Schuld und Fehlersuche

Hl. Vitus
Darstellung im Augustinermuseum in Freiburg. Zeigt den hl. Vitus wie er im heißen Fett schmort, so wurde er umgebracht. Darstellung um 1500, Süddeutschland

Den nachfolgenden Text habe ich in einer Grundform (stark gekürzt) als Statio zu einem Gottesdienst gehalten. Die Lesungstexte auf die ich mich beziehe sind vom 24.07.2017 (Ex 14, 5-18 und Mt 12, 38-42).

Es werden Heiden sein, „Anonyme Christen“ (Rahner), die gegen die Gläubigen aussagen. Das sagt (ja droht) uns Jesus im heutigen Evangelium (Mt 12, 38-42). Nicht wir messen uns, sondern die da draußen, jene die wir alle Tage schief anschauen, jene denen wir gar all‘ zu oft den Glauben absprechen. Sie werden jene sein, die beim Gericht gegen oder für uns aussagen werden.

Superchristen, die Rechtgläubigen, die Bigotten, diejenigen die die eigene Messlatte stets unterlaufen aber die anderen dauernd kontrollieren, das sind jene, die dann dumm aus der Wäsche schauen, die aus allen Wolken fallen, wenn es ernst wird – am Tag des Gerichts.

Meine Mutter erzählt immer wieder aus ihrer Kinderzeit von alten Frauen, die nach dem Gottesdienst zutiefst böse waren. Kaum aus der Kirche draußen, haben sie trotz Kommunion und Andacht ihre Familie tyrannisiert. Ein böses Wort geführt, gelästert und geschumpfen. Das ist abschreckend gewesen, dass hat die Botschaft der Liebe und Gemeinschaft völlig negiert.

Aber auch bei uns: Wie viele nehmen im Gottesdienst die Kommunion und haben schon auf dem Rückweg die ersten Verurteilungen, die ersten zerstörerischen Gedanken gegen Andere im Kopf, weil sie nicht alles ganz genau so gemacht haben, wie es sich „gehört“?

Jesus erinnert daran: fang bei dir an, werde dir deiner Fehler bewusst, nimm deine Menschheit an und stell dich als Mensch vor Gott, fang du an!

Die Abkehr von Gott ist in meinen Augen die schlimmste Sünde. Abkehr fängt an, wenn ich hasse, wenn ich andere negiere, wenn ich mich und den anderen nicht als Geschöpf Gottes, als Person anerkenne und im die Würde die ihm/ihr von Gott geschenkt wurde aberkenne. Das ist Sünde, das, in den verschiedenen Stärken, ist für mich unsagbar schlimm. Das ist die entscheidende Sünde, die mich tagtäglich umtreibt, die auch meine Prüfungsfrage beinhaltet. Wer sich Gott zuwendet, unserem Gott des Christentums, dem Gott der Liebe, dem Vater, der kann nicht hassen, der kann den Anderen nicht negieren. Und das fängt genau mit dem an, was ich oben beschrieben habe.

Der erste Schritt weg von der Sünde ist das eingestehen, dass wir selber bruchstückhafte Menschen sind. Wir müssen uns als Menschen annehmen, uns und den Anderen, als Geschöpf des Einen Gottes. Das geht nur im Dialog. Mit Gott, mit den Mitmenschen. Das zeigt auch ganz besonders das Schuldbekenntnis. Ich bekenne meine Schulden, meine Fehler allen, ich stehe dazu, vor allen. Und ich bitte um Hilfe, genau auch dort, bei allen, auch bei meinen Brüdern und Schwestern. Es gilt die Fehler einzugestehen und laut um Unterstützung bitten. Nicht allein, stumm im Kämmerlein, sondern laut und offen, in der Gemeinschaft, in der Kirche, in der wir alle wissend um unsere Fehler gemeinsam auf Gott zugehen können, nicht kriechend in Sack und Asche oder mit dem Finger auf andere zeigend, sondern uns gegenseitig stützend.

Die Veränderung beginnt bei mir. Mit „ich habe gesündigt – hilf mir dabei“, beginnt der Weg aus der Gefangenschaft, aus unserem Ägypten, heute, hier … gemeinsam, mit Christus, gemeinsam mit der Gemeinde Jesu Christi.

Gedanken zu Joh 3,16-21

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Heute in der Auslegung beim Domradio hatte ich so viel was ich sagen wollte und dabei fiel mir auf, dass ich gar nicht wusste, was ich davon auswählen wollte. Ich wollte sprudeln, aber die Zeit hat nicht gereicht. Deshalb hier einmal die vielen Gedanken die ich hatte und von denen ich nicht wusste, welche ich sagen wollte.

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Licht und Dunkel, das sind sehr bekannte Gegensätze. Ganz oft werden diese Begriffe verwendet. Schon im Alten Testament finden sie sich. Dunkelheit ist Gottverlassenheit, ist Einsamkeit, ist Angst, ist der Raum der Abwendung von Gott – in den aber gerade auch im AT Gott immer wieder eindringt um uns zu führen, hinaus zu führen. Ob in Psalmen oder in einem ganz starken Bild des Exodus – der Feuersäule die den Israeliten vorauszieht, immer wieder zerstört das Licht, ein Feuer die Dunkelheit und befreit die Menschen.

Und auch das Christentum kennt diese Bilder. Nicht nur hier in dieser Perikope. Auch in der Liturgie verwenden wir diese Gegepole. Wir „feiern“ das Licht als Symbol. Da denke ich an die Liturgie der Osternacht, speziell im ersten Teil hat die katholische Liturgie (und auch die orthodoxe) eine Lichtfeier. Höhepunkt ist die Entzündung der Osterkerze und ein Liebeslied auf das Licht, das Exultes. = Licht als Verwandelndes Moment, Licht als Zukunft, als sich ereignende Hoffnung.

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Wenn ich diese Stelle lese, muss ich unweigerlich auch an eine Textstelle aus Berthold Brechts Dreigroschenoper denken: Da heißt es in der Zusatzstrophe der Moritat von Mecky Messer (aus dem Jahr 1930): „Denn die einen sind im Dunkeln. Und die andern sind im Licht. Und man siehet die im Lichte. Die im Dunkeln sieht man nicht.

Auch hier, das Dunkle ist der Ort des Bösen, des Verbrechens. Das Licht es stört, denn es deckt auf. Das Evangelium, Jesu Leben und Botschaft, ist so ein Licht, das aufdeckt, das die Ecken ausleuchtet. Wie eine Halogenleuchte wirklich jedes Eck ausleuchtend, selbst hinter Verkantungen und Hürden reicht dieses Licht hin. Und doch, das Licht Jesu Christi ist nicht so zerstörerisch wie eine Halogenleuchte, vielmehr wie eine Kerze, die still und leise, aber intensiv leuchtet. Das Ausleuchten unserer Person durch das Licht Jesu ist nicht zerstörerisch und verbrennend, eher zärtlich, es drückt nicht den Finger in die Wunde, sondern bietet Heilung an. Heilung, die beginnt, wenn wir uns ganz in das Licht stellen.

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Bleiben wir bei dem Bild mit dem „Licht“. Jeder der Böses tut, hasst das Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Das klingt logisch. Wenn ich Fehler gemacht habe, dann habe ich zwei Möglichkeiten: Sie zuzugeben oder eben nicht. Aber wenn ich in einer Welt lebe, in der ich meine Fehler nicht eingestehen kann, in der meine Fehler immer und immer an mir haften bleiben, dann werde ich doch alles tun, damit ich eben meine Fehler nicht zeigen muss, damit ich selber auch nicht mit meinen Fehlern konfrontiert werde. Das Problem von unverarbeiteten Fehlern, mehr und mehr Fehler ist doch, sie führen zu Frustration, zu Unsicherheit, zu Angst, Hass, ja, zu einem lebenslosen Leben.

Jesus zeigt da ein Gegenangebot. Er bietet das Heil. Also eine Welt, ein Leben in dem der Mensch nicht per se verurteilt wird, in dem der Mensch nicht wegen Fehlern oder Eigenheiten grundsätzlich negiert oder zerstört wird. Jesus bietet einen Raum, eine Lebensform in der man neu anfangen kann. Rettung durch Jesu könnte an dieser Stelle bedeutet: Jesus bietet ein Leben in der Freiheit von Schuld und Fehler. Der Mensch hat die Möglichkeit auf dieses Angebot zu antworten. Indem er ins Lichte tritt: Also, Fehler eingesteht, sie verarbeitet und sich bemühen diese und andere nicht mehr zu tun. Und so entsteht ein Leben, frei von Ängsten, offen für Hoffnung, bereit zur Liebe.

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Jesus ist das Licht, Jesus ist der Bote und der Bote ist wie der Sender. Guardini schreibt: Gott hat „Licht-Kraft […] Dinge, Menschen und Geschehnisse bis auf den Grund zu durchblicken“ (Homelien). Gott sieht in jedem sein eigenes Wesen, sieht bis auf den Grund. Er sieht ganz klar.

Und diese Kraft, dieses klar sehen, das bietet Gott an. Mit dem Evangelium kann ich das. Mit Jesu gehend kann ich das. Auch hier: Nicht einfach, aber machbar. Denn im Licht muss ich mich nicht verstellen, da darf ich erfahren wer ich bin, da darf ich Mensch sein, Fehler machen und erkennen, was falsch ist. Gottes Licht bereinigt es, wenn ich bereit bin.

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Licht – Angebot der Weite! Mit Licht verbinde ich nicht nur ein hineinsehen können, sondern auch eine Weite. Dieses Jahr an Ostern war so richtig Frühling. Man konnte es also erleben, wenn das Morgenlicht über die Berge hinwegbrach, dann tauchte die Sonne die ganze Landschaft in ein weiches klares Licht. Von einem Moment auf den Anderen verändert sich der Sichtkreis, der Horizont.

Noch stärker kann man das erleben, wenn man aus einem dunklen Raum, eventuell aus einer der Höhlen die man als Kind erkundet hat heraustritt. Plötzlich wird es ganz hell. Die Sonne blendet aber eröffnet einem einen ganz neuen Blickwinkel. So ist das auch beim Licht Gottes. Ohne ihn, ohne dieses Licht sehen wir nicht über unsere Füße hinaus. Wir sind gefangen, eingeengt und tappsen nur ganz vorsichtig durch das Leben. Die Sonne, das Licht Gotte, das Licht der Weite, der Erkenntnis lässt uns ausschreiten. Leichte und doch sichere Schritte gehen. Auch hier. Das Licht, die Erkenntnis schenkt er uns, wir müssen allein den Schritt beginnen, der uns aus der Höhle der Dunkelheit herausführt. Dann macht er alles andere.

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Bisher habe ich mir das Gericht als einen Prozess vorgestellt. Ich glaube nicht und dann werde ich irgendwann gerichtet werden. Irgendwann in fernen Tagen, beim jüngsten Tag. Aber ist ihnen das auch aufgefallen? Es lautet hier: „Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet“ – das ist Perfekt, da ist schon jemand gerichtet – mit dem Akt des Nicht-Glaubens. Da richtet aber nicht Gott, sondern der Nicht-Glaubende richtet sich selber. Nicht-Glauben ist Selbstgericht. Nicht Jesus richtet, sondern rettet. Da wird dieser Satz noch klarer. Der Nicht-Glaubende richtet sich selber, stellt sich in die Dunkelheit, in ein Leben ohne Zukunft, ohne Hoffnung auf ein mehr im irdischen und darüber hinaus. Und Jesus steht da und will retten, retten aus der Selbstverurteilung.

Jetzt braucht es meiner Meinung nach dazu aber noch eine zweite Überlegung darüber, was denn „Nicht-Glaube“ ist. Was ist denn das Gegenteil von Glaube? Atheismus? Nein, zumindest heute nicht mehr, heutige Atheisten sind meiner Ansicht nach auch nur Menschen mit einem Ersatzglauben. Ist der Zweifel das Gegenteil von Glauben? Nein, ich denke, dass es gerade zum Glauben den Zweifel braucht. Das Gegenteil von Glaube würde ich an dieser Stelle einmal mit Gleichgültigkeit betiteln. Menschen, die Gleichgültig sind gegen Gott, also gegen das was wir darunter verstehen; reine Liebe, Freiheit, Frieden – leben genau das nicht und entschuldigt bitte, was gibt es schlimmeres als ein Leben ohne Liebe? Ohne Freiheit? Ohne Frieden?  Ohne Hoffnungen? Wer nicht glaubt richtet sich selber, denn er nimmt sich in der Konsequenz der Gleichgültigkeit Liebe, Freiheit, Friede. Hoffnung, ja Leben, so wie wir es uns vorstellen.

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