AKK hat als Narr gesprochen

„Ich kann nur über das lachen, was mir wichtig ist“ und gerade dieser Ansatz enteckt man bei echten Narren. Narr sein, gerade auch in einer Tradition der Hofnarren zu stehen, wie es das Narrengericht zu Stockach tut, bedeutet laut den Mächtigen den Spiegel vorzuhalten. Und die Mächtigen der heutigen Zeit sind die Lobbyisten, die Medien und die Interessensgruppen. Ein Narr ist hier fragend, ist hier einer, der ohne auf die Position zu achten das sagt, was ihm komisch vor kommt und dort den Finger hinein hält wo es schmerzt. Und das hat Die CDU-Chefin in Stockach getan. Sie hat eine großartige Verteidigung gehalten und hat gezeigt, wer im Saal Narr ist und wer nicht. Dabei hat sie Themen angesprochen die inzwischen zu „heiligen Kühen“ erhoben wurden. Oder genauer: sie hat nicht einzelne Themen angesprochen, sondern ihre Auswüchse. Sie hat nicht eine Gruppen von Menschen beleidigt und diskriminiert, sondern sie hat Auswüchse und Systeme in Frage gestellt.

AKK hat mit ihrer Aussage, die ich voll und ganz unterstützen kann, ein System belächelt, einen Zustand in Frage gestellt, der eben sehr fraglich ist. Und nun schreien nicht die einzelnen Menschen auf, sondern Vertreter von Lobbyverbänden, selbst ernannte Experten und – entschuldigt aber deren Meinung bin ich zwischenzeitlich – Menschen, die allein jene Veränderungen im Blick haben, die zum Machterhalt von Einzelnen, Gruppen, Parteien oder Lobbyisten da sind und die aktiv die Grundlage unserer Demokratie zerstören (wollen). Dieser aktuelle Medienrummel, den ich, wie in vielen anderen Fällen, als eine moderne Ausprägung von Menschenjagd ansehe, nützt keinem Menschen, der seine geschlechtlichen Zuordnung nach den klassischen zwei Formen nicht benennen kann. Diese Hetzjagd hilft allein einer fragwürdigen Polemik, dem Populismus und Interessengruppen die fern sind all jener die eigentlich einmal vertreten werden sollten.

Wenn ich mich recht entsinne dann hat der Deutschlandfunk die aktuelle Narrenrede der AKK mit ihrer Haltung zur „Ehe für alle“ in Verbindung gebracht. Beide Themenbereiche, die Intersexualität und die Frage nach einer gesetzlichen Absicherung von gleichgeschlechtlichen Paaren hat verschiedene Ebenen. Einmal und das ist das entscheidende gilt es, all jene Menschen die diese Themenbereiche betreffen zu achten und ihnen in Würde zu begegnen. Es gilt dafür Sorge zu tragen, dass dort wo sie benachteiligt werden, dass dort wo sie in ihren Menschenrechten eingeschränkt werden, sie Hilfe und Beistand erhalten, damit sie als Menschen so leben können, wie sie es im Kontext des positiven staatlichen Rechtes und der Menschenrechte, tun sollen dürfen – nicht mehr und nicht weniger, denn dies gilt für alle Menschen hier in diesem unseren Land.

Diese Grundlage, also die Gleichberechtigung kann und darf niemand negieren. Es braucht aber gerade in einer Gesamtgesellschaftlichen Diskussion auch eine andere Ebene der Diskussion, und hier gilt es zu beachten, dass Gleichberechtigung fern von einer Gleichmacherei ist. Wer Besonderheiten wirklich achten will, der darf sie nicht einebnen, sondern Formen finden in denen alle Besonderheiten gewürdigt und geachtet werden können. Alles andere – und damit die meisten Lobbyisten, die meisten Populismen und die anderen „-issmen“  widersprechen dem demokratischen Ansatz und der Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft. Jede Gesellschaft, die den Schutz der eigenen Meinung verwechselt mit Absolutheitstendenzen, geht zu Grunde, zerstört sich selber. Gerade dies aber geschieht in unserer Gesellschaft immer mehr. Populisten und Lobbyisten arbeiten darauf hin, dass Minderheitenmeinungen mehr Beachtung erhalten als die Frage nach gesamtgesellschaftlichen Ansätzen und Konsens. Wir müssen endlich wieder unsere Gesellschaft über gemeinsame Grundlagen definieren und nicht über Einzelfälle und Kleinstgruppen. Gesetze und gesellschaftliche Ordnungen brauchen einen breiten Konsens der so weit ist, dass Einzelsituationen aufgenommen werden können – gerade das konnte gerade unser BRD-Rechtssystem sehr gut, dort wo es auch die weltoffenen und menschenbejahenden Staatsvertreter und Juristen gab.

AKK hat mit ihrer Narrenrede gerade diese Meinungsmacher angegriffen und hat gerade auch eine aktuelle Strömung angefragt, in der man überzogene Handlungen nicht mehr in Frage stellen kann – und genau diese, die überzogene Handlungen (- die zu „issmen“ mutieren und radikalisiert werden) und ihre Vertreter schießen nun gegen sie. Doch wenn wir diesen Stimmen weiterhin die Möglichkeit schenken, so den Diskussionsraum zu besetzten, dann wird es uns als Gesellschaft nicht gut gehen. Wir brauchen ein Umdenken, wir brauchen einen neuen Pragmatismus und endlich den Respekt verschiedener fundierter und menschenachtender Meinungen und Haltungen.

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Straßenfasnet

Noch ein paar Stunden für mich und meine Fasnetzeit 2019 geht zu Ende. Es war in diesen Tagen immer ein wunderbares Erlebnis. Der einzige Wehrmutstropfen ist, dass ich die schönen Momente der Radolfzeller Fasnet nicht mit „meinem“ Verein erlebt habe. Das ist aber eine Erfahrung, die ich schon seit vielen Jahren mache. Schon als ich Vorstand des Vereins war musste ich akzeptieren, dass ich eigentlich irgendwie ein Fremdkörper bin, der eine Fasnet feiert und lebt, die in diesem Verein nicht (mehr) gefeiert wird.

Dafür gibt es gute – sehr gute – Alternative die Radolfzeller Straßenfasnet und eben Radolfzeller die einfach Straßenfasnet feiern. Und das ist wunderbar.

Es ist wunderbar, wenn man in den Radolfzeller Wirtschaften, Besenwirtschaften oder auf der Straße feiern kann. Mit lachenden Menschen und mit so vielen Musiken, ob groß oder klein.

Am Fasnetsonntag bin ich um halb elf aus dem Haus und um zehn am Abend nach Hause gekommen. Manches mal war es später, aber auf dem Heimweg ist mir wieder bewusst geworden: Es geht nicht um die Zeit, nicht um die Alkoholmenge, sondern um das grundsätzliche Gefühl der Freude und der Gemeinschaft und die konnte ich wieder erleben. Radolfzell sei dank!

Als ehemaliger Vorstand habe ich mir schon zu den aktiven Zeiten die Frage gestellt, wie Fasnet im 21. Jhdt. gefeiert werden kann. Die einzige Antwort, die mir bisher wirklich dazu kam und auch weiter kommt ist das Schlagwort: „Straßenfasnet“. Nur wenn die Vereine gerade dies unterstützen, wenn die Vereine in großen Bereichen Abschied nehmen von in den 1980/90er Jahren gewachsenen Strukturen, von Programm und Hallen und endlich wieder eine Mentalität der Beizenfasnet um sich greift, kann sich was verändern und sich Fasnet erhalten. Musik, kleine Gruppen, Freude am Kostüm, gute Unterhaltung, Offenheit zwischen den Generationen – manches kann man jetzt schon erleben, vieles muss wachsen. Ich freue mich auf eine solche Fasnet.

Heile Welt

Im Jahr 2000 ist ein Buch erschienen, das sich mit den in den 1970igern und frühen 1980iger aufgewachsenen Deutschen beschäftigt. Als ich das Buch damals las, fand ich mich, obwohl ich nicht ganz in die Generation reinpasse, absolut wieder. Florian Illies schuf mit seinem Buch eine Studie jener Zeit, die für viele eine Zeit der heilen Welt war und in der Rückschau noch immer ist. Die Welt war damals irgendwie einfacher, klarer und wie er es schon auf den ersten Seiten beschreibt: Es gab noch Momente, in denen man irgendwie wusste, dass alles gerade irgendwie stimmt. Trotz der heilen Welt erkannte aber Illies damals schon die großen Schwächen der „Generation Golf“.

Daran musste ich gerade denken, als ich zur kleinen Pause auf YouTube ein „70er Jahre Musiksammlung“ anmachte und dabei auch auf die Kommentare stieß. Da träumen und berichten einzelne Follower wirklich davon, dass in den 1970iger die Welt besser war, ja dass damals die Welt noch heil war.

Dabei vergessen die Menschen den Terrorismus von München (1972), die Ölkrise, Watergate-Affäre, Geiselnahmen, Bürgerkriege, die Reste des Vietnamkrieg, den „Deutschen Herbst“ mit seinem Terrorismus direkt in der „Nachbarschaft“ und so vieles mehr …

Die Welt war damals nicht besser oder schlechter, sie war anders. Unsere Lebenswirklichkeit war anders. Die Welt kam noch nicht so schnell und so detailliert in unser persönliches Leben und vermeintliche sichere Strukturen und Verhaltensmuster bestanden noch.

Aber ich frage mich, ist diese „Schönmalerei“ der Vergangenheit, ja ist gerade die Zeit der 1970iger selber, nicht eventuell der Grund, oder eine Wurzel dessen was uns im Heute umtreibt. Finden wir da nicht Antworten warum wir in dieser Welt so viele Krisen und Probleme haben, warum es in Deutschland wieder salonfähig ist, rassistische und nationalsozialistische Gedanken öffentlich zu verbreiten, warum unser Bildungssystem versagt, unsere Sicherungssysteme scheitern und unsere gesellschaftlichen Systeme immer mehr auseinanderbrechen?

Ich frage mich das auch im Kontext der Kirche(n). Wenn ich mir so manche Konzepte, Systeme, Planungen und Aussagen (Theorien) anschaue, dann finden wir die Idee und die Wurzel in den 1960/1970iger Jahre. Das ist per se nicht schlecht, aber vieles davon ist auf diese Zeit, auf jene Weltsicht zementiert und wurde nicht weiterentwickelt. Manch ein Redetext, manch eine Publikation kann man heute noch lesen, die auch 1973 geschrieben hätte werden können unter den gleichen Prämissen. Ich weiß nicht ob das gut ist! Zeigen sich nicht auch hier die Schwächen der „Generation Golf“?