Nährende Erinnerung

Die Aufnahme machte ich im September 2016. Ich blieb damals am Kopf dieser Straße stehen, saugte den Blick ein, machte ein Bild und hörte dabei den Ruf von Pfauen. Diese klagende Schrei, der mir immer wieder in Mark und Bein geht.

Ich befand mich mitten in der Stadt Rom, rund um diesen Hügel, auf dem ich mich befand, rauschte der ewige Verkehr der ewigen Stadt, aber hier oben war es wirklich still, so still wie es nur in Rom sein kann, so still, dass ich neben dem Ruf der Pfauen auch das plätschern eines Brunnen hören konnte. Ebenfalls ein Geräusch, das ich erst in Rom wirklich, ganz und gar zu hören lernte.

Dieser Spaziergang der mich bis zu dieser Straße führte hatte ein Ziel. Ein Abendgespräch auf einer der Dachterrassen Roms. Einer jener Terrassen, die kaum bekannt sind, privat und einen Blick schenkten, der traumhaft war.

Mein Gesprächspartner war einer der vielen faszinierenden Menschen, denen ich in Rom begegnen durfte. Ein Mann voller Aktion, der aber einem die tiefe Ruhe eines geistlichen Menschen schenkte, sobald man in sein Umfeld trat.

Und damit war ein Abend gesichert, der mir heute noch in Erinnerung blieb. Wir tranken einen trockenen weißen Wein, es gab Kekse, wir saßen auf Plastikstühlen auf dieser riesigen Dachterrasse, wir genossen den Wind, das ruhige Gespräch über die Kirche, den Glauben, (meine) Zukunft. Von den Termen klang Musik herüber, irgendwer spielte, später erfuhr ich – irgendein Weltstar – wir sahen und hörten ihn, aber er war nur Hintergrundrauschen.

Entscheidend war das, was ich erleben durfte: Die tiefe Erfahrung, dass hier zwei Menschen sitzen, die in so vielem getrennt sind: Alter, Intelligenz, Rolle, Erfahrung, Eloquenz – aber geeint im Glauben. Jesus Christus war im Gespräch dabei, ganz normal und selbstverständlich.

Zufriedenheit, Gewissheit, Geborgenheit – über das was im Leben wichtig ist und dass das Christentum, ja dass die katholische Kirche meine Heimat ist. Das schenkte mir solch ein Moment. Ich verließ diesen großen Kirchenmann und wusste, dass es die sichtbare Erfahrungen gibt: Gott ist bei uns! Und ich wusste, dass der Weg richtig ist.

(Es war ein Gesprächspartner der deutschsprachig war, aber solch ein Gespräch habe ich in Deutschland nie mit einem kirchlichen Amtsträger erlebt. Warum?)     
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„E se non piangi, di che pianger suoli?“

Es ist traurig, ich bin traurig, bei solch einer Nachricht, wie jener, dass Italien, das Land des Humanismus per se, Menschen verhaftet, weil sie nicht wegschauen, weil sie die Verantwortung übernehmen, die wir Europäer so lange von uns wegschieben.

Es ist die Verantwortung unseres Lebens, die sich aus einer Grundsituation in unserer Welt und Gesellschaft ergibt, die wir – ich als einzelne Person – eventuell nicht zu verantworten habe, für die ich aber mitverantwortlich bin, denn durch passives Verhalten, durch meinen Lebensstil, durch ein Verhalten meiner Freunde, meiner Familie, meiner Gemeinschaft (Staat, Gesellschaft) hat sich in der Welt etwas zum Schlechten gewandelt, leiden andere weil irgendwer gedankenlos oder gar bösartig was getan hat, das Folgen hat.

Die Lebenssituation Afrikas ist so ein Fall. Wir haben und wir tun es noch immer, diesen Kontinent ausgebeutet. Unser Lebensstil hat Folgen für Afrika und nun sind die Folgen so radikal, dass die Menschen fliehen, seit Jahren und Jahrzehnten, aber erst seit 2015 bekommen wir das mil. Kommt der Bumerang zu uns – wenn auch sehr klein und eher noch aktuell aufgebauscht – zurück.

Im 33. Gesang des Infernos (Dante; La Divina Commedia), erfahren wir vom Graf Ugolino, der miterleben musste, wie seine Kinder im Gefängnis, an seiner Seite verhungern. Im Inferno betreibt er nun Kannibalismus um dieses ungemeine Leid, das er erleben musste zu rächen. Dabei findet sich ein Satz, im Rahmen der Erzählung über den Tod seiner Kinder, der ungemein passt: „E se non piangi, di che pianger suoli?“ (33/42: „Und wenn du hier nicht weinst, wann willst du weinen?“)

Also, wann wollen wir weinen? Oder sind wir schon so tot, so egoistisch und stupide, dass wir nur wegschauen, dass wir viel lieber – analog, wie der Erzbischof Ruggieri in der Geschichte – die Menschen weiter wegschließen und dafür sorgen, dass sie verhungern?

Und wie Pisa im Inferno angeklagt, so gilt es uns, und in dem heutigen Falle Salvini und die Rechten Italiens und Europas anzuklagen, die verweigern die Menschlichkeit. Aber auch uns, als die „Nachbarn“, die darüber hinwegsehen, wie ein erlässlicher kleiner unbedeutender Fehler:

„Ahi Pisa, vituperio de le genti

del bel paese là dove ‚l sì suona,

poi che i vicini a te punir son lenti“

(Inferno; 33,79-81)

Blicke auf den Herrn …

Tageslesung: Num 21, 4-9Das Volk auf der Reise. Harte Zeiten während sie unterwegs sind. Harte Zeiten die vergessen lassen, dass es dort, wo sie herkamen nur vordergründig weniger hart war. Sie murren. Sie wollen alles serviert, ihr Blick verdunkelt sich. Das Schwinden der Dankbarkeit, der Erfahrung, dass es ihnen nun besser geht, dass sie einer großen Gefahr entronnen sind. Neue Gedanken, schlängeln sich wie Schlangen in das Denken. Es sind giftige Schlangen, die sich da ins Denken schlängeln. Das schöne an der Geschichte? Sie erkennen zumindest, dass sie vergiftet werden. Sie erkennen das Problem, entdecken die Lösung aber selber nicht. Wer gebissen wird vom Gift des Unglaubens, des Bösen, der Sünde, der muss erkennen, dass er gebissen wurde – wie die Israeliten – um dann die Medizin der Heilung zu erreichen.

Die Medizin? Der Blick auf Gott, das Hoffen auf ihn, das sich ihm anvertrauen.

Folge/Ergebnis? Das Gift schwindet. Das Leben wird wieder möglich.

Fazit: Das Leben verändern, das ermöglicht Gott. Es braucht dazu aber den einzelnen Menschen. Die Erkenntnis des Menschen, dass er Beistand braucht, dass er vergiftet ist und dann der Willen, dass sich die Situation ändert. Das Leben verändert sich von Gott aus, der vor mir hergeht: Aufschauen, aufrichten, mitgehen!