Schweigen

Seit Dienstag sind die Zahlen im Raum. Seit Dienstag wissen wir, wie viele Menschen gelitten haben unter den Taten von Priestern. Seit Dienstag wissen wir aber auch, dass wir nicht alles wissen, dass diese Zahlen nur ein Teil von dem sind, was wirklich alles geschehen ist.

Die Bischofskonferenz schweigt. Der Vorsitzende ist nicht zu erkennen. Es steht nur die Meldung im Raum: Wir reagieren erst am 25. September. 14 Tage lang überlässt die deutschsprachige Kirche die Deutungshoheit über die Zahlen anderen und noch schlimmer: 14 Tage lassen die Hirten ihre Schafe allein, ohne Ruf auf der Weide stehen.

Paul Watzlawick sagt: Man kann nicht nicht kommunizieren. Genau in dieser Situation zeigt sich, dass er recht hat. Indem die Kirche schweigt. Indem Bischöfe schweigen sprechen sie lauter als es ihnen bewusst sein mag. Sie senden für viele, und auch ich erlebe es so, Botschaften in der Art wie: Wir haben kein Interesse an dem wie es euch geht! Wir nehmen euch und eure Sorgen nicht ernst. Wir lassen euch allein!

Heute hat Bischof Oster von Passau als erster Bischof sein Schweigen gebrochen. Es ist gut, dass er es getan hat. Er hat diesen Schritt getan zu einem Zeitpunkt wo er, wie wir auf Facebook erfahren, selbst die Studie noch nicht ganz gelesen hat. Er hat erkannt, dass seine Herde, die Kirche von Passau ein Recht hat ihren Bischof zu hören, zu erfahren, dass die von Gott bestellten Hirten nicht fern sind sondern mit ihnen gehen und leiden.

Bischof Oster gehört in Deutschland zur jungen Generation der Bischöfe. Mit seiner Weihe im Jahr 2014 erbte er die Fehler und das Versagen der Kirche im Bezug auf den Missbrauch. Da er vor seinem Amt nicht in der Administration des Bistums war dürfte er auch in diesem Bezug zu jenen gehören, die wirklich dies als Erbe verarbeiten müssen und er für Fehler stehen muss, die andere begangen haben. Er bittet um Verzeihung.

Die Bitte um Verzeihung reicht aber nicht. Die Taten, nicht nur der Missbrauch selber sondern ganz besonders auch die Vertuschung, das Schweigen, die vielen Beleidigungen an den Opfern verlangt von den Verantwortlichen, dass hier ein Erkennen der Schuld erfolgen muss. Die Verantwortlichen müssen die Verantwortung endlich eingestehen. Frühere Bischöfe, frühere Personalreferenten, Ausbilder und geistliche Begleiter und andere, die geschwiegen haben müssen sich dieser Sünde stellen und es muss danach was folgen. Wer Täter nur abgemahnt und versetzt hat, der hat schlussendlich Beihilfe geleistet für weitere Taten.

Die Opfer müssen es erleben können, sehen können, dass es Folgen hat, was man ihnen angetan hat, bei denen die ihnen Schmerz und Schmach angetan haben. Die Täter und Vertuscher müssen nicht nur – und ich hoffe, dass dies auf alle Fälle geschieht – im Stillen daran leiden, sondern auch Konsequenzen in ihrem Leben spüren. Dabei geht es nicht um Rache sondern allein um die Übernahme von Verantwortung, so klein sie auch sein mag.

 

Ergänzung:

14.09.18 19:10 Uhr: Der Brief des Bischofs von Essen ist leider ein Beispiel, was man nicht tun, bzw. was man nicht schreiben sollte. Diese Botschaft kam an, aber wohl eine andere als gedacht.

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