Berufung – Weihnachten

Allen wünsche ich heute einen wunderbaren Festtag (Verkündigung des Herrn). Mitten in der Fastenzeit dürfen wir daran denken, dass in neuen Monaten Weihnachten ist. Die Geburt beginnt nicht am Tag der Geburt, sondern mit einer Entscheidung. Mit einer Lebensentscheidung.

Maria hat sich entschieden. Sie hat erfahren, dass der Schöpfergott kein ferner Gott ist, kein Gott ist, dem die Menschen egal sind, sondern ein Gott ist, der Anteil nimmt am Leben, an der Freiheit des Lebens, der Menschen, ganz und gar. Und damit ist er eben ein Gott, der nicht über uns verfügt, sondern uns die Freiheit der Entscheidung, der Erkenntnis schenkt. Maria hat ihr „Ja“ gesprochen. Es liegt an uns, ob wir unser „Ja“ sprechen. Ob wir eine Lebensentscheidung zulassen für uns.

Heute feiern wir den Anfang der Geburt. Heute denke ich daran, dass Gott jeden von uns ruft, und somit auch mich gerufen hat und ich so dankbar bin, dass er mich hat hörend gemacht. Heute ist der Tag an dem wir alle uns fragen können, wie wir zum ganzen Menschen in Gott geboren werden, geboren wurden. Heute können wir, am Vorbild Mariens, uns fragen: Habe ich eine Lebensentscheidung, habe ich meine Berufung. mein Charisma, meine Fähigkeiten, mein Leben angenommen?

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Das Maß der Mittelmäßigkeit

Im Rahmen meines kleinen Amtes als Haussprecher durfte ich beim Tedeum zum Start des Semesters im Jahr 2019 eine Ansprache halten. Sie ist sicherlich nicht so wie andere, aber halt so wie ich bin, bzw. in einem Bezug zu meinem Denken, das mich aktuell umtreibt. Auch wenn Weihnachten liturgisch nun vorbei ist, poste ich den Text: 

Te deum laudamus – dich Gott loben wir, denn – so Ignatius von Loyola in seinen geistlichen Übungen: „der Mensch ist geschaffen dazu hin, Gott unseren Herrn zu loben, Ihn zu verehren und Um zu dienen“ (Geistliche Übungen, u. a. Nr. 10). Alles was wir tun, was wir denken, wie wir leben und wie wir handeln ist, ja hat Lob Gottes zu sein.

Wir Menschen sollen mit dem Leben Lobpreis sein, ein Lobpreis, der die ganze Welt umspannt, wie wir heute Morgen (Laudes vom 06.01) im Canticum aus dem Buch Daniel gebetet haben. Dieser allumspannende Lobpreis, in den wir einstimmen dürfen, ja als Krone der Schöpfung anführen dürfen, beginnt damit, dass wir uns ganz ausrichten auf Gott: Unser Denken, Handeln und Leben.

Dazu braucht es das Gebet (die passende Gebetszeit), Einkehr und ständige Reflektion dessen was wir tun und wie wir leben und wie wir glauben. Gradmesser all dessen ist das Leben Jesu Christi und seine Botschaft. Ziel dessen ist unser Heil, aber auch ganz besonders das Heil unserer Mitmenschen, denn es muss unsere Sorge sein, dass wir in unserem Tun und Sein nicht zum Stolperstein für andere werden. Darauf weist uns auch Ignatius immer wieder hin. All das nachdenken und all unser spirituelles Leben darf nicht zu einem „Kreisen um sich selbst“ werden. (vgl. Ignatius, 367-368).

Ein wirklich klassischer ignatianischer Text, um sein eigenes Leben, Handeln und Tun zu reflektieren ist der von Papst Franziskus, zu Weihnachten 2014 vorgetragene Katalog der Krankheiten. Damals wie auch im letzten Jahr in seinem Buch „Gott ist jung“ (Herder 2018) betonte der Papst, dass dieser Krankheitenkatalog Leitfaden zur Prüfung aller Christgläubigen sein soll. Es ist also hier nicht möglich mit einem Zeigefinger auf andere zu zeigen, sondern den Katalog als eigener Exerzitienleitfaden zu verwenden. Die Beschäftigung damit soll dazu führen, dass unser Leben wieder frei wird und wir ganz zu einem Lobpreis Gottes werden.

Als Adventsmeditation beschäftige ich mich seit November 2018 wieder mit diesen Krankheiten. Zwischenzeitlich (Stand 06.01) bin ich bei der achten Krankheit angekommen, die ich euch nun für diese erste Semesterwoche im neuen Jahr mitgeben will: „Es ist die Krankheit der existenziellen Schizophrenie. Es ist die Krankheit derer, die ein Doppelleben führen, Frucht der typischen Heuchelei des Mittelmäßigen und der fortschreitenden spirituellen Leere, die durch Diplome und akademische Titel nicht gefüllt werden kann. Eine Krankheit, die häufig diejenigen befällt, welche den pastoralen Dienst aufgeben, sich auf die bürokratischen Angelegenheiten beschränken und so den Kontakt zur Wirklichkeit, zu den konkreten Menschen verlieren. Auf diese Weise schaffen sie sich eine Parallelwelt, in der sie alles beiseiteschieben, was sie in Strenge die anderen lehren, und beginnen, ein verborgenes, oft ausschweifendes Leben zu führen. Für diese äußerst schwere Krankheit ist die Umkehr ziemlich dringend und unumgänglich (vgl. Lk 15,11-32).“ (Franziskus 22.12.2014)

Für mich ist das zentrale Wort darin der Begriff der Mittelmäßigkeit – alles andere kann man als deren Frucht ansehen.

Was bedeutet das; ein Leben der Mittelmäßigkeit? Ich frage mich ob wir nicht alle solche Erfahrungen der Mittelmäßigkeit erleben. An uns selber, aber gerade auch ganz aktuell in unserer Kirche. Eventuell ist diese Krankheit „Mittelmäßigkeit“ mehr als die anderen ein wahrer Scheinwerfer auf das Grundübel unserer Zeit, unserer Kirche, das uns im letzten halben Jahr geprägt hat. Ist nicht viel von dem was geschehen ist und geschieht eine Folge von Mittelmäßigkeit? Da gab und gibt es Formen des Doppellebens, die aufgedeckt wurden, da gab und gibt es Unzulänglichkeiten und Schwächen, eine Verengung auf Regeln, Struktur und vermeintliche juristische Sicherheiten, was schlussendlich die Frage aufwirft: Wo spielt Gott noch eine Rolle? Wo ist die spirituelle Grundlegung? Ich denke, ihr wie ich könnten dazu mit vielen Beispielen weiter gehen.

Ein neues Jahr soll man aber nicht mit einer negativen Grundstimmung beginnen. Das müssen wir auch nicht, auch nicht angesichts all dem, was wir im letzten Jahr so erlebt haben. Von Missbrauch über kirchliche Erosionen bis hin eben zu einer spirituellen Leere die allein von Floskeln aufrecht erhalten bleibt.

Ohne dies alles zu relativieren sagt uns Weihnachten vielmehr: Umkehr ist möglich, Neuaufbruch ist erwünscht. Weihnachten erinnert uns an einen Schatz den wir als katholische Kirche haben: Die Umkehr, die Reue, den Neuanfang. Denn Gott kam in diese Welt, um Mensch zu werden uns sich nochmal ganz besonders an unsere Seite zu stellen.

Reflexion, Überprüfung, Erkenntnis, Ehrlichkeit und dann Veränderung, das schafft Zukunft. Genauer, das lässt uns eintreten in eine Zukunft mit Gott. Werden wir uns bewusst was falsch läuft, nennen wir es beim Namen mit freundlichen Worten, die aber Salz haben (vgl. Kol 4) und gehen wir den Weg. Gehen wir einen Weg, den wir allein mit Gott aber auch ganz bewusst in Gemeinschaft gehen dürfen. Gehen wir den Weg, weg von der Mittelmäßigkeit hin zu Gott, damit wir aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, mit allem was wir haben ihn loben können. Te deum ladamus.

Heute und in Zukunft: Weihnachten

Allherrschender Gott,

durch den Stern, dem die Weisen gefolgt sind,

hast du am heutigen Tag

den Heidenvölkern deinen Sohn geoffenbart.

Auch wir haben dich schon im Glauben erkannt.

Führe uns vom Glauben

zur unverhüllten Anschauung deiner Herrlichkeit.

Darum bitten wir durch Jesus Christus. (Tagesgebet Epiphania)

Die Weisen sind erwähnt, der von Gott offenbarte Sohn, Glaube und die Sehnsucht nach einem mehr, das nehmen wir wahr, wenn das Gebet im Gottesdienst gesprochen wird. Die Erwähnung der Heiden (Heidenvölker) könnte aufhorchen lassen, denn wie oft hören wir diese Unterscheidung der Menschheit noch?

Das Tagesgebet eilt vorüber, zwischen Gloria und Lesung. Dabei ist das Tagesgebet doch ein Gebet, das der Priester stellvertretend für uns alle spricht, denn mit dem gemeinsamen „Amen“, schließt sich das Volk „dem Gebet an und macht es durch den Ruf Amen zu seinem Gebet“ (Grundordnung, 54). Mit dem „Amen“ bekunden wir, dass das Gebet unser Gebet ist.  Das „Amen“ ist unser „ja“ und damit unsere „tätige Teilnahme“ im Gottesdienst. Das Gebet darf daher nicht einzelne Stimme sein, vielmehr soll Gebet aller sein. Dazu braucht es ein Hören, aber auch eine Auseinandersetzung mit dem was wir beten.

Und das bedeutet schlussendlich, dass wir uns – um der tätigen Teilnahme willen – mehr mit den Texten und Gebeten der Liturgie auseinandersetzten müssen. Alex Stock, ehemaliger Theologieprofessor an der Uni Köln, bietet uns mit seiner Neuübersetzung und Auslegung der Tagesgebete (2014) Impulse und mögliche Annäherungen dazu an.

Zum heutigen Tagesgebet (Stock; Orationen, Tagesgebete der Festzeit. S. 51) stellt er heraus, dass hier zwei Zeitebenen angesprochen werden. Im ersten Satz des Gebetes wird das Ereignis der Offenbarung Gottes gefeiert und klar auf den Festtag terminiert. Mit dem „Heute“, werden sowohl die Weisen wie auch die feiernde Gemeinde in eine GleichZEITigkeit gesetzt. Die Weisen wie die Gemeinde erfahren die Menschwerdung Gottes und glauben. So sind wir im Glaubensakt selbst mit den „Heiden“ (gentibus), also hier u. a. mit den Weisen, geeint. Das Gebet zeigt: Wir vertrauen, wir haben die Botschaft gehört und glauben, allein aufgrund eines Hörens, denn Gott hat sich jetzt offenbart. Die Bewegung der Sterndeuter hin zu Gott wird hier zum Vorbild für uns. „Die Weisen aus dem Osten sind ein Anfang. Sie stehen für den Aufbruch der Menschheit auf Christus hin. […] Sie stehen für die innere Erwartung des menschlichen Geistes, für die Bewegung der Religionen und der menschlichen Vernunft auf Christus zu.“ (Ratzinger, Jesus III. S. 105 f.). Und auch wir brechen wie die Sterndeuter auf, nähern uns Jesus an. Im Vertrauen, im Glauben an etwas, das uns überragt.

Im zweiten Teil verändert sich die Blickrichtung und auch der Zeitrahmen. Es geht jetzt nicht mehr um die Gegenwart, der Blick geht in die Zukunft. Denn ganz „gleich“ wie die Sterndeuter sind wir nicht. Uns fehlt das Sehen, denn die angesprochenen Heiden sind zum Glauben gekommen, weil sie gesehen haben. Dieses Schauen der „unverhüllten Anschauung der Herrlichkeit“ Gottes, oder genauer „seinen Glanz in der Höhe“ das steht für uns noch aus. Trotz unseres Glaubens, oder eventuell besser gesagt, gerade wegen unseres Glaubens bitten wir um diese Nähe zu Gott. Wir bitten darum, denn die Sehnsucht nach dem Schauen ist eine Glaubenshoffnung.

Wir feiern die Geburt „heute“, aber „die Wirklichkeit dieses „factum est“ können wir […] nicht […] anschauen“ (Ratzinger, Jesus II. S. 124) wie die Sterndeuter damals. Weihnachten öffnet uns das Reich Gottes, aber trotzdem steht Gott für uns in einer „bleibende(n) Zweideutigkeit und Verhülltheit […] (und) lässt den Christen ausschauen auf jene endzeitlich verheißene Vollendung, in der er als ganzer „heil“ sein wird“ (Metz, Gesamtausgabe Band 2. S. 179). Und auf diese endzeitliche Vollendung hin weist die Bitte des Gebets, denn als weihnachtliche Menschen leben wir in einem „schon“ und wissen um ein „noch nicht“, hoffen aber, denn wir glauben.

Zwischen dem jetzt und der Zukunft stehend bekräftigen wir am heutigen Hochfest Epiphanie nun dieses Gebet mit dem „Amen“. Dabei erinnern wir uns daran, dass Weihnachten ein zeitloses Fest ist und wir uns in diese tiefe Zeitlosigkeit, die wir in der Annäherung an Gott erfahren, hineinbegeben können. Mit Gott an unserer Seite löst sich alles Bestehende auf, dann seine Zeit ist ein Bewegen hin auf eine anbrechende neue Zeit mit uns, hier und heute. Heute ist uns der Heiland geboren, heute beugen wir mit den Sterndeutern unsere Knie, um uns auf eine Zukunft mit Gott einzulassen. Dabei ist die Zukunft nicht irgendwann; sie beginnt heute.