Karfreitag

„Und der, der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres berichtet, damit auch ihr glaubt.“ (Joh 19,35) Der Moment in der Passion, an der diese Stelle gelesen wird, ist für mich der absolute Höhepunkt. Dabei ist es schon schwer überhaupt hier von einem absoluten Höhepunkt zu sprechen, denn die Liturgie des Karfreitags ist für mich die intensivste Liturgie, die wir haben. Während die Osternacht und die Weihnacht für mich tiefe emotionale Momente sind, ist die Karfreitagsliturgie für mich der Inbegriff der Lebenswirklichkeit und Bejahung.

Die Ruhe, der Gleichklang, diese klare Konzentration auf Christus schafft für mich einen Raum in dem ich so ganz und gar alles abgeben kann was mich beschäftigt und hemmt. Ich stehe in der Gemeinschaft aller, als Teil des Volkes, das er einzeln berufen hat, ihm gegenüber. Für mich ist der Karfreitag eine Zuspitzung der Liebe. Wenn Weihnachten der Moment ist der Nähe Gottes zu den Menschen so ist der Karfreitag eine absolute Annahme des Menschen durch Gott. Da spüre ich, dass es kein Blatt mehr gibt zwischen Gott und mir, denn irgendwie ist dieser Moment in dem Gott stirbt, in dem er bis zum äußersten geht, der Moment in dem mir immer wieder aufs Neue klar wird, dass Gott kein ferner Gott ist und dass es ihm bei all seinem Tun nicht um eine Überwindung des Menschen, der Welt und der Menschlichkeit geht sondern um eine Vollendung. Um eine Vollendung, die hier und jetzt beginnt.

Wenn ich Karfreitag im Blick habe, als Brennpunkt des ganzen menschlichen Lebens Jesu, dann zeigt sich mir wie unrecht so viele Kritiker haben, die behaupten, dass das Christentum eine Vertröstung auf das Jenseitige ist. Das Leben Jesu – Geburt, Leiden, Tod und Auferstehung – sind Zeugnisse, dass das, was Gott will, nicht fern von uns, sondern eben innerweltlich beginnt zu wachsen. Das Reich Gottes von dem Jesu gesprochen hat ist nicht irgendwann, sondern an ihm sichtbar geworden und wächst um uns, wo die „Güte und die Liebe wohnt“, wo Frieden anfängt zu sprießen, wo Kranke geheilt, Hungernde gespeist und Einsame Freunde finden.

Diese Erfahrung des Karfreitags, diese radikale Zuverlässigkeit der Botschaft, dieser Sieg Jesu indem er sich selbst am Kreuz nicht auf diese menschenverachtenden Spielregeln der Menschen einlässt, wurde radikal verdunkelt, als in aller Grelligkeit sichtbar wurde wie sehr das Volk Gottes innerhalb der eigenen Reihen Geschwüre der Bösheit hat. Der sexuelle Missbrauch, jeder Missbrauch egal in welcher Intensivität ist zerstörerisch, und jede Vertuschung aus welchem Ansinnen heraus das auch immer geschehen ist, hat die gleiche Qualität und ich verstehe unseren Papst, wenn er so wortlos und fassungslos davorsteht, so dass er nur noch sagen kann: Das ist die Fratze des Teufels. Diese Fratze des Teufels verdunkelt die Botschaft des Karfreitags. Es schmerzt mich, dass das Böse in der Kirche wuchert (und jeder dürfte einige Fälle und Beispiele kennen, nicht zuletzt ich) und damit scheinbar noch immer stärker ist als die Ohnmacht Christi.

Und in diesem Moment, in dem ich das denke, kommt dieses Wort hinein, das ich eingangs zitierte. Und es zeugt davon, dass der Sieg nicht irgendein Gerede ist, sondern eben Wirklichkeit, verdunkelt, verdrängt aber doch ein Sieg und die wirkliche Chance zu einer Gegenwart in Gott. Das Zitat ist so radikal Bestätigung: Es war Johannes wichtig zu erwähnen, dass das keine Hirngespinste oder Albernheiten sind, die er erzählt, sondern Wahrheit, denn es gibt Zeugen, die haben es mit eigenen Augen gesehen und bezeugen es.