Absicherung

Versprichst du mir das? Die Frage kennen wir nicht nur von kleinen Kindern. Ziel ist es sich abzusichern. Mit dem „ja“ auf die Frage die Welt mit Wegmarkern der Sicherheit abstecken. In der ersten Lesung des heutigen Sonntags (Gen 15,5-12,17-18) will das auch Abraham, er will einen Beweis von Gott für seine Zusage. Ebenso Paulus, in der zweiten Lesung (Phil 3,17-4,1), er verortet die Sicherheit, die Absicherung in den Himmel. Dort sieht er die Bestätigung. Im Evangelium (Lk 9,28b – 36) treiben es die Jünger dann nahezu auf die Spitze. Sie wollen Hütten bauen, also das Erlebte, Gesehene, Erfahrene festhalten und zementieren.

Das heutigen Tagesgebet vom 2. Fastensonntag steht in einem engen Kontakt zu den Lesungstexten. Zuallererst zum Evangelium, wenn es dort heißt: „Dies ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören“ so beten wir im Tagesgebet „Gott du hast uns geboten, auf deinen geliebten Sohn zu hören.“ Wir sollen auf seine Worte hören, auf Worte, die uns nähren, die uns sättigen, die uns stärken für den Glauben. Das Wort Gottes ist die Sicherheit, nach der die Protagonisten in den drei Lesungstexten suchen. Auch wenn sie es jeweils gehört haben, das Wort drang nicht ein. Ein Wort, das die deutsche Übersetzung leider unterschlug, ist „interius“ das wir mit innerlich übersetzen können. Das Wort Gottes soll uns innerlich nähren.

Das Bild, dass das Wort Gottes uns nähren kann und darf, finden wir schon im Alten Testament. Ezechiel (Ez 3,1-3) wird aufgefordert, die Textrolle zu essen, um daraus gestärkt zum Volk Israel zu gehen und ihm die Worte Gottes kraftvoll zu verkündigen.

Nochmal den Blick auf die gesuchte Absicherung wendend zeigt sich hier mehr denn je, dass der Glaube, dass das Leben mit Gott eben nicht greifbar ist mit den klassischen irdischen Strukturen und Konzepten. In aller Weltbezogenheit, und trotz dem entscheidenden Wort von den „Zeichen der Zeit“ aus den Konzilstexten bleibt als Grundlage des christlichen Lebens die Akzeptanz über eben dieses weltliche hinaus zu gehen. Sich frei zu machen von Menschenhand geschaffenen Konzepten. So wie es das Tagesgebet in der lateinischen Version aufzeigt: „spiritali purificato intuiti“. Die offizielle Übersetzung schreibt „reinige die Augen unseres Geistes“, das ist schön, aber verwischt doch die Grundaussage, dass das Wort Gottes uns ganz reinigen soll, frei machen soll von Hemmendem, damit wir ein Gefäß voll des Wortes werden und eben übersprudeln – oder nach Ezechiel – eben aus uns die Botschaft Gottes wieder herauskommt, in Wort und Tat.

Tagesgebet, Evangelium, Eucharistie – zeigen sich hier einmal mehr als ein Weg. Die Liturgie wird zu einem Glaubensweg an dessen Höhepunkt die Eucharistie steht. Dort im Geschehen am Altar gibt es jene Sicherheit, nach der in den Lesungstexten noch gesucht wird: „Hoc“ – „Dies“ ist die „Urkunde“, die Sicherheit gibt. Und so können wir beim Empfang der Kommunion zustimmen und laut sagen: Amen!

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Respekt vor einem Zeugen

Ja, Trauer breitet sich aus, wenn es gilt Abschied zu nehmen von einem Menschen der so besonders, so einzigartig war wie Dr. Otto Bechtold. Aber es breitet sich auch eine Ruhe aus, eine Gewissheit bei all jenen, die erlebt haben wie tief und verwurzelt Otto Bechtold im Glauben an Jesus den Christus lebte.

Mir war es nicht vergönnt jenen Menschen Bechtold kennenzulernen, der seiner Kirche, seinem Erzbischof und den Gläubigen seinen priesterlichen Dienst in den verschiedenen Aufgaben und Ämtern schenkte. Es waren schlussendlich „nur“ knapp zwei Jahre in denen wir uns kannten, aber abgesehen davon dass er zum Beichtvater wurde, wurde er doch für mich zu einem entscheidenden geistlichen Weggefährten auf meinem Weg hin zum priesterlichen Dienst. Seine schlichte und klare Jesu-Konzentration, seine Marienfrömmigkeit, die seinen Blick so absolut auf seine Mitmenschen richten ließ hat mich fasziniert und ist für mich Vorbild.

Mir wird dieser priesterliche Glaubenszeuge fehlen. Natürlich morgens in der Frühmesse um 07:00 Uhr im Freiburger Münster, wo er als feste Größe Tag und Tag konzelebrierte und zeigte, woraus heraus ein Priester lebt. Er wird mir fehlen im Beichtstuhl, für mich genauer im persönlichen geistlichen Gespräch. Er wird mir fehlen als Weggefährte auf dem täglichen Weg hin zur Messe und zurück. Er wird mir fehlen als Motivator, als ein Seelsorger der einem immer und immer wieder das Gute zusprach, der mir Tag für Tag zeigte, dass der Weg und die Berufung die ich gehe Freude, Gewissheit und Zuversicht geben kann. Er wird mir in dieser Welt fehlen, denn mit ihm geht einer der großen geistlichen Gestalten zum Herrn voraus.

Ja, ich kann wahrscheinlich wirklich sagen, dass Herr Dr. Bechtold mir jenen Mut und jene Kraft zugesprochen hat, die ich brauchte um trotz dem Unbill den ich in dieser Ausbildung erleben muss, nicht den Weg verlassen habe. In jenen Momenten des Zuspruchs wurde aus einem fast fremden Menschen der Mitbruder Otto, dem ich jetzt, am Ende seines irdischen Lebens, nichts mehr zusagen kann als ein: Danke!

Lieber Otto Bechtold: Ich danke unserem Herrn und Schöpfer, dass er mir sie zur Seite gestellt hat. Ich danke ihnen lieber Bruder in Christo, dass sie mich mit so viel menschlicher Wärme, mit so viel Offenheit, mit so viel Respekt vor meinem Leben und meiner Würde behandelt haben. Sie erinnerten mich daran, was allein in unserer Kirche zählt. Sie stellten durch ihre Haltung und ihre Worte bei mir immer wieder das in den Mittelpunkt zurück, was durch die alltägliche Sorgen manchmal verdeckt oder verdunkelt wurde. Lieber Bruder, es war ein Segen sie in den letzten Monaten so persönlich zu begleiten. Diese Zeit, sie prägten mein Leben.

Wenige Tage vor seinem 90igsten Geburtstag habe ich ihn mal gefragt: „Herr Bechtold, was wünschen sie sich zum 90igsten.“ Darauf er: „Ein schönes Requiem.“ Mehr wollte er nicht. Er liebte das Leben, er lebte es mit Freude, aber seine absolute Freude, sein Leben war das Leben im Herrn. Zu ihm ist er nun, ganz in Vorfreude und in der Gewissheit des Gerichts und Gottes Barmherzigkeit eingegangen. Uns, die wir zurückbleiben bleibt nur: Ihn nicht vergessen und ihm seinen Wunsch erfüllen: Ein schönes Requiem!

Das Maß der Mittelmäßigkeit

Im Rahmen meines kleinen Amtes als Haussprecher durfte ich beim Tedeum zum Start des Semesters im Jahr 2019 eine Ansprache halten. Sie ist sicherlich nicht so wie andere, aber halt so wie ich bin, bzw. in einem Bezug zu meinem Denken, das mich aktuell umtreibt. Auch wenn Weihnachten liturgisch nun vorbei ist, poste ich den Text: 

Te deum laudamus – dich Gott loben wir, denn – so Ignatius von Loyola in seinen geistlichen Übungen: „der Mensch ist geschaffen dazu hin, Gott unseren Herrn zu loben, Ihn zu verehren und Um zu dienen“ (Geistliche Übungen, u. a. Nr. 10). Alles was wir tun, was wir denken, wie wir leben und wie wir handeln ist, ja hat Lob Gottes zu sein.

Wir Menschen sollen mit dem Leben Lobpreis sein, ein Lobpreis, der die ganze Welt umspannt, wie wir heute Morgen (Laudes vom 06.01) im Canticum aus dem Buch Daniel gebetet haben. Dieser allumspannende Lobpreis, in den wir einstimmen dürfen, ja als Krone der Schöpfung anführen dürfen, beginnt damit, dass wir uns ganz ausrichten auf Gott: Unser Denken, Handeln und Leben.

Dazu braucht es das Gebet (die passende Gebetszeit), Einkehr und ständige Reflektion dessen was wir tun und wie wir leben und wie wir glauben. Gradmesser all dessen ist das Leben Jesu Christi und seine Botschaft. Ziel dessen ist unser Heil, aber auch ganz besonders das Heil unserer Mitmenschen, denn es muss unsere Sorge sein, dass wir in unserem Tun und Sein nicht zum Stolperstein für andere werden. Darauf weist uns auch Ignatius immer wieder hin. All das nachdenken und all unser spirituelles Leben darf nicht zu einem „Kreisen um sich selbst“ werden. (vgl. Ignatius, 367-368).

Ein wirklich klassischer ignatianischer Text, um sein eigenes Leben, Handeln und Tun zu reflektieren ist der von Papst Franziskus, zu Weihnachten 2014 vorgetragene Katalog der Krankheiten. Damals wie auch im letzten Jahr in seinem Buch „Gott ist jung“ (Herder 2018) betonte der Papst, dass dieser Krankheitenkatalog Leitfaden zur Prüfung aller Christgläubigen sein soll. Es ist also hier nicht möglich mit einem Zeigefinger auf andere zu zeigen, sondern den Katalog als eigener Exerzitienleitfaden zu verwenden. Die Beschäftigung damit soll dazu führen, dass unser Leben wieder frei wird und wir ganz zu einem Lobpreis Gottes werden.

Als Adventsmeditation beschäftige ich mich seit November 2018 wieder mit diesen Krankheiten. Zwischenzeitlich (Stand 06.01) bin ich bei der achten Krankheit angekommen, die ich euch nun für diese erste Semesterwoche im neuen Jahr mitgeben will: „Es ist die Krankheit der existenziellen Schizophrenie. Es ist die Krankheit derer, die ein Doppelleben führen, Frucht der typischen Heuchelei des Mittelmäßigen und der fortschreitenden spirituellen Leere, die durch Diplome und akademische Titel nicht gefüllt werden kann. Eine Krankheit, die häufig diejenigen befällt, welche den pastoralen Dienst aufgeben, sich auf die bürokratischen Angelegenheiten beschränken und so den Kontakt zur Wirklichkeit, zu den konkreten Menschen verlieren. Auf diese Weise schaffen sie sich eine Parallelwelt, in der sie alles beiseiteschieben, was sie in Strenge die anderen lehren, und beginnen, ein verborgenes, oft ausschweifendes Leben zu führen. Für diese äußerst schwere Krankheit ist die Umkehr ziemlich dringend und unumgänglich (vgl. Lk 15,11-32).“ (Franziskus 22.12.2014)

Für mich ist das zentrale Wort darin der Begriff der Mittelmäßigkeit – alles andere kann man als deren Frucht ansehen.

Was bedeutet das; ein Leben der Mittelmäßigkeit? Ich frage mich ob wir nicht alle solche Erfahrungen der Mittelmäßigkeit erleben. An uns selber, aber gerade auch ganz aktuell in unserer Kirche. Eventuell ist diese Krankheit „Mittelmäßigkeit“ mehr als die anderen ein wahrer Scheinwerfer auf das Grundübel unserer Zeit, unserer Kirche, das uns im letzten halben Jahr geprägt hat. Ist nicht viel von dem was geschehen ist und geschieht eine Folge von Mittelmäßigkeit? Da gab und gibt es Formen des Doppellebens, die aufgedeckt wurden, da gab und gibt es Unzulänglichkeiten und Schwächen, eine Verengung auf Regeln, Struktur und vermeintliche juristische Sicherheiten, was schlussendlich die Frage aufwirft: Wo spielt Gott noch eine Rolle? Wo ist die spirituelle Grundlegung? Ich denke, ihr wie ich könnten dazu mit vielen Beispielen weiter gehen.

Ein neues Jahr soll man aber nicht mit einer negativen Grundstimmung beginnen. Das müssen wir auch nicht, auch nicht angesichts all dem, was wir im letzten Jahr so erlebt haben. Von Missbrauch über kirchliche Erosionen bis hin eben zu einer spirituellen Leere die allein von Floskeln aufrecht erhalten bleibt.

Ohne dies alles zu relativieren sagt uns Weihnachten vielmehr: Umkehr ist möglich, Neuaufbruch ist erwünscht. Weihnachten erinnert uns an einen Schatz den wir als katholische Kirche haben: Die Umkehr, die Reue, den Neuanfang. Denn Gott kam in diese Welt, um Mensch zu werden uns sich nochmal ganz besonders an unsere Seite zu stellen.

Reflexion, Überprüfung, Erkenntnis, Ehrlichkeit und dann Veränderung, das schafft Zukunft. Genauer, das lässt uns eintreten in eine Zukunft mit Gott. Werden wir uns bewusst was falsch läuft, nennen wir es beim Namen mit freundlichen Worten, die aber Salz haben (vgl. Kol 4) und gehen wir den Weg. Gehen wir einen Weg, den wir allein mit Gott aber auch ganz bewusst in Gemeinschaft gehen dürfen. Gehen wir den Weg, weg von der Mittelmäßigkeit hin zu Gott, damit wir aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, mit allem was wir haben ihn loben können. Te deum ladamus.