Taufe des Herrn – Starten wir!

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Der Jordan: Die Taufstelle Jesu – Yardenit beim Kibbuz Degania. Direkt an der Grenze zu Jordanien. Der Jordan eine Grenze, die Taufe, eine Grenzerfahrung und Grenzüberschreitung?

Ja ups, ist es denn schon rum? Taufe des Herrn, das ist erstmal der letzte Tag der Weihnachtszeit. Zumindest in den Kirchen – daheim schon oft früher – beginnt jetzt das Abbauen und Verräumen. Christbäume, Schmuck und die Krippen werden jetzt wieder verschwinden. Der Jahreskreis beginnt. Mit der Vesper des Abends schließen wir das Stundenbuch für die Advents- und Weihnachtszeit und auch hier beginnt der Jahreskreis.

Irgendwie ging das nun wieder schnell. Ihr kennt das sicher auch. Was ich nicht alles erledigen wollte in dieser Weihnachtszeit, die auch mit einer vorlesungsfreien Zeit zusammenfällt. So viele Texte und Bücher wollte ich lesen, so viele Menschen besuchen, mit ihnen telefonieren und schreiben … und nun ist nur ein Bruchteil gemacht und die Weihnachtszeit ist rum. So schnell geht das.

Aber heute ist Taufe des Herrn. Eine ungemein spannende Textstelle. Aus verschiedenen Gründen. Unter anderem, weil das im Markusevangelium im sogenannten Prolog steht. Einem Teil, von dem die Menschen nicht sichtbar erfahren haben, sondern von dem erzählt wird. Da ist kaum jemand dabei. Die Geschichte ist konzentriert auf die entscheidenden Personen. Gott und Jesus. Die ersten Teile des Evangeliums erinnern mich an die Schöpfungsgeschichte. Da werden auch Grundlagen geschaffen. Grundlagen, damit ein neues, ein ganz besonderes Leben beginnen kann. Der bis dahin fast unbekannte Zimmermannsohn tritt in das Licht der Öffentlichkeit. Sein Handeln beginnt. Die Taufe des Herrn ist der Start für ein neues Leben.

An meine eigene Taufe kann ich mich nicht erinnern. Ich kann mich nicht mal an Erzählungen dazu erinnern. Ich weiß nicht ob ich geschrien oder geschlafen habe, ob irgendwas Peinliches geschehen ist. Ich kenne nicht mal bewusst ein Bild davon. Ich habe eine Taufurkunde, ich war dabei. Das ist soweit sicher. Und doch begann damit auch für mich ein neues Leben indem meine Eltern gesagt haben; Ja, dich stellen wir unter den Schutz, dich stellen wir in die Gemeinschaft Gottes. Taufe, da verändern wir uns nicht äußerlich. Baby ist erstmal Baby, aber wir werden eingeführt, wir werden eingebunden, eingeschlossen in das was wir Gemeinde oder noch besser die lebendige Liebe Gottes nennen können. Es ist eine andere Form von erstem Neubeginn.

So ist auch dieses Jahr. Es begann nach dem Kalender schon vor sieben Tagen. Nach dem kirchlichen Kalender schon vor über einem Monat. Aber jetzt ist eine neue Zeit angebrochen. Jetzt fängt was an. Morgen wieder Uni, wieder Alltag, wieder all die großen und kleinen Themen, die jetzt eine Zeit geruht haben – oder irgendwie nicht so wichtig waren.

Taufe des Herrn: Eventuell ist das so ein Startschuss für einen neuen Lauf durch das Jahr. Nicht wie im Trott, verbunden mit den Vorjahren, sondern wirklich die Möglichkeit, die Zeit neu loszugehen und zu schauen, was das Jahr uns bringt. Hier wird nichts auf Null gestellt, wie an Silvester, sondern neu ausgerichtet, neu in den Blick genommen. Ich bin gespannt, was mich erwartet und allen Lesern und Innen: Ich wünsche euch viele wunderbare Momente in diesem Jahreskreis und in dem was uns nun, in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten entgegenkommt. Starten wir und gehen los. Gemeinsam, im Gebet. So Gott will!

 

 

Zum Jahreswechsel

Silvestergruss

Noch wenige Stunden trennen uns von dieser fast magischen Zeitenschneide. Ich weiß meist nie was daran jetzt so besonders ist. Jeden Tag haben wir Mitternacht. Und doch, auch ich merke, dass – trotz des nichtfeierns – an diesem Abend sich was verändert. Am eigenen Geburtstag eventuell noch, da kann es sein, dass man genauso wie heute, so intensiv spürt, dass die Zeit fließt, dass sich ein Jahr an das andere sich anschließt.

So ist dieser Abend, diese Stunden die beste Zeit um noch einmal zurückzuschauen auf das Jahr 2017 und, statt mit einem Kater und einer negativen Stimmung voller Freude, hellwach und gesund in das neue Jahr 2018 zu starten.

Nun hoffe ich, dass ihr alle einen guten, geruhsamen, friedvollen und schönen Abend erleben könnt, so wie ihr es wollt, so wie es zu euch passt. Ich freu mich viele von euch im nächsten Jahr wieder zu sehen, zu lesen und zu sprechen. Bis dann. Gott behüte euch!

Humor, Freude, Lachen

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Freut euch – Gaudete!

Heute geht’s um die Freude, die wir leben sollen, wie uns Jesaja 61, 1-2a.10-11 zum Gaudete-Sonntag zusagt.

In den Sprüchen Salomon (14,13) findet sich der Satz: „Auch beim Lachen kann das Herz trauern, und nach der Freude kommt Leid.“ Und noch negierender ist es bei Kohelet, der schreibt (7,3): „Trauern ist besser als Lachen; denn durch Trauern wird das Herz gebessert.“ An vielen weiteren Stellen der Bibel ist das Lachen, wohl meist als Spott verstanden, negativ belegt (vgl. Gen 21,6; Sprüche 1,26; Ps 52,6; Hes 47,11; Koh 7,6; Hiob 30,1). Lachen ist wohl irgendwie keine Tugend.

Mit diesem Thema, dem Lachen, setzt sich Umberto Eco mit/in seinem Roman „Der Name der Rose“ auseinander. Ausgangspunkt ist hier das geheim gehaltene zweite Buch der Poetik des Aristoteles, das von der Komödie handelt. Das Buch soll eine positive Haltung zum Thema Lachen haben und das missfällt. Der Bibliothekar Jorge von Burgos hält die in diesem Werk vertretene positive Einstellung zur Freude und zum Lachen für derart gefährlich, dass er schlussendlich lieber die gesamte Bibliothek verbrennen lässt, als zuzulassen, dass das Buch in fremde Hände gelangt. Lachen, so Borgos, gefährdet das System, Lachen ist aufklärerisch und zerstört die gottgewollte Ordnung.

Aber mal im Ernst, müssen wir als Christen eine ablehnende Haltung zum Thema „Lachen“ haben? Ist das „Lachen“ des Teufels, wie es uns der Bibliothekar im Buch einflüstert? Sind die zitierten Bibelstellen Belege für oder gegen das Lachen?

Die Frage kann man auch mit Blick auf die deutsche Literatur und Kunst stellen. Noch polemischer gefragt: Kann der Deutsche lustig sein? Und wenn ja, verblödet sich der „Gscheite“ nicht damit und macht sich gemein mit dem einfachen? Anders gefragt: kann der Akademiker, der Aufgeklärte lachen und darf er es auch?

Adorno schreibt zu diesem Thema: „Kunst […] muss von sich aus auf Heiterkeit verzichten“ (Adorno; Ist die Kunst heiter? 1967). Auch wenn wir in der deutschen Sprache schon ein eigenes Wort haben für eine Situation die zwischen heiter und komisch, zwischen Satire und Ironie angesiedelt ist – nämlich kafkaesk – und so manch ein Brief von Schiller, Goethe & Co., von einem hohen Maß am Humor berichtet (lesen sie dazu auch mal den Briefwechsel von Proust – wunderbar); die Werke selbst sind meist erschlagend.

Das kann ich aus eigener Erfahrung auch betrachten. Aufgewachsen in den 1980iger, also geprägt von Celans Todesfuge oder mit Schlinks Werk der Vorleser, wo wir erleben mussten wie Liebe in eine (für das damalige Alter) so verstörenden Verbindung der ersten schüchternen Liebe mit der brutalen, erschlagenden Verantwortung der deutschen Geschichte, zusammengefügt wurde. Fast scheu und verklemmt habe ich die ersten Bücher mit einem Hauch Humor gelesen. Literatur ist nicht lustig – so der Gedanke. Wohl erst viel später, eventuell erst mit dem 2000 erschienenen Buch von Florian Illies; Generation Golf, habe ich befreit schmunzeln und lachen können beim Lesen. Und heute? Ich habe die Känguru-Chroniken nicht im Schrank stehen – dafür dann wieder Arto Paasilinna, der ist mir dann doch auch näher.

Der alte Mönch in Ecos Roman sieht im Lachen eine Gefahr. Menschen, die lachen, sind nicht mehr kontrollierbar. Aber Lachen ist Ausdruck von Freude und Humor und gerade Freude ist ja doch auch in der Bibel ausreichend erwähnt – wir feiern sie ja sogar am 3. Adventssonntag.

Oscar Maria Graf – einer der vergessenen großen deutschen Autoren schrieb einst: „Man braucht Humor, um sich zu verteidigen … man braucht Humor, immer wenn man machtlos ist“ Und Joseph Beuys sagte einst: „Wollen sie eine Revolution ohne Lachen machen?

Humor, Freude, Lachen! Das ist für mich fast ein Dreischritt: Humor ist eine Grundstimmung, die irgendwo zwischen dem Tragischen des Alltags und dem Komischen des Momentes seine Wurzeln und Nahrung findet. Freude ist die grundsätzliche Lebensform die wir als Christen, die in der erfüllten Hoffnung leben, ausleben sollen und können. Und das Lachen? Das ist der Ausdruck all dessen.

Aber der Mönch hatte schon auch recht. Lachen ist gefährlich. Gefährlich für all die Verkrustungen und Verkrusteten des Alltags, für all jene die irgendeinem „Issmus“ anhängen, für all die Extreme. Für die, die sich selbst zu ernst nehmen.

Wer Humor hat, zerstört Mauern, wer lacht verliert Ängste und wer Freude lebt, gewinnt Liebe. Und mit dem Blick auf das Zitat von Beys wage ich die These: Das Lachen schenkt den (eventuell einzigen) Raum, der eine Revolution zu einem positiven Erfolg führt.

Und daher, wenn wir annehmen, dass es im Christentum eben nicht um Macht geht, sondern um Solidarität mit den Armen und Schwachen –  gegen das Lebenszerstörende -, ist das Lachen eventuell die beste Waffe, die wir besitzen. Und dass das Lachen das ist, das wurde zumindest auch einige Zeit gelebt, wenn ich an den risus paschalis – an das Osterlachen – denke. Der/das sollte doch zeigen, dass das Leben über den Tod, dass der scheinbar Schwache über das scheinbar Starke gesiegt hat.

Daher denke ich, dass wir morgen nicht nur „Gaudete“ rufen dürfen, sondern auch ganz direkt, morgen und ganz besonders an der Krippe, an der wir in den nächsten Tagen stehen auch: ridet! Ridet! Kommt lasst uns lachen in und voller Freude!

Wer ist dieser Gott?

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Vaterunser-Kirche in
Die Kurzform des Textes war eine Statio zum Gottesdienst am 12.12.2017.

Verfolgt ihr die Diskussion, die Papst Franziskus angestoßen hat zum Vaterunser? Zwischen der Anklage zur Häresie gegen den Papst und den Jubelrufen gibt es viele Wortmeldung und es fasziniert wieder einmal wie viele Fachleute zu diesem Thema es gibt. Bei kirchlichen Themen hat wohl jeder ein Fachwissen. Was mich manchmal nervt, aber auch einen logischen Grund hat. Glaube geht alle an und gerade bei diesem Thema kommt dann die Ausgangsfrage dieser Diskussion auf: Was ist das für ein Gott zu dem wir beten?

Ich denke es ist gut, wenn wir diese Diskussion aufnehmen, mit einem Blick auf unser eigenes persönliches Gottesbild: Stellen wir, davon ausgehend, uns doch einmal die Frage: Was ist das für ein Gott an den wir glauben?

In der Lesung vom Dienstag der 2. Adventswoche (Jes 40, 1-11) haben wir einen Gott der auf der einen Seite seine Propheten auffordert sein Volk zu trösten, und ihnen Hoffnung auf eine gute Zukunft zusagt und auf der anderen Seite aber auch ein Gott, der sein Volk für ihre Sünden gestraft hat. Die Strafe – das Exil –  ist zugelassen von Gott.

Nochmal: Was ist das für ein Gott, dieser Gott der Bibel? Ist Gott gut oder böse? Oder gar beides? An was für einen Gott glauben wir? Bei Luthers Bibelübersetzung zum Beispiel taucht auch immer wieder ein „grausamer“ Gott auf. Ist Gott grausam? Verführt Gott den Menschen zur Strafe? Wie stehen wir zum Motiv des „Tag des JHWH“ im Buch Joel, wie prägt uns die Geschichte, in der Gott dem Teufel erlaubt Jesus in Versuchung zu führen?

Gibt es Situationen, die von Gott unterstütz werden, in denen uns Böses geschieht, wo uns Gott sozusagen „verdunkelt“ wird? Und wie halten wir das aus, wenn Gott den Teufel gewähren lässt, wie bei Hiob und somit irgendwie zu seinem eigenen Widersacher wird?

Oder ist diese Versuchung gar nicht so einseitig negativ, wie wir es wahrnehmen? Geht es vielmehr um eine Prüfung, die uns weiterbringt? Heißt es nicht im Jakobusbrief: „Achtet es für lauter Freude, meine Brüder, wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet!“

Die Diskussion zur Übersetzung des Vaterunsers geht auf alle Fälle an die Substanz. Es geht um die Gottesfrage, es geht um meinen Glauben, es geht um das Gesamte! Egal wie sich jeder von uns entscheidet, es gibt eben den Gott des Alten und Neuen Testament und das sind nicht verschiedene Götter, sondern ein und der selbe und es wäre zu leicht, ja eventuell sogar zu feige weiter sich vor der Frage zu verstecken in dem ich sage: Ach das eine ist ein veraltetes Gottesbild, das andere nicht.

Es ist die Gretchenfrage: Wie ist das bei dir mit Gott? Wer ist Gott und welche Rolle hat er in meinem Leben.

Stellen wir uns dieser Frage, stellen wir uns dieser Situation. Heute, jetzt – in jeder Zeit des Gebetes und der Liturgie, wo uns Gott – wie Jesus versprochen hat – ganz und gar Gegenwärtig ist.

 

Allein Trauer?

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„Ich bin in diesem Lande [Deutschland], in dem ich und meine Eltern geboren sind, überflüssig, und stelle fest, mit jeder erdenklichen Sicherheit: ‚Der Geist, der mir im Busen wohnt, er kann nach außen nichts bewegen“ – so Alfred Döblin im Jahr 1953 an den damaligen Bundespräsident Heuss.

Dieses Zitat und die Stimmung in der Döblin diese Worte schrieb sind die Folge der Tatsache, dass in Deutschland sich niemand für Döblin interessiert. Während seine Romane in den USA die Millionenmarke überschreiten liegen seine Bücher in Deutschland wie Backsteine in den Bücherlagern. Darüber hinaus musste er erleben, wie jene Autoren die in der Nazizeit geschrieben haben auch heute wieder an den wichtigen Hebeln der Zeit saßen. Für Döblin hatte sich nichts in Deutschland geändert und das stimmte – was die Literatur und Kunst betraf – allemal. Die alten Geister, die die erste Demokratie zerstörten und die Diktatur lobpreisten und unterstützten, waren noch immer da.

Das was damals in Deutschland geschah sehen wir nur aus den Erfolgsberichten der Geschichte. Das Gute haben wir behalten, die schlechten Erinnerungen sind verschwunden. Gerade auch für uns, die in dritter Generation geboren wurden. Aber wer sich die damalige Zeit dediziert anschaut wird lernen müssen, dass die Erkenntnis dass die Nationalsozialistische Epoche nichts ist, das wir abstreifen können sondern ein Teil von uns ist. Remarque überzieht das meiner Ansicht nach aber bringt es zumindest einmal auf den Punkt und spricht von: der „Ratte im Menschen, die man nie ersaufen kann“ (Arc de Triomphe).

Ganz kann ich nicht mit dieser Vorstellung von Remarque mitgehen, aber im Roman Arc de Triomphe zeigt sich dann auch noch der Moment der Hoffnung wenn es weiter heißt, dass falsche Ideologien und falsche Werte „die ansteckendste Krankheit[en sind], die es gibt„. Gegen Krankheit kann man kämpfen, Krankheit kann man eindämmen und im besten Falle auch heilen. Dass Remarque in diesem Bezug recht hat sehe ich heute wieder. Die damals bekannte Krankheit ist nicht ausgerottet und befällt Menschen immer wieder. Eventuell ist es daher gerade heute an jenem Tag an dem wir an drei einschneidende Ereignisse und Taten in der deutschen Geschichte gedenken wichtig, dies im Blick zu halten.

Erinnern – gerade an die bösen Momente in der Menschheitsgeschichte – dürfen kein starres Aufzählen und Festhalten sein. Wenn wir etwas aus der Geschichte lernen wollen, dann müssen wir die Barrieren die wir durch eine zu rein moralisierende Erinnerungskultur geschaffen haben überwinden und aus dem Entsetzen, bei der Betrachtung der Taten, zu einem Erkennen und einem Wollen gelangen, das uns radikal erfüllt in dem Ausruf: Nie wieder! Wir können die Taten der Geschichte nicht ungesühnt werden lassen, wir können nicht zeitlebens in Sack und Asche gehen, aber wir können das Leben und Sterben jener Opfer des Terrors und der Unmenschlichkeit dahingehend würdigen und ihnen dahingehend erinnern, indem wir Räume und Wirklichkeiten schaffen in denen eben gerade diese Unmenschlichkeit keine Heimat mehr findet.

Heute an diesem Tag geht es wieder darum, dass wir die Menschen die in Shoa und Terror ermordet wurden nicht ein zweites Mal sterben lassen in dem wir sie vergessen. Beten wir für uns, dass dies nie in uns geschieht. Dies können wir in dem wir uns eben auch an die Glücksmomente dieses Gedenktags erinnern, die ganz klar von der Sehnsucht nach Freiheit, nach Frieden und Menschenwürde sprechen.

Verantwortung zu mehr als nur Fragen

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Gestern war ich bei einer Veranstaltung bei der es um zentrale Themen der Zukunft ging. Es ging um den Themenkomplex „Mensch & Maschine“. Ganz im (leider nicht angesprochenen) Kontext von Sophia, dem ersten Roboter der eine Staatsbürgerschaft bekommen hat, stellten die Referenten ihr Thema vor. Einstieg war ein Film aus dem Internet (wie der Referent sagte), der jeder im www anschauen kann. Wirklich interessant.

Danach sollte ein Vortrag kommen. Ich war gespannt, denn ich finde diesen Themenkomplex entscheidend wichtig. Gerade die (meine mir nachfolgende) nächste Generation, die nicht nur wie die meinige die digitale Welt so einigermaßen nutzt, sondern geradezu in sie hineingeboren wurde, bracht Fragen & Antworten. Und ich finde nun mal, dass diese Generation Antworten der Theologie, des Glaubens braucht. 1979 hat Hans Jonas sein Buch „Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“ herausgebracht. Schlussendlich bot er mit diesem Buch eine Grundlage zur Diskussion und erste Gedanken zu Antworten auf Fragen, die damals noch fern, heute mehr als nahe sind. Gibt es dazu aber Antworten innerhalb der Theologie?

Der Vortrag (wenn man diesen als einen solchen benennen kann) kam also. Es war ein deklamieren von Fragen. Fragen, Fragen, Fragen … denn – so die Referenten am Schluss – sie wollten uns Fragen geben zum weiterdenken. Waaaaas???? Das nenne ich verschenkte Chance im besten Falle oder wenn ich ganz böse wäre, Feigheit vor der Verantwortung. Aber das mit den Fragen ist wohl usus in den christlichen Vorträgen. Immer und immer wieder, ob in akademischen Vorträgen, ob in Predigten oder an anderen Orten, weichen die Referenten, Prediger, Redner aus und stellen Fragen, zur „Förderung des Denkens“. Das mag ja in einem gewissen Kontext und an einem gewissen Punkt ganz gut sein, aber Fragen alleine reichen nicht. Es braucht Antworten. Es braucht Antworten die auch mal daneben gehen, aber es braucht Antworten, die zur Diskussion stehen können und müssen, damit wir zumindest erste Antworten finden auf das was kommt.

Lassen wir uns hier, bei diesem Thema, nicht schlussendlich schon wieder das Heft aus der Hand nehmen? Zu einem Thema, bei dem wir Christen was zu sagen haben? Oder haben wir schlussendlich nichts mehr zu sagen? Ist unser Glaube, unsere Botschaft so schal und leer geworden, dass wir der Gegenwart nichts mehr geben können? Sind wir so sehr in internen Grabenkämpfen und Stellvertreterdiskussionen verstrickt, dass wir nicht mehr über das existenzielle Diskutieren und dadurch nicht mehr sprach-fähig sind? Sind die vielen Fragen in den Vorträgen und Texten Ausdruck von Neugier oder doch schlussendlich nichts anderes als die Botschaft: Wir haben aufgegeben?

Vergebung, echt? Heute?

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Gedanken zum Terroranschlag von London im Blick auf das Tagesevangelium vom 24. Sonntag im Jahreskreis A: 17.09.2017

Unsere Stadt verurteilt die widerwärtigen Individuen, die mit Terror versuchen, uns zu schaden und unsere Lebensweise zu zerstören.“ So verurteilt der Londoner Bürgermeister wenige Minuten nach dem neuen Terroranschlag vom 15.09.2017 von London die Tat oder genauer die Täter.

Und wir hören heute ein Jesus der uns ermahnt, erbarmen zu haben und Menschen die böse Taten, die Fehler tun oder Schuld auf sich laden, zu verzeihen (Mt 18, 21-35).

Das ist hart, was da von uns verlangt wird. Da geht es um grundsätzliche Fragen, wie ach die Feindesliebe und die Frage nach dem was nach dem Tode kommt. Es ist hart, aber es ist nun mal die Forderung Jesu Christi und damit müssen wir uns auseinandersetzen. Es geht darum, dass wir das Himmelreich auf Erden erleben sollen.
Die Menschen die die Terroranschläge gemacht haben – die IS reklamiert den Anschlag für sich – wollen einen Gottesstaat, auch sie wollen die Herrschaft Gottes auf Erden – meinen aber nur eine menschliche Herrschaft. Diesem Fehler dürfen wir nicht nachfolgen. Unser Himmelreich muss anders sein.

Eventuell können wir, die wir aus der Ferne uns das ansehen noch ein bisschen entspannt sagen: Lasst es nicht zu, dass dieser Samen der Gewalt auch wirklich aufgeht. Aber wie reagieren wir, wenn eines der Opfer aus einem Terroranschlag aus unserem Freundeskreis oder aus unserer Familie stammt?

Wenn Jesus davon spricht, dass wir siebenundsiebzigmal verzeihen müssen, dann ist die Zahl nicht von ungefähr sondern bezieht sich auf das 4. Kapitel des Buches Genesis Lamech damit prahlt, dass sein Tot siebenundsiebzigmal gerächt werden wird (im Vergleich zu Kain). Jesus will uns mit diesem Zitat sagen, dass auf Gewalt, auf Sünde, auf Schuld keine gleichwertige Antwort folgen darf. Das wäre der falsche Weg. Das wäre der Weg in den Tot und nicht in das Leben.

Jesus verdeutlicht uns das im Gleichnis. Der König ist Gott und dieser Gott handelt voll Erbarmen. Unsere Taten, so schwer sie auch sein mögen, werden nicht nach Gesetz und Recht behandelt, sondern in der Maßeinheit der Barmherzigkeit. Dem Diener reute die Schuld und Gott hatte Mitleid. Dieses Mitleid hat der Knecht mit seinem Schuldner im zweiten Teil der Geschichte nicht. Er pocht auf sein Recht. Die Spirale des Abstiegs, der Schuld, des Todes dreht sich weiter. Schuld schafft neue Schuld und wird nicht unterbrochen.

Mit dem guten König sehen wir, wie Jesus das Verhältnis zwischen Gott und uns und zwischen uns Menschen sich vorstellt. Er will keine Knechte, keine Menschen die in Angst und Scham gefangen durch die Welt laufen. Er will Menschen die frei sind von Furcht und Schuld. Jesus nennt uns das Zauberwort zu dieser neuen Wirklichkeit: Erbarmen!
Es geht ihm um eine Welt, in der Menschen aus Gottes Erbarmen leben und deshalb auch – ganz nach dem Vorbild Gottes – miteinander barmherzig, verzeihend umgehen, einander nicht einengen auf ihre Fehler und Schulden, sondern einander zum Leben und zur Freiheit helfen – und damit selber frei werden.

Der Knecht hat das nicht verstanden. Und deshalb verurteilt ihn der König, wie wir im dritten Teil der Geschichte sehen. Der Knecht lebt nicht die Freiheit, die ihm Jesus schenken will. Er lässt sich nicht anstecken von Gottes Erbarmen und verschenkt so die Freiheit dieser neuen Wirklichkeit. Er verschenkt sein Leben, er lässt die Liebe, die er bekommt versanden, denn das, was er selber erlebt hat, das gibt er nicht weiter. Aber Liebe und Freiheit kann ich nicht einschließen, und auf mich alleine beziehen. Liebe und Freiheit ist per se Ausdruck von Weitergabe, von miteinander. Sie ist ein nehmen und geben, ein schenken und erhalten.

Allen Menschen bietet Gott eben diese Liebe an. Er bietet allen sein Erbarmen an. Die Schulden werden vergeben, wenn wir ihn annehmen, wenn wir die Liebe zulassen, wenn wir uns öffnen hin zum Leben und nicht hin zum Tod.

Eventuell ist daher auch das heute Evangelium keine Zumutung in dieser Situation, in dieser Zeit des Terrors, sondern eine Ermutigung, gerade diesem jetzt ganz besonders Entgegenzustehen. Nicht mit verbaler oder körperlicher, nicht mit physischer oder psychischer Gewalt, sondern mit dem Gegenteil.

Das bedeutet nicht, dass wir die Terroristen nicht nach Recht & Gesetz der Demokratie verfolgen und aburteilen sollen. So schwach die uns auch erscheinen mag. Das bedeutet nicht irgendwie in eine Kuschelhaltung und in einen überzogenen Pazifismus zu verfallen. Das bedeutet nicht die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen. Vielmehr bedeutet es eben, dass wir uns nicht auf diesen Hass einlassen, sondern unseren Blick weg von der Tat hin zu den Menschen wenden. Einmal zu den Opfern und zum zweiten auch zu den Tätern, denn nicht die Täter sind – ich Beziehe mich auf das Zitat des Bürgermeister von London – „widerwärtig“ sondern alleine die Tat. Die Täter sind, egal was sie tun und egal wie schwer das ist es zu akzeptieren, Geschöpfe Gottes und unser Handeln ihnen gegenüber darf nicht blind vor Wut sondern klar von Frieden und Liebe sein, von dem Wissen, die einzige Zukunft, die trägt ist die der Barmherzigkeit.

Die Fanatiker des IS oder anderer Kreise geben das was ihnen Gott gibt nicht weiter. Sie sind die neuen Folterknechte Jesu. Sie sind Folterknechte ihre Mitmenschen und auch sich selber gegenüber. Sie lassen das Erbarmen, das sie selber erleben können in der Liebe Gottes nicht zu.
Jesus Christus hat gang bewusst auch gegenüber den Folterknechten sein Kreuz angenommen. Oder, brechen wir es runter auf uns Menschen und auf uns bekannte Beispiele: Maximilian Kolbe, Mahatma Ghandi und in gewissem Sinne auch die Heilige Hildegard, Heilige des heutigen Tages, haben ihr Kreuz angenommen, auch wenn es scheinbar unerreichbar war, was es zu erreichen galt. Nun ist es an uns, diesen Terror anzunehmen, nicht darunter zu zerbrechen, sondern daran zu wachsen und ihm Eines entgegenzustellen, das einzige was wirklich hilft: Erbarmen.
Der Geist des IS und der anderen fanatischen Gruppen, der nichts anderes als Hass und Tod ist, wird nicht scheitern an Kriegseinsätzen oder Gegenschläge sondern allein an der Botschaft Jesu – an unserer gelebten Christusnachfolge, aber nur wenn wir uns an das Erkennungszeichen aus der Apostelgeschichte halten: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten“ – das was wir hier feiern: heute, hier und jetzt das zeigt seinen Wert und seine Zukunftsfähigkeit an den Dramen in London, Barcelona, Paris, Berlin oder sonst wo auf dieser Welt, wo der Terror unser Leben zerstören will.

Feiern wir heute diese Eucharistie in Verbundenheit mit den Opfern aber auch im Gebet um die Täter. Handeln wir mit erbarmen, so schwer verträglich es auch für uns sein mag.