Der Heilige Geist

Heute (Samstag, 28 Woche Jahreskreis) ist als Evangelium die Stelle Lk 12,8-12 vorgesehen. Darin gibt es eine Stelle über die ich heute gestolpert bin: „Jedem, der etwas gegen den Menschensohn sagt, wird vergeben werden; wer aber den Heiligen Geist lästert, dem wird nicht vergeben.“

Jesus benennt hier zwei „Personen“: Sich, den Menschensohn, und den heiligen Geist und hebt den Heiligen Geist in der Wichtigkeit des Lebens des einzelnen Gläubigen hervor. Er positioniert den Heiligen Geist (vgl. Lk 8,12) als jene Instanz, die im Leben der Menschen ihnen zur Seite steht, wenn es schwierig wird.

Klar präsent ist der Heilige Geist irgendwie an Pfingsten. Da kommt er – oder soll er – runter kommen und das Antlitz der Welt neu machen. Und da schon denke ich mir: „Na, der kann ja gern kommen und rumschweben. Die Menschen werden ihn schon am Tun hindern.“ Und umgekehrt ergibt sich damit für mich die Klarheit: Ohne das Werkzeug „Mensch“ kann der Heilige Geist nichts schaffen. Ist eventuell lästern gegen den Heiligen Geist ein „nicht handeln“ im Sinne des Heiligen Geistes? Lästern wir gegen den heiligen Geist, wenn wir nicht das tun, was wir können, um das Antlitz der Welt zu verbessern?

Der Heilige Geist wird darüber hinaus überall dort hervorgeholt, wo es irgendwie mystisch oder unerklärlich wird. So zum Beispiel bei den Sakramenten, bei der Papstwahl und ja auch aktuell in der Synode. Und es bleibt da irgendwie offen – zumindest dem regelverwöhnten Deutschen – wie man diesen Heiligen Geist und sein Tun greifen kann und ihn dann bitte auch Verklagen und zu Regress bemühen kann, wenn was falsch läuft.

Nach dem heutige Lukasevangelium steht Glaubensbekenntnis und Heiliger Geist in einer Verbindung, steht Glaubensleben und Heiliger Geist in einer Verbindung. Daher müsste doch auch das, was das Glaubensleben regelt, strukturiert, damit wir eben als Christen in der irdischen Welt leben können, irgendwie in einer Verbindung zum Heiligen Geist stehen. Wie ist das dann aber bei den Forderungen die aktuell im kirchlichen Raum stehen, wie ist das dann bei den anstehenden notwendigen Veränderungen, die anstehen: Wirkt da der Heilige Geist und wer kann da wie und wann mit dem Heiligen Geist argumentieren? Bzw. argumentiert da irgendjemand mit dem Heiligen Geist?

Der Faktor Heiliger Geist finde ich selten bei den Diskussionen um Zölibat, Frauenordination, Macht, Struktur, Pfarreireform und vielem mehr – aber ist er nicht eventuell doch der entscheidende Punkt?

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Kirche der Bürokratie?

Im Jahr 2016 erschienen die „Letzten Gespräche“, das vierte Interviewbuch mit Joseph Ratzinger/Vater Benedikt. Wir erlebten damals einen recht persönlichen Papst und ein leider sehr schlecht bearbeitetes Buch, das sich mit Fehlern und einem schlechten Lektorat präsentierte. Manch eine Aussage darin schlug Wellen. Leider oft nicht so, dass es zu einem Nachdenken kam. Die Worte Benedikts zum Thema Deutschland brachten starke Reaktionen. Er sagte damals u. a. „Das ist, glaube ich, die große Gefahr der Kirche in Deutschland, dass sie so viele bezahlte Mitarbeiter hat und dadurch ein Überhang an ungeistlicher Bürokratie“ (Benedikt XVI.; Letzte Gespräche S. 247) — Liegt er denn hier so falsch?

In der Weihnachtsansprache des Jahre 2014 präsentierte Papst Franziskus den versammelten Kurienleitern fünfzehn Krankheiten der Kurie. Damals formulierte er unter Punkt 4.: Zu viel planen: „Es ist nötig, gute Pläne zu machen. Aber verfallt nicht der Versuchung, die Freiheit des Heiligen Geistes einzuschließen oder zu dirigieren, denn er ist größer und großzügiger als jeder menschliche Plan„. In seinem neuesten Interviewbuch ging Papst Franziskus nochmal auf diese fünfzehn Krankheiten ein und diagnostizierte sie uns allen, bzw. warnte uns alle davor. Auch hier gibt es den Punkt vier, der sich aber wie folgt anhört: „Die vierte Krankheit ist die des Planungswahns und des Funktionalismus: Wer alles minutiös durchplant und glaubt, dass die Dinge nur dank seiner perfekten Planung Fortschritte machen, wird zu einem Buchhalter, einem Betriebswirt der Existenz. Die Freiheit des Heiligen Geistes lässt sich nämlich nicht in ein Programm einsperren. Der Heilige Geist bringt dir Frische, Phantasie, Neues – achte auf die Ähnlichkeit zum Begriff des Jungseins, von dem wir gesprochen haben.“ (Franziskus; Gott ist jung, Freiburg 2018. S. 42) – Haben wir das in Deutschland, im Land der Bürokratie, der Verbände und der Strukturpapiere verstanden????

An diese und viele andere Zitate muss ich in den letzten Tagen viel denken. In den letzten Tagen, weil ich immer wieder – aktuell sehr bewusst – Menschen innerhalb der Kirche erleben, die sich lieber auf Versicherungen und auf ihre Strukturpläne, Konzeptionen und Listen zurückziehen statt mutig nach vorne zu gehen. Ich erlebe an vielen Punkten eine abgesicherte Kirche. Eine Kirche, die sich so verschanzt hinter Regeln, Gesetzten und Normen, dass es schwer wird noch zu leben, noch eine Kirche zu sein in der es windet und in der der Staub aus den Ecken hinweggefegt wird.

Aktuell schlagen wir uns alle mit der Datenschutzrichtlinie rum. Nicht jene der EU sondern einer Richtlinie, die von kirchlicher Seite eingeführt wurde und die an vielen Stellen zu Unklarheit führt und Kommunikation und Medienarbeit zerstört oder zumindest behindert. Bistümer führen Mail-Systeme ein, die dazu führen, dass jeder, der nicht zwingend muss, jeden Kontakt vermeidet. Facebook, Instagram, Whatsapp und Co. werden nun wieder zu „bösen Buben“ negiert und so manch einer fordert den Ausstieg der Kirche aus den Social Media. Der Satz: „Technik rettet uns nicht“ und viele ähnlichen Sätze, die grundsätzlich stimmen, werden pauschal und unreflektiert verbreitet um Kirche im Bereich des Digitalen und der Kommunikation einzuschränken. Ein Zukunfts-Pessimismus bekommt hier Raum, der gefährlich wird. Dabei vergessen gerade jene, die die heutigen Formen der Kommunikation negieren, dass Kirche vom Wort lebt und Kirche der Raum einer „Ur-Kommunikation“ ist. Wenn es eine Institution gibt, die das von sich behaupten kann, dann hat das Christentum Kommunikation „erfunden“. Mit einem Gott der dialogisch ist, der logos wurde begann die Möglichkeit echter Kommunikation ganz neu. Die neuen Richtlinien aber und jene Menschen, die sich hier als die großen Retter aufspielen, sind eher die Gefahr für die Kirche. Wir brauchen Theologen (auch Kanoniker) die den heiligen Geist wehen lassen und nicht Juristen. Wir brauchen Abschied und Widerstand von einer juristisch eingeengten Welt hin zu einem Leben voller Freude, Überraschungen und Zumutungen.

Das ist aber nur ein Thema. Deutsche Brandschutzverordnungen zerstören manch ein Alltag, behindern Glaubenspraxis und die Nutzung von jahrhundertealten Räumen in den Kirchen. Gut gemeinte Arbeitsschutzverordnungen, finanzielle Regelungen lassen uns zu einem schlingernden Tanker auf dem Ozean werden. Wir haben Strukturpläne und Konzepte, die eher Visionen verhindern als dass sie Kirche wachsen lassen – das und vieles mehr können wir in der Kirche sehen.

Jetzt mal ein bisschen hart und zugespitzt: Ich kenne kein mutiges Papier jüngeren Datums in der deutschen Kirche, das wirklich den heiligen Geist walten lässt. Es sind meist verschrobene Worthülsen, die juristisch abgesichert ein Wohlgefühl schaffen wollen, aber spätestens beim dritten Mal lesen nichts als einen schalen Nachgeschmack hinterlassen. Nicht dass wir uns hier falsch verstehen. ich bin mir bewusst, dass wir Verwaltung brauchen und ich negiere dies auch nicht, ich will ein Nachdenken und ein Abschiednehmen von einem immer mehr Verwaltung. Ich will auch keine Revolution oder einen Umsturz in allen Lagen. Ich will eine Kirche, die sich der Fragen ihrer Zeit aus dem Glauben, aus dem Gebet und Gespräch mit und zu Jesus Christus stellt. Ehrlich, menschenfreundlich und christlich, der Offenbarung und der Tradition verbunden.

Ich liebe meine Kirche, ich bin katholischer Christ, der all die vielen schönen Traditionen liebt, der sich auch gerne geborgen fühlt in dem was wir von unseren Ahnen bekommen haben. Ich liebe es in einer Heimatgemeinde das kleine Gemeindeleben zu leben. Ich tanke in der Eucharistie Kraft und finde Ruhe in der Anbetung. Stundengebete, Wegkreuze, Heiligenfrömmigkeit – all das gehört zu meinem Leben – aber auch die Freude an der „Utopie“ der Botschaft Jesu Christi, an der Hoffnung auf eine bessere Welt, die wie uns Christus versprochen hat, schon hier beginnen kann. In all meiner Glaubensfreude werde ich traurig, wenn ich wieder mal eine Verordnung vorgelegt bekomme, wieder einmal sich jemand dank einer Liste absichert, oder sich hinter vermeintlich absoluten Regeln versteckt um seine Feigheit Entscheidungen zu treffen versteckt. Traurig und wütend werde ich, wenn Gebräuche und Sitten, Gewohnheiten oder geistiges Versagen und Kleinheit Grund dafür sind, dass wir nicht mutig vorwärts gehen und eine junge Kirche sind und werden.

Mit all unseren Fragen stehen wir an einem Punkt, wo die Fragen nicht neu sind. Sie sind abgedroschen, angestaubt und meist mit Antworten versehen, die wirklich nicht funktioniert haben. Wenn ich die Texte das II. Vatikanum lese, wenn ich das Papier „Unsere Hoffnung“ von Würzburg und viele andere Papiere, Reden, Enzykliken etc. in die Hand nehme, dann merke ich immer und immer wieder: Antworten sind da, wieso setzten wir sie nicht um? Wieso bleiben wir kleingläubig und verstecken uns hinter Versicherungen und unseren Ängsten? Wieso lassen wir uns nicht umgestalten zu einer Kirche Christi, in der die Offenbarung sichtbar wird, in der der Heilige Geist weht?

Aufbrechen, wagen …

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Aufbruch wagen, Veränderungen stehen an. Wandel. Gerade aktuell sehen wir in den Lesungen des Gottesdienstes in der Osterzeit, wie die Jünger sich hinter Mauern und geschlossenen Türen zurückziehen. Oder sie hauen ab. Sie hatten sich mit diesem Jesus nach vorne gewagt. Eventuelle Utopien schienen sogar möglich, aber dann, ja dann ging es bergab. So richtig sogar. Jesus starb am Kreuz und allen verließ der Mut, das Zutrauen. Die Sache Jesu ging zugrunde – fast, denn nochmal kam eine Wende. Jesus bezwang den Tod. Jesus ist leibhaftig auferstanden. Da gibt es nichts daran auszudiskutieren. Die die ihn gesehen haben, haben es bezeugt. Er war nicht ein Geist (Lk 24,39), er war leibhaftig. Die Jünger konnten ihn berühren, er aß mit ihnen. Und wie in Lukas 24,35-48 erschien er noch einige Male. Leibhaftig und mit klaren Worten, er lehrte, er erklärte und er forderte. Brecht auf, beginnt und bleibt nicht haften in ganz profanen Vorstellungen, sondern wagt das Besondere, das Utopische. Diesen Anfang mussten sie nicht alleine meistern. Sie wussten Jesus war bei ihnen, der Heilige Geist gab ihnen einen langen Atem und Verstand, um alles anzugehen. Sie wussten, dass das Gebet und das Leben und Handeln in der Botschaft mehr leistet, als alles Überzogenes werkeln. Es ist nun mal so, die junge Kirche wuchs nicht aufgrund eines Masterstrukturplanes oder Leitlinien oder irgendwelcher Dialogprozesse, sondern aufgrund der Mission, der Festigung des eigenen Glaubens und der Evangelisierung der Anderen.

 

Eine Bekannte aus der Region schickte mir einige Gedanken die sie sich zum Thema „wagen“ gemacht hat. Die finde ich gut, ich erlaube mir hier einen Ausschnitt darzustellen:

WAGEN würde ich so buchstabieren wie:

W = Wille zur Veränderung

A = Aufbruch zu neuen Möglichkeiten

G = Gemeinschaft pflegen, aufeinander zugehen

E = Eigenheiten bewahren

N = Notwendigkeit die SE einzurichten.

Sie dekliniert das Wort aus dem Blickwinkel des aktuellen Prozesses in einer Seelsorge- einheit. Als praktische und aktive Ehrenamtliche zeigt sie, was ihre Gedanken, ausgehend von ihrer Glaubenshaltung, dazu sind. Vornean stellt sie den Satz: „Persönliche, gesellschaftliche und strukturelle Veränderungen beginnen mit der Einsicht in deren Notwendigkeit“.

Ich finde, dass diese Aussagen mutig sind. Ja, sie sind mutig, gerade heute. Sie verlangen, dass es eine wirkliche Veränderung gibt, dass es anders als bisher wird. Anders, aber eben miteinander anders. Miteinander – und so schätze ich sie ein – bedeutet aber mit allen, nicht nur mit den von uns als gut bezeichneten Christen weil sie in Gottesdienst gehen – immer mit dem Blick auf Jesus Christus.

Veränderung, wirklich gewollte Veränderung bedeutet dann die Masterpläne und alles was uns lieb und teuer geworden ist erstmal zur Seite zu räumen um zu beten, den Heiligen Geist wirken lassen, ihm und uns zuzumuten auf den Geist zu warten, damit wir in ihm handeln.

Meine Gedanken zu diesen Schlagworten die sie gewählt hat sind:

Wille = Ein Wille im Glauben denn wir beten: Vater, Dein Wille geschehe.

Aufbruch = Aufbrechen wie Abram und Sarah aus den scheinbaren Sicherheiten, wie Elimelech und Noomi, wie Josef in jener Nacht um nach Ägypten zu fliehen. Es gibt nur unseren Glauben, den es mitzunehmen gilt. Mehr braucht es nicht.

Gemeinschaft = Im Brotbrechen, im Gebet, im Glauben. Alle Freunde (Joh 15) Jesu sollen vereint sein, egal in welcher Nähe sie sich zu ihm befinden, egal welcher Gesellschaftsschicht, …

Eigenheiten = Selbst sein. Wir haben zwei Formen des Glaubensbekenntnisses: „Wir glauben …“ und „Ich glaube … “. Alleine geht Glaubensweitergabe, Glaubenserlernen nicht, es braucht das „wir“, die ekklesia, die Versammlung oder wie wir heute sagen, die Kirche, also das Volk Gottes. Ich kann aber auch nIMG_7624ur Glauben leben, wenn ICH mich kenne, wenn ICH mich vor Gott stelle. Ich, jeder einzelne von uns ist wichtig und auch jede einzelne Gemeinde. Paulus schreibt an verschiedene Gemeinden und fordert keine Vereinheitlichung der Glaubenspraxis, sondern der Haltung, des Glaubens selber.

Notwendig = Es ist notwendig im Gespräch zu sein, sich einigen. Paulus hat sich mit seinen Mitreisenden beraten, schon die Jünger erkannten, dass man miteinander reden muss, zusammenkommen muss um gemeinsam weiter zu gehen. Das zeigt auch das Apostelkonzil. Gemeinschaft, in den jeweiligen Größen bedeutet Notwendiges zu klären, Notwendiges, das aber nicht der Mittelpunkt, sondern eine Hilfe des Glaubens sein muss.