Die Bibel stört

In der Zeit der Ministrantenwallfahrt in Rom durfte ich mich beteiligen an der Betreuung von Jugendlichen, die auf eine Führung in der Domitilla-Katakombe warteten. Dieses Programm wurde vom Zentrum für Berufungspastoral verantwortet und ich durfte dabei sein. War echt schön, denn das ganz besondere daran war, dass ich somit nicht allein nur die Freiburger Minis erleben konnte, sondern Ministranten aus dem ganzen Bundesgebiet.

Am Donnerstag hatten wir eine Gruppe bei der war ein Diakon mit dabei. Wir vom Team hatten ein Ratespiel vorbereitet. Einige der Fragen waren zum Altes Testament. Da war eine witzige Frage dabei und dann kam die Frage, wie denn der Bruder von Jakob im Alten Testament heißt. Die Jugendlichen haben das ganz oft gewusst. Mussten aber schon auch nachdenken und so entstand eine Stille in die eben dieser besagte Diakon brüllte: Das wissen wir nicht und das ist ja auch unwichtig. Wir sind Christen und wir brauchen das Alte Testament nicht. Ich brauch nicht zu erzählen, dass ich geschockt war. Das habe ich ihm dann auch gesagt. Er fand das nicht falsch was er gesagt hat.

Gerade eben habe ich mit einer lieben Freundin telefoniert und wir hatten es davon, dass sie im Rahmen ihrer Ausbildung einen Exegese-Predigt abliefern muss und sie statt einer Evangeliums-Predigt einen Text zum Gottesknecht schreibt, denn sie finde gerade dieses Thema entscheidend wichtig in unserem Glauben und ihr fehlt da oft genug eine Predigt dazu für die Gemeinde. Dem konnte ich nur zustimmen und jetzt kommt mir die Frage; Wann habe ich denn das letzte Mal eine AT-Predigt gehört. Wann habe ich erlebt, dass der Priester im Gottesdienst einen der oft doch auch schwierigeren Lesungstexte aus dem Alten Testament als Predigtthema verwendet hat. Ich kann mich echt nicht mehr daran erinnern.

Im Jahr 2017 haben Priester des Weihejahrganges 1967 einen Brief geschrieben in dem sie bekundet haben, dass sie gerne der Kirche dienen, es aber Punkte gibt, die sich nicht so verändert haben, wie sie es sich in der Zeit des II. Vatikanischen Konzils erwartet haben. Dabei ging es auch um den Umgang mit der Bibel und dem Evangelium. So heißt es dort „Mit der Zeit wurde jedoch sichtbar, dass die liturgischen Reformen nicht zusammengingen mit einer neuen und gründlichen Auseinandersetzung mit der Bibel.“ Und weiter: „Uns bedrückt, dass die Frage nach Gott bei vielen Menschen hierzulande kein Thema mehr ist. Zudem stellen wir fest, dass die neueren Erkenntnisse über die Bibel und über die Geschichtlichkeit unserer Kirche nicht zum Allgemeingut im Glauben der Christen geworden sind. Eine neue Begeisterung für das Evangelium, die Papst Franziskus mit dem biblischen Leitwort Barmherzigkeit initiieren will, scheint bisher nur wenige zu packen.“  – Das sind Erkenntnisse, die ich mitunterschreiben kann. Es ist überraschend und ungemein traurig, dass trotz einer größeren textlichen Vielfalt in der Liturgie, trotz einer großen theologisch-wissenschaftlichen Auseinandersetzung, trotz einer Einheits-übersetzung das Wissen von Gott, die Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes im Bezug auf das eigene Leben immer weniger wird.

Ein bisschen traurig-witzig ist, dass einer der Unterzeichner Willi Hoffsümmer ist, Autor von Büchern, die Textsammlungen sind für die Liturgie. Gewollt oder ungewollt sind gerade diese Bücher eine der Grundlagen dafür, dass in meiner Kindheit und Jugend in meiner damaligen Gemeinde nahezu keine alttestamentlichen Lesungen gelesen wurden. Diese und auch ganz oft die oft einzige neutestamentliche Lesung (gerade bei Kinder- Und Jugendgottesdiensten) wurden gegen Texte aus den Hoffsümmer-Büchern ersetzt. Grund dafür war die Vorstellung: Wir können den Menschen, gerade den jungen Menschen biblische Texte nicht antun. Sie verstehen sie nicht, sie sind zu schwer … etc. Wie gesagt: Gewollt oder ungewollt hat der Autor gerade diesen Teil der liturgischen Erneuerung, die stärkere Verortung der Gemeinde in den biblischen Texten durch eine breite Lesungspalette behindert. Wenn nicht er, dann hätte das jemand anderer getan. Das aus meiner Ansicht nach schlimme an diesem Prozess ist: Die Texte waren keine Ergänzung, sondern viel zu oft Ersatz. Christ bin ich nicht, weil ich den kleinen Prinz kenne oder die Geschichte der kleinen Schraube im großen Schiff sondern weil ich Gottes Weg mit den Menschen weitergehe und davon gehört habe.

Kann es sein, dass wir Angst haben vor der Bibel, ganz besonders vor dem Alten Testament? Der Evangeliumstext von gestern war Mt 24, 42-51. Wahrlich kein Text, der so einfach mit dem Wort „Frohe Botschaft“ versehen werden kann. Es sind klare und harte Worte. Solche tauchen im Alten Testament viel öfters auf. Könnte es sein, dass wir uns vor solchen Worten fürchten? Sie sind hart. Sie bieten uns keine Kuschel-Gott und fordern Entscheidungen. Der Gott des AT und der Gott von Jesus ist ein Gott der viel von uns verlangt. Er schenkt uns immer seine Liebe, er ist barmherzig, aber Barmherzigkeit ist eine höhere Form der Gerechtigkeit und keine „ist ja schon gut“-Mentalität. Gottes Barmherzigkeit ist für mich als Christ Verantwortung für das eigene Leben und das meiner Mitmenschen. Barmherzigkeit schenkt und bietet die Kraft Entscheidungen zu treffen und das Leben auf Gott auszurichten. Auf einen Gott, der so ist, wie er erlebt wurde – und das erfahren wir in der Bibel. Diesen Gott gilt es zu kennen und zu erfahren. Dieser Gott ist unbequem. So unbequem, dass wir an der Krippe stehen und das süße Baby bewundern und gleichzeitig erleben müssen, dass Gott es zulässt, dass sein Volk bzw. seine Frommen, ermordet, gesteinigt, geschlagen und verfolgt werden.

Ich bin der Meinung, dass wir darüber reden müssen. Gott ist lieb, das ist nicht zu leugnen, wie eine Mutter. Er ist aber auch der Gott des Gerichtes. Er ist der strafende Gott, ebenso wie eine Mutter oder ein Vater. Damit müssen wir zurechtkommen und dabei hilft es nicht, wenn wir das ausblenden, sondern – so denke ich – dass wir uns damit beschäftigen und fragen, was das für unser Leben bedeutet. Das geht nur, wenn wir uns mit der Bibel auseinandersetzen, wenn wir das AT und das NT kennen und in dieser beider Tradition leben. Daher meine Bitte: Priester predigt zum AT! Kirche lebt mit dem Gott der ganzen Bibel und nicht mit einem Gott nach eigenem Zuschnitt!

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Ministrantenwallfahrt 2018

Es passiert dann doch oft viel zu schnell. Da ist man in einem Trott, da hat man einzelne Erfahrungen gemacht und dann sieht man nur die Fehler und die Nachteile. So ging es mir bedingt auch bei der Ministrantenwallfahrt in der letzten Woche. Aus dem Abstand heraus zeigen sich die positiven Punkte und auch die Erfahrungen und Fragen, die sich für mich aus der Wallfahrt ergeben haben.

Das entscheidende ist , dass ich fasziniert bin von einzelnen wunderbaren Erfahrungen. Zuallererst einmal die absolute Zahl. Ja, Quantität ist nicht entscheidend, aber doch auch ein Statement. Ein Statement, dass eine Zukunft möglich ist, dass Kirche und kirchliches Leben in unserer Welt noch immer, auch für Jugendliche möglich erscheint.

Ein bisschen plump wurden in den Social Media einige angefragt: „Und habt ihr den Frieden gefunden?“ Dahinter steckte so manches Mal die unausgesprochene Anklage: „Es ändert sich doch eh nichts.“ Ist das so? Ich habe das anders erlebt: Am Dienstag vor, während und nach der Audienz, in der restlichen Woche, überall in der Stadt, immer dann, wenn Jugendliche – oft auch ein bisschen motiviert durch weitblickende, weltoffene Betreuer – in Kontakt traten mit Jugendlichen aus anderen Bistümern, aus anderen Ländern, ja auch schlussendlich aus anderen Kulturkreisen. Ich finde, dass Begegnung, die erfolgreichste Form von Friedenssicherung ist. Und Begegnung gab es hier ganz oft. Ja, ich denke, dass es möglich war hier dem Frieden nachzujagen.

In einigen Gesprächen davor und danach und auch während der Ministrantenwallfahrt war bei mir und Freunden von mir stehts die Frage nach dem spirituellen Aspekt der Wallfahrt. Da gab es leider von verschiedenen Seiten, von Seiten der Organisatoren, aber auch ganz besonders von Seiten der Betreuer Haltungen, die davon zeugen, dass spirituelle Aspekte eher verschämt angeboten werden oder zur Sicherheit noch mit irgendwelchen scheinbar modernen und coolen Aspekten übermäntelt werden – wir wollen ja die Jugendlichen nicht erschrecken oder abschrecken. Dabei lernte ich einiges neu. Einmal, dass wir uns von Konzepten der 1980iger und 1990iger Jahren verabschieden müssen und dass Jugendliche ernst genommen werden wollen und sich mit Desinteresse gegen Konzepte stellen, die veraltet, unehrlich oder eben unreflektiert sind. Jugendliche, gerade Ministranten, wissen wie Liturgie, wie Spiritualität sein kann, sie wissen um was es geht, und das fordern sie ein. Das zeigt sich dann auch, bei jenen Gruppen, die während der Romtage dann doch die 7-Kirchen-Wallfahrt gemacht haben oder im Programm tägliche Gebets/Liturgiezeiten eingeplant hatten. In diesem Kontext war ich fasziniert über die spontanen Rückmeldungen, die ich im Umfeld der Audienz von Jugendlichen erfuhr. Mein Fazit ist da: Die wollen mehr! Und sie wollen es von uns als Kirche, wir müssen es ihnen nur anbieten, nicht authentisch, sondern schlicht und ehrlich. Aber wie machen wir es? Wie können wir das? Sind wir so offen, dass wir auch über unsere eigenen Lebenskonzepte hinausgehen und – auch wenn so manches nicht „meins“ ist trotzdem mit Elan und Ehrlichkeit anbieten und umsetzten?

Einen Großteil der Zeit in Rom verbrachte ich an den Domitilla-Katakomben mit einem Team des ZfB. Es war mir eine Freude, dort mit anderen Studierenden und Berufenen ein Programm anzubieten. Anfangs war ich mir ehrlich gesagt nicht ganz so sicher, ob das alles zieht was wir hatten; ein Ratespiel und Gewinne, die dann doch sehr katholisch waren, aber ich wurde mit Erfahrungen beschenkt die einfach wunderbar waren. Im Alltagstrott der verfassten Kirche gelangt man ja in so ein jammern hinein, zu einer Untergangsmentalität. Aber da wurde ich eines Besseren belehrt. Natürlich sind die Jugendlichen nicht perfekt oder ideal, so wie wir es uns irgendwie erträumen, aber sollen sie das denn wirklich sein, so wie wir es uns wünschen? Sie sind begeisterungsfähig und sie gehen mit ihrem Glauben, mit der Bibel, mit der Liturgie entspannt um. Ganz viele zeigen sich wie ein Schwamm, der alles aufsaugen will, was nahrhaftes Wasser ist. Die meisten Ministranten die ich dort erlebt habe sind wählerisch, sie sind neugierig, offen und begeisterungsfähig – was wollen wir mehr? Eventuell, und das war oft genug der kleine Wermutstropfen, Betreuende (Eltern, Ehren- und Hauptamtliche) die ihren Jugendlichen etwas zutrauen und die selber so neugierig, so offen, so lebensbejahend sind. Die traurigen Erfahrungen habe ich im Kontakt mit Hauptamtlichen erlebt, was meine Erfahrungen der letzten Monate und Jahre bestätigt hat: Wir haben ein Ausbildungsproblem auf allen Ebenen!

Ein weiteres besonderes Erlebnis hatte ich am Mittwoch in der Magistralvilla der Malteser. Dort gab es eine Führung und ich hatte ein bisschen Angst davor. Die Rahmenbedingungen waren kritisch: Hitze, reine Führung und die in englischer Sprache. Aber ich wurde mit einer Gruppe beschenkt, die wunderbar dabei war: Von den Betreuern bis hin zum kleinsten Mini. Sie waren alle voll dabei und haben unsere Gesprächspartnerin und Begleiter mit Fragen gelöchert – einfach wunderbar. Und, was dann wieder alle Unkenrufe widersprochen hat: Alle wussten sich in diesem doch ganz besonderen Umfeld absolut zu benehmen. Ehrfurcht in der Kirche, Respekt vor dem Umfeld, das zeugten alle.

Papst Franziskus hatte recht mit seinem Buchtitel: „Die Kirche ist jung“. Das setzt voraus, dass wir die Jugendlichen ernst nehmen, mit ihren Themen und nicht mit Themen, von denen wir meinen, dass es ihre sind. Der Heilige Vater hat die Ministranten ernst genommen, der heilige Vater nimmt die Jugend ernst, so ernst, dass er ihnen zuruft: „Heute könnt ihr als Jugendliche Apostel sein, die andere zu Jesus bringen. Das geschieht, wenn ihr selbst voller Begeisterung für ihn, für Jesus, seid; wenn ihr ihm begegnet seid, ihn persönlich kennt und wenn ihr als erste von ihm »ergriffen« worden seid.“ Papst Franziskus traut den Jugendlichen, er vertraut ihnen, dass sie sich auf Christus ausrichten wollen und können. Tun wir das auch? Nein besser, tun wir das doch auch! Das ist mein Fazit aus der Ministrantenwallfahrt.

Der verborgene Gott?

Ein verborgener Gott – ist Gott das wirklich? Im heutigen Tagesgebet (MB 313,22) sprechen wir ihn als verborgenen Gott an. Aber nochmal: Ist er das? Verbirgt sich Gott vor uns? Oder verdecken/verbergen wir ihn vielmehr selbst vor uns? Verdecken wir ihn nicht eventuell mit all den Ersatzgöttern, die eben im unseren Alltag greifbarer sind, die schneller angreifbar sind und schneller zu Sündenböcken gemacht werden können?

Zum Sündenbock, oder zum Lückenfüller können wir Gott nicht machen, da gibt es nur ein entweder – oder. Gott anerkennen bedeutet, uns als Menschen anerkennen einzuordnen in die Schöpfung und dann können wir Gott nicht mehr für alles verantwortlich machen, denn Gott stellt uns in die Freiheit. Das ist anstrengend, zehrend, nervend. Damit übergibt uns Gott Verantwortung – Verantwortung, die wir annehmen, oder eben nicht. Prüfen wir uns heute einmal ob wir die Freiheit die Gott uns schenkt annehmen, ob wir die Verantwortung, die er uns übergibt leben.