Heile Welt

Im Jahr 2000 ist ein Buch erschienen, das sich mit den in den 1970igern und frühen 1980iger aufgewachsenen Deutschen beschäftigt. Als ich das Buch damals las, fand ich mich, obwohl ich nicht ganz in die Generation reinpasse, absolut wieder. Florian Illies schuf mit seinem Buch eine Studie jener Zeit, die für viele eine Zeit der heilen Welt war und in der Rückschau noch immer ist. Die Welt war damals irgendwie einfacher, klarer und wie er es schon auf den ersten Seiten beschreibt: Es gab noch Momente, in denen man irgendwie wusste, dass alles gerade irgendwie stimmt. Trotz der heilen Welt erkannte aber Illies damals schon die großen Schwächen der „Generation Golf“.

Daran musste ich gerade denken, als ich zur kleinen Pause auf YouTube ein „70er Jahre Musiksammlung“ anmachte und dabei auch auf die Kommentare stieß. Da träumen und berichten einzelne Follower wirklich davon, dass in den 1970iger die Welt besser war, ja dass damals die Welt noch heil war.

Dabei vergessen die Menschen den Terrorismus von München (1972), die Ölkrise, Watergate-Affäre, Geiselnahmen, Bürgerkriege, die Reste des Vietnamkrieg, den „Deutschen Herbst“ mit seinem Terrorismus direkt in der „Nachbarschaft“ und so vieles mehr …

Die Welt war damals nicht besser oder schlechter, sie war anders. Unsere Lebenswirklichkeit war anders. Die Welt kam noch nicht so schnell und so detailliert in unser persönliches Leben und vermeintliche sichere Strukturen und Verhaltensmuster bestanden noch.

Aber ich frage mich, ist diese „Schönmalerei“ der Vergangenheit, ja ist gerade die Zeit der 1970iger selber, nicht eventuell der Grund, oder eine Wurzel dessen was uns im Heute umtreibt. Finden wir da nicht Antworten warum wir in dieser Welt so viele Krisen und Probleme haben, warum es in Deutschland wieder salonfähig ist, rassistische und nationalsozialistische Gedanken öffentlich zu verbreiten, warum unser Bildungssystem versagt, unsere Sicherungssysteme scheitern und unsere gesellschaftlichen Systeme immer mehr auseinanderbrechen?

Ich frage mich das auch im Kontext der Kirche(n). Wenn ich mir so manche Konzepte, Systeme, Planungen und Aussagen (Theorien) anschaue, dann finden wir die Idee und die Wurzel in den 1960/1970iger Jahre. Das ist per se nicht schlecht, aber vieles davon ist auf diese Zeit, auf jene Weltsicht zementiert und wurde nicht weiterentwickelt. Manch ein Redetext, manch eine Publikation kann man heute noch lesen, die auch 1973 geschrieben hätte werden können unter den gleichen Prämissen. Ich weiß nicht ob das gut ist! Zeigen sich nicht auch hier die Schwächen der „Generation Golf“?

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