Zusammenhänge – oder doch verrückt?

Gerade sitze ich am PC und schreibe und manchmal brauche ich dazu Musik, dabei gibt es nur wenig Musik die mich nicht ablenkt, sondern motiviert weiter zu denken. Dazu gehört viel von Bach und ganz besonders die Goldberg-Variationen von Glenn Gould. Wobei das „gefährlich“ für mich ist, dieses Werk auszusuchen, wie ich gerade wieder merke. Warum? Ganz einfach es ist ein „Lustmacher“ nach Literatur. Die von Gould gespielte Goldberg-Variationen machen Lust auf Thomas Bernhard, obwohl ich weiß, dass einer der Protagonisten des Romans „Der Untergeher“ zwar Glenn Gould heißt, aber fiktionale Ansätze hat, so gelüstet es mich nach den Worten Bernhards.

Solche Verbindungen von Musik und Bücher, von Situationen, Gerüchen, Geschmäckern und Stimmungen mit speziellen Büchern überkommt mich immer mal wieder. Da schmecke ich auf der Zunge etwas und denke an ein Buch, das ich unbedingt lesen muss, da bringt mich ein Musikstück in die Stimmung ein spezielles Buch in die Hand zu nehmen – so wie gestern Abend. Mitten in einem Orgelwerk von Bach überkommt es mich und ich habe Sehnsucht nach Dante.

Erlebt ihr sowas auch? Oder bin ich da ein bisschen Literaturverrückt?

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Dantes Gesänge – Begegnung mit Mandelstam

Dutli, Ralph; Dantes Gesänge – Gerät zum Einfangen der Zukunft. Verlag Wallstein. 2017

Als ich in der Buchhandlung meines Vertrauens dieses kleine schmale blaue Bändchen griff und „Dante“ im Titel entdeckte, war es fast schon gekauft. Stehts bin ich auf der Suche um mich dem großen Autor anzunähern.

Dass ich dabei einem Autor begegne, den ich zwar rudimentär kenne, aber erstmal beim Kauf nicht wahrgenommen habe, war überraschend, aber irgendwie – es geht ja um Dante – logisch. Logisch deshalb, weil wirklich gute Poeten doch irgendwie sich immer an Dante abarbeiten, mit Dante arbeiten müssen. Irgendwie scheint doch zu gelten: Ohne Dante keine moderne Poesie.

Das Buch beschäftigt sich mit der Auseinandersetzung Mandestams mit dem Werk Dante, genauer mit seiner Göttlichen Komödie. Der Autor Ralph Dutli zeigt an einzelnen Gedichten und an biografischen Informationen, wie sehr Dante den jüdisch-russischen Dichter Ossip Mandelstam geprägt und geformt hat, ja wie er in seinen Werken die Kunst Dantes vertieft und neu zum Sprechen gebracht hat.

Die 48 Seiten des Büchleins bieten Einblicke, Gedanken, Bilder und Worte, die einfach nachklingen und die so „zwischendurch“ die eigene Alltagswelt vergessen machen. Dante und Mandelstam, das ist eine Mischung, die man spätestens nach diesem Buch, weiter lesen muss.

Das Buch hat große Freude bereitet und hat zu weiteren Texten von Ossip Mandelstam motiviert. Den Dante sollte man – das merkt man an diesem Buch – eh immer zur Hand haben.

9783835330474l

Selig die nicht sehen …

Selig die, die nicht sehen und doch glauben! Das ist ein zentraler Satz für den heutigen Tag. Als er gesprochen wurde, in jenen Tagen nach der Auferstehung, lebten Menschen, die den Messias leibhaftig gesehen haben. Es sind Menschen, die vor und nach der Kreuzigung mit ihm leben. Darunter Thomas, der nicht nur sehen, sondern den Herrn anfassen musste. Er musste ihn und die Botschaft be- und ergreifen. Er gehört zu den ganz vielen, die eben gesehen haben, die gehört und gesehen haben und geglaubt haben.

Uns bleibt nichts anderes als zu Glauben ohne zu sehen. Nur wirklich sehr wenigen kommt die große Ehre zuteil, den Herrn zu sehen so lange sie leben. Ein paar wenige Heilige (Was ich persönlich ganz angenehm finde, dass es so ist). Anderseits: Wie sehr würde manches sich erleichtern, wenn wir auch anfassen können, wenn wir Jesus leibhaftig ergreifen können. Manchmal, das muss ich gestehen, wünschte ich mir den kindlichen Wunsch, dass es für mich auch ein Kreuz gibt, das spricht, wie bei Don Camillo – aber wie gesagt, es ist auch gut so, dass das nicht eintrifft.

Im Münster von Freiburg stehen sich die Figuren von Jesus und Thomas gegenüber. Es erscheint so, wie wenn sie über den Altar hinweggehend auf einander zu gehen könnten. Jesus und Thomas, Wahrheit und Zweifel begegnen sich, am Altar.

Wenn ich im Münster ministriere, dann sitze ich manchmal so, dass ich bis zur Eucharistie den Thomas ansehen kann. Nach der Kommunion sitze ich so, dass ich Jesus im Blick habe. Und es erinnert mich, dass das ganze Christenleben ein sich hinbewegen zu Jesu ist. Geprägt von Zweifel und von den Momenten, der Gewissheit. Das Wort Gottes hören wir, wir nehmen es an, wir versuchen es zu verstehen, wir zweifeln und sind unsicher. Dafür schenkt uns Gott seine Gegenwart im Leib und Blut. Die Eucharistie ist ein Ort an dem Zweifel aufgehoben werden, denn hier ist absolut Erinnerung, ein Aha-Moment, des Lebens für das Leben. Aber schon danach bleibt nichts als Glaube, ein Glaube, der von Prämissen ausgeht, die schlussendlich nach menschlichen empirischen Ansätzen nicht belegbar sind. Es bleibt als Gewissheit allein die Grundhaltung, die Offenheit, die Beziehung zu den Erfahrungen, nicht allein von mir, sondern von allen vor mir. Und es bleibt, der so schwere Satz: Selig, die nicht sehen und doch glauben!