Die Sirenen

Zwei Mal im Jahr passiert es in Freiburg! Die Sirenen erklingen über Freiburg, wenige Minuten nur aber einschneidend laut, durch Mark und Bein gehend. Die Menschen in der Stadt sind meist verwirrt, halten die Ohren zu, schauen verwundert, fragend: was ist das? 

Sirenen, ein fremder unbekannter Ton. Heute führen sie dazu, dass die Menschen stocken und stehen bleiben. Zwei Generationen, teilweise drei Generationen früher wäre diese Reaktion tödlich gewesen. Unsere Großeltern und Urgroßeltern blieben nicht stehen, sie rannten los in den nächsten Schutzbunker – stehen bleiben war damals tödlich. 

Manch einer aus jener Zeit hört die Sirene heute auch. Was für Gefühle klingen da noch nach? Und was fühlen unsere Gäste aus Kriegsländern, die hier Schutz und Heimat suchen? 

Sirenen, das sind in manchen Ländern, bei uns lange her, Ängste, die Wahrnehmung, dass in der nächsten Minute die Welt, das eigene Leben sich vollständig verändert. 

Ich hab dies alles nicht erlebt, aber Sirenen rufen Beklemmung in mir auf und ich danke Gott, dass ich die Gefahr, die uns Sirenen künden sollten, nie erlebt habe. Und ich bitte Gott, dass ich, dass die Menschen Europas, nie wieder erfahren mögen, was Sirenen künden können. 

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Gegen das Vergessen, für das Leben

Das Buch lässt einen nicht los. Fertig gelesen ist es, aber es wirkt nach. Die Sprache ist kräftig, knallhart, klar und nachklingend. Dabei ist es schwer in diese Welt einzutauchen, merke ich doch an jedem Satz, an jeder Seite, an jeder tiefer gehenden Betrachtung, dass ich von diesem Serbien, von diesem Krieg, von diesen Menschen mir nichts bekannt ist. Eine völlig fremde Welt ist das, eine fremde Geschichte aus einer völlig fremden Zeit:

„Wie reden die Leute oben über uns, Alter? Nur schlechtes aus dem Westen über Serbien, oder?

„Man hört gar nichts über Serbien im Westen“ antwortete ich, „ich glaube, die Leute oben wissen überhaupt nicht, wo Serbien liegt!“

Diese kurze Textpassage findet sich am Ende des Buches, „Die guten Tage“ von Marko Dinic, als Svabo zurück aus Wien, in Belgrad, zur Beerdigung ist. Es ist eine der vielen kurzen leibhaftigen Begegnungen mit der Vergangenheit, die Svabo in diesem Buch hat und es ist wohl auch eine Anklage und eine Aufforderung nicht bei der Erkenntnis stehen zu bleiben, dass wir nichts von diesem Land, den Menschen und dem Krieg wissen. Vielmehr ist dieses Buch die Anklage der Vergessenen gegen das Vergessen Europas.

Unserem Vergessen und Verdrängen stehen die verschiedenen Formen des Erinnerns und Verdrängens, des Abschied und des Verhaftetbleibens mit der Heimat, mit Serbien, mit dem Krieg. Ob die verschiedenen Reisenden in dem Gastarbeiterexpress, ob der Ich-Erzähler und sein Sitznachbar, ob die Menschen in der Heimat – alle scheinen in Zwischenwelten zwischen Vergessen und Verdrängung zu leben. Narben tragen diese Menschen in sich, Narben sind sichtbar, auf Gesichtern und Körpern, auf dem Gesicht der Stadt Belgrad, in den Lebenskonzepten der Menschen. Narben und die eigene Geschichte, der „Geist unter dem Bett“ der ausbrechen kann, der gut gehütet zurückgehalten wird, auf Zeit, aber eben nur auf Zeit, prägen diese Geschichte. Geschichten, die geprägt von Vorherigem, erhalten durch Angst und System, nicht verdrängt werden (dürfen), nicht vergessen werden (können).

Zentral sind die Gespräche zwischen dem Ich-Erzähler Svabo und seinem Mitfahrer. Ein radikaler Chronist, kein Schriftsteller, vielmehr ein Elektriker, der mit seinen Zwischenrufen, Störungen nicht nur die Leute im Bus verwirrt, sondern auch den Ich-Erzähler. Ist dieser Elektriker ein Hirn-Gespinst, oder vielmehr das was wir brauchen, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Ein Elektriker der neu verbindet und dafür sorgt, dass Licht in das Dunkel dringt?

Fremd ist uns die Geschichte und doch auch wieder nicht. Wir erahnen noch aus gefühlt fernen Zeiten diese Erfahrungen, denn auch in der dritten Generation in Deutschland sind die ähnlichen Erfahrungen wie die des Ich-Erzählers nicht aufgearbeitet und eventuell – wenn auch nicht die Entschuldigung – ist das einer der Gründe warum wir gerade diese Geschichte Europas nicht kennen, ja die Menschen und diesen Krieg schon in jenen Momenten vergessen und verdrängt haben, als er stattfand und es schlussendlich bis heute noch tun. Doch ein Europa, das sich Europa nennen will, darf das nicht, braucht eine Haltung des „lichtbringens“. Ein Europa, das eine Zukunft haben will, darf nicht stehen bleiben beim II. Weltkrieg und dessen Folgen. Darf trotz der Herausgehobenheit des Grauens nicht bei der Shoa stehen bleiben, nicht im Stalinismus und den anderen Diktaturen, sondern muss in das gemeinsame europäische Gedächtnis auch Jugoslawien und die Kriege auf exjugoslawischem Gebiet aufnehmen. Der Kontinent endet nicht an Staatsgrenzen und Europa eint sich nicht durch politische und wirtschaftliche Begriffe. Unser Leben endet nicht, wenn wir uns einrichten in die eigene kleine abgeschottete Welt des Alltags, des Hier und Jetzt.

Dazu braucht es mehr, unter anderem solche Bücher denn erst wenn wir davon wissen, erst wenn wir zulassen was war und uns in Verbindung bringen, können Kapitel geschlossen werden und Leben beginnen.

Krieg und Familie

In meiner Familie wurde früher viel gesungen. Volkslieder, so manch ein Stück aus einer Operette und auch so manch ein Lied, das man unter Chanson, Ballade oder Bänkellied einordnen kann. Dazwischen auch immer wieder Lieder die ich früher nicht einordnen konnte, die sich aber als Lieder entpuppten, die stark mit den deutsch-französischen Kriegen, mit den Kriegen allgemein und mit den Folgen beschäftigen. Oft ganz sichtbar in klaren Worten, oft eher subtil. Zuletzt viel mir auch auf, dass es bei einem Lied einen Text gibt der wohl auf eine alte englische Ballade zurückzuführen ist. Lieder sind spannende Zeugnisse der Geschichte!

Mit den Liedern kamen aber auch immer die Geschichten. Meine Uroma hatte viele auf Lager, mein geliebter Großonkel auch und bei ihm wusste man, dass da sowohl so manch ein Schmunzeln dabei sein musste wie auch der Versuch traurige Geschichten mit Humor zu erzählen. Es waren Familiengeschichten, die oft die schmerzhaften Stellen ausließen oder umschreiben. Was gerade dran war, das lernte ich als Kind heraushören.

Das hat mich grundsätzlich neugierig gemacht. Irgendwann habe ich angefangen meine Familiengeschichte zu erforschen. Immer mal wieder mit mehr und mal mit weniger Motivation und Erfolg. Letztes Jahr habe ich zum Beispiel herausgefunden, dass es eine Akte zu meinem Uropa gibt, die ich irgendwann mal lesen will. Da ich ein bisschen Angst vor dem Inhalt habe, dauert das noch ein bisschen.

Zur Familiengeschichte gehören landwirtschaftliche Themen, aber auch die letzten drei Kriege, genauer ihre Folgen im familiären Leben. Eine Cousine meiner Oma hat dazu auch mal ein Buch geschrieben: „Mit Gott – für Kaiser und Reich“ und in meinem Geburtsort Tunsel prägen noch heute die Erinnerungstafeln und Orte das Dorf und die Kirche.

Aber wie gehen wir damit um? Ich denke, dass wir grundsätzlich verstanden haben dürften, dass Krieg etwas Schlechtes ist. Und doch – wir akzeptieren ihn immer weiter. Keiner dachte nach dem I. Weltkrieg daran, dass die Menschen so dumm sein konnten, so kurz danach wieder ein großes Schlachten zu beginnen. Und auch nach dem II. Weltkrieg hätte es doch klar sein sollen, dass Diktatur (wie in der DDR), Vernichtung von Menschen oder die Unterstützung von Krieg, die wir auch seit 1945 aktiv und passiv geben nicht gut für die Menschheit sind. Aber wir tun es weiter und immer weiter. Klar, ich bin mir bewusst, dass das eine Utopie ist, aber wieso gehen wir nicht endlich mutig voran und beenden das Rüsten. Die Gespräche in den letzten Tagen im Rahmen der NATO-Konferenz widern mich an. Hier geht es nicht um wirtschaftliche Themen oder um Geld. Hier fordern einzelne, eine Maschinerie aufzurüsten die allein auf eines aus ist: Auf Zerstörung. Das mag vordergründig Friedenssicherung sein, am Ende sind Waffen dazu da um zu töten. Friedenssicherung mit Waffen, das ist Lüge, dann dieser Frieden ist nichts anderes als im besten Falle eine Abwesenheit von Krieg.

In einem anderen Kontext zitiert Stephan Grätzel in seinem Buch „Versöhnung“ Goethe: „und was man ist, das bleibt man anderen schuldig“. Das Zitat stammt aus dem Tasso. Damit will Grätzel zeigen: dass wir unser „Sein zugleich in seinen Bezügen und Beziehungen zu den Anderen, zur Welt und zu sich selbst“ verstehen müssen. Weiter schreibt er „Alle Lebewesen leben voneinander, so dass sie sich gegenseitig brauchen und verbrauchen, dass sie gebraucht und verbraucht werden. Jedes Lebewesen lebt sich selbst nur, indem es von anderen bekommt und an andere gibt.“ (alle Zitate: Grätzel; Versöhnung. Freiburg 2018. S. 234-235) Wie gesagt, er schreibt das in einem anderen Kontext und doch gilt das auch in unserem Leben recht allgemein. Wir stehen in einen Kontext zu unserer Gegenwart, zur Vergangenheit und den Menschen und auch zur Zukunft. Was frühere Generationen getan haben, wie diese gelebt und was sie erlebt haben hat uns geprägt und wird nächste Generationen prägen. Geschichte ist ein Generationenvertrag und Leid und Krieg ein Erleben, das weiter getragen wird. Und so sind in unseren letzten drei Kriegen, die wir Deutsche gegen Frankreich geführt haben, starben somit nicht nur die Soldaten auf den verschiedenen Frontseiten, sondern es litten auch die Menschen darum herum, ihre Familien und ihre Nachkommen. Die Kriege und ihre Folgen sind eingegraben in unser heutiges Leben, auch wenn wir es verdrängen oder nicht sehen (wollen).

Vieles in meiner Familie kann man nur verstehen, wenn man die Geschehnisse der Jahre 1933 – 1945 im Blick hat, wenn man weiß oder erahnt, was damals geschehen ist. Zu lange haben wir in Deutschland im Bezug auf diese scheinbar kleinen Randthemen geschwiegen. Zu lange haben wir in Deutschland uns auf ein paar wenige Themen zurückgezogen und nur ein paar wenige waren mutig genug die Perspektive zu wechseln weg von den fremden Toten in den KZ Und an den Fronten hin zur Frage der Familie, der Nachbarn und des eigenen Lebens.

Die Lieder, die wir in der Familie gesungen haben, die lustigen Geschichten, die wir gehört haben, die zeigen eine Welt, spannend ist aber die Welt, die dazwischen liegt, jene Auslassungen, auf die diese Geschichten und Lieder hinweisen.

Bei der Bearbeitung von Geschichte geht es mir nicht darum, dass wir in Sack und Asche gehen. Wir sind nicht verantwortlich für das was Generationen vor mir getan haben. Ich bin aber dafür verantwortlich, dass ich weiß, was sie getan haben und dafür sorge, dass ich die Fehler nicht mehr tue, dass ich aus den Fehlern lerne. Das beginnt bei der Kommunikation, bei der Sensibilität in der Nutzung von Begriffen oder bei der Sorge darum, dass Gedanken und Ideologien keinen Nährboden mehr bekommen.

Familiengeschichte ist nicht abgeschlossen, denn gerade die Ängste und Nöten, die psychischen Probleme werden an die nächsten Generationen (unterbewusst) weitervererbt. Das fängt bei ganz einfachen Dingen wie dem Umgang mit Nahrungsmittel an, das hört bei Ängsten und Phobien auf. Geschichte der Staaten und Völker endet nicht, das kann nie abgeschlossen werden und so müssen wir uns den Folgen des II. Weltkrieges genauso stellen, wie den Folgen der jüngeren Zeit oder auch des I. Weltkrieges. Gerade gibt es die Möglichkeit sich ganz bewusst mit dem I. Weltkrieg zu beschäftigen. In Belgien in Wijtchaete gibt es eine Grabungsstätte, die Höhe 80, die ausgegraben wird. Hier kann man Geschichte hautnah erleben, durch einen Besuch, durch Mitarbeit als Freiwilliger.

Eventuell lernt da auch eine neue Generation – und auch die ältere Generation – , dass es sinnlos und unmenschlich ist Krieg zu führen. Kein Ziel, kein Ergebnis rechtfertigt den Mord an so vielen Menschen und daran müssen wir denken. Krieg und der Einsatz von Soldaten ist zuallererst die Akzeptanz, dass Menschen getötet werden. Wollen wir das wirklich. Nehmen wir das mal persönlich, denn das ist Krieg nun mal.

Bei Krieg und Streit gilt das Wort von Papst Benedikt XVI.: „Gesegnet sei, wer als erster den Ölzweig erhebt und dem Feind die Rechte entgegenstreckt, ihm den Frieden unter vernünftigen Bedingungen anbietet.“ Nicht die Sieger gewinnen den Krieg, die waren Sieger müssen jene sein, die sich gegen Krieg und Streit stellen. Fangen wir auch in unserem Leben an den Ölzweig zu heben, wir haben schon genug Leid und Schicksal, fangen wir an und ändern wir die Welt. Ernsthaft und ehrlich!