Krimifreude

Herron, Mick; Slow Horses. Ein Fall für Jackson Lamb. Verlag Diogenes. 2018. 24,00 €

Slouhg House – ein Ort an dem die lahmen Hunde ihren Dienst tun. Lahme Hunde, das sind jene Agenten und Mitarbeiter des MI5 die irgendwann einmal einen groben Fehler begangen haben und abgeschoben wurden. Lahme Hunde sind jene Mitarbeiter, die mit dem Wegschieben nach Slough House, dazu motiviert werden sollen, selbst zu kündigen, denn Arbeitsschutz, Kündigungsschutz und vieles mehr hat auch Einzug gehalten in die englische Agentenwelt, was bedeutet, dass man mit Agenten nicht mehr so umgehen kann, wie in der Zeit als noch alles klarer erschien, als es noch schwarz und weiß, die guten und bösen, jene hinter dem Vorhang und jene davor gab.

Die lahmen Hunde erwachen in diesem ersten Band der Slough House Reihe um Jackson Lamb, oder anders gesagt, es stellt sich heraus, dass nicht jeder lahme Hund das ist, was er zu sein scheint. Und es zeigt sich, dass jene „guten“ Mitarbeiter des MI5 die in der Regent’s Park sitzen, eventuell anders einzuschätzen sind, als es vordergründig getan wird.

Ein Video taucht auf, ein Video mit der Botschaft, dass eine Gruppe einen Einzelnen entführt hat, um diesen nach Ablauf des Ultimatums zu köpfen. Dabei geht es um Rassismus, um Vergeltung und um einen dritten Aspekt, der sich nach und nach herauskristallisiert. Der Entführte ist ein Pakistani, die Entführer sind englische Nazis. Die Entführung, die Szene darum herum, birgt jenes Potenzial, das die schlafenden Hunde um Jackson Lamb, dem Leiter von Slow House und ehemaliger Spitzenagent der Zeit des Eisernen Vorhangs, „aufwachen“ und sich einmischen lässt. Es zeigt sich: Lamb wird oft falsch eingeschätzt und seine Männern und Frauen, die ihm unterstellt sind, ebenfalls. Und damit verändern sie den Lauf der Geschichte in eine Richtung, die von anderen nicht geplant wird.

Die Handlung eilt, denn sie ist so geschrieben, dass Szene um Szene rasch wechselt, und so eine Schnelligkeit entsteht, die die Handlung verstärkt. Die Geschichte nimmt fahrt auf, der Leser zittert, denn jede Minute zählt. Wer die EBook-Version liest, dem fällt es eventuell schwerer mitzukommen, denn der Umbruch ist so, dass Absätze nicht immer wahrgenommen werden können. Das schafft Verwirrung und wirft den Lesenden aus der Bahn. Wer ganz haptisch arbeitet, mit dem Buch in der Hand liest, der hat dieses Problem nicht und kann sich ganz in die Geschichte hineinfinden.

Dabei ist zu erahnen, dass diese Geschichte wirklich der erste Band einer Reihe ist, denn die Charakteren werden mit der Geschichte vorgestellt. Der Lesende erfährt die Lebensgeschichte, die Lebensumstände, Personenbeschreibung und die Gründe warum er oder sie im Slough House gelandet ist. Diese Personenvorstellung stört aber nicht, da sie eben in die Handlung gut eingebettet ist, sie fördert jedoch den Suchtfaktor den zweiten Band in die Hand zu nehmen und fördert die Enttäuschung darüber, dass bisher erst zwei Bände der Lamb-Reihe in deutscher Übersetzung vorliegen. Aber wer des Englischen mächtig ist sei getröstet, denn sieben Bände der Reihe hat Mick Herron schon herausgegeben.

Alles in allem ist es der erste Band „Slow Horses“ ein guter Einstieg in eine Agenten-Reihe. Spannend, gute Handlung, gut herausgearbeitete Charakteren und ein Rahmen und Umfeld, der und das Raum gibt für viele gute Geschichten. Aber wer bei einer MI5 Geschichte weitere James-Bond-Stories will, dürfte (vorerst) enttäuscht sein aber bald erkennen. Lamb und seine Mannschaft ist einfach besser. Somit: Absolut zu empfehlen.

Band II. „Dead Lions“ ist schon gekauft und verspricht zumindest auf den ersten paar Seiten ein spannendes Lesevergnügen.

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Falstaff in Freiburg

Es war für mich ein schöner Musikabend am vergangenen Mittwoch (16.10.19) im Stadttheater von Freiburg. Ob die Musik absolut höchsten Standard entspricht, kann ich als Laie nicht sagen. Mir hat es gefallen, auch wenn ich manchmal stutzte. Manchmal war mir das Orchester zu laut oder die SängerInnen zu leise. Manchmal fand ich das Zusammenspiel nicht ganz klar, aber das können nur subjektive Wahrnehmungen sein, die auch an meinem Platz liegen konnten.

Allgemein kann ich sagen, dass sich wieder meine These bestätigt hat. Opern in Freiburg kann man besuchen. Die Musik, die MusikerInnen und die SängerInnen sind gut, sie laden ein zum zuhören. Sie bringen durch ihre Leistung die Musik den Zuhörern nahe. In Freiburg kann ich die Augen schließen (wenn man den Text kennt) und der Musik lauschen und Fragen nachhängen.

Der SWR kommentierte die Inszenierung als „bleiernd und todernst„. Ich würde sie einfach nur langweilig nennen und nur bedingt eine komische Oper und ich stelle mir die Frage, welche Botschaften sollten da wieder übermittelt werden, die wer auch immer aus dem Text etc. herausgelesen hat.

Wie schon gesagt, MusikerInnen und SängerInnen haben mir sehr gefallen. Auch das Bühnenbild selbst und in sich betrachtet war wieder großartig. Eine Verneigung an die Handwerker, die solche Aufbauten leisten, mit all den kleinen Kleinigkeiten und Besonderheiten, die versteckt sind und während des Spiels verwendet werden.

Aber es bleiben eine Summe von warum mit Blick auf die Inszenierung?

Warum?

  • Muss dieses Stück in einem sehr amerikanisch-puritanischen Haushalt aufgeführt werden? Heben wir uns über die Spießigkeit dieser Zeit hinaus? Warum wird gerade nicht solch ein Werk historisch verortet? Oder wenn, dann bitte in einer echten Auseinandersetzung des Heutes? Es ist einfach langweilig, wenn Falstaff als Greace-Rowdy gewandet auftaucht.
  • Allgemein stellt sich mir die Frage, warum werden diese Personen so überzeichnet nach eigenem Gusto. Verdi bzw. sein Librettist Arrigo Boito haben die von Shakespeare gezeichneten Personen wunderbar bearbeitet und ihre Besonderheiten überzeichnet. Warum wird dies nicht genutzt?
  • Was hat das Stück mit dieser Überfrachtung von Unterhosen zu tun? Soll das Schocken? Fragen stellen? Wenn ja, dann frage ich dagegen: Ernsthaft? Kein Mensch schockt es im Zeitalter von „Blanck ziehen“ und Videos unter Röcken machen noch, wenn jemand sein Unterhöschen auszieht. Und die Herren in Schiesser Feinripp mit Eingriff – was es in Freiburg schon öfters (z. B. Warten auf Godot) gegeben hat – gereicht im besten Falle noch zu einem Werbevertrag mit der ehemals großen Marke. Einen anderen Sinn zeigt sich nicht, auch nicht wenn es um „die dreckige Wäsche“ geht. Dieser Aspekt ist absolut schwach gezeichnet und sehr fragwürdig platziert, wenn er denn gewollt ist.
  • Warum kriechen eigentlich inzwischen andauernd irgendwelche Leute auf dem Boden rum. Gerade die Sänger müssen gefüllt ganze Bilder lang auf dem Boden rumliegen.
  • Es ist eine komische Oper, so stehts auf dem Libretto. Das komische ist nahezu ausgemerzt aus dieser Inszenierung. Die „lustigen Weiber“ sind weg. Moralisierende Überziehungen in den Charakteren führt zu dem was Moral immer ist: Langweilig! Komisch wird die Oper allein an jenen Stellen an denen die Situationskomik herausbricht, da zwischen Text und dem Spiel Diskrepanzen auftauchen. Zum Beispiel, wenn Falstaff nach Glühwein ruft und Ewigkeiten später aus einer farblosen Flasche trinkt oder wenn er auf einem Haufen dreckiger Wäsche (nochmal warum) liegt und davon spricht an der Eiche zu sein oder gar, wenn es immer wieder um den Paravent geht und die Frage offen bleibt: „ei woh ist denn der“? (da rettet dann auch kein noch so großartiges Bühnenbild)
  • Wo bleibt die Komik eines Flastaffs wenn er im Wäschekorb steckt, wo bleibt die Ironie in seinem Lebenskonzept, wo bleibt die Komik des völlig „baden gegangenen“ Falstaff, der die Welt nicht mehr versteht. Wo bleibt die Schlussbotschaft, die Botschaft „Tutto nel mondo è burla, l’uom è nato burlone.“, die unter dem Geschrei des Chores in eine Dramatik sich wandelt, die meines Erachtens nicht Sinn der Sache ist.
  • Allgemein das Schlussbild frustriert absolut. Man mag sich ja daran gewöhnt haben, dass nun alles in einem gefliesten Keller stattfindet. Kein „schwarzer Jäger mit Hirschgeweih“, keine Feen, keine lustigen Weiber von Windsor, und die Verkleidung: Es bleibt allein ein frustriertes Aufstöhnen. Insbesondere die völlig gescheiterte Kleiderwahl der zu trauenden.
  • Wunderbar ist die kleine Szene im zweiten Akt. 2. Bild in der Ford mit seiner Eifersucht kämpft. Der Sänger zeigt solch eine Tiefe des Ausbruchs in seinem Spiel und seinem Singen. Es ist wunderbar, was da geschieht um die Ambivalenz aufzuzeigen und eventuell im Stück befindliche Fragen und Themen wirklich aufzugreifen (was nicht wirklich geschehen ist). Diese Szene wird dann wieder geradezu zerstört von einem weiteren Anflug von Zerstörung. In diesem Falle sind es Schallplatten, die völlig ohne sichtbarem Zusammenhang, zerbrochen werden und dann auf dem Boden zerstreut liegen.
  • Allgemein stellt sich die Frage, warum so viel zerbrochen, herumgeschmissen wird und warum z. B. daher Mrs. Quickli (übrigens eine Freundin von Frau Ford und keine Haushaltshilfe wie hier) und andere andauernd zum Aufräumen rumlaufen müssen.
  • Ein Punkt fällt mir im Vergleich zu anderen Inszenierungen auf. Das Stück lies eine gewisse Schnelligkeit vermissen. An vielen stelle war das Werk sehr lang, fast getragen. Es fehlte die Spontanität, die quirlige Situation – eventuell zeigt sich das an Mrs. Quickli, die alles andere als quickly war.

Nochmal: Es war ein schöner Abend im Theater in Freiburg bei der Oper. Es wäre ein Genuss wenn die Inszenierung – das gilt für die meisten – endlich wieder mehr an den Stücken und deren tiefgründigen Botschaften halten würden, als an den Botschaften der im Theater Verantwortlichen.

Das Theater ist aus meiner Sicht heraus ein Ort in dem durch Musik und/oder Spiel tiefgreifende Erfahrungen dem Zuhörer nahe gebracht werden. Dabei ist es mir schon wichtig, dass der Zuschauer nicht in einer Wohlfühloase sich einrichtet sondern auch herausgefordert wird, zum Nachdenken, zum Zuhören. Kunst soll bilden durch Unterhaltung. Was aber hier immer wieder gezeigt wird ist kein wachrütteln, sondern ein langweiliger Versuch zu schockieren zu moralisieren, zu thematisieren, in einer Form, die im besten Falle aufregt oder die jede Ästhetik beleidigt, die im schlimmsten Falle dazu führt, dass man nicht mehr ins Theater/Oper geht, weil es einfach – und das habe ich schon ein paar mal gesagt – langweilig ist.

Fazit: In die Oper sollte man, die Musik ist gut, diejenigen auf, unter und hinter der Bühne liefern eine großartige Arbeit ab. Man sollte sich jedoch vorbereiten und versuchen sich von der Inszenierung nicht ablencken zu lassen.

Eine Freude …

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Ich bin sehr überrascht! Vor einigen Tagen habe ich erfahren, dass es im neuen Buch von Eva Mühlbacher doch glatt eine Namensnennung meiner Person gibt. Das freut mich sehr und ich sage danke für die Widmung, gerade auch, für eine Widmung in solch einem illustren Kreis von „Altrömern“ ;-).

Über das Buch kann ich noch nichts erzählen, denn ich habe es nun erstmal bestellt und warte auf die Zusendung. Aber ich freue mich schon sehr und empfehle es schon jetzt, allein deshalb weil es gut ist junge Autoren und Autorinnen durch gute Verkaufszahlen zu unterstützen .

Das Buch ist im Arovell Verlag in Wien erschienen. In dessen Online-Shop kann das Buch gekauft werden, aber noch besser ist es, wenn ihr in eure Buchhandlung vor Ort geht und das Buch dort bestellt, auch wenn es einige Tage Lieferzeit hat. Warum dort? Erstens: Wer Arbeitsplätze, AutorInnen und Kreativität sichern will, muss Buchhandlungen und kleine Verlage unterstützen und das geschieht nicht durch einen Einkauf bei Amazon und Co.