Was mich heute bewegt …

Heute, am 06. April 2019, denke ich an meine erste heilige Kommunion in der damaligen Pfarrkirche St. Meinrad (Radolfzell) zurück. Das erste Mal, dass ich den Herrn in diesem kleinen Stück Brot ganz annehmen durfte, war heute, vor 33 Jahren, am 06. April 1986. Welch eine lange Zeit. In dieser Zeit habe ich mich vom Herrn entfernt und habe neu zurückgefunden zu IHM. Damals spürte ich es, heute bin ich mir absolut gewiss, dass der Mittelpunkt meines Lebens, die Zielrichtung, der Leitfaden, der Ruhe- und Motivationspunkt meines Lebens Jesus der Christus ist. Ich bin mir dessen so gewiss, dass ich eben diesen Weg, den ich eingeschlagen habe, mit Freuden mein ganzes Leben weitergehen will: In der Gewissheit seiner Liebe und in der Hoffnung, dass seine Liebe durch das Wort, durch die Tat und durch Mitmenschen dauerhaft in mein Leben hineinwirkt und mich trägt. Ich will diesen Weg gehen in einer ganz eigenen Verfügbarkeit für den Herrn. Ich will auf meine Weise, in meiner Form leben, dass die Botschaft Jesu Christi, dass der Ruf, den der Herr an mich persönlich gestellt hat, großartig ist, dass es die absolute Freude ist und in einer liebenden Form radikal ja absolut ist.

Heute, nach 33 Jahren schaue ich auf Phasen in meinem Leben zurück, in denen ich mit meiner Kirche, meiner Glaubensheimat, gehadert habe. Tief spürte ich meine Zweifel an dem was sich in unserer Kirche tut. „Ich glaube an die eine heilige, apostolische Kirche“. Und ich musste lange und schmerzhaft darum kämpfen bis ich gelernt habe zu erkennen: Ich haderte und hadere nicht mit meiner Kirche, sondern mit dem was einzelne Menschen mit der Botschaft Jesu anstellen, wie sehr einzelne Menschen Jesus Christus, seine Botschaft und damit die Menschen verraten, bekämpfen und dem Bösen, der Unmenschlichkeit helfen, die Botschaft der Liebe zu zerstören.

Meine Liebe zur Kirche, die Gewissheit, dass ich mein Leben so leben kann, wie ich es in den letzten Jahren erfahren durfte, liegt allein in der Eucharistie und im Wort Gottes, in der realen Gegenwart des einzigen Du, das absolute Liebe schafft.

Heute, nach 33 Jahren des Fragen, Suchen, Zweifeln, des Gehens und des Kommens finde ich mich in einer Heimat wieder, die mir lange von den vielen „Verbesserern“ und den „Ewig-gestrigen“ vergällt wurde. Viel zu lange habe ich mich zu sehr beeinflussen lassen von Äußerlichkeiten und anderen Mensche. Ich habe an meiner eigenen Haut erfahren müssen und muss es heute noch, dass in unserer Kirche Menschen handeln, die nicht Jesus Christus, sondern eigene Sehnsüchte, eigene Konstrukte, eigene Machenschaften, eigene Glaubenswahrheiten vertreten: Tag für Tag lese ich in den Nachrichten davon (und zum klar stellen, ich meine dabei nicht nur die absolut verabscheuungswürdigen Taten rund um das Thema Missbrauch), erlebe ich in einzelnen Gesprächen und in Handlungen in meinem Umfeld diese Haltungen. Ich könnte diese Erfahrungen nicht aushalten, wenn ich nicht täglich das Wort Gottes höre würde, regelmäßig die Eucharistie erfahren dürfte, ja die Gewissheit hätte, dass ich Tag für Tag mich fallen lassen kann und, gerade in den Worten der Psalmisten, all den Schmerz, all die Trauer und die Enttäuschungen über die Welt herausschreiben kann.

Heute, nach 33 Jahren weiß ich, dass die Eucharistie, diese stehts immer wieder neue erste Annäherung, mein Leben befruchtet, dass sie dem Worten Gottes die Bestätigung (Zeugenschaft) gibt, dass die Worte tragfähig werden und mich tragen.

Heute, nach 33 Jahren weiß ich auch, dass eine entscheidende Gegenwartsform Gottes – die Gemeinschaft – heute in der Gefahr schwebt zu zerbrechen und damit, das Wort und die Liebe der Eucharistie zu versanden, zu schwinden droht. Um das Wort und die immer gefeierte Liebestat Gottes jene Kraft zu schenken, alles zu verwandeln, dazu braucht es die Gemeinschaft der Gläubigen, jene, die sich um den Herrn versammeln. Diese Versammlung, diese Gemeinschaft, in der doch gerade Gott Gegenwart sein sollte, erfahre ich immer wieder fern von einer tragenden Gemeinschaft, denn sie wird aktiv verhindert, zerstört, negiert und viel zu oft, gerade auch von Mitchristen verraten. Gerade hier zeigt sich für mich, dass Glaube und Tat, Empfangen und Sendung, Verwurzelung und Aufbruch, Liturgia, Martyria und Diakonia nicht getrennte Dinge oder Handlungen sind, sondern zutiefst immer eins und aufeinander bezogen sein müssen.

Heute, nach 33 Jahren, bin ich dankbar, dass Gott mir so viel Geschenkt hat, seit jenem Tag im April, an dem er mir eine solch tiefe Geborgenheit, bei ihm und damals in meiner Familie schenkte. Von diesem damaligen Tag an spüre ich in ganz anderer Weise – mal mehr, mal weniger, je nachdem wie ich es zugelassen habe – die Verwobenheit meines Lebens mit IHM.

All die Erfahrung, all die Ruhe, all die Liebe – das habe ich erfahren – wurzelt in der Erfahrung der realen Gegenwart Gott in Wort und Eucharistie. Dank sei Gott!

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Respekt vor einem Zeugen

Ja, Trauer breitet sich aus, wenn es gilt Abschied zu nehmen von einem Menschen der so besonders, so einzigartig war wie Dr. Otto Bechtold. Aber es breitet sich auch eine Ruhe aus, eine Gewissheit bei all jenen, die erlebt haben wie tief und verwurzelt Otto Bechtold im Glauben an Jesus den Christus lebte.

Mir war es nicht vergönnt jenen Menschen Bechtold kennenzulernen, der seiner Kirche, seinem Erzbischof und den Gläubigen seinen priesterlichen Dienst in den verschiedenen Aufgaben und Ämtern schenkte. Es waren schlussendlich „nur“ knapp zwei Jahre in denen wir uns kannten, aber abgesehen davon dass er zum Beichtvater wurde, wurde er doch für mich zu einem entscheidenden geistlichen Weggefährten auf meinem Weg hin zum priesterlichen Dienst. Seine schlichte und klare Jesu-Konzentration, seine Marienfrömmigkeit, die seinen Blick so absolut auf seine Mitmenschen richten ließ hat mich fasziniert und ist für mich Vorbild.

Mir wird dieser priesterliche Glaubenszeuge fehlen. Natürlich morgens in der Frühmesse um 07:00 Uhr im Freiburger Münster, wo er als feste Größe Tag und Tag konzelebrierte und zeigte, woraus heraus ein Priester lebt. Er wird mir fehlen im Beichtstuhl, für mich genauer im persönlichen geistlichen Gespräch. Er wird mir fehlen als Weggefährte auf dem täglichen Weg hin zur Messe und zurück. Er wird mir fehlen als Motivator, als ein Seelsorger der einem immer und immer wieder das Gute zusprach, der mir Tag für Tag zeigte, dass der Weg und die Berufung die ich gehe Freude, Gewissheit und Zuversicht geben kann. Er wird mir in dieser Welt fehlen, denn mit ihm geht einer der großen geistlichen Gestalten zum Herrn voraus.

Ja, ich kann wahrscheinlich wirklich sagen, dass Herr Dr. Bechtold mir jenen Mut und jene Kraft zugesprochen hat, die ich brauchte um trotz dem Unbill den ich in dieser Ausbildung erleben muss, nicht den Weg verlassen habe. In jenen Momenten des Zuspruchs wurde aus einem fast fremden Menschen der Mitbruder Otto, dem ich jetzt, am Ende seines irdischen Lebens, nichts mehr zusagen kann als ein: Danke!

Lieber Otto Bechtold: Ich danke unserem Herrn und Schöpfer, dass er mir sie zur Seite gestellt hat. Ich danke ihnen lieber Bruder in Christo, dass sie mich mit so viel menschlicher Wärme, mit so viel Offenheit, mit so viel Respekt vor meinem Leben und meiner Würde behandelt haben. Sie erinnerten mich daran, was allein in unserer Kirche zählt. Sie stellten durch ihre Haltung und ihre Worte bei mir immer wieder das in den Mittelpunkt zurück, was durch die alltägliche Sorgen manchmal verdeckt oder verdunkelt wurde. Lieber Bruder, es war ein Segen sie in den letzten Monaten so persönlich zu begleiten. Diese Zeit, sie prägten mein Leben.

Wenige Tage vor seinem 90igsten Geburtstag habe ich ihn mal gefragt: „Herr Bechtold, was wünschen sie sich zum 90igsten.“ Darauf er: „Ein schönes Requiem.“ Mehr wollte er nicht. Er liebte das Leben, er lebte es mit Freude, aber seine absolute Freude, sein Leben war das Leben im Herrn. Zu ihm ist er nun, ganz in Vorfreude und in der Gewissheit des Gerichts und Gottes Barmherzigkeit eingegangen. Uns, die wir zurückbleiben bleibt nur: Ihn nicht vergessen und ihm seinen Wunsch erfüllen: Ein schönes Requiem!

Treue

In der Liturgie des vergangenen Dienstags (31. Woche) hatten wir in den Gebeten (MB 309/12; 291; 292) und in den Lesungstexten (Phil 2,5-11; Lk 14,15-24) und dem Psalm das Thema der Treue Gottes genauer die „Auswirkungen“ oder Formen der Treue Gottes, wie wir sie als Menschen erfahren dürfen.

Im Konzept der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott zeigt sich für mich, dass einer der Aspekte dieser Ebenbildlichkeit unser Gedächtnis und unser Denken, die Kraft des Erinnerns, an das was war, ist. Erinnern, sich einordnen können in den Lauf der Zeit, das ist ein grundsätzliches sich in Beziehung setzten. Hier zeigt sich, dass wir nicht einsame Individuen sind, die sich nur allein und in sich eingekapselt entfalten können, zum Mensch werden können. Mensch sein, bedeutet: Sich in Beziehung zu setzten, zeitlich, räumlich um Bezug auf Menschen. Vom Ich auf ein Du zu blicken und damit selbst zum Du zu werden.

Dieses sich in Beziehungsetzten, das findet sich in seiner Urform in Gott, denn er bietet uns das an. Dieses Gottes-Angebot gilt absolut und ist in seiner Form radikal, denn der Gott der Bibel zeigt uns, dass er ganz und gar ein „Ja“ zum ganzen Menschen, zum freien Menschen spricht. Wir können das, also all die Ausprägungen und Folgen daraus, die Treue Gottes nennen.

Diese grundsätzliche Treue Gott ist immer, ja sogar überzeitlich, ob wir sie sehen, annehmen oder ablehnen. Christ sein, die Freiheit des Christen zeigt sich darin, eben zu Entscheiden ob ich diesen Treuebund annehme oder nicht. Der Anfang der Liturgie, die Zusage des Priesters: „Der Herr sei mit euch“ und das Kyrie sind Zeichen dieses selbstentscheidenskönnen, denn beides braucht eine Antwort. Eine Antwort von uns. Eine Antwort, die grundsätzlich ist, die erneuert werden will, hin zu einer Treue, die wir in Treue auf Gottes Treue hin ganzheitlich, also evangeliumsgemäß leben.