Heimkommen; Ohne Liebe nur ein Fest …

Viel bin ich auf Internetseite und in Social Media unterwegs und wer dies, wie ich tut ,entdeckt viel Hass und Streit auf diesen Plattformen. Er findet aber auch ganz viele Lebensfragen. Immer und immer wieder werden die großen „W“-Fragen gestellt. Und es gibt Anbieter, die Antworten präsentieren. Antworten, die immer wieder sehr fraglich, mindestens sehr flach, wenn nicht gar sehr gefährlich sind. Aber es sind Antworten!

Auch die Werbung erkennt das. Wer sich die Themen der „Regenbogenpresse“ anschaut, wer sich zum Beispiel Klips der „Bunte“ anschaut entdeckt immer und immer wieder die Verarbeitung von Werten, von Sehnsüchten eben von diesen Fragen, die ganz menschlich sind. Wer bin ich, warum bin ich da, gibt es etwas größeres als ich es bin, oder die Beziehungsfragen.

Musterbeispiel ist da sicherlich EDEKA mit seinen seit einigen Jahren gut platzierten Weihnachtsvideos, die ganz und gar auf den Grundsehnsüchten der Menschen, den Gefühlen nach Nähe, Sicherheit, Geborgenheit und Liebe einsteigen und damit Menschen ansprechen. „Heimkommen“, die Feier in der Familie statt sich dem Stress und den Terminen hinzugeben oder 2017 der Schlusssatz im Video „Weihnachten 2117“: „Ohne Liebe ist es nur ein Fest“.

Das WWW hat die Grundidee „Kommunikation“. Es geht darum Verbindungen zu schaffen. Es geht darum, Beziehungen tiefer zu führen. Vieles hat sich in eine andere Richtung entwickelt. Die digitale Welt, falsch oder sagen wir, zu eng gedacht, ist eher Trennung, Abschottung statt Verbindung. Das ist aber nicht das Problem des Angebots sondern der Nutzer.

Gerade in kirchlichen Kreisen wird Digital und ganz besonders Social Media immer wieder in einer ablehnenden, distanzierten Grundhaltung betrachtet. Wir müssen halt damit arbeiten, aber das ist gefährlich – solch ein Unterton findet sich immer wieder. Wer so denkt, der hat die Situation nicht verstanden. Wer so denkt, der schließt sich aus. Kirche denkt (oft genug) so und handelt (oft genug) so in alten analogen und digitale Welt verurteilende Denkstrukturen. Wer so denkt, wird nicht mehr lange bestehen.

Digitalität, die Grundidee von Social Media und vieles mehr, was wir heute haben, wird bestehen bleiben. Plattformen und Anbieter werden sich ändern. Die Idee bleibt. Und daher gilt es, die Idee als positiv anzunehmen und in diesem System so zu handeln, dass sich das entwickelt, was angedacht war: Beziehung.

Wenn Kirche diesen Wandel nicht mitmacht, dann wird sie zum letzten (heiligen??) Rest. Was aber absolut unlogisch ist, da eben genau dieser Raum, diese Form der Kommunikation Steigbügel ist für all dessen, was die Botschaft Jesu anzubieten hat. EDEKA und Co. machen es Tag für Tag vor. Es gab aus meiner Sicht nie eine bessere Chance, als die Botschaft Jesu Christi wirklich allen Menschen zu vermitteln. Wir müssen halt die Sprache und das Denken dieser Welt lernen und das in aller Offenheit und mit all der Freude des Evangeliums, die uns Christus geschenkt hat. Wer alte Missionsberichte, gerade der Jesuiten, ließt erfährt es. Mission, Glaubensverkündigung, schlussendlich jede Kontaktaufnahme, zum Ziel positiver Beziehung, ist nur erfolgreich in einer positiven Grundhaltung. Nur wer den anderen, die andere Kultur, die andere Situation kennen und verstehen lernt, kann in Kontakt treten. Kirche diskutierte dies im Kontext des II. Vatikanischen Konzils, der Afrika-Synode und zuletzt der Amazonas-Synode. Warum bekommen wir das nicht in dieser digitalen Welt hin und damit in der Kultur jener Menschen, die Kirche schon lange nicht mehr anspricht, denen sie aber so viele Antworten hätte, wenn sie (Kirche) endlich die Sprache und die Kultur lernt.

Schweigen

Seit Dienstag sind die Zahlen im Raum. Seit Dienstag wissen wir, wie viele Menschen gelitten haben unter den Taten von Priestern. Seit Dienstag wissen wir aber auch, dass wir nicht alles wissen, dass diese Zahlen nur ein Teil von dem sind, was wirklich alles geschehen ist.

Die Bischofskonferenz schweigt. Der Vorsitzende ist nicht zu erkennen. Es steht nur die Meldung im Raum: Wir reagieren erst am 25. September. 14 Tage lang überlässt die deutschsprachige Kirche die Deutungshoheit über die Zahlen anderen und noch schlimmer: 14 Tage lassen die Hirten ihre Schafe allein, ohne Ruf auf der Weide stehen.

Paul Watzlawick sagt: Man kann nicht nicht kommunizieren. Genau in dieser Situation zeigt sich, dass er recht hat. Indem die Kirche schweigt. Indem Bischöfe schweigen sprechen sie lauter als es ihnen bewusst sein mag. Sie senden für viele, und auch ich erlebe es so, Botschaften in der Art wie: Wir haben kein Interesse an dem wie es euch geht! Wir nehmen euch und eure Sorgen nicht ernst. Wir lassen euch allein!

Heute hat Bischof Oster von Passau als erster Bischof sein Schweigen gebrochen. Es ist gut, dass er es getan hat. Er hat diesen Schritt getan zu einem Zeitpunkt wo er, wie wir auf Facebook erfahren, selbst die Studie noch nicht ganz gelesen hat. Er hat erkannt, dass seine Herde, die Kirche von Passau ein Recht hat ihren Bischof zu hören, zu erfahren, dass die von Gott bestellten Hirten nicht fern sind sondern mit ihnen gehen und leiden.

Bischof Oster gehört in Deutschland zur jungen Generation der Bischöfe. Mit seiner Weihe im Jahr 2014 erbte er die Fehler und das Versagen der Kirche im Bezug auf den Missbrauch. Da er vor seinem Amt nicht in der Administration des Bistums war dürfte er auch in diesem Bezug zu jenen gehören, die wirklich dies als Erbe verarbeiten müssen und er für Fehler stehen muss, die andere begangen haben. Er bittet um Verzeihung.

Die Bitte um Verzeihung reicht aber nicht. Die Taten, nicht nur der Missbrauch selber sondern ganz besonders auch die Vertuschung, das Schweigen, die vielen Beleidigungen an den Opfern verlangt von den Verantwortlichen, dass hier ein Erkennen der Schuld erfolgen muss. Die Verantwortlichen müssen die Verantwortung endlich eingestehen. Frühere Bischöfe, frühere Personalreferenten, Ausbilder und geistliche Begleiter und andere, die geschwiegen haben müssen sich dieser Sünde stellen und es muss danach was folgen. Wer Täter nur abgemahnt und versetzt hat, der hat schlussendlich Beihilfe geleistet für weitere Taten.

Die Opfer müssen es erleben können, sehen können, dass es Folgen hat, was man ihnen angetan hat, bei denen die ihnen Schmerz und Schmach angetan haben. Die Täter und Vertuscher müssen nicht nur – und ich hoffe, dass dies auf alle Fälle geschieht – im Stillen daran leiden, sondern auch Konsequenzen in ihrem Leben spüren. Dabei geht es nicht um Rache sondern allein um die Übernahme von Verantwortung, so klein sie auch sein mag.

 

Ergänzung:

14.09.18 19:10 Uhr: Der Brief des Bischofs von Essen ist leider ein Beispiel, was man nicht tun, bzw. was man nicht schreiben sollte. Diese Botschaft kam an, aber wohl eine andere als gedacht.