Franziskus: Die Kraft der Berufung

Und ein weiteres Franziskusbuch steht im Schrank. Genauer: Wieder ein Interviewbuch. Das Format nervt so langsam, gerade auch deshalb weil die Gesprächspartner des Papstes nicht die spritzigsten sind. Der aktuelle Interviewpartner, Fernando Prado, hat diesmal Zwischentexte oder Erklärungen und eine Einführung eingefügt, die keine weitere sinnvolle Information liefern, eher nur die Seiten füllen.

Nichtsdestotrotz: Lesenswert ist das Büchlein sicherlich. Der Papst bestärkt die Schwestern und Brüder des geweihten Lebens und oft genug auch nochmal einzeln darauf hingewiesen, die Weltpriester in ihrem Dienst für Gott und Volk Gottes. Dabei verweist er auf die Texte, die diesen Dienst definieren (II. Vatikanum) und in welchem Kontext die Mitglieder des geweihten Lebens und Priester zum Volk Gottes stehen. Er motiviert sie nochmal mehr auf Jesu zu vertrauen, mehr Abschied zu nehmen von Sicherheit und seine drei „P“ als Grundlage für das Leben, für die Gemeinschaft, für den Dienst zu nehmen. Die „P“s  sind im spanischen vorhanden. Übersetz bezieht er sich hier auf Armut, Gebet und Geduld. Daraus heraus spricht Franziskus dann über die Qualität von Gemeinschaften und Gruppen, davon ausgehend spricht er aber genauso über Ausbildung und deren zwingend notwendigen Grundlagen.

Andeutungsweise spricht Papst Franziskus Themen rund um Macht, um Missbrauch aber auch über neuere geistliche Bewegungen, die manchmal nur vordergründig zum Vorteil der Kirche sind und in sich manche Probleme und Unmenschlichkeiten enthalten. Klar und direkt spricht er über die Themen „Rolle der Frau“, „Homosexualität“, „Klerikalismus“ und dem Grundauftrag der Kirche, der Mission, dem Glaubenszeugnis, das allein gelingen kann in einem vorgelebten positiven Glaubensleben.

Das Buch ist klein, das Buch ist kurzweilig. Das Buch bietet viele Textpassagen, die versierte Papst-Leser in vielen anderen Texten schon gehört und gelesen haben und trotzdem, so wie der Papst nie müde wird seine Christuszentrierung der ganzen Kirche zu verordnen, so dürfen wir auch dieses Büchlein nutzen zur Erbauung und zur Stärkung zu einem Leben, das die Botschaft Jesu Christi nicht nur prägt sondern auch ausstrahlt.

Fazit: Lesenswert, ganz besonders für kirchliche MitarbeiterInnen und Mitglieder des geweihten Lebens. 

Zur Ergänzung: Man wünscht sich ein besseres Lektorat. Allein auf der Coverrückseite sind drei Fehler, die Übersetzung kann besser werden, das Buch ist mit 16,00 € einfach zu teuer und es wäre schön, wenn Papst Franziskus sich kompetentere (im Bereich von Interview) und unterhaltsamere Gesprächspartner sucht.

Papst Franziskus: Die Kraft der Berufung. Ein Gespräch mit Fernando Prado, CMF. Freiburg, Basel, Wien 2018.

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Schade, dass ich es gekauft habe

In der Zeit vor dem Advent, tauchen die vielen Neuerscheinungen im Bereich „Weihnachtsbuch“ auf. Dabei zeigt sich von Jahr zu Jahr mehr, dass es immer mehr Publikationen gibt, in denen die Texte weniger und die Bilder mehr werden. Das ist eine Wirklichkeit der Zeit, dass die Botschaft über Bild und Video einfach mehr erwünscht ist und genutzt wird. Die einen mögen das negieren. Ich finde das grundsätzlich nicht schlecht, sondern eine Chance, die es zu nutzen gilt. Gerade für das Christentum sehe ich hier eine große Chance, denn wer, wenn nicht das Christentum hat die Botschaft über das Bild über Jahrhunderte perfektioniert. Unsere Kirchen sind voll von in Bild gebrachte Botschaften. Jedes Fenster, jeder Altar und jede Statue zeugen von dieser Kunst eben nicht nur etwas darzustellen, sondern eine ganze Geschichte zu erzählen.

Aber wie bei so vielen anderen Dingen hat die Kirche gerade beim Thema „Bild“ oder breiter gesagt, beim Thema „Kunst“ im 20. Jahrhundert und somit auch im 21. Jahrhundert wohl wahrlich die Kompetenz verloren. Dies zeigt sich nicht nur am Verhältnis Künstler und Kirche, sondern auch im Bereich der Ästhetik bei Bildauswahl in der Pastoral und was dabei meist vergessen wird, tragfähigere Bilder auch im Wort zu malen.

Die lange Einführung bitte ich zu entschuldigen, aber ich sehe sie als notwendig um zu zeigen wie qualitativ zweifelhaft ein neu erschienenes Buch ist, das zu allem Leid auch von Autoren verfasst wurden, die aus meinem Heimatbistum kommen.

In den Tagen vor dem Advent, beim Durchstreifen der Buchhandlungen, stolperte ich über ein Buch mit dem unterhaltsamen Titel „Singen, beten, Glühwein trinken“. Gestoppt durch den Titel, erfreut über die geschaffene Aufmerksamkeit, geschockt schon über das grafisch echt schlecht gemachte Cover – kaufte ich (leider) das Buch und nahm es schon gleich daheim zur Hand. Das Vorwort des Buches beschreibt das Ziel und die Grundidee des Buches. Es geht, wenn ich es recht verstanden habe, darum Verknüpfungen zwischen dem gelebten Alltag des Advents – oder eher der Vorweihnachtszeit, wie es unkommentiert steht – und der Botschaft, die wir im Christentum hierzu vermitteln dürfen, ja müssen. Das Buch soll Impulse setzten, soll all jenen, die im hektischen Alltag das „mehr“ suchen, den Weg zu mehr Tiefgang eröffnen. Und ganz wichtig, das wird im Vorwort wie auch später betont: Es handelt sich hier um praxiserprobte Texte und Impulse.

Wirklich, ich kann nicht beurteilen, wie die Texte im gesprochenen Kontext, verstärkt durch die Alltagssituation angekommen sind. Aber geschrieben, gelesen muss ich rundweg sagen: Wo bleibt die Verantwortung der Autoren für den Text, für die Botschaft? Die Sprache dieses Buches berichtet genau davon, was – entschuldigen sie bitte Erich Flügge – wohl meinen könnte mit seinen Ausführungen in seinem Buch. Anders gesagt, die Texte des Buches berichten davon, dass das Christentum ein existenzielles Darstellungsproblem hat. Inhaltlich lebt dieses Buch von Floskeln, von Füllsätzen, von seichten oft sehr konstruiert verfassten Beispielen und von einer Vorstellungswelt, die fern dessen ist, was „normale“ Menschen, also Menschen außerhalb der so heilen Berufswelt von Kirche er-leben.

Gerade an diesem Buch erlaube ich mir die Frage: Es wird an allen Ecken und Enden gefordert, dass die Kirche moderner werden muss, dass Reformen die Kirche in das Heute bringen soll. Wahrlich, vieles davon kann ich unterschreiben. Aber: Warum machen wir es nicht vor und beginnen dort, wo wir ganz schnell etwas anfangen können: Bei der Sprache und bei der Darstellung!

Inspiration soll dieses Buch, genauer die Texte bieten. Inspiration zu was? Wenn die Impulsfragen aus einer wirklichen Lebenswelt kommen, wirklich ernst gemeint sind, dann muss jeder, der nicht tagtäglich im kirchlichen Sprech lebt sagen: Ade, mit mir nicht – oder nehmt ihr mich eigentlich ernst?

Ernst nehmen. Das ist ein spannendes Stichwort. Sowohl bei den Texten, wie auch zu den Bildern. Es muss die Frage erlaubt sein, ob einmal die Menschen, die angesprochen werden sollen, ernst genommen werden und zum zweiten die Botschaft? Es ist gut und richtig, dass versucht wird unsere Botschaft in eine Welt zu bringen, in einem Kontext zu setzten, der oft genug weit entfernt ist von der kirchlichen Welt. Das möchte ich nochmal unterstreichen. Die Idee ist gut. Aber die Botschaft so existenziell zu verwässern – nicht durch die Ideen an sich – sondern eben durch eine verwässerte Sprache des zwischenzeitlich institutionalisierten Sprech.

Diese Frage gilt es auch beim Bildprogramm zu stellen. Sind die Bilder Ernsthaft so gewollt? Die meisten Bilder zeugen davon, was sie sind: „fotostock“-Bilder, die halt ausgewählt wurden. Es sind Kalenderbilder für den Geschenkekalender beim Laden um die Ecke für 2,99 €. Meine Mutter hat solche Kalenderbilder aufs Gäste-WC gehängt. Heute hängt da der Apotheker-Kalender mit Kunstdrucken. Und das spiegelt eben genau das wieder. Der Stil der Bilder kennen wir aus der Pastorale vergangener Zeiten oder von Referenten, die nach ihrer Zeit in der Jugendarbeit (nach 20 Jahren) nun Bildimpulse machen im Erwachsenenwerk. Ich will auch hier nicht das Tun an sich kritisieren. Auch die Idee nicht sogenannte modernen Bilder zu verwenden, aber die Ausführung will ich kritisieren. Die Aufmachung des gesamten Buches zeugt von einer Unüberlegtheit, von einer Welt, die schön ist, aber aus der wir wohl alle nicht heraustreten. Das Buch erzählt davon, dass die Chance der Zusammenstellung von Bild und Text, die Chance der Botschaft des Bildes sowohl im Bild wie auch im gemalten Wort nicht erkannt oder zumindest nicht genutzt wurde. Schlussendlich macht mich dieses Buch traurig. Neue und nicht im kirchlichen Kontext begegnenden Zielgruppen sollte das Buch wohl ansprechen. An den gewünschten geht es sicher vorbei. Gekauft wird es von denen aus der „Blase“. Schlussendlich macht mich das Buch traurig, bleibt ein schaler Nachgeschmack, wenn man das Buch seriös-kritisch betrachtet.

Mein Fazit: Das ganze Buch strahlt eine klassische katholisch-christliche Mittelmäßigkeit aus, die sich nur versammeln lässt in dem Satz: „Es war gut gemeint …“ – aber das reicht nicht. Das hat noch nie gereicht und heute erst recht nicht. Mein Apell bleibt: Begnügen wir uns nicht weiter mit Mittelmäßigkeit!

Ich lese gerade …

Zum Abend habe ich ein neues Buch zur Hand genommen. Von Thomas Sparr das neu erschienene Buch „Grunewald im Orient„, das eine Hommage an das deutsch-jüdische Jerusalem – Rehavia – ist.

Die ersten Seiten sind auf alle Fälle angenehm zu lesen. Unterhaltsam und kurzweilig und ein erster Schritt in eine vergangene literarisch-philosophische (Traum)-Welt. Mehr davon kommt noch …

Das Buch ist nun fertig gelesen und liegt hier auf dem Tisch. Ich will es eigentlich gar nicht weglegen, denn es hat mich wirklich entführt in eine fremde und doch so bekannte Welt. Der Autor Thomas Sparr hat aus Briefen, Büchern und Gesprächen ein Kaleidoskop des Ortsteil Rehavia in Jerusalem geschaffen, das uns als Leser wirklich in die Vergangenheit entführt. In eine Vergangenheit die zwischen war und sein wird gelegen ist. Dabei stellt er die Geschichte des kleinen Ortes dar der zutiefst auch verbunden ist mit der deutschsprachigen Geschichte, mit der deutschsprachigen Geisteswelt und Literatur. Viele dieser Persönlichkeiten sind uns heute in Deutschland fremd, ja unbekannt, andere lassen uns leichte Erinnerungen aufsteigen an tiefe Worte und Poesie und dann sind da noch die ganz großen, denen wir auch heute in Literatur und Philosophie begegnen. Allen voran Martin Buber, der fern der deutschen Heimat das große Bindeglied fertig schnürte zwischen Christentum und Judentum, zwischen Deutschland und Israel; seine mit Rosenzweig erstellte wunderbare Bibelübersetzung!

Dieser Ort, fern der deutschen Welt war ein Gegenpol. Eine Trutzburg für all die Flüchtlinge, für all jene deren Wurzeln zerrissen und die aus einem „trotzdem“ heraus lebten.

Das Buch kann für manche ganz nüchtern die Geschichte eines Wachstums erzählen. Andere, jene die ein literarisches Herz haben, wird das Buch erfreuen und Einladung sein in den Tiefen von Bibliotheken wieder jene Bücher zu entdecken, die vergessen sind, so wie ihre Autoren und die Lebensgeschichten.

Das Buch hat mir gezeigt: Ich muss wieder nach Israel, nach Jerusalem. Es gibt in diesem Land noch viel zu entdecken. Gerade noch so manche Wurzel, die jeder von uns in diesem Land hat.