Noch immer Bäume pflanzen …

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Aufgewachsen bin ich in einer elterlichen Welt der Widerstandsmusik. Puff the Magig dreagon kenne ich, Peter, Paul and Mary, Joaen Baez höre ich genauso wie John Denver und Santana … ich mag die Gedanken, ich finde die Zeit gut und der Widerstand gegen veraltete Strukturen. Ich mag es mir vorzustellen, dass Menschen für ihre Meinung auf die Straße gehen, friedlich demonstrieren und sich damit die Welt, die Politik verändert. Aber ich sage die Zweifel laut, ob diese Zeit und die damaligen Methoden eventuell vorbei sind. Andere fragen das nicht und das merkte ich, als ich auf einem Feld vor den Toren von Jerusalem eine Schaufel in die Hand gedrückt bekommen habe, um einen Baum gegen die bösen Israeli zu pflanzen – und ich habe nicht verstanden warum, warum … noch immer! Ich habe es getan, ich saß auch in einem Erdloch und habe mir die emotionalen Geschichten, die Lebensdramen angehört und es tut mir leid, mir blieb allein ein fahler Geschmack. Es tut mir wirklich leid, aber ich verstehe es nicht … was ich da dachte habe ich in mein Handy diktiert und vergessen. Hier die Gedanken:  

Wir leben wohl in einer Zeit die keine Antworten mehr hat, und keine echten Fragen. Oder noch trauriger, wir leben in einer Welt in der die Handlungen und das Tun von Gestern sind, wir drehen schlussendlich noch immer die gleichen Kreise, zu den gleichen Themen der letzten 50 Jahre.  Wir Pflanzen noch immer Bäume – und auch wieder auf illegalem Land –  reden von Brücken die wir bauen wollen und von frisch gebahnten Wegen, die wir ziehen wollen ohne miteinander zu reden. Wir tönen die alten Parolen, die alten Worte und die alten Modelle in die Welt hinein, wir akzeptieren die alte Propaganda die wir nicht mehr hinterfragen, die wir selber nicht mehr glauben.

Noch immer stehen wir in Israel und bejammern die Flüchtlinge, die zwischenzeitlich in der dritten Generation leben und dies in Flüchtlingslagern die eine bessere Infrastruktur haben als so manch eine russische Stadt. Wir akzeptieren, ja wir pflegen und lieben die alten Denkstrukturen ohne die Kruste aufzubrechen. Wir empören uns. Und dann treffen wir uns zu Friedensterminen, Konferenzen und anderen Begegnungen um schöne Bilder zu bekommen und feine Worte zu Papiere zu bekommen und immer noch reden wir nicht miteinander. Aber wir geben Stellungnahmen, Einschätzungen und Erwartungen ab. Wir sind Westler, wir verstehen die Welt, warum macht das nicht jeder so wie wir es wollen? Wer es nicht so will, wie wir es denken, der ist dumm.

Wer sich aber dann eines Tages gegen bäumepflanzen und friedenskettenbilden stellt, ist ein Mensch der den Wert nicht versteht, ein Nestbeschmutzer, einer der die Arbeit der Vorgänger nicht schätzt, denn er zerstört schlussendlich die heimelige Wohlfühlsituation, die gut gemauerte Lebensplanung, die so manch ein würdiger, verdienter und altgedienter Aktivist sich gebaut hat. Wer die Frage des „Warum“ stellt, an Menschen, die „etwas tun wollen“ stört, denn er zwingt zum Nachdenken, zwingt dazu aus den eigenen Sicherheiten heraus zu treten. Es ist so schön und einfach, heute im Jahr 2017, nach einem gepflanzten Baum die Hände, die man sich ja extra schmutzig gemacht hat, ganz kollegial mit den Landarbeitern an den Hosen abzustreifen und voller innerer Entspanntheit, ja auch mit einem wohl verdienten Maße an Wohlgefälligkeit zum biologisch angebauten Essen überzugehen und sich dann über jene aufzuregen, die gar nichts tun.

Wer solch einen Text schreibt, ja wer nur solche Worte denkt, ist ein Unmensch, einer der nicht versteht. Der hat es leicht, so entspannt hinter seinem PC während die wahren Menschen an Schlagbäumen stehen und Menschen zählen, während die guten Menschen hinter jedem möglichen Gewaltakt herrennen und stehst die jeweils genehme Seite ausblenden und die bösen Machenschaften der anderen auflisten. Der, der so schreibt ist der Nestbeschmutzer der Friedenswoller, ja schon fast ein Mörder, denn durch ihn wird weniger geholfen, wird weniger demonstriert und weniger auf das Unrecht der Welt gezeigt.

Aber was ist denn unrecht? Wer ist denn der oder die böse Seite? Wer hat denn angefangen? Noch immer eilen Menschen durch die Welt und teilen diese in Gut und Böse ein. Noch immer tragen die einen Schal und die anderen schaufeln Erde. Noch immer, noch immer … ja noch immer dreht sich die Welt und noch immer finden wir keine Veränderung in all den Problemen. Warum? Ich weiß es nicht. Nein, das stimmt nicht, ich will es nicht wissen, denn auch ich habe mich eingerichtet. Schweigen, nur hin und wieder mal ein bisschen ausbrechend um das Gewissen zu beruhigen, sitze ich auf meinem achtel Lorbeerblatt – und mache nichts. Eventuell sollte ich doch auch lieber Bäume pflanzen, denn es beruhigt das Gewissen, auch wenn ich weiß, dass Anderes mehr helfen würde – aber das bedeutet mein Leben zu ändern. Mein Leben, hier und jetzt, schmerzhaft, denn ich würde mit Menschen hier in Deutschland streit bekommen, wegen diesen Menschen da, weit weg von mir, die … ach das geht mich doch einfach auch nichts an. Die sollen ihre Probleme selber regeln. – Pfui Teufel, Björn, Pfui Teufel, … wer kann sich denn von uns noch im Spiegel anschauen, nach einer Baumpflanzaktion, nach einem Blick in die Tageszeitung …

Europa – 60 Jahre Römische Verträge

 

 

Gestern feierte Europa Geburtstag. Europa, nicht nur die Staatenlenker, sondern auch viele Bürgerinnen und Bürger gedachten der Unterzeichnung der Römischen Verträge im Jahr 1957. Damals kamen Staatschefs sechs europäischer Nationen in Rom zusammen und unterzeichneten zwei Verträge die im entscheidenden Maße unser Vergangenheit, unsere Gegenwart und auch unsere Zukunft prägen werden, denn sie waren fest entschlossen die „Grundlagen für einen immer engeren Zusammenschluss der europäischen Völker zu schaffen“ (Präambel).

Die römischen Verträge, gerade die Unterzeichner, waren geprägt von der Geschichte, aber auch im hohen Maße geprägt von ihrem eigenen Glauben, von Visionen und Ideen, die ihnen die Möglichkeiten geben sollte das Leben von Millionen Menschen zu verbessern. Sie nahmen ihren Auftrag als Staatsmänner an und gestalteten ganz bewusst die Zukunft ihrer Staaten und deren Bürger. Aus diesem Vertrag mit sechs Ländern wurde die heutige EU mit 27 (naja 28) Staaten und weit über 500 Millionen Bürgern.

Heute war ich zum ersten Mal bei einer der Demonstrationen der Bürgerinitiative „Pulse of Europe“. Bisher konnte ich nicht, da ich unter anderem ja im Ausland war, aber ich habe mir vorgenommen an jedem möglichen Sonntag – nächste Woche in Berlin – dabei zu sein. In 60 Städten treffen sich aktuell jeden Sonntag um 14:00 Uhr tausende Bürger um nicht gegen etwas zu demonstrieren, sondern um für Europa zu demonstrieren. Wohl wissend, dass nicht alles perfekt ist in diesem Staatenbund, geht es den Organisatoren und auch den Teilnehmern darum Flagge zu zeigen für eine einmalige politische Erfolgsgeschichte und damit zu signalisieren: Europa, das sind nicht Verträge oder wohlmeinende Reden, sondern die Bürgerinnen und Bürger der Länder.

Die sehr allgemein gehaltenen Aussagen auf der Internetseite von „Pulse of Europe“ kann ich alle voll mitunterschreiben. Mir gehen sie nicht weit genug. Jedoch stehe ich voll und ganz dahinter. Wir können Europa, wir können unsere Zukunft, eine Zukunft in Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand nicht alleine den Politikern überlassen. Europa das sind wir selber, wir die einmal natürlich zur Wahl gehen müssen, wenn wir politische Veränderungen wollen, aber auch wir, die im Kleinen, im Alltäglichen zu Europa stehen und unsere Visionen aussprechen, um eine Stimme zu bekommen und die Politiker zu bewegen weiter zu gehen. Meiner Ansicht so weit zu gehen um eines Tages eine föderalistische politische Vereinigung zu erreichen, in der es allein regionale und sprachliche Grenzen aber keine nationalen Grenzen mehr gibt.

Mir ist ein gewähltes Parlament zu wenig, es braucht eine gewählte Regierung die ganz im Sinne der Subsidiarität arbeitet. Für mich ist es logisch, dass es in Anbetracht einer gemeinsamen Währung auch eine gemeinsame Finanzpolitik braucht. Für mich ist eine europäische Armee keine böse Vision, sondern in Zeiten von neuen Gefahren aber auch in Zeiten von Sparen und sinnvollem Wirtschaften eine gute und logische Folge der EU. Darüber hinaus muss sich auch im Bereich der Bildungspolitik entscheidendes verändern. Wir brauchen die Einführung von Standards in der Ausbildung, denn nur gut ausgebildete junge Menschen können auf einem europäischen Arbeitsmarkt in eine ehrliche Konkurrenz treten und dort eingesetzt werden wo man sie braucht.

Audienz beim Papst

Am Freitagabend hatten die 27 Vertreter der Länder der EU eine Audienz bei Papst Franziskus. Zum dritten Mal hielt der Heilige Vater eine Rede zur Lage der EU und stellte die Verbindungen zwischen EU und Christentum heraus. So sagte er: „Am Ursprung der Idee Europa steht »die Gestalt und die Verantwortlichkeit der menschlichen Person samt dem Ferment einer im Evangelium gegründeten Brüderlichkeit,“ (Franziskus 24,03.17). Hier und an vielen weiteren Textstellen mahnt er die Vertreterinnen und Vertreter an, nicht das Evangelium und die Botschaft Jesu Christi zu vergessen. Der Papst zeigt, dass er kein Politiker ist, dass aber die Kirche eine Verpflichtung hat in Wort und Tat die moralische Komponente einzufordern, die es braucht, dass ein Staat oder ein Staatsgebilde nicht nur Recht spricht, sondern auch stehts um Gerechtigkeit, auch um soziale Gerechtigkeit ringt.

Es ist gut, dass die Vertreterinnen und Vertreter der EU beim Heiligen Vater, dem Karlspreisträger 2016, zur Audienz waren. Es erinnert nämlich auch daran, dass die damaligen Ideengeber und Staatsmänner nicht nur christlich sozialisiert waren, sondern im hohen Maße ihre Politik aus einem gelebten Christentum heraus betrieben. Die Idee Europas ist eine zu tiefst christliche Idee, denn sie setzt die politische Komponente der Botschaft Jesu Christi in tägliches politisches und wirtschaftliches Handeln um – oder will es zumindest.

Für mich ist mein Glaube Grundlage einer Verpflichtung als Bürger, meine politische Meinung zu sagen, mich in politische und gesellschaftliche Diskurse einzubringen und wählen zu gehen, damit Politik und Gesellschaft ein Raum werden, in denen die Botschaft der Liebe zumindest im menschlichen Maße Wirklichkeit wird. Deshalb nehme ich an diesen Veranstaltungen teil und werde auch zu jeder Gelegenheit ausdrücken, dass ich ein badischer Europäer bin.

 

Klar ist das „Schleichwerbung“, aber grad die Verbindung zwischen katholischer Lehre und Politik ist mir wichtig und daher empfehle ich einige Bücher:

Franziskus: Mein Traum von Europa

Schavan (Hg.): Päpste vor Parlamente

Ratzinger, Josef: Werte in Zeiten des Umbruchs

Patocka, Jan: Europa und Nach-Europa

Möde, Erwin (Hg.): Europa braucht Spiritualität

Hertz, Dietmar: Die Europäische Union

Kompendium der Soziallehre