Benedikt – Gastfreundschaft – Europa

Wenn ich mir heute vorstelle, dass ich Priester werden darf, dann muss ich schmunzeln, wenn ich daran denke, wie ich als Ministrant war. Ich bin wohl einer der wenigen Seminaristen, die als Ministrant aus der Ministrantengruppe rausgeflogen sind. Mein Oberministrant war nicht glücklich mit mir und so kam es bald zum Abschied. Der Jugendarbeit selber blieb ich dann doch noch über 25 Jahre treu. Dafür halt in der KJG, den Pfadfindern und am Anfang in der evangelischen Jugendgruppe (da war ein Mädchen dabei das ich sooo super fand – ähm 3. Klasse war das).

Aber auch wenn ich nur kurz Ministrant war, so kann ich mich an einige Dinge erinnern, abgesehen davon, dass wir immer frech waren. Einmal sind wir mit den Ministranten ins Donautal gefahren. In der nächsten Nähe des Klosters haben wir auf einer Wiese unsere Zelte aufgeschlagen und konnten abends zuhören, wie ein Mönch auf seinem Alphorn musizierte. Von diesem Lager habe ich – außer, dass es viel regnete – in erster Linie diese Abend-Stimmung in Erinnerung und den Ton dazu im Ohr.  Das war meine erste Erfahrung mit Beuron, meine erste bewusste Erfahrung mit dem Orden des hl. Benedikts.

Was ich dann noch weiß, ist, dass die Patres sich um uns sorgten. Wie gesagt es regnete und wir waren Kinder und wir wurden eifrigst umsorgt. Heute weiß ich, dass dies ein entscheidender Wesenszug des Ordens ist: die Gastfreundschaft.

Und genau diese Gastfreundschaft führte mich in der Regel des Benedikts darauf zu bemerken, wie menschenfreundlich und lebensbejahend die Haltung des Benedikts gewesen sein muss. Wenn wir den überlieferten Geschichten und Legenden glauben schenken dürfen, hatte Benedikt nicht immer nur positive Erfahrung mit der Welt. Die Wirklichkeit der Welt damals war alles andere als lebensfreundlich. Völkerwanderung, ein untergegangenes Reich und irgendwelche (politische) Reststrukturen – in manchen strukturellen und gesellschaftlichen Themen erinnert die Situation damals an unsere heute. Und in dieser Zeit, in der es nicht immer gut geraten schien die Türe für Fremde zu öffnen, stellte Benedikt die Gastfreundschaft so hoch und zeigte damit, wie sehr die Liebe zum Mitmenschen das Christsein prägt. Es handelt sich hier um eine grundsätzliche Liebe, die dem Menschen Würde zuspricht, jene Würde die er aus seiner Gottbezogenheit oder Gottebenbildlichkeit erhält.

Dabei ist auch Benedikt damals schon – die Regeln lassen es erahnen – sich darüber bewusst, dass Gastfreundschaft nicht absolut sein kann, sondern eben Freundlichkeit gegenüber einem Gast, Bereitschaft ihn aufzunehmen, ihn nicht abzuweisen und ihm ein Leben auf Reisen zu ermöglichen. Dabei geht es nicht um die Frage „Wieso“ oder „Wie lange“ oder gar „Wer bist du“. Nein, es geht um den Menschen, der anklopft und dem wir auftun, denn in ihm zeigt sich Jesus Christus. Manch einer mag dies wieder als Utopie abtun, Benedikt tat das nicht und die Gastfreundschaft war damals auch keine „billige“ Sache. Dafür mussten die Mönche arbeiten, dafür übernahmen die Mönche Sorge.

Die Regel des Hl. Benedikt wirkt bis heute in den vielen Klöstern und Gemeinschaften nach, die sich auf Benedikt beziehen. Die Erhebung Benedikts von Papst Paul VI. zum Schutzpatron Europas, nachdem Pius XII. Benedikt schon zum Vater Europas erhoben hat, kann eine Verpflichtung sein, ja kann eine politische Mahnung. Gastfreundschaft, der grundsätzliche Respekt vor den Mitmenschen, die Verantwortung der Oberen für jeden einzelnen Menschen, die Offenheit zum Gespräch und Dialog in Phasen der Entscheidung, das Hören auf Ältere, auf lebens-weise Menschen – all das sind Marker, die uns für ein Miteinander in Europa nutzen können und müssen.

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Ein trauriger Tag und keiner schämt sich

Buchbild

Es ist mehr als unverständlich. Es ist zutiefst traurig. In Paris schließt die deutschsprachige Buchhandlung ihre Türen – für immer. Nachdem vor zwei Jahren die beiden deutschsprachigen Buchhandlungen ihr Aus erklärten, wagte es Frau Mönch-Hahn eine neue kleine Buchhandlung zu eröffnen. Zwei Jahre war sie jetzt tätig. Und wahrlich nicht untätig. Werbung in allen Formen, Lesungen und Veranstaltungen und eine große Präsenz zeichnete sie aus. Das dankten ihr nicht zuletzt die französischen Kunden.

Im November 2016 rief Frau Mönch-Hahn über einen Beitrag im Blatt des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels die deutschsprachigen Institutionen auf, ihr zur Seite zu stehen. Ich denke, dass dies nicht die erste Bitte dieser Art war. Persönliche Kontakte sind da sicher vorausgegangen. Diese Bitte an die deutschsprachigen Institutionen kenne ich sehr gut, habe ich doch auch selber diese Bitte immer und immer wieder in Rom formuliert. Ich kann also Frau Mönch-Hahn verstehen, denn diese Institutionen müssten nichts anderes tun, als nur ihre Bücher bei der jeweiligen deutschen Buchhandlung im Ausland zu bestellen.

Und jetzt wird geschlossen! Seit dem 14. Juli ist nun auch diese Kulturbotschaft im Ausland geschlossen. Frau Mönch-Hahn musste die Segel streichen und dieses wunderbare Projekt beenden.

Was mich daran so ärgert, was mich so aufregt, ist die Tatsache, dass wir hier in Deutschland immer so tun, als ob wir uns mit unseren Werten beschäftigten, mit unserer Kultur, mit unserer Tradition. Das ist – gerade auch, wenn wir einmal die Kulturpolitik im Ausland betrachten – mehr als peinlich, was Deutschland da liefert. Und die große Ausrede, dass wir ja unsere Goetheinstitute haben, die reicht nicht. Die bestellen nämlich lieber bei Amazon als beim deutschsprachigen Buchhändler vor Ort.

In den europäischen Großstädten haben wir mindestens drei deutschsprachige Botschaften, wir haben von den deutschsprachigen Ländern (Landesteilen) Deutschland, Österreich und Schweiz jeweils eine überraschend große Zahl von Instituten, wir haben Deutsche und Schweizer Schulen im Ausland – aber wir haben keine Bereitschaft dieser Einrichtungen – oder nur nach großen Kämpfen und mit großen Zugeständnissen oder Schwierigkeiten – die deutschen Buchhandlungen durch den Einkauf von Büchern zu unterstützen. Dass dies so ist, liegt wohl auch an den Gewohnheiten in Deutschland selber, denn auch dort erlebe ich immer wieder, dass staatlich geförderte Einrichtungen lieber bei Amazon bestellen, als den örtlichen Handel zu unterstützen – es muss Geld gespart werden, das ist meist die Begründung. Aber im Ausland zieht diese Argumentation nicht.

Förderprogramme für die deutschsprachigen Buchhandlungen gibt es nicht. Da sind uns die Engländer, Franzosen und Spanier weit voraus. Staatliche Preise und Ausschreibungen schließen deutschsprachige Buchhandlungen im Ausland aus. Subventionen etc. auch. All dies ist auch nicht die erste Forderung die die Deutschen Buchhändler an den Deutschen Staat haben/hatten. Auch die Deutsche Buchhandlung in Paris forderte dies nicht als Erstes. Die erste Bitte, die stehts ausgesprochen wird und die aktiv auch schnell helfen kann ist: Deutschsprachige Institutionen kauft bitte bei Deutschsprachigen Buchhandlungen. Das kostet nicht mehr Geld, das ist sogar – je nach Institut günstiger als die bisherigen Wege – denn einige der Institute dürfen ihre Bücher allein in Deutschland kaufen. Diese werden dann für viel Geld über Kurierdienste, zum Beispiel von München aus, verschickt. Der Blick in die deutsche und deutschsprachige Kulturarbeit eröffnet hier einen ersten Eindruck wie engdenkend diese Einrichtungen oft arbeiten.

Mit der Buchhandlung in Paris schließt eine weitere literarische Anlaufstelle. Die Botschafterin Schavan hat einmal, im Bezuge auf deutschsprachige Buchhandlungen im Ausland, von Kulturbotschaften gesprochen. Diese Zentren der deutschen Sprache und Literatur vertreten nicht nur Deutschland, sie vertreten den deutschen Sprachraum und die deutschsprachige Literatur. Es sind Orte, an denen Menschen, die die deutsche Sprache kennen oder kennenlernen wollen, erste Kontakte dazu finden. Hier, in Persona der Buchhändler und Buchhändlerinnen, werden und wurden Generationen von Menschen an die deutschsprachige Kultur und Denkweise herangeführt. Das ist dort, woe es dies nicht gibt, noch heute so. Das kann kein Internet, das kann kein YouTube-Video ersetzten. Das kann auch keine millionenteure Präsenz auf der Bienale in Venedig oder auf einer Weltausstellung und ganz oft auch nicht das Goetheinstitut vor Ort, das seinen Hauptauftrag im Film-Abend der Woche entdeckt hat.

Die Frankfurter Buchmesse präsentiert sich in vielen Ländern der Erde auf den Buchmessen. Dazu kommen sehr viele Politiker. Gerne – wie zuletzt auch in Polen – lassen sich Mitglieder der Bundesregierung oder in diesem Falle der Bundespräsident dort blicken. Dort werden die großen Reden gehalten über das Kulturgut Buch. Vor Ort aber, im Alltag, verschwindet dieses Kulturgut und das zuallererst in den Regalen der ausländischen Intelligenzija, denn die Hotspots der Literatur, wo erste Kontakte geknüpft wurden sind verschwunden. Studierende des 19. und 20 Jhdt. haben ihre Sprachkurse in den Großstädten der europäischen Nationen ergänzt und vertieft in den Buchhandlungen von Paris, Rom, Warschau, Barcelona, Athen … – diese Orte für die deutschsprachige Welt gibt es nicht mehr. Mit diesen Orten sterben die sprachlichen Kontakte. Mit diesen Orten sterben jene Orte, die auch entscheidend dafür da waren, damit aus nationalen Gedanken europäische Denkprozesse wurden. Wer die deutsche Sprache fördern will, der muss sich darüber bewusst sein, dass dies entscheidend davon abhängt, wo das geschehen kann. Das Buch ist Träger der Verständigung, das ändert sich auch nicht am Format, es ändert sich allein dann, wenn die Vermittlung zum Buch hin verschwindet.

Berlin 2017 1. Tag Bibelreise

Und weiter geht’s! Diesmal nach Berlin. Warum? Ganz groß gesagt: Um die Texte der jungen Gemeinde im Kontext der Großstadt, der katholischen Diaspora zu lesen und aufzunehmen. Paulus schreibt an Großstadtgemeinden. Wir sind in einer solchen. Paulus schreibt auch zum Thema Politik & Kirche. Wir bewegen uns in den nächsten Tagen zwischen diesen Welten. So habe ich zumindest den Sinn dieser Reise verstanden.

Ups, die sprechen ja Deutsch! Natürlich, wir sind ja auch in Deutschland. Irgendwie kommt das in meinen Kopf nicht rein. Reisen ist ins Ausland … so spuckt die Regel in meinem Kopf. Ich weiß nicht wann ich zuletzt innerhalb Deutschland verreist bin und Dann auch noch geflogen. Was einem der Kopf so alles vorgaukelt.

Abfahrt 08:00 Uhr nach Basel, mit Flieger nach Berlin-Schönefeld und mit der S-Bahn in den Wedding. Die letzte Schritte zu Fuß in unsere Unterkunft – das wäre die Reise gewesen. Wir sind in einer ehemaligen Fabrik untergebracht. Es schließt sich an eine „Hausbesichtigung“ und eine schnelle Tour durch die Stadt für jene, die noch nie hier waren und einen Überblick brauchen. Gottesdienst in St. Hedwig und Abendessen in der Berliner Republik. Zurück. Ein bisschen Gespräch und ins Bett und der Tag ist vorbei.

Da wir in der Osloer Straße wohnen fuhren wir bis zur Haltestelle Bornholmer Straße. Also voll rein in die Deutsche Geschichte. Hier begann schlussendlich das Wunder von Berlin. An jenem Abend sammelten sich hier, nach der Ankündigung im Fernsehen von Schabowski, die DDR-Bewohner und prüften dessen Aussage. Um 23:30 erhoben sich die Schlagbäume und die DDR hatte endgültig ihre Zähne eingebüßt. Mir bleiben wahrscheinlich ewig die Bilder im Kopf, jener Nacht, in der ich selber gerade 12 Jahre alt war. Mit solchen Erinnerungen im Kopf bin ich stolz einen deutschen Pass zu haben. Das Verhalten der Menschen in jener Nacht, das und alles was dazu drum herum geschehen ist, ist der Grund für eine neue Friedensordnung der Welt, für das neue Europa also für das, was dumme Menschen heute wieder kaputt machen wollen, bzw. aktiv daran sind es zu tun. Das Gegenteil unserer heutigen Situation ist das, was wir bis 1989 hatten, das dürfen wir nicht vergessen.

Bei einem Zeitzeugen, einem politisch handelnden jener Zeit und jener Veränderung hatte ich am Nachmittag einen kurzen Besuchstermin. In der Konrad-Adenauer-Stiftung traf ich den Vorsitzenden der Stiftung und ehemaligen Präsidenten des Europaparlamentes Prof. Pöttering. Spontan hat er sich Zeit genommen und wir hatten ein nettes Gespräch, wie man so sagt über „Gott und die Welt“. Raus ging ich also mit weiteren guten Gedanken und zwei Büchern, die er mir schenkte. Nach dem Termin schloss ich mich wieder der Gruppe am Brandenburger Tor an. Wir spazierten dann gemeinsam Unter den Linden in Richtung Hedwigskirche und machten einen kurzen Abstecher ins „Willy-Brandt-Forum“. In St. Hedwig feierten wir in der Krypta, in nächster Nähe zum Seligen Bernhard Lichtenberg, die Messe mit. Ich kann mich mit dem Stil dieser Kirche recht gut anfreunden, muss ich sagen.

Den Abend verbrachten wir in der „Berliner-Republik“. Ganz nettes Restaurant. Jetzt nicht das, in das ich jeden Abend gehen würde, aber ganz O.K. Das Essen war gut, aber schon „sehr genau bemessen“ und für Biertrinker ist das ja ein Eldorado.

Kaum waren wir draußen aus dem Restaurant zeigte sich mal wieder wie klein die Welt ist. Wir wollten zur Haltestelle und wer läuft mir über den Weg: Eine ganz liebe Tunslerin mit Freundin und dessen Freund. Die beiden Mädels und eine weitere Freundin hatten mich auch in Rom einmal besucht, worüber ich mich sehr gefreut hatte. Und jetzt, zwischen all den Menschen laufen wir uns in Berlin – völlig ungeplant – in die Arme. Mal wieder ein Beweis, wie klein doch die Welt ist. Einfach schön.