Ein Leben der Mittelmäßigkeit

„The show must go on“ – Darum geht es doch, oder? Wichtig ist bei uns – vordergründig – dass alles stimmt. Dass die Lichter leuchten, dass wir eine coole Vorweihnachtszeit haben, die in eine Geschenkeorgie endet. Wenn ich mich so umsehe, dann staune ich über das Blendwerk, das wir aufbauen, auf das wir uns stützen. Tag für Tag werden Menschen bevorzugt, die eine gute Show bieten, die „schön“ sind, die gefällig sind, die im richtigen Moment das sagen, was die anderen alle hören wollen. Überall ist es wichtig das richtige zu sagen. Damit will ich nicht nur auf „die Gesellschaft“ zeigen. Das ist doch auch mir das Angenehme. Es ist doch auch mir angenehmer, wenn mir jeder das sagt was ich hören will oder zumindest das auslässt, was mich stört. Aber werde ich, werden wir damit glücklich? Werden wir auf Dauer mit dem Glücklich, was nichts weiter ist als potemkinsche Dörfer, in der Politik, in der Gesellschaft, im direkten und persönlichen Miteinander, bei mir selbst in meinem Leben? Nein, das werden wir sicher nicht. Klar im ersten Moment, aber auf Dauer? Schlussendlich ist alles was wir uns hier zusammenbasteln, die ganze heile Welt, in die wir abtauchen, nichts anderes als Mittelmäßigkeit!

In der Kirche ist das leider nicht anders. Hier gilt, was gehört werden will. Hier bekommt jene Idee, jene Person Raum und Aufmerksamkeit, die gefällig ist. Hier wird geglättet, gleichgemacht und sich so positioniert, dass es schlussendlich um vieles und doch um nichts geht. Die einen ballern sich mit Haltungen zu, die anderen geilen sich an Moralregeln auf und die dritten basteln sich heile Welten zwischen farbigen Tüchern und Kerzen oder zwischen längst unverständlichen und entleerten Traditionen und Requisiten.

In Kirche wird der letzte Rest, der noch laufen kann herangekarrt. In Kirche werden noch tausend Konferenzen geführt und Bewegungen gegründet, um die Leere des Aktionismus zu übertünchen. Papiere werden geschrieben, Räume so neu drapiert, dass sie voller sind und brav die Segel nach dem jeweils wehenden Wind gedreht – nur um nicht einzugestehen: Die Fassade ist schön, der Rest bröckelt nicht mal mehr, denn es gibt ihn gar nicht mehr. Und doch richten sich so viele darin ein. Sie geben sich ab mit Mittelmäßigkeit: im kirchlichen Leben, im durchdrücken von Regeln, Dogmen und Gesetzten, im eigenen Glaubensleben, in der Liturgie, im Miteinander, ja selbst in den allenthalben geforderten Veränderungen.

Dabei geht es um nur eines: Gott und seine Botschaft die Jesus Christus uns geschenkt hat. Und die ist klar: Es ist keine Moralkeule sondern die Botschaft: Glaubt und das Reich Gottes wird anbrechen. Das Evangelium reißt uns die Fratze ab, so wie es Jesus mit jenen Juden getan hat, die nicht mehr gläubig, sondern allein Gesetzestreu waren. Es geht um das Ende der Mittelmäßigkeit. Es geht darum, dass wir uns nicht mehr mit halben Sachen zufriedengeben.

Darum muss es auch in Kirche gehen. Um ein Ende der Mittelmäßigkeit. Doch nichts anderes findet sich in großen Bereichen der deutschsprachigen Kirche (und damit meine ich nicht nur Priester, sondern das ganze Gottesvolk) und das schockierte mich zu Anfang. Zwischenzeitlich ödet mich das an, es widert mich an und ich stehe da und frage mich: Wieso sagt niemand was, es müssten doch mehr als nur ich merken. Wieso sagt niemand was und bricht die Mauer des Schweigens. Stattdessen plappern wir irgendwelche Parolen nach, bewegen uns in Extremen und vergessen woran man die Christen erkennt – naja erkennen sollte: „Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“  – Das ist nicht Mittelmäßig!

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Taufe des Herrn – Starten wir!

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Der Jordan: Die Taufstelle Jesu – Yardenit beim Kibbuz Degania. Direkt an der Grenze zu Jordanien. Der Jordan eine Grenze, die Taufe, eine Grenzerfahrung und Grenzüberschreitung?

Ja ups, ist es denn schon rum? Taufe des Herrn, das ist erstmal der letzte Tag der Weihnachtszeit. Zumindest in den Kirchen – daheim schon oft früher – beginnt jetzt das Abbauen und Verräumen. Christbäume, Schmuck und die Krippen werden jetzt wieder verschwinden. Der Jahreskreis beginnt. Mit der Vesper des Abends schließen wir das Stundenbuch für die Advents- und Weihnachtszeit und auch hier beginnt der Jahreskreis.

Irgendwie ging das nun wieder schnell. Ihr kennt das sicher auch. Was ich nicht alles erledigen wollte in dieser Weihnachtszeit, die auch mit einer vorlesungsfreien Zeit zusammenfällt. So viele Texte und Bücher wollte ich lesen, so viele Menschen besuchen, mit ihnen telefonieren und schreiben … und nun ist nur ein Bruchteil gemacht und die Weihnachtszeit ist rum. So schnell geht das.

Aber heute ist Taufe des Herrn. Eine ungemein spannende Textstelle. Aus verschiedenen Gründen. Unter anderem, weil das im Markusevangelium im sogenannten Prolog steht. Einem Teil, von dem die Menschen nicht sichtbar erfahren haben, sondern von dem erzählt wird. Da ist kaum jemand dabei. Die Geschichte ist konzentriert auf die entscheidenden Personen. Gott und Jesus. Die ersten Teile des Evangeliums erinnern mich an die Schöpfungsgeschichte. Da werden auch Grundlagen geschaffen. Grundlagen, damit ein neues, ein ganz besonderes Leben beginnen kann. Der bis dahin fast unbekannte Zimmermannsohn tritt in das Licht der Öffentlichkeit. Sein Handeln beginnt. Die Taufe des Herrn ist der Start für ein neues Leben.

An meine eigene Taufe kann ich mich nicht erinnern. Ich kann mich nicht mal an Erzählungen dazu erinnern. Ich weiß nicht ob ich geschrien oder geschlafen habe, ob irgendwas Peinliches geschehen ist. Ich kenne nicht mal bewusst ein Bild davon. Ich habe eine Taufurkunde, ich war dabei. Das ist soweit sicher. Und doch begann damit auch für mich ein neues Leben indem meine Eltern gesagt haben; Ja, dich stellen wir unter den Schutz, dich stellen wir in die Gemeinschaft Gottes. Taufe, da verändern wir uns nicht äußerlich. Baby ist erstmal Baby, aber wir werden eingeführt, wir werden eingebunden, eingeschlossen in das was wir Gemeinde oder noch besser die lebendige Liebe Gottes nennen können. Es ist eine andere Form von erstem Neubeginn.

So ist auch dieses Jahr. Es begann nach dem Kalender schon vor sieben Tagen. Nach dem kirchlichen Kalender schon vor über einem Monat. Aber jetzt ist eine neue Zeit angebrochen. Jetzt fängt was an. Morgen wieder Uni, wieder Alltag, wieder all die großen und kleinen Themen, die jetzt eine Zeit geruht haben – oder irgendwie nicht so wichtig waren.

Taufe des Herrn: Eventuell ist das so ein Startschuss für einen neuen Lauf durch das Jahr. Nicht wie im Trott, verbunden mit den Vorjahren, sondern wirklich die Möglichkeit, die Zeit neu loszugehen und zu schauen, was das Jahr uns bringt. Hier wird nichts auf Null gestellt, wie an Silvester, sondern neu ausgerichtet, neu in den Blick genommen. Ich bin gespannt, was mich erwartet und allen Lesern und Innen: Ich wünsche euch viele wunderbare Momente in diesem Jahreskreis und in dem was uns nun, in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten entgegenkommt. Starten wir und gehen los. Gemeinsam, im Gebet. So Gott will!