„E se non piangi, di che pianger suoli?“

Es ist traurig, ich bin traurig, bei solch einer Nachricht, wie jener, dass Italien, das Land des Humanismus per se, Menschen verhaftet, weil sie nicht wegschauen, weil sie die Verantwortung übernehmen, die wir Europäer so lange von uns wegschieben.

Es ist die Verantwortung unseres Lebens, die sich aus einer Grundsituation in unserer Welt und Gesellschaft ergibt, die wir – ich als einzelne Person – eventuell nicht zu verantworten habe, für die ich aber mitverantwortlich bin, denn durch passives Verhalten, durch meinen Lebensstil, durch ein Verhalten meiner Freunde, meiner Familie, meiner Gemeinschaft (Staat, Gesellschaft) hat sich in der Welt etwas zum Schlechten gewandelt, leiden andere weil irgendwer gedankenlos oder gar bösartig was getan hat, das Folgen hat.

Die Lebenssituation Afrikas ist so ein Fall. Wir haben und wir tun es noch immer, diesen Kontinent ausgebeutet. Unser Lebensstil hat Folgen für Afrika und nun sind die Folgen so radikal, dass die Menschen fliehen, seit Jahren und Jahrzehnten, aber erst seit 2015 bekommen wir das mil. Kommt der Bumerang zu uns – wenn auch sehr klein und eher noch aktuell aufgebauscht – zurück.

Im 33. Gesang des Infernos (Dante; La Divina Commedia), erfahren wir vom Graf Ugolino, der miterleben musste, wie seine Kinder im Gefängnis, an seiner Seite verhungern. Im Inferno betreibt er nun Kannibalismus um dieses ungemeine Leid, das er erleben musste zu rächen. Dabei findet sich ein Satz, im Rahmen der Erzählung über den Tod seiner Kinder, der ungemein passt: „E se non piangi, di che pianger suoli?“ (33/42: „Und wenn du hier nicht weinst, wann willst du weinen?“)

Also, wann wollen wir weinen? Oder sind wir schon so tot, so egoistisch und stupide, dass wir nur wegschauen, dass wir viel lieber – analog, wie der Erzbischof Ruggieri in der Geschichte – die Menschen weiter wegschließen und dafür sorgen, dass sie verhungern?

Und wie Pisa im Inferno angeklagt, so gilt es uns, und in dem heutigen Falle Salvini und die Rechten Italiens und Europas anzuklagen, die verweigern die Menschlichkeit. Aber auch uns, als die „Nachbarn“, die darüber hinwegsehen, wie ein erlässlicher kleiner unbedeutender Fehler:

„Ahi Pisa, vituperio de le genti

del bel paese là dove ‚l sì suona,

poi che i vicini a te punir son lenti“

(Inferno; 33,79-81)

Werbeanzeigen

Podcast

Klar, ich bin da ein bisschen hinterher, aber ich erobere mir gerade die Welt der Podcast. Da gibt es wunderbare Sachen und ein perfekter Input so zwischendurch, quer von Politik, Geschichte, Gesellschaft, Medien und Digitales bis hin zu Lifestyle. „Gemischtes Hack“ finde ich ungemein Unterhaltsam. Aber auch „die blaue Stunde„.

In der letzten blauen Stunde ging es um „Argwohn & Wohlwollen“. Spannendes, mich ansprechendes Thema. Wie laufen wir denn durch diese Welt? Voller Wohlwollen den Anderen gegenüber oder eher voller Argwohn? (Als ich den Titel hörte hab ich mich zuerst gefragt ob das nicht ein absolut veraltetes Wort ist „Argwohn“. Sagt man das heute noch)

Ein Diskussionspunkt war unter anderem: Gibt es Berufe und Berufsgruppen bzw. die Menschen zu diesen Berufsgruppen, die grundsätzlich voller Argwohn sind? Steuerprüfer? Bahnschaffner? Beides sind doch Berufsgruppen die durch die Gegend laufen und per se voraussetzen, dass der Gegenüber sie verarschen will, oder? Immer müssen die Anderen beweisen, dass das was geschehen ist nicht mit Hinterlist getan wurde. Dabei fiel ein Satz: „Gib den Dummen Macht und sie missbrauchen sie„. Harter Satz und grundsätzlich negativ, aber nachdem er ausgesprochen wurde braucht es die Frage: Stimmt das?

Ich finde das Wort „Dummen“ hart. Aber ich denke, dass sehr viel Machtmissbrauch nicht aus Hass oder so entsteht, sondern aufgrund fehlender Kompetenz. Und wir haben in unserer Gesellschaft an viel zu vielen Stellen, die nicht die Kompetenz haben diese Auszufüllen. Die meisten davon wissen das selbst, wollen aber die Stellen (meist Führungs- und Prestigestellen) nicht verlieren. Also was machen diese? Dafür kämpfen, dass man den Posten behält und somit sich per se verteidigen und jeden „zerstören“ der einem gefährlich werden könnte.

Dabei ist dieser ganze Prozess dazu ungut. Für jene die unter dem Missbrauch leiden, für jene die aus diesen Aspekten heraus handeln, wie sie handeln, denn sie sind unzufrieden, leben ein Leben im dauerhaften Argwohn, müssen stehts 150% wach sein und Tag für Tag dafür sorgen, dass ein Schein bestehen bleibt. Darüber hinaus leben sie in einer dauerhaften negativen Haltung, die schlussendlich auch sie selbst negiert. Wer so handelt, der kann sich selbst nicht ehrlich lieben, denn sonst würde er sich selbst nicht so fertig machen. Das ist nicht gut.

In einer psychologischen Richtung wird da von einem Dramadreieck gesprochen. Das gilt es zu durchbrechen. Da muss man vom Argwohn zum Wohlwollen gelangen! Einmal selbst für sich, aber auch als Gesellschaft, Einrichtung, Unternehmen indem Menschen besser ausgebildet werden und wir immer mehr sagen was wirklich ist.

Also ich finde das zwei super spannende Haltungen, die es gilt durchzudeklinieren. Grundsätzlich! Und als Christ sowieso. Das wäre dann wieder pure Alltagstauglichkeit der Botschaft Christi: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 12,30-31)

(ganz wichtig: Ich habe bei diesem Thema keinen einzelnen Menschen explizit angesprochen oder gemeint außer mich selbst)

AKK hat als Narr gesprochen

„Ich kann nur über das lachen, was mir wichtig ist“ und gerade dieser Ansatz enteckt man bei echten Narren. Narr sein, gerade auch in einer Tradition der Hofnarren zu stehen, wie es das Narrengericht zu Stockach tut, bedeutet laut den Mächtigen den Spiegel vorzuhalten. Und die Mächtigen der heutigen Zeit sind die Lobbyisten, die Medien und die Interessensgruppen. Ein Narr ist hier fragend, ist hier einer, der ohne auf die Position zu achten das sagt, was ihm komisch vor kommt und dort den Finger hinein hält wo es schmerzt. Und das hat Die CDU-Chefin in Stockach getan. Sie hat eine großartige Verteidigung gehalten und hat gezeigt, wer im Saal Narr ist und wer nicht. Dabei hat sie Themen angesprochen die inzwischen zu „heiligen Kühen“ erhoben wurden. Oder genauer: sie hat nicht einzelne Themen angesprochen, sondern ihre Auswüchse. Sie hat nicht eine Gruppen von Menschen beleidigt und diskriminiert, sondern sie hat Auswüchse und Systeme in Frage gestellt.

AKK hat mit ihrer Aussage, die ich voll und ganz unterstützen kann, ein System belächelt, einen Zustand in Frage gestellt, der eben sehr fraglich ist. Und nun schreien nicht die einzelnen Menschen auf, sondern Vertreter von Lobbyverbänden, selbst ernannte Experten und – entschuldigt aber deren Meinung bin ich zwischenzeitlich – Menschen, die allein jene Veränderungen im Blick haben, die zum Machterhalt von Einzelnen, Gruppen, Parteien oder Lobbyisten da sind und die aktiv die Grundlage unserer Demokratie zerstören (wollen). Dieser aktuelle Medienrummel, den ich, wie in vielen anderen Fällen, als eine moderne Ausprägung von Menschenjagd ansehe, nützt keinem Menschen, der seine geschlechtlichen Zuordnung nach den klassischen zwei Formen nicht benennen kann. Diese Hetzjagd hilft allein einer fragwürdigen Polemik, dem Populismus und Interessengruppen die fern sind all jener die eigentlich einmal vertreten werden sollten.

Wenn ich mich recht entsinne dann hat der Deutschlandfunk die aktuelle Narrenrede der AKK mit ihrer Haltung zur „Ehe für alle“ in Verbindung gebracht. Beide Themenbereiche, die Intersexualität und die Frage nach einer gesetzlichen Absicherung von gleichgeschlechtlichen Paaren hat verschiedene Ebenen. Einmal und das ist das entscheidende gilt es, all jene Menschen die diese Themenbereiche betreffen zu achten und ihnen in Würde zu begegnen. Es gilt dafür Sorge zu tragen, dass dort wo sie benachteiligt werden, dass dort wo sie in ihren Menschenrechten eingeschränkt werden, sie Hilfe und Beistand erhalten, damit sie als Menschen so leben können, wie sie es im Kontext des positiven staatlichen Rechtes und der Menschenrechte, tun sollen dürfen – nicht mehr und nicht weniger, denn dies gilt für alle Menschen hier in diesem unseren Land.

Diese Grundlage, also die Gleichberechtigung kann und darf niemand negieren. Es braucht aber gerade in einer Gesamtgesellschaftlichen Diskussion auch eine andere Ebene der Diskussion, und hier gilt es zu beachten, dass Gleichberechtigung fern von einer Gleichmacherei ist. Wer Besonderheiten wirklich achten will, der darf sie nicht einebnen, sondern Formen finden in denen alle Besonderheiten gewürdigt und geachtet werden können. Alles andere – und damit die meisten Lobbyisten, die meisten Populismen und die anderen „-issmen“  widersprechen dem demokratischen Ansatz und der Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft. Jede Gesellschaft, die den Schutz der eigenen Meinung verwechselt mit Absolutheitstendenzen, geht zu Grunde, zerstört sich selber. Gerade dies aber geschieht in unserer Gesellschaft immer mehr. Populisten und Lobbyisten arbeiten darauf hin, dass Minderheitenmeinungen mehr Beachtung erhalten als die Frage nach gesamtgesellschaftlichen Ansätzen und Konsens. Wir müssen endlich wieder unsere Gesellschaft über gemeinsame Grundlagen definieren und nicht über Einzelfälle und Kleinstgruppen. Gesetze und gesellschaftliche Ordnungen brauchen einen breiten Konsens der so weit ist, dass Einzelsituationen aufgenommen werden können – gerade das konnte gerade unser BRD-Rechtssystem sehr gut, dort wo es auch die weltoffenen und menschenbejahenden Staatsvertreter und Juristen gab.

AKK hat mit ihrer Narrenrede gerade diese Meinungsmacher angegriffen und hat gerade auch eine aktuelle Strömung angefragt, in der man überzogene Handlungen nicht mehr in Frage stellen kann – und genau diese, die überzogene Handlungen (- die zu „issmen“ mutieren und radikalisiert werden) und ihre Vertreter schießen nun gegen sie. Doch wenn wir diesen Stimmen weiterhin die Möglichkeit schenken, so den Diskussionsraum zu besetzten, dann wird es uns als Gesellschaft nicht gut gehen. Wir brauchen ein Umdenken, wir brauchen einen neuen Pragmatismus und endlich den Respekt verschiedener fundierter und menschenachtender Meinungen und Haltungen.