteilungen, die ersten zerstörerischen Gedanken gegen Andere im Kopf, weil sie nicht alles ganz genau so gemacht haben, wie es sich „gehört“?

Jesus erinnert daran: fang bei dir an, werde dir deiner Fehler bewusst, nimm deine Menschheit an und stell dich als Mensch vor Gott, fang du an!

Die Abkehr von Gott ist in meinen Augen die schlimmste Sünde. Abkehr fängt an, wenn ich hasse, wenn ich andere negiere, wenn ich mich und den anderen nicht als Geschöpf Gottes, als Person anerkenne und im die Würde die ihm/ihr von Gott geschenkt wurde aberkenne. Das ist Sünde, das, in den verschiedenen Stärken, ist für mich unsagbar schlimm. Das ist die entscheidende Sünde, die mich tagtäglich umtreibt, die auch meine Prüfungsfrage beinhaltet. Wer sich Gott zuwendet, unserem Gott des Christentums, dem Gott der Liebe, dem Vater, der kann nicht hassen, der kann den Anderen nicht negieren. Und das fängt genau mit dem an, was ich oben beschrieben habe.

Der erste Schritt weg von der Sünde ist das eingestehen, dass wir selber bruchstückhafte Menschen sind. Wir müssen uns als Menschen annehmen, uns und den Anderen, als Geschöpf des Einen Gottes. Das geht nur im Dialog. Mit Gott, mit den Mitmenschen. Das zeigt auch ganz besonders das Schuldbekenntnis. Ich bekenne meine Schulden, meine Fehler allen, ich stehe dazu, vor allen. Und ich bitte um Hilfe, genau auch dort, bei allen, auch bei meinen Brüdern und Schwestern. Es gilt die Fehler einzugestehen und laut um Unterstützung bitten. Nicht allein, stumm im Kämmerlein, sondern laut und offen, in der Gemeinschaft, in der Kirche, in der wir alle wissend um unsere Fehler gemeinsam auf Gott zugehen können, nicht kriechend in Sack und Asche oder mit dem Finger auf andere zeigend, sondern uns gegenseitig stützend.

Die Veränderung beginnt bei mir. Mit „ich habe gesündigt – hilf mir dabei“, beginnt der Weg aus der Gefangenschaft, aus unserem Ägypten, heute, hier … gemeinsam, mit Christus, gemeinsam mit der Gemeinde Jesu Christi.