Wissen oder Emotion?

Die Tage bleibt es ja nicht aus, dass wir uns (hoffentlich) alle mit dem Beschäftigen, was da in Chemnitz geschehen ist. Chemnitz ist ganz nüchtern gesagt, der Ort an dem sich Menschen sichtbar gezeigt haben, dass die Ideen des Nationalsozialismus nicht tot sind. Emotional gesagt: Ich habe Angst vor dem was sich da gezeigt hat. Die Fratze des Hasses und des Todes, die scheinbar seit 1945 tot ist, hat sich ganz unverblümt gezeigt. Und was das schlimmste ist: Nicht allein in Chemnitz sondern in ganz Deutschland und wahrscheinlich geht es vielen wie mir: direkt in meinem Umfeld, durch Menschen, die ich aus meiner Schulzeit kenne, die ich aus meinen ehemaligen Wohnorten, Berufen, Verein(en) her kenne und die den braunen Parolen zustimmen.

IN den letzten Tagen habe ich von Per Leo das Buch „Flut und Boden“ gelesen. Ein Buch in dem sich der Autor mit seiner Familiengeschichte, besonders mit seinem Großvater der Nazi und Mitglied der SS war, auseinandersetzt. Es war nicht ganz „mein Buch“. Mir sind einige Passagen zu lang und dafür die Hauptgeschichte zu kurz gekommen. Namensabkürzungen und Bezeichnungen haben für Verwirrung beim Lesen gesorgt und irgendwie erschien mir das Buch als unfertig. Es hat mich nicht weiter gebracht. Vielmehr hatte ich das Gefühl es ist ein Buch, das sich jemand runter geschrieben hat. Ich empfehle es nicht wirklich zum lesen. Es wird in wenigen Tagen in die Tiefen meiner Erinnerung entschwinden und das wars.

Eine Stelle im Buch passt jedoch sehr gut zur aktuellen Situation und zur Frage, wie kann es geschehen, dass wir nach über 70 Jahren nach Kriegsende, nach Bildungsoffensiven und nach Millionen von ausgegebenen DM und Euros, ein Volk vor uns haben, das bis heute noch nicht oder wieder nicht verstanden hat, dass Hass, Vernichtung, Rassismus, ein ausgrenzenden Deutschtum, Nationalismus etc. keine Zukunft bringen, sondern nur Zerstörung und Dunkelheit. All diese Punkte führen in eine Diktatur und nicht in eine bessere Welt.

Per Leo beschreibt in seinem Buch, wie er einen Professor der Geschichte erlebt, der in einer ganz anderen Form die Geschichte des Nationalsozialismus bearbeitet wie es sonst getan wird. „Herbert wusste, dass es vor allem die philosophische Dimension des Holocaust war, die uns reizte: dass wir vor allem diskutieren wollten … Doch gleich in der ersten Sitzung machte er uns klar, dass das mit ihm nicht zu haben war.“ (S. 42-43). Es geht ihm in aller erster Linie darum, dass die Studenten „Bescheid wissen. Sie sollen wissen, was passiert ist.“ (S. 43). Und das ist die Frage. Wissen wir heute Bescheid? Wir wissen, dass die Shoa böse war, aber kennen wir die Zahlen, kennen wir die Fakten. Wissen wir Bescheid? Leo schreibt: „Uns wurde schlagartig klar, wie selbstgerecht und billig unsere Lieblingsanklage an die Nazigeneration war. Es mochte sein, dass unsere Großeltern trotz totalitärer Informationsbeschränkung ziemlich viel gewusst hatten – aber was war das für ein Vorwurf, wenn man selbst trotz frei zugänglicher Bibliotheken praktisch nichts wusste?“ (S. 43).

Kann es sein, dass wir seit Jahren nur über die Emotionen gesprochen haben? Wie war es bei mir? Meine Besuche in Auschwitz, Birkenau und Yadvashem sind geprägt von Trauer, von Emotion, aber ab wann haben sie meine rationale Seite ergriffen, ab wann wurde aus einem Gefühl ein wissen und verstehen? Verstehen dafür wie so etwas geschehen konnte, ergreifen was da passiert ist und damit auch ein Verstehen dafür und wie wir dafür sorgen können, dass es nie wieder geschieht. Betroffenheit alleine, das wedeln mit der moralischen Keule, reicht alleine nicht. Da sind wir aber stehen geblieben. In den Diskussionen, im Unterricht, in den Geschichtsbüchern und den Sendungen. Gefühl ist keine messbare Größe. Gefühle sind keine Mauern, die nicht zerbrochen werden können. Ratio, Verstand, verstehen und ergreifen sind die einzigen Grundlagen dafür, dass der Mensch etwas nicht tut. Wer verstanden hat, warum man etwas nicht tut, der tut es nicht. Und in Angesicht von Chemnitz, AFD, Pegida und den vielen anderen Nazibewegungen bleibt mir nichts anderes zu sagen: Wir haben versagt. Bei denen ist Toleranz, Verantwortung, Mitmenschlichkeit, Menschenrechte nichts anderes als Gefühle und Wohlfühlzonen der Gutmenschen. Und somit stehen hier Gefühle gegen Gefühle und auf dieser Ebene ist das, was ansteht nicht zu erledigen, denn jedes Gefühl ist subjektiv und damit richtig. Der Verstand hat hier nichts auszurichten. Für das Weitere brauchen wir aber gerade dieses: Verstand, Fakten und mutige Menschen, die immer und immer wieder versuchen, diese Menschen aus ihren Wohlfühlzonen und Verdrängungswelten herauszuholen. Verstand ist gefragt – und als Christ: Das Gebet, das Vertrauen in die Botschaft Jesu Christi und das Leben in ihm.

 

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Zölibat – Veredelung?

Ich bin fasziniert von dem aktuellen Buch von Frau Svenja Flaßpöhler. In Ihrem neuen Buch „Die potente Frau“ finde ich ungemein viele Denkanstöße und empfehle dieses Buch jedem der sich mit dem Thema Emanzipation auseinandersetzen will, darf und sollte. Frauen und Männern empfehle ich es, denn ich bin fast der Meinung, dass dieses Buch uns daran erinnert, dass wir an vielen Punkten sehr in Lagern und doch auch verkrusteten Haltungen feststecken – alle Seiten – und es Zeit wird, dass wir weiterkommen.

Nachdem die Autorin einige Ausführungen zur aktuellen Emanzipationsbewegung gemacht hat, erläutert die Autorin ihren Begriff der potentia. Dabei bezieht sie sich auf Aristoteles, bei dem potentia zunächst kein Akt, kein Tun ist, „Sondern eine nicht realisierte Möglichkeit“ (S. 38). Potentia steht im Gegensatz zu actus, was die „realisierte Möglichkeit“ (S. 38) ist.

Weiter führt die Autorin dann aus, dass ihre potente Frau eine Frau ist, „die ihre Kraft vielmehr aus der Möglichkeit schöpft.“ Mit dem Ansatz:  „Ich kann – aber ich muss nicht; Hauptsache, ich werde die, die ich bin.“ (S. 39). Dies gilt für den Mann.

Im nächsten Schritt stellt sie die These aus – begründet auch mit Freud – dass eine nicht realisierte Option genauso viel wert ist wie eine realisierte und dass ein „bestimmtes Vermögen, das wir nicht in die Tat umsetzen, umso mehr Kraft in andere Bereiche frei“ legt (S. 39). Hier geht es also um Sublimation, „einer Veredelung des Triebs, der Verwandlung von sexueller Energie in Arbeit“ (S. 39). Wenn ich dies, was hier ausgeführt wird, bisher in Gesprächen zum Thema Zölibat behauptet habe, dann wurde ich ausgelacht (also außerhalb des Seminars). Eventuell ist das aber doch gar nicht so dumm? Ist es vielmehr ein Ansatz, wie wir Seminaristen und Priester mit dem Thema umgehen könnten? Hat mir etwa ein Buch zur neuen Weiblichkeit mehr Hilfe zum Weiterdenken und Weitergehen geschenkt, im Bezug auf das Thema Zölibat, als die bisherige Ausbildung? Wenn das so ist, na dann bin ich der Autorin sehr dankbar.

Zitate aus: Flaßpöhler, Svenja; Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit. Berlin 2018.

Franziskus: Gott ist jung! Unbedingt lesen

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Habt keine Angst“ – das ist wohl eine der entscheidenden Aussagen des kleinen Büchleins von Papst Franziskus, das in diesen Tagen in verschiedenen Sprachen erschienen ist (Deutsch im Verlag Herder). Wer die letzten Zeilen des Interviewbuches liest, dürfte da etwas in sich (nach-)klingen hören. Es sind irgendwie Worte, die manche schon kennen, die aber gerade deshalb nicht alt oder abgedroschen klingen, sondern so wie Gott voller Jugendlichkeit, sprich Vitalität, sind. Das was Papst Franziskus uns – und nicht nur den Jugendlichen alleine – zu sagen hat, das erinnert eben an jenen jungen mutmachenden Papst aus Polen. Wieder klingen dessen Worte, wie am Tag der Wahl des Papstes vor fünf Jahren, nach. Papst Franziskus hat, so lassen es die Worte erahnen, in der Sprache ein Vorbild. Das „Fürchtet euch nicht“ des jungen Papstes, in Polen, gegen die Mächtigen der damaligen Welt gesprochen, ließ Mauern zerbrechen. Dies dürfen wir auch diesen Worten, schlussendlich allen Worten Franziskus wünschen. Diesmal ruft er die mutmachenden Worte den Jugendlichen zu und – ganz dediziert – den Alten, die wir bitte nicht verwechseln dürfen mit den Erwachsenen. Zwar in vermeintlichen fest-gezurrten und pauschalen Begriffen redend, will der Papst eben zeigen, wie bunt, wie reichhaltig, wie ungreifbar und unangreifbar gerade die jungen Menschen sind.

„Die Zeit ist reif für eine echte kulturelle Revolution des Dialogs“ (S. 126). Dieser neue Dialog ist, nach Papst Franziskus, der Dialog zwischen den Träumen und den Erfahrungen der Alten und den Hoffnungen und Erwartungen der Jungen. Hier kann sich die Zukunft der Menschheit entwickeln, die jetzt gerade in eine falsche, unmenschliche Richtung abdriften, so der Papst. Der Interviewpartner des Papstes malt diese Welt noch radikaler aus, er negiert und präsentiert eine doch sehr pessimistische – ja fast schon verstockte – Haltung zur heutigen Kultur und es scheint im ersten Moment, dass der Papst hier einsteigt, gerade wenn er die Situationen der Jugendlichen, der Menschen die von einer Welt des „Konsums um des Konsums willen“ (S. 45) weggeworfen und vernichtet werden, benennt und auch drastisch betitelt. Aber der Heilige Vater ist Seelsorger. Er öffnet Räume und schafft neue Horizonte, denn sein in Gottes Liebe fußendes Vertrauen schenkt er den Jugendlichen – nicht ohne auch sie vor Verstockung und Gefahren zu warnen (S. 81/85).

Die Themen sind reichhaltig in diesem Buch. Von Internet, Drogen, Ökologie bis hin zur Freiheit des Menschen und zum Selbstmord, vieles wird angesprochen. Das mag einem zu viel vorkommen, der Papst zeigt aber, dass es hier immer nur um Auswüchse geht, vielmehr zeigt er an diesen Themen, was falsch läuft und wo das gemeinsame Grundübel verortet werden kann und dass alles zusammenhängt an dem einen: Jesus Christus.

Das neue Buch des Papstes ist ein kleines Buch, aber eines das Mut macht, das die Fehler und Schwächen unseres Lebens aufzeigt, uns warnt aber immer wieder sagt: Brecht auf, noch ist die Zeit!