Offene Fragen – Zukunft

Es ist ja doch so, dass, wenn man sich mit einem Thema beschäftigt, plötzlich ganz viele weitere Impulse hinzukommen. So ist das auch mit der Frage nach der Ausbildung von Priestern bzw. nach der Ausbildung von Menschen damit sie ihren Berufen/Berufungen nachkommen können.

Aktuell ist in unserer deutschsprachigen Kirchenwelt die Meinung sehr stark vertreten nicht nur das wissenschaftliche Theologiestudium – so wie es ja schon usus ist – für Priester und PastoralreferentInnen identisch zu gestalten und zu fördern sondern auch die weitere Ausbildung – dann auch mit anderen Berufen wie dem des Gemeindereferenten der Gemeindereferentin – immer mehr zu verzahnen und zu vereinheitlichen. Hinzu kommt in allen Berufsbereichen die Forderung nach einer Profilierung, was ich ganz persönlich sehr wichtig finde. Gerade für die Frage der Rolle und der Identität des Priesterberufs braucht es auch eine ehrliche Auseinandersetzung mit Rolle und Identität des Pastoralreferenten/Pastoralreferentin. Gerade letztere, so erlebe ich es doch noch viel zu oft, lebt von einem „Anti-Bild“ oder von einer „nur“-Haltung in Abgrenzung zum Priester, bzw. einer weiteren Abgrenzung im Gegenzug zum Gemeindereferenten.

Nun bin ich aus rein pragmatischen Gründen absolut dafür, dass Ausbildungseinrichtungen zusammengelegt werden. Es ist gerade bei den aktuellen Zahlen und der Veränderungen (nicht nur bei den Priestern) einfach sinnvoll, dass Ausbildungseinheiten wirtschaftlich tragfähiger gemacht werden durch höhere Teilnehmerzahlen. Genauso braucht es Antworten und Konzepte, wie die personellen Ressourcen bei den Ausbildern mehr in den Blick kommen. Das ist mir verständlich und ich finde Konzepte dazu als zwingend notwendig. Wo sich mir noch ein ungutes Gefühl einschleicht ist bei einer Planung, die sich allein auf wirtschaftliche Aspekte ausrichtet und eben die oben schon genannten Profilierungen überhaupt nicht mehr in den Blick nimmt. Es gibt – gerade in der Spiritualität bzw. im Bereich des geistlichen Lebenskonzeptes – Unterschiede, die es zu beachten gilt. Daher lehne ich Exerzitien und geistliche Angebote, dann ab, wenn sie pauschal zusammengelegt werden und die einzigen Angebote sind. Gerade hier zeigen sich große Unterschiede bei den Themen, die „gerade dran sind“ oder bei den Fragen, die noch auftauchen. Dies kann nicht in den Gesprächen und Gebetszeiten abgehandelt werden, dies muss dann die ganze Veranstaltung prägen und führt zur Überforderung, Unterforderung oder Einseitigkeit aus der Sicht der jeweiligen Berufsgruppe.

Eine andere Frage stellt sich mir im Rahmen der Ausbildung seit einigen Tagen ungemein: Wie sicher ist das Berufsbild des hauptamtlichen nicht-geweihten Mitarbeiter innerhalb der Kirche (der Pfarrei)? Die Frage ergibt sich für mich, da ich voraussetze und auch erhoffe, dass in einigen Jahren die „fetten Jahre“ der Kirchensteuerkirche zu Ende sein werden. Das mag zwar für einige ein Horrorszenario sein, für mich jedoch weniger, da ich der Meinung bin, was gut 1800 Jahre geklappt hat, wird auch in Zukunft klappen. Wir brauchen keine Kirchensteuer, wir brauchen keine pauschalen Staatsleistungen. Wenn wir diese finanziellen Leistungen in dieser Form aber nicht mehr haben werden, was wird dann aus den aufgeblähten Ordinariaten und kirchlichen Verwaltungsstellen? Genauer: Was wird aus diesem Personal? Und was wird aus den vielen, in großen Teilen auch guten hauptamtlichen MitarbeiterInnen in den Pfarreien?

Wäre es nicht, gerade im Blick auf eine Verantwortung für die Zukunft, nicht endlich Zeit, sich dazu genauer Gedanken zu machen und ausgehend von diesen Gedanken Ausbildungskonzepte zu entwickeln? Aus diesem Aspekt heraus stellen sich auch nochmal die Fragen nach der Lebensform des Priesters und des Diakons. Wie wird das später sein, in einer Kirche ohne Kirchensteuer? Wenn wir uns nur noch das leisten können, was die Spenden und die Einnahmen aus den Ländereien uns erlauben? Da lassen sich die Versorgungsbezüge für Priester und Diakone ohne Probleme kürzen bzw. verändern (was ich auch gut finde), solange sie zölibatär leben. Aber was machen wir mit jenen, die bei Kirchens angestellt sind und Familie haben? Einige werden wir gut bezahlen können, aber bei vielen Aufgaben werden wir auf Konzepte zurückgreifen müssen, die in anderen Ländern unter dem Begriff der Katecheten sich versammeln.

Genauso können und müssen wir uns einmal ernsthaft die Frage nach der Residenzpflicht im Kontext der Frage nach Leitung stellen, die bei Priestern „normal“ aber bei den Mitarbeitern sehr umstritten ist. Wer aber eine Pfarrei leitet muss vor Ort sein, muss am Leben seiner Gemeinde aktiv teilnehmen. Die Idee hinter der Residenzpflicht von Priestern und Bischöfen ist zwar alt, aber noch immer entscheidend, die Hirtensorge bleibt, mögen wir auch diskutieren in der Zukunft wer sie zu übernehmen hat.

Und was ist mit der Arbeitszeit. In meiner Vorstellung – ich weiß, es gibt viel zu viel negative Beispiele bei den Priestern – hat ein Pfarrer mal freie Zeit, aber ein Priester ist nie, nicht im Dienst. Der freie Tag, Urlaub, etc. das sind Konzepte und Modelle, die gibt es in dieser Form bei Priestern erst seit den Jahren nach dem II. Vatikanischen Konzil. In vielen Ländern ist das nicht einmal bekannt – denken wir nur einmal an Papst Franziskus und seiner Aussage: „Das Konstrukt des Urlaubs kenne ich nicht“. Heute wird ja gerne von der Live-Work-Balance gesprochen. Im Barock sprach man dann eher vom Otium, von der Muße. Einem Priester und einem zölibatär lebenden Diakon kann man abverlangen, dass es in seinem Leben wieder diesen Begriff, bzw. eine daraus geprägte Lebensform geben muss und nicht Freizeit und Urlaub – verheirateten Mitarbeitern können wir das nicht abverlangen. Mir fällt da gerade die Tatsache ein, dass dieses Thema ein Grund war für die aktuelle Nichtbesetzung der Rabinerstelle hier in Freiburg … Und ich muss daran denken, dass wir uns schon jetzt mit dem Thema „Arbeitszeit“ auseinandersetzen müssen. Oft genug erlebe ich da sehr schwierige Grundhaltungen bei kirchlichen MitarbeiterInnen aller Bereiche, die Ehrenamt fördern und fordern aber nur nicht bei sich selbst.

Das sind ein paar Fragen, die die Struktur und die Organisation betreffen. Sie sind erstmal keine Fragen die für ein „für“ oder „dagegen“ stehen. Es sind vielmehr Fragen, die sich für mich stellen, aus meinem Priesterbild, aus meinen Zukunftsvisionen für die Kirche, die sich nicht mit den Reformprozessen die es in Deutschland gibt oder gerade angestoßen werden, decken.

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Judentum – Shoa

Es ist absolut richtig und auch immer wieder notwendig, dass wir uns – gerade angesichts solcher Jahrestage – mit dem Judentum, mit der Shoa und ganz besonders dann auch mit dem christlich-jüdischen Dialog beschäftigen. 80 Jahre nach der Reichsprogromnacht ist es leider nicht selbstverständlich, dass Menschen in Deutschland sich mit dem Antisemitismus, mit der Shoa auseinandergesetzt haben und erfasst haben, dass ein entscheidendes Gebot aus diesen Ereignis ein „Nie wieder!“ sein muss. Ein „nie wieder“ für jede Form von Ausgrenzung, Diskriminierung, Beleidigung und Negierung von Menschen egal welcher Rasse, welcher Religion, Nationalität oder Einstellung und Lebensform.

An solchen Tagen wie dem 09. November ist es zwingend notwendig sich die Frage zu stellen, ob wir als Gesellschaft alles notwendige dafür tun, dass jeder eine Grundhaltung sich aneignet die sich auf dem Grundgesetz und den Menschenrechten bezieht. ES darf und kann in Deutschland niemand geben, der sich nicht seriös und reflektiert mit dem Nationalsozialismus, der Shoa und der grundsätzlich menschenverachtenden Grundhaltung der Nazis beschäftigt hat und erkannt hat, dass nichts, aber auch gar nichts davon als gut erachtet werden kann. Keine der scheinbar so positiven Errungenschaften der NS-Zeit sind positiv, denn sie sind aus einer Menschenverachtung heraus entstanden, die geraden für einen Christen streng zu verneinen ist. Die Botschaft Jesu Christi, die Botschaft des Gottes des ersten und zweiten Bundes ist die grundsätzliche Bejahung jeden menschlichen Lebens. Der Gott unserer Väter hat den Menschen erschaffen, jeder Mensch hat den göttlichen Funke in sich und daher ist es die genetisch eingepflanzt in uns Christen, dass wir jeden Menschen respektieren und sich um seine Würde sorgen.

Das ist klar, was ich schreibe und eigentlich sollten die Folgen die sich daraus heraus für uns ergeben im Umgang mit jedem Menschen, ob deutsch, oder einer anderen Nationalität, ob Flüchtling oder Reisender …. . Aber leider ist das in Deutschland eben gerade heute nicht mehr selbstverständlich. Die Lehren, die wir gerade aus dem zweiten Weltkrieg zu ziehen haben, sind nicht mehr Allgemeingut. Warum ist das so?

Wir haben versagt. Wir haben an ganzen Generationen versagt ihnen aufzuzeigen, dass Hass gegen andere nicht bestehen darf. Dafür haben wir vielmehr mit unseren Bildungsoffensiven, mit der moralsauren Dauer-Berieselung in den Schulen und in den Medien und mit einfach inkompetenter Bildungsarbeit das Gegenteil erreicht von dem, was das Ziel war. Heute hatten wir einen Studientag und er war einmal mehr das Beispiel dafür wie es die Bildung schafft, ein Thema so aufzugreifen, dass die Massen schreiend wegrennen. Während der Ansatz – Besuch der Synagoge, kennenlernen der Traditionen und Gespräch mit Zeitzeugen bzw. mit Juden heute gut war – versaute die Referentin mit ihrem hohen Maß an Ich-Bezogenheit, mit ihrer nicht verarbeitenden Rollenproblematik (und wahrscheinlich noch andere Probleme) jede Motivation der Teilnehmenden. Da bleibt nur einmal mehr die Aussage: Note 6 bitte setzten sie sich!

Wahrlich, ich habe keine Antwort wie wir diesen Themenbereich wirklich den jungen Generationen ans Herz legen können. Ich weiß nur, dass es nicht mit der Moralkeule geht, oder mit einer Überzogenheit und mit einem Redeschwall, der alles abtötet. Bei einer Veränderung der Situation, bleibt uns wohl nichts anderes übrig als das Thema gemeinsam anzugehen. Was viele Menschen vor uns erkannt haben, das einzige was hilft ist der Dialog, das sichkennenlernen. Das geht nur wenn Christen und Juden, wenn die Menschen sich anerkennen als Mitmenschen. Fremdheit, ob bei diesem Thema oder bei anderen Themen (Muslime, Arbeitslose, Flüchtlinge, Katholiken…), kann nur beendet werden, wenn wir aufeinander zu gehen. Deshalb muss es in der Schule – in allen Bildungseinrichtungen – darum gehen, dass wir, neben einer seriösen Wissensvermittlung, endlich Grundhaltungen erlernen. Und dies ohne moralischem Zeigefinger, ohne überzogenen Aktionen wie Nestle-Boykott o. Ä. sondern grundsätzlich. Wir müssen in unserer Gesellschaft verinnerlichen, was es braucht um friedlich miteinander und füreinander zu leben.

Die vielen tausend Erinnerungsprojekte, Mahnmale etc. und ihren „Ertrag“ zeigen, dass diese Form von Bildung gescheitert ist. Das heißt nicht, dass diese Form ganz beendet werden muss. Das braucht es auch, aber eben nicht nur ….

Verantwortung der Zweifler

Da sitzt man in Vorlesungen, hört Vorträge, ließt Artikel, Beiträge und Bücher und erfährt Fragen und Zweifel anderer Menschen. Gerade auch in der theologischen Ausbildung werden den Studierenden Zweifel „an den Kopf geworfen“. Das Denken wird oft genug radikal dekonstruiert. Gerade für junge Menschen – so erlebe ich es – ist das ein Kulturschock. Alle Haltepunkte, Sicherheiten werden hier zerstört.

Es ist gerade in der Wissenschaft gut zu zweifeln. Ja es ist auch sehr gut, wenn einmal alle Denkstrukturen zerstört werden, angezweifelt und völlig neu, im denken aufgebaut wird. Aber wie kann dies hochwertig geschehen? Wie kann das so geschehen, dass gerade junge Menschen nicht völlig demoliert werden sondern eben im Denken, im Arbeiten den Raum bekommen um eben frei zu denken, sich frei der Wahrheit anzunähern?

An unserer theologischen Fakultät haben wir einen Dozenten, der sich gerne als großer Revoluzer präsentiert. Gerne betont er, dass er unterdrückt wird, dass er voraussetzt, dass wir Studierenden – gerade die sogenannten Konservativen – nach jeder Vorlesung Briefe an die Glaubenskongregation schreiben und ihn denunzieren.  Darüber muss ich immer wieder lachen. Erstens weil das eine Überheblichkeit ist, die albern ist, denn ehrlich – wer interessiert sich noch für einen Dozierenden, der seit zwanzig Jahren keinen geistigen Meter weiter gegangen ist? Und zweitens, das einzige was wirklich interessant bei ihm ist, sind seine Fragen, seine Zweifel, die anspornen zum Denken.

Aber gerade an seinen Antworten stellt sich mir die Frage nach der Veranwtortung des Dozierenden gegenüber den Studierenden. Seine Antworten sind ein Puzzle aus historischen Texten, aus philosophischen Aussagen und theologischen Arbeiten, die eventuell logisch zusammengestellt sind, die aber dazu führen, dass Studierenden nichts anderes übrig bleiben, das zu tun, was er im Kontext der Kirche andauernd kritisiert: blindes Glauben und nachbeten! Mit seinem Arbeiten und seiner Pholemik macht er dann genau das, was er bei den sogenannten Fanatikern, oder katholischen Sektenkreisen kritisiert. Er schafft ein geschlossenes System, das keinen Raum bietet zum weiteren denken, zum weiteren sich öffnen.

Das Studium gerade der Theologie an der Uni Freiburg schafft keinen Raum (mehr) zum vertiefenden Studium gerade jener Schriften, die für eine moderne Theologie entscheidend sind. Weder einen Thomas von Aquin, noch einen Kant, noch moderne Philosophen erhalten jenen Raum, den sie verdienen, damit Studierende zumindest erahnen können um was es hier geht. Dies zeigt sich dann in jenen Momenten in denen Studierende den einen Dozierenden noch im Kopf, in einer Vorlesung eines anderen Dozierenden sitzend, der – wohl eher unwissend – ganz klar die Deutungen des Anderen im Bezug auf Kant und vieler anderer Autoren widerspricht.

Das schafft Probleme, das schafft Probleme, die wir gar nicht erstmal auf die Höhe von rechts oder links oder Kirchenpolitik heben müssen. Sondern vielmehr aufs in Ebene, die in der heutigen Zeit so geschätz wird, auf die Individuelle: Es ist grundsätzlich die Frage, wie der einzelne Dozierende mit seiner/ihrer Präsenz mit ihrer Position und ihre Macht umgehen. Gerade in der Lehre braucht es doch Menschen, die bereit sind über ihre eigene Meinung hinweg den Studierenden Grundlagen zu schaffen. Nicht die eigene Meinung sondern ein Überblick, damit Studierende weiterdenken können, weiterarbeiten können um sich selbst zu bilden und dann ein Leben zu leben, das Vorbild des Glaubens ist.