Müssen wir eigentlich singen?

Heute am Gedenktag des Hl. Papstes Pius X. mögen zwar manche eng denkende sich der Zeit erinnern und ihr nachsehnen in der es einen Antimodernisteneid gegeben hat und die Welt noch in Ordnung war. Diese vergessen dann aber auch, dass es dem Papst nicht um das Gleiche ging wie manch einem heute. Vielmehr war er – und da verwende ich bewusst einmal das heute so langweilige Wort Seelsorge und nicht Pastorale dafür – ein Seelsorger. Ganz und gar. Wie nach ihm der hl. Papst Johannes XXIII. oder auch unser aktueller Papst Franziskus war Pius X. ansinnen, die Menschen innerlich zu formen. Die Konzentration auf Jesus Christus war sein anliegen. Ganz der dörfliche Seelsorger im päpstlichen Amt geblieben wusste er, dass alle Erneuerung, alle Reform allein aus dem Glauben, allein aus einer vertieften und verwurzelten Glaubenspraxis heraus möglich ist.

So war ihm bewusst, dass es für den Glauben aller wichtig ist, dass sie an der Messe teilnehmen. Nicht stumm und abgesondert sondern in einer aktiven Teilnahme. Meist wurde dies dann doch eher in einer stummen oder still vor sich herbetenden Teilnahme umgewandelt. Das war aber zu eng gedacht. Deshalb war Papst Pius X. auch die Kirchenmusik so wichtig, dass er ein Moto proprio dazu verfasste.

Heute morgen in der Frühmesse habe ich mich spontan gefragt, warum wir eigentlich singen. Warum tun wir uns das in der Liturgie an, dass wir manchmal besser, manchmal sehr viel schlechter Lieder singen. Wäre es denn gerade nach der Kommunion nicht stimmig, dass wir dort schweigen, im Gebet versunken sind, solange bis wir dieses private Gebet, durch den Priester vorgesprochen, gemeinsam mit Dankgebet nach der Kommunion beenden. Beim Blättern in meinen Liturgiebüchern ist mir aufgefallen, dass dies wohl schon immer eine große Frage war.

Der heute im Gedenktag gedachte hl. Papst Pius X. schrieb im genannten Moto proprio davon, dass die Kirchenmusik ein „notwendiger Teil der feierlichen Liturgie“ ist, wir aber bedenken müssen, dass sie aber gerade deshalb auch in erster Linie eine „schlichte Dienerin“ ist. Mit der neuern Musik meinte der Papst wohl nicht nur zeitgenössische Kirchenmusik und Kirchenlieder sondern auch den Schatz der Kirchenlieder, den wir in Deutschland uns schon seit dem frühen Mittelalter angesammelt haben, aber eben im Gegensatz zur Gregorianik und der römischen Schule steht.

Einen Schritt weiter geht die Instruktion Musicam sacram (1967), die versuchte die Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils umzusetzen. Hier wird die Kirchenmusik nicht nur zu einer Dienerin, oder zu einem ausschmückenden Rahmen, sondern zur Liturgie selbst und zwar in den „Antwortgesängen zur Lesung, im Sanctus, im Gloria wird Musik selbst zur liturgischen Handlung“ (Musch, Entwicklungen. 1975. S. 10). Kirchenmusik wird hier zu einer Unterstützerin, Förderin der tätigen Teilnahme der Gläubigen, indem sie den Gläubigen und den Glauben und die vielen Aspekte der Liturgie fördert.

Immer wieder tauchen Formulierungen auf, bei denen wir ahnen können, dass die Autoren der verschiedenen kirchlichen Texte von einer Musik sprechen die ästhetisch ist, die eben nicht stört sondern innere und liturgische Prozesse begleitet und fördert. Philipp Harnoncourt in einem Text aus dem Jahr 1966 folgendes: „... damit die Stimmen der Gläubigen nicht verstummen, sondern im Gottesdienst, auf Erden schon etwas aufklingen lassen von jenem himmlischen Jubel, zu dem wir pilgernd unterwegs sind und den wir uns ohne Musik und Gesang nicht vorstellen können“ – das würde zum Thema der Ästhetik passen. Heute morgen kam ich zu dem kleinen Entschluss – für mich – dass das Kirchenlied das Ereignis der Eucharistie begleiten soll und darf und diesem wunderbaren Ereignis eben auch eine Feierlichkeit schenken darf und soll. Wir singen Lieder im Gottesdienst um einzustimmen in den Gesang der Engel von damals auf dem Hirtenfeld bis hin zu den Engeln die jubilierend um den Thron Gottes stehen. Und wenn wir dies im Blick haben, dann sollten wir uns in der Liturgie hin und wieder eher zwei Mal fragen, ob das jeweilige Kirchenlied passend ist. Nicht nur aus der Sicht des Textes, sondern auch aus der Sicht des Klangrahmens und der tätig teilnehmenden Gläubigen. Manchmal hat auch ein gesprochener Lobpreis, statt eines gesungenen Liedes, seinen reiz und seine Qualität, oder ein andächtiges stilles Gebet.

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2 Comments on “Müssen wir eigentlich singen?

  1. Nach dem Lesen kam in mir die Frage auf, warum eine Liurgie überhaupt nötig ist. Warum dieser vorgeschrieben Ablauf? Ich weiß darauf keine Antwort.

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    • Hm, das mag im ersten Moment ja wirklich sehr fraglich sein. Warum brauchen wir diese ritualisierten Abläufe.
      Die katholische Kirche und auch die orthodoxen Kirchen sind der Meinung, dass die gefeierte Liturgie ein Abglanz der himmlischen ist, ja, dass sich in der Liturgie etwas ereignet, das irgendwie ein Akt ist in dem sich die irdische Liturgie in die himmlische Liturgie einklingt. Die irdische Liturgie hat den Autrag, bzw. ist an sich ein Vorgeschmack dessen, was uns im Himmel erwartet: Die absolute Gegenwart Jesu Christi, das Anteilhaben an dem Heilsgeschehen.
      Grad die gotischen Kirchen erzählen etwas davon, von dieser Vorstellung, dass der Mensch aus dem Dunkel hinaustritt in das Licht, in das himmlische Jerusalem. Das sollen die gotischen Kirchen mit ihrem Lichtspiel, mit ihrem streben in den Himmel hinein verdeutlichen.
      Wenn wir also annehmen, daran glauben, dass die irdische Liturgie ein Abglanz, ein Imago der himmlischen ist, dann macht es Sinn und ist es logisch, wenn wir uns um den rechten Ablauf, um die Form und um die Ästhetik sorgen.

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