Bücher

Frings, Thomas: „Aus, Amen – Ende?“

Die Meldung im Jahr 2016, dass ein Priester seine Gemeinde nach vielen Jahren der Seelsorge abgibt und eine Auszeit braucht um sich neu zu sortieren, ging durch alle möglichen Medien. Trotz ausführlicher Stellungnahme konnte man aus den Meldungen damals meist mehr die Meinung der Berichterstatter herauslesen, als die Meinung des Geistlichen Thomas Frings.

Nun, ein Jahr später legt der Seelsorger einen ausführlicheren Text vor als die damalige Stellungnahme. Ausführlich dahingehend, dass er den Text aus dem Jahr 2016 noch einmal zur Hand nimmt, seine Aussagen von damals reflektiert und vertieft. Hinzu kommt ein Modell, ein Vorschlag für eine neu gelebte Seelsorge.

Nun kann so manch ein Leser sagen: nichts Neues findet sich in diesem Buch. Das mag sein, dass Theoretiker genau dies so sehen. Was ganz sicher der Fall ist: Neu ist es nicht, dass Priester, die als Pfarrer Gemeinden leiten, sich davon zurückziehen. Die auffallendsten Fälle sind meist jene, die danach dann laisiert werden, da sie in einer Beziehung lebten. Eher unauffällig aber dafür noch Mahnender sind jene Pfarrer, die aufgrund der beruflichen Situation nicht mehr weiter wissen. Oft genug werden diese Priester, von den Kollegen die „Durchhalten“, nicht gerne gesehen. Ich selber kenne ein paar Priester, die sich mit diesem Problem beschäftigen und auch einer, der sich zum gleichen Schritt aufgerafft hat.

Bei Thomas Frings ist das jedoch ein bisschen anders, denn  endlich – und das ist das erste Neue daran – kommt hier ein Priester in einem größeren Rahmen zu Wort, der Seelsorger war, ist und auch bleiben will, sich aber bewusst gegen die aktuelle Pfarreien-Struktur stellt. Der also aus dem Hamsterrad aussteigt in das sich, dank Strukturreform und Zustandsbewahrer von Formen und Strukturen, die katholische Kirche in Deutschland an vielen Punkten verrannt hat.

Ebenfalls ist (leider) auch Neu an diesem Buch, dass alle Probleme, Sorgen und Misstände nicht mit Frustration, sondern mit einem hohen Respekt gegenüber all den darin Wirkenden benannt werden. Ich kenne leider kein anderes Buch, keinen anderen Text, der in dieser Form Kritik anbringt. So wird dieses Buch zu einem Text in dem ich immer wieder positiv zustimmen kann, denn viele Situationen sind mir bekannt, da ich sie so oder so ähnlich selber erlebt habe und mir davon von Freunden berichtet wurde. Was ich darüber hinaus noch schätze an dieser Situationsbeschreibung von Thomas Frings, ist die Wertschätzung, die gegenüber der Arbeit sich durch alle Anfragen, durch alle Beispiele zieht.

Das Buch ist aufgeteilt in zwei grobe Bereiche: Der erste Teil der gut zwei drittel des Buches umfasst, stellt eben die schon benannte Situationsbeschreibung und Analyse aus dem Alltag des Pfarrers Frings, dar. Der zweite Teil könnte als „Vorschlag zum Weiterdenken“ überschrieben werden. Wie gesagt, vieles ist nicht neu, was hier zu lesen ist, es ist aber gut zusammengefasst und bietet so eine gute Grundlage für eine nachfolgende Diskussion. Und eine Diskussion ist doch wohl notwendig nach diesem Buch, ganz besonders auch, zum Vorschlag eines neuen Modells für die Gemeindeseelsorge, der „Entscheidungsgemeinde“.  Hier handelt es sich aus meiner Sicht wirklich erst einmal um einen Vorschlag, einen Ausgangspunkt für eine Diskussion. Nicht weil er unausgereift erscheint, vielmehr weil es für viele Haupt- und Ehrenamtlichen doch schon eine große Anforderung ist, das einmal durchzudenken, was er vorschlägt und somit das eigene Wirken auf einen ehrlichen und reflektierten Prüfstand zu stellen. Dieses neue Gemeindemodell bricht mit so manchen Ansätzen, die für uns Standard sind. Wer hier weiterdenkt wird merken, dass alte Begriffe und Modell gar nicht mehr tragen würden. Damit wären die Fragen nach einer „Komm- oder Gehpastorale“ überholt. Begriffe wie Grundversorgung würden als das erscheinen, was sie sind: Unwürdig für den Auftrag der Kirche. Und Theorien von Schließungen würden ersetzt werden müssen gegen Modelle des Aufbaus und der Motivation.

Das Buch ist ein kleines Buch, schnell zu lesen, das so manch einer schnell weglegen wird. Es wird eventuell auch in zehn Jahren nicht mehr allzu bekannt sein. Es ist keine große Reformtheologie, die in diesem Buch zu lesen ist. Das Buch ist aber genau das, was wir heute eher brauchen. Keine Konzepte- und Strukturpapiere sondern eine Motivation zur Seelsorge – ja, das ist dieses Buch und damit hat dieses Buch auch eine wichtige Rolle, denn es steht in einer Linie mit den Wünschen des aktuellen Papstes, die Seelsorge wieder aus einem spirituellen Ansatz heraus anzugehen, damit Hirte und Herde sich gemeinsam auf die Wurzeln der Kirche, auf Christus beziehen.

Tuvia Tenenbom: Allein unter Juden, Suhrkamp 2014.

Wie wohl immer weniger Menschen bevorzuge ich es, dass ich mich für eine Reise in ein anderes Land mit passender Literatur eindecke. In diesem Falle dann aber auch Literatur die mehr zu bieten hat als die Insider-Tipps, die schon seit Jahren in den Reiseführern steht bzw. Informationen und Erklärungen zu Sehenswürdigkeiten die sowas von Oberflächlich sind, dass schon ein 140Zeichen Tweet mehr Informationen bietet.

Da ich mit einer Grupp ein den nächsten Tagen aufbreche ins Heilige Land lese ich somit einiges an Büchern. Dazu gehörte in den letzten Tagen das Buch: „Allein unter Juden“ von Tuvia Tenenbom aus dem Verlag #Suhrkamp. Das 2014 erschienene Buch ist in 55. Stationen aufgeteilt. Darin berichtet Tuvia Tenenbom von seiner Zeit in Israel und von den Menschen denen er begegnen durfte, mit denen er gesprochen, diskutiert, gestritten, gelacht und geweint hat. Vor diesem Buch hatte ich brav erstmal eine Summe von Artikel gelesen, Statistiken und Berichte von verschiedenen Politikern, NGO’s und anderen Fachleuten gelesen und ich merkte von der ersten Seite an, dass da ein gravierender Unterschied sichtbar wird. Das Israel, die Menschen in Israel und Palästina beschreibt und erlebt er in einem ganz anderen Blick als die Fachleute.  Warum ist das so? Tenenbom meint, es liegt an seinem Nachfragen, es liegt daran, dass er sich nicht abspeisen lässt mit pauschalen Mitteilungen und Informationen. Er will und wollte hinter die Kulissen schauen. Dies ist ihm auch gelungen. Aber stimmt das auch alles? Das kann ich nicht beurteilen. An manchen Stellen habe ich mich hingesetzt und einmal im Internet nachgeprüft und siehe: Mit dem neuen Blick auf Statistiken und Meldungen fällt einem auf, dass sich die Wahrnehmung verschiebt – oder verschieben lässt – und dass ein schwarz-weiß-denken gar nicht mehr drin ist, ja und dass viele der Meldungen zu Israel und der Situation dort durch einige Weglassungen in den Meldungen ein ganz anderes Gesicht bekommen, als wenn man sich ein bisschen mehr damit auseinandersetzt. Bilder geben neue Botschaften, wenn man die Situation in einem anderen Blickwinkel aufnimmt, Ereignisse werden nicht mehr so grausam und böse, wenn man die Vorgeschichte erlebt …

Tenenbom hat all die Geschichten, all die Erlebnisse und Gedanken in Israel aufgeschrieben in wunderbar unterhaltsame kleine Texte. Voller Humor – ist das Klitsche wenn ich sage jüdischem Humor? – mit so manch einem Augenzwinkern und oft mit einer Prise Ironie bekommt der Leser einblicke in eine Welt die noch faszinierender wird, als man sie eh schon erlebt.

Hier werde ich regelmäßig jene Bücher vorstellen, die ich gerade lese …