Entscheidung, Berufung – Fragen …

„Was bisher nur ein theologisches Konzept oder ein Bild gewesen ist, muss jetzt gesucht und geliebt werden: „Die Vereinigung mit Gott.“ So geheimnisvoll, dass der Mensch am Ende vielleicht alles tun würde, um ihr zu entgehen, sobald er erkennt, dass sie ein für alle Mal das Ende seiner eigenen Ego-Selbstwahrnehmung bedeutet. Bin ich bereit? Natürlich nicht. Doch der Weg meines Lebens verläuft in diese Richtung.“ – Das schreibt Thomas Merton in seinem Tagebuch und er berührt da bei mir viele Fragen und Anfragen:

Was bedeutet denn „Berufung“. Wir beten andauernd für Berufung, wir verwenden das Wort für alle möglichen Berufszweige. „Ich bin berufen zum Arzt, Lehrer, Priester, Ordensschwester, zur Ehe, …“  – einfach zu ganz vielem kann man berufen sein, oder es wird zumindest gesagt.

Was bedeutet das aber? Für mich bedeutet „Berufen sein“, dass ich in irgendeine Situation, Lebensform durch Kompetenzen, Charismen o. eben durch den Ruf Gottes hineingestellt bin. „Berufen sein“ ist für mich von Gott einen Auftrag zu hören und anzunehmen.

Das bedeutet aber doch auch unverfügbar zu sein für andere Dinge. Ich komme damit gut zurecht, ich kann darin glücklich leben, da ich einen Freiheitsbegriff lebe, der mich eben nicht unabhängig macht, sondern frei zu leben. Aber wie passt das Thema der „Berufung“ in die heute geführte Freiheits-Diskussion? Gerade im Bezug auf Lebensplanung und Beziehung gilt doch allenthalben: Der Mensch ist absolut frei und unabhängig! Er ist frei zu entscheiden, was er tut, wie er lebt und liebt, wie er … was auch immer.

Wie passt da dieses in vieler Munde befindliche Wort Berufung zur Freiheit und auch gerade im Bezug auf Beziehung, Geschlecht etc.?

Hat Merton recht? Seine Vorstellung von Berufung, also im kirchlichen Bereich, im Blick auf Gott, was bedeutet das denn? Diese Ausrichtung auf Gott, diese überall propagierte Forderung des „Lebenslang“ und des „ganz und gar“; z.b. ja auch in der Ehe, im geweihten Leben oder bei Priestern, ja vergessen wir es nicht zuallererst in der Taufe – lebenslang ab der öffentlichen Bekundung! Aber bedeutet Berufung das in der heutigen Zeit noch? Kann es das heute noch bedeuten, also ist das heute denn noch lebbar?

Ein weiterer Gedankengang:

Immer wieder lese ich, der Eintritt in den christlichen Glauben ist eine „Entscheidungstat“. „Entscheidung“ ist eine Wahl aus mindestens zwei vorhandenen potenziellen Alternativen die zuvor eine Beschäftigung, eine Beachtung der übergeordneten Ziele verlangt. Entscheidung ist eine aktive Handlung. Das setzt Bereitschaft des Nachdenkens voraus. Der Bereitschaft alle möglichen Gesichtspunkte in die Entscheidung hinein zu nehmen, Objektivität, Distanz von Emotionen, …

Dazu kommen mir zwei Fragen: Erstens, wie steht das mit dem Thema „Entscheidungen“ heute? Wie ist die Entscheidungskultur in der heutigen Zeit, gerade im Blick auf das Thema „Freiheit“, aber auch auf das Thema „Sicherheit“ hin?

Und die zweite Frage wäre – im Blick auf die Bedeutung des Wortes „Berufung“ – hat dieses Wort heute eine Bedeutung haben auf der Ebene „och ich habe keine Wahl, macht mich nicht verantwortlich für die Entscheidung,“ oder gar dem Versuch sich vor dem Nachdenken zu drücken? Und wenn ja, was ist dann die heutige Form der „Berufung“ des sich ganz auf jemand anderen Einlassen und sich ihm zur Verfügung stellen?

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Berufung – Weihnachten

Allen wünsche ich heute einen wunderbaren Festtag (Verkündigung des Herrn). Mitten in der Fastenzeit dürfen wir daran denken, dass in neuen Monaten Weihnachten ist. Die Geburt beginnt nicht am Tag der Geburt, sondern mit einer Entscheidung. Mit einer Lebensentscheidung.

Maria hat sich entschieden. Sie hat erfahren, dass der Schöpfergott kein ferner Gott ist, kein Gott ist, dem die Menschen egal sind, sondern ein Gott ist, der Anteil nimmt am Leben, an der Freiheit des Lebens, der Menschen, ganz und gar. Und damit ist er eben ein Gott, der nicht über uns verfügt, sondern uns die Freiheit der Entscheidung, der Erkenntnis schenkt. Maria hat ihr „Ja“ gesprochen. Es liegt an uns, ob wir unser „Ja“ sprechen. Ob wir eine Lebensentscheidung zulassen für uns.

Heute feiern wir den Anfang der Geburt. Heute denke ich daran, dass Gott jeden von uns ruft, und somit auch mich gerufen hat und ich so dankbar bin, dass er mich hat hörend gemacht. Heute ist der Tag an dem wir alle uns fragen können, wie wir zum ganzen Menschen in Gott geboren werden, geboren wurden. Heute können wir, am Vorbild Mariens, uns fragen: Habe ich eine Lebensentscheidung, habe ich meine Berufung. mein Charisma, meine Fähigkeiten, mein Leben angenommen?

Franziskus: Die Kraft der Berufung

Und ein weiteres Franziskusbuch steht im Schrank. Genauer: Wieder ein Interviewbuch. Das Format nervt so langsam, gerade auch deshalb weil die Gesprächspartner des Papstes nicht die spritzigsten sind. Der aktuelle Interviewpartner, Fernando Prado, hat diesmal Zwischentexte oder Erklärungen und eine Einführung eingefügt, die keine weitere sinnvolle Information liefern, eher nur die Seiten füllen.

Nichtsdestotrotz: Lesenswert ist das Büchlein sicherlich. Der Papst bestärkt die Schwestern und Brüder des geweihten Lebens und oft genug auch nochmal einzeln darauf hingewiesen, die Weltpriester in ihrem Dienst für Gott und Volk Gottes. Dabei verweist er auf die Texte, die diesen Dienst definieren (II. Vatikanum) und in welchem Kontext die Mitglieder des geweihten Lebens und Priester zum Volk Gottes stehen. Er motiviert sie nochmal mehr auf Jesu zu vertrauen, mehr Abschied zu nehmen von Sicherheit und seine drei „P“ als Grundlage für das Leben, für die Gemeinschaft, für den Dienst zu nehmen. Die „P“s  sind im spanischen vorhanden. Übersetz bezieht er sich hier auf Armut, Gebet und Geduld. Daraus heraus spricht Franziskus dann über die Qualität von Gemeinschaften und Gruppen, davon ausgehend spricht er aber genauso über Ausbildung und deren zwingend notwendigen Grundlagen.

Andeutungsweise spricht Papst Franziskus Themen rund um Macht, um Missbrauch aber auch über neuere geistliche Bewegungen, die manchmal nur vordergründig zum Vorteil der Kirche sind und in sich manche Probleme und Unmenschlichkeiten enthalten. Klar und direkt spricht er über die Themen „Rolle der Frau“, „Homosexualität“, „Klerikalismus“ und dem Grundauftrag der Kirche, der Mission, dem Glaubenszeugnis, das allein gelingen kann in einem vorgelebten positiven Glaubensleben.

Das Buch ist klein, das Buch ist kurzweilig. Das Buch bietet viele Textpassagen, die versierte Papst-Leser in vielen anderen Texten schon gehört und gelesen haben und trotzdem, so wie der Papst nie müde wird seine Christuszentrierung der ganzen Kirche zu verordnen, so dürfen wir auch dieses Büchlein nutzen zur Erbauung und zur Stärkung zu einem Leben, das die Botschaft Jesu Christi nicht nur prägt sondern auch ausstrahlt.

Fazit: Lesenswert, ganz besonders für kirchliche MitarbeiterInnen und Mitglieder des geweihten Lebens. 

Zur Ergänzung: Man wünscht sich ein besseres Lektorat. Allein auf der Coverrückseite sind drei Fehler, die Übersetzung kann besser werden, das Buch ist mit 16,00 € einfach zu teuer und es wäre schön, wenn Papst Franziskus sich kompetentere (im Bereich von Interview) und unterhaltsamere Gesprächspartner sucht.

Papst Franziskus: Die Kraft der Berufung. Ein Gespräch mit Fernando Prado, CMF. Freiburg, Basel, Wien 2018.