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Berufung ist …

Es ist ein schwer zu greifendes Erfahren, dieses komische, so abgedroschene, so erfreuende und Segen ausdrückende Wort „Berufung“. Es ist jenes Wort, das so viele dazu führt einen Weg einzuschlagen, der nicht „normal“ ist, der hinführt zu den verschiedenen geistlichen und geweihten Lebensformen, ob Mönch, Ordensschwester, geweihte Jungfrau, Eremit, Diakon, Priester …

Was ist diese Berufung also? Gute Frage, hier ein paar schwache persönliche in Worte gefasste Annäherungen, Stand heute, 15. Juni 2019:

Berufung ist für mich ein Erfahren Gottes, plötzlich, aus dem Nichts heraus, wie das aufflammen eines Streichholzes, einen Lebensraum erhellend und einen Weg oder den nächsten Schritt erkennend. Berufung ist eine Gabe, die ich nicht „verdient“ habe. Augenblicklich, aber lebenslang nachwirkend. Es ist die Erfahrung der Liebe Gottes zu dieser Welt und zu mir als Mensch in dieser Welt.

Berufung ist ein hautnahes Begreifen, ein geradezu leibhaftiges Erfühlen, dass da einer ist, dessen Zuneigung absolut ist, dessen Zuwendung durchhält durch alle Unwegsamkeiten.

Berufung ist für mich zu erfahren, dass Gottes Liebe mir, diesem nach Weltmaßstäben kleinen Menschlein, ganz direkt gilt und dass hier eine Liebe ist, die nicht endet mit meiner immer wieder gelebten und ausgesprochenen Verweigerung, die ich als Sünde benenne.

Berufung ist eine Erfahrung, dass da jemand durch sein „ja“ mich absolut mit Leben tränkt, mir das schenkt, das mich vollsaugen lässt, das mir lebensspenden Nachschub gibt und nicht ein Tropfen auf dem heißen Stein bleibt.

Berufung ist, der Empfang eines Geschenks, das mich nicht nur erfreut, sondern ergreift und verändert und mich erkennen lässt, dass da ein Gott ist, der absolut und trotz allem, allein mein Heil will, mein Leben bei ihm und mit ihm will.

Berufung ist der Anfang eines Lebenskonzeptes und der Haltegriff in diesem Leben.

Berufung ist die je eigene Form Antwort zu geben, in seiner jeweils eigenen menschlichen Gestalt, als individuelle Antwort des einzelnen Christen  in und für die Gemeinschaft der Getauften.

Entscheidung, Berufung – Fragen …

„Was bisher nur ein theologisches Konzept oder ein Bild gewesen ist, muss jetzt gesucht und geliebt werden: „Die Vereinigung mit Gott.“ So geheimnisvoll, dass der Mensch am Ende vielleicht alles tun würde, um ihr zu entgehen, sobald er erkennt, dass sie ein für alle Mal das Ende seiner eigenen Ego-Selbstwahrnehmung bedeutet. Bin ich bereit? Natürlich nicht. Doch der Weg meines Lebens verläuft in diese Richtung.“ – Das schreibt Thomas Merton in seinem Tagebuch und er berührt da bei mir viele Fragen und Anfragen:

Was bedeutet denn „Berufung“. Wir beten andauernd für Berufung, wir verwenden das Wort für alle möglichen Berufszweige. „Ich bin berufen zum Arzt, Lehrer, Priester, Ordensschwester, zur Ehe, …“  – einfach zu ganz vielem kann man berufen sein, oder es wird zumindest gesagt.

Was bedeutet das aber? Für mich bedeutet „Berufen sein“, dass ich in irgendeine Situation, Lebensform durch Kompetenzen, Charismen o. eben durch den Ruf Gottes hineingestellt bin. „Berufen sein“ ist für mich von Gott einen Auftrag zu hören und anzunehmen.

Das bedeutet aber doch auch unverfügbar zu sein für andere Dinge. Ich komme damit gut zurecht, ich kann darin glücklich leben, da ich einen Freiheitsbegriff lebe, der mich eben nicht unabhängig macht, sondern frei zu leben. Aber wie passt das Thema der „Berufung“ in die heute geführte Freiheits-Diskussion? Gerade im Bezug auf Lebensplanung und Beziehung gilt doch allenthalben: Der Mensch ist absolut frei und unabhängig! Er ist frei zu entscheiden, was er tut, wie er lebt und liebt, wie er … was auch immer.

Wie passt da dieses in vieler Munde befindliche Wort Berufung zur Freiheit und auch gerade im Bezug auf Beziehung, Geschlecht etc.?

Hat Merton recht? Seine Vorstellung von Berufung, also im kirchlichen Bereich, im Blick auf Gott, was bedeutet das denn? Diese Ausrichtung auf Gott, diese überall propagierte Forderung des „Lebenslang“ und des „ganz und gar“; z.b. ja auch in der Ehe, im geweihten Leben oder bei Priestern, ja vergessen wir es nicht zuallererst in der Taufe – lebenslang ab der öffentlichen Bekundung! Aber bedeutet Berufung das in der heutigen Zeit noch? Kann es das heute noch bedeuten, also ist das heute denn noch lebbar?

Ein weiterer Gedankengang:

Immer wieder lese ich, der Eintritt in den christlichen Glauben ist eine „Entscheidungstat“. „Entscheidung“ ist eine Wahl aus mindestens zwei vorhandenen potenziellen Alternativen die zuvor eine Beschäftigung, eine Beachtung der übergeordneten Ziele verlangt. Entscheidung ist eine aktive Handlung. Das setzt Bereitschaft des Nachdenkens voraus. Der Bereitschaft alle möglichen Gesichtspunkte in die Entscheidung hinein zu nehmen, Objektivität, Distanz von Emotionen, …

Dazu kommen mir zwei Fragen: Erstens, wie steht das mit dem Thema „Entscheidungen“ heute? Wie ist die Entscheidungskultur in der heutigen Zeit, gerade im Blick auf das Thema „Freiheit“, aber auch auf das Thema „Sicherheit“ hin?

Und die zweite Frage wäre – im Blick auf die Bedeutung des Wortes „Berufung“ – hat dieses Wort heute eine Bedeutung haben auf der Ebene „och ich habe keine Wahl, macht mich nicht verantwortlich für die Entscheidung,“ oder gar dem Versuch sich vor dem Nachdenken zu drücken? Und wenn ja, was ist dann die heutige Form der „Berufung“ des sich ganz auf jemand anderen Einlassen und sich ihm zur Verfügung stellen?