Die deutsche Buchkultur in Rom

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Den nachfolgenden Artikel habe ich im Jahr 2016 auf einer anderen Internetseite geschrieben und nun überarbeitet und neu eingestellt. Ich denke es wird ein Artikel sein, den ich immer wieder umschreibe. – Das Thema ist spannend und noch nicht zu Ende (17.07.2017).

Vor über 170 Jahren wurde an der Piazza di Spagna eine deutsche Buchhandlungen eröffnet. Schon lange ist diese Geschlossen, aber mit Ihr entstand eine Tradition die in den Gedanken noch aktuell ist. Die Buchhandlung damals war eine positive Folge der Liebe zu Italien vieler deutscher Akademiker und Italienreisenden. Nicht nur Goethe und Winkelmann eroberten im 19. Jahrhundert mit ihren Bildungsreisen Italien. Auch für viele andere Menschen, ganz besonders auch für Pilger wurde die Möglichkeit größer in die ewige Stadt, zum Papst zu reisen. Dies veränderte die deutsche Gemeinde in Rom. Dies veränderte die deutsche Kultur. Drei Buchhandlungen sind prägend für diese deutsche römische Welt. Spitzhöfer, Herder und Brettschneider

Seit Gutenberg vor über 500 Jahren den Buchdruck mit beweglichen Lettern in Europa einführte, mussten der Buchhandel und das Verlagswesen viele Veränderungen ertragen und annehmen. Meist überlebten nur diejenigen Häuser die schmerzhaften Veränderungen vornahmen. Die waren zwar nicht immer leicht für die Beteiligten, aber in der Rückschau erlaubt sich der Geschichtsschreiber doch stets, das höhere Ziel dazu aufzuzeigen. Und das ist im Buchhandel, der Erhalt einer Verkaufsstelle, die Sicherung des Angebots, je nach Nachfrage. Und der Erhalt einer Kulturbotschaft Deutschlands in den Hauptstätten der Welt.

Deutsche Bücher in Rom

Es war ein schöner Maientag des Jahres 1925, an dem ein frischvermähltes Paar auf Hochzeitsreise aus Freiburg im Breisgau in Rom eintraf. Das Paar sollte über ein Jahr in der ewigen Stadt bleiben und dort eine kleine neu eröffnete Buchhandlung leiten. Im Rückblick war das ein großes Ereignis. Was aber oft genug vergessen wird, ist die Tatsache, dass es sich hier nicht um eine Neueröffnung handelte, sondern um eine Wiedereröffnung. Das Ereignis der Eröffnung, an dem sogar die Bettlerinnung den neuen Inhabern einen Blumenstrauß überbrachte, war also der Versuch des Erhalts eine Tradition, die schon im Jahre 1845 begann. 1845, die deutsche Italienverliebtheit war auf einem ersten Höhepunkt angelangt, sah der junge Buchhändler Josef Spithöver die Chance und ergriff sie. Er eröffnete in nächster Nähe zur späteren ersten herderschen Buchhandlung, an der Piazza di Spagna 55-56 (später 84-85) seine deutsche Buchhandlung. Als Buchhändler, Verleger, Kunsthändler und Musikalienhändler wurde Spithöver vermögend. Nachdem er 1862 das Gebiet des ehemaligen Gartens des Sallust mit der darauf vorhandenen Villa Barbarini kaufte, hatte er ausgesorgt ohne es zu wissen. Durch die Reicheinigung 1870/71 und die daraus heraus bedingte Veränderung der Stadt stiegen die Grundstückspreise und der italienische Staat verabschiedete ein Gesetz, das alle antiken Fundstücke demjenigen gehören sollten, dem der Grund und Boden gehört auf dem sie gefunden wurde. So wurde Spithöver auch noch ein Händler für Kunstwerke der Antike. Leider gab es keine direkten Nachfolger des Buchhändlers welche die Buchhandlung führten (eine Nichte zwar), sodass das Buchgeschäft oft seinen Inhaber wechselte. Indirekt übernahm dann im Jahre 1925 Hermann Herder sen. den Buchverkauf auf der Piazza di Spagna und trat in die Tradition ein.

Spithöver war aber im 19. Jahrhundert nicht der einzige deutsche Buchhändler, wohl aber der Platzhirsch. Nicht vergessen werden darf in diesem Bezug dann auch die Buchhandlung des deutschen Verlages Pustet aus Regensburg, die sich im Borgo befand (erste Hälfte 20 Jhdt.).

Die Tradition der Buchhandlung Bretschneider

Kennen Sie die deutsche Buchhandlung in Rom? „Ja, natürlich, Herder kennt jeder“, so konnte man einst allenthalben in der ewigen Stadt hören. Aber es gibt (bzw. gab) eben nicht nur Herder in Rom. Seit 1907 gibt es eine Buchhandlung in Rom, die nun schon in der dritten Generation geführt und seit 1928 seine Türen im Stadtviertel Prati offenhält. Die L’Erma di Brettschneider ist eine Fachbuchhandlung und ein Fachverlag für Altertumswissenschaften, Archäologie und Kunstgeschichte. Brettschneider ist ein Treffpunkt – aber eben nicht für den klassischen deutschen Romreisenden, sondern für die ganze Welt, die sich mit den hauseigenen Fachthemen beschäftigt. Weltweit bekannt in ihren Fachbereichen verlegt der Verlag, der von Max Bretschneider gekauft, seit 1894 (1896?) schon Bücher produziert und seit 1870 als Buchhandlung Löscher einen guten Namen hatte, in erster Linie italienische Fach-Werke.

Aber ein Besuch ist die Buchhandlung allemal wert, auch für jene, die sich nicht aktiv für die präferierten Themen interessieren. Der Geist des Humanismus atmet dieses Haus, was nicht nur an der Hermesstatue liegt, die den Besucher seit 1927 im Eingangsbereich begrüßt. Brettscheider ist ein Teil des alten Roms, das nur als so spezielle Nische noch lebensfähig ist und hoffentlich noch lange bleibt.

Der Papst und die Deutschen

Josef Spithöver, der ein katholischer Sohn seiner Zeit war, lebte die Besonderheiten der katholischen Welt des 19. Jahrhunderts aus. Noch lange vor Leo XIII. und seiner Enzyklika Rerum novarum ließ er sich von den Ideen Bischof Kettelers anstecken und erkannte die Wichtigkeit der täglich gelebten Caritas. Aktives Handeln für Menschen die Hilfe brauchen, war sein Antrieb, auch in seiner alten Heimat caritativ zu Wirken mit der Errichtung einer Stiftung. Aber wie auch seine anderen deutschen Mitstreiter des 19. Jahrhundert ging es ihm um den ganzen Menschen. Lebenssicherung ist wichtig, dazu gehört doch nicht nur das tägliche Brot sondern auch die geistliche Nahrung. Diese geistliche Nahrung verteilte er großzügig – in Buchform aber auch in der Organisation von Pilgerreisen und Audienzen beim Papst, denn durch seine Nähe zu Pius IX. konnte er vielen deutschen Pilgern eine Audienz vermitteln. Die Verantwortung für die Mitchristen zeigte sich auch in seiner spirituellen Heimat, der Erzbruderschaft am Campo Santo. Dort ist der Buchhändler auch begraben.

Spithöver war Zeit seines Lebens Buchhändler, Verleger, Kunstsammler und vieles mehr. Brettschneider oder Herder, damals Benjamin Herder, waren Buchhändler und Verleger. Auch Benjamin Herder, zweiter Verleger des Verlages Herder sah sein Tun als Unternehmer in einem christlichen Lichte. So war sein caritatives Wirken ausgerichtet auf die Ausbildung und Bildung junger Menschen und im verlegerischen Bereich auf die Verbreitung gut katholischer Schriften. Da lag es nahe, das damalige Verlagsprofil zu weiten und im Jahr 1846 die erste päpstliche Schrift zu verlegen. Im Verlag Herder begann der Rombezug eben auch mit Pius IX., mit dessen Pontifikat ja auch eine neue Nähe zwischen Rom und Deutschland begann.

Mit den Jahren wuchs die Zahl der Publikationen und auch das Interesse daran. Benjamin Herder und seine Nachfolger weilten immer mehr in der ewigen Stadt und sie bekamen auch die Veränderungen auf dem Buchmarkt der Stadt mit, sicherlich auch im Bereich der eigenen Absatzzahlungen, wenn man die These aufstellt, dass die Buchhandlung Spithöver auch herdersche Produkte verkaufte. Was schlussendlich der letzte Tropfen im Fass der Entscheidungen war, dass die Familie die Lücke der fehlenden Buchhandlung Spithöver ausfüllen wollte ist nicht Allgemeingut. Überliefert ist eben die Tatsache, dass im Jahr 1925 die Buchhandlung und dann im selben Jahr auch mit dem ersten Buch, einer Nachauflage und Überarbeitung eines Buches von de Waal, die Produktion der Editrice Herder Roma startete.

Der Start gelang trotz all der Wirren, welche die goldenen 20iger Jahre so mit sich brachten. Der Kundenkreis und auch der Autorenkreis wurde für das Haus Herder größer und Internationaler, denn Herder war damals ein Unternehmen, das in Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien, Mexico, Japan, England, und den USA Unternehmungen und Partner hatte. Globalisierung wird diese Situation erst in den späten 1990er Jahren genannt, aber die Situation gab es damals schon. Bei Herder war es damals somit möglich auf kurzem Wege Bücher aus allen Ecken der Welt zu bestellen und auch alle Ecken der Welt beliefern zu können.

Diese Zeit damals begründete auch den Ruhm des römischen Verlages. Herder Rom wuchs, auch trotz der durch die Nationalsozialisten eingeführten Devisengesetzte, die kurzzeitig dazu führten, dass der Betrieb 1936 eingestellt werden musste. Aber mit dem Jahr 1936 verbinden die Römer allein nur den Umzug der Buchhandlung an den Ort, der römische Geschichte schrieb, an die Piazza Montecitorio, direkt am Parlament. Hier gaben sich nun Politiker und Kuriale die Klinke in die Hand. Hier wurde sowohl der Staatssekretär Pacelli, wie auch – so sagt man – die königliche Familie bedient. Schwarzer und weißer Adel kam hier her und nach dem zweiten Weltkrieg auch so manch ein italienischer und bundesdeutscher Staatsmann. Herder hatte den Krieg trotz gefährlichen Situationen im Mutterhaus und trotz der Enteignungsphase deutscher Unternehmen und Immobilien gut überstanden und konnte nur wenige Monate nach Kriegsende den Betrieb wieder aufnehmen.

Die 50iger Jahre waren die Jahre des Aufstiegs, die Zeit des Konzils schuf Sicherheit, obwohl die Entscheidungen des Konzils nicht immer segensreich für den italienischen Herderverlag waren. Bisher war Herder weltweit bekannt für seine lateinischen Werke, aber nun? – Die Zeiten ändern sich nun mal. Aber der Verlag fand neue Produktionszweige und die Buchhandlung wuchs. Als Parlaments- und Universitätsbuchhandlung gab es viel zu tun. Fachbücher waren gefragt und die Antiquariats-Abteilung wuchs ebenfalls. Wenn es damals ein Buch nirgends mehr gab, so fand man es zumindest noch in der Libreria Herder. Die mit Kindheitserinnerungen verbrämten Geschichten berichten von großartigen Taten. Eines jedoch gilt als gesichert. Herder war eine deutsche Kulturbotschaft in den Jahren nach dem Krieg, eine Institution mit Schaufenstern „an denen sich junge Leser die Nase zerdrückten“ denn es gab hier all die schönen Sachen aus Deutschland. Bücher und ganz wichtig – den deutschen Adventskalender und viele andere schöne Advents- und Weihnachtssachen. Herder ist auch der Ort, an dem Generationen von Kindern ihre Schulbücher abholten. Diese Welt fand man auch noch in den Jahren des neuen Jahrtausends. Herder war ein Bollwerk gegen die Welt. Der Laden war die Bücherhöle, in die man eintauchen konnte und sich vergessen konnte. Aber das reichte nun einmal nicht mehr. Veränderte Situationen im römischen Verlag Herder, verändertes Kaufverhalten, Generationenwechsel, das Internet, Umsatzrückgänge bei den bis dahin sicheren Kunden, den Universitäten, aufgrund von radikalen Sparplänen und vieles mehr führte dazu, dass die Libreria Herder geschlossen wurde. Es ist verständlich, dass Schuldige gesucht werden. Aber hier mag schlussendlich der Satz angebracht sein: Es musste wohl so kommen, denn es brauchte ein Wandel, denn die Zeit für die alte Libreria war vorüber.

Deutsche Bücher im Ausland

Wenn der amtierende Papst Franziskus sich zu Wort meldet, dann blickt die ganze Welt auf die ewige Stadt. Mehrere Millionen an Pilger werden im Heiligen Jahr 2016 erwartet. Es ist ein wiederkehrendes Ereignis, das die deutschen Buchhandlungen in Rom schon öfters erlebt haben. Schon sehr oft, denn in Rom gab es nicht erst im 19 Jhdt. deutschsprachige Buchhandlungen, sondern eventuell auch ein traditionelles deutschsprachiges Druckgewerbe. Die (wahrscheinlich) erste Druckerei auf italienischem Boden wurde von einem Deutschen eröffnet. Zusammen mit dem Prager Drucker Arnold Pannartz eröffnete Konrad Schweinheim aus Frankfurt im Jahr 1467 diese damals hochmoderne und innovative Unternehmung. Das Druckgewerbe war und ist wohl somit auch eine deutsche Tradition in der ewigen Stadt und somit auch die Verbindung zwischen Druck und Verkündigung. Für die Drucker aber eben auch für die oben beschriebenen Buchhandlungen waren die heiligen Jahre erfolgreiche Veranstaltungen. All die Spithöver, Herders und Co. waren gerade im 19. und 20 Jhdt. eine beliebte Anlaufstelle für die passende Literatur und weitere Druckwerke.

Noch immer gibt es in Rom eine deutschsprachige Gemeinde. Und noch immer gibt es deutsche Buchhandlungen, leider nun eben nicht mehr so aktiv: L’Erma Brettschneider ist noch immer im Prati zu finden und direkt am Petersplatz gibt es eine kleine Verkaufsfläche des Verlages Herder. Leider gibt es dort nach zwei Versuchsjahren nur noch die Bücher des Verlages und keine ergänzende Literatur.

Buch als Kulturgut

Im Jahr 2015 gab es in Deutschland eine große Diskussion um die Bestimmungen zur Ausfuhr von deutschem Kulturgut. Eine Diskussion und ein Gesetz, das notwendig war. Doch was ist denn dieses Kulturgut? Wenn die Geschichte der deutschen Buchhandlungen im Ausland, am Beispiel Roms, oder Paris und an vielen andere Orte der Welt, in den Blick genommen wird, dann ist das eine Geschichte die für Deutschland wichtig und entscheidend war und ist. Es geht nämlich um die Ausfuhr von deutschem Kulturgut. Deutsche Literatur, das in deutscher Sprache gedruckte Wort der Wissenschaft, der Poesie und Prosa, ist ein entscheidendes Kulturgut, das ausgeführt werden muss, denn es zeigt ein Bild Deutschlands in der Welt, das keine deutsche Diplomatie und Politik leisten kann. Das war in früheren Zeiten so, das ist noch heute so. Somit überrascht es noch immer, dass es für die deutschen Buchhandlungen im Ausland keine finanziellen Unterstützungen gibt. Reden wir doch mal über dieses Kulturgut und den Schutz darum, bzw. eher die Förderung dafür.

Sowohl in Rom wie auch in Paris gab es wieder den Versuch eine Buchhandlung zu etablieren. Beides – so traurig es ist – scheiterte. Woran? Am Geld, klar, das ist die einfachste Aussage. Ich denke, dass es scheiterte und weiterhin scheitern wird, weil der Bezug zum Thema Kultur sich gewandelt hat. Das Buch ist ein Gebrauchsgegenstand und hat den Habitus des Besonderen verloren. Das ist grundsätzlich O.K., denn jeder sollte Bücher lesen, nicht nur Wissenschaftler und Menschen mit einem großen Geldbeutel, wenn damit nicht die Tatsache einhergehen würde, dass auch von anderen Seiten her das Verhältnis zum Buch sich verändern würde. Zum Buch und zu der Form wie ein Buch und damit Wissen erworben wird, bzw. wie der eigene Horizont geweitet wird. Das ist eine Erfahrung die ebenfalls nicht neu ist und auch nicht in eine Kulturkritik abflachen soll. Vielmehr bietet diese Situation die Möglichkeit ganz neu und ganz offen darauf zu reagieren. Wenn wir heute in Deutschland über Werte und Normen sprechen, über die Frage, was denn ein „Deutscher“ kenne und können muss und was dieser „Deutsche“ dann von Zuwanderern erwarten darf, dann ist es der Moment in der Gesellschaft, Institutionen, kulturelle Einrichtungen, Autoren etc. mit ihrer Persönlichkeit, mit ihrem persönlichen Denken und Erfahren Vorbild sein können und zeigen können, was deutsche Kultur ist.

Kulturvermittlung braucht primär kein Gesetz oder staatliche Initiative. Es braucht Lust und Freude der Menschen aus allen Gruppen und Ebenen der Gesellschaft. Und es braucht die Bereitschaft damit auch ehrlich umzugehen, mit allen Konsequenzen. Das ist eine Diskussion für die Heimat, die dann auch Einfluss nehmen sollte auf unser Leben in Deutschland und überall. Im 20. Jahrhundert wurde Deutschland von einer Kulturnation, zur Täternation hin zur Friedensnation. Wie wäre es denn, wenn wir als Friedensnation jetzt auch wieder zur Kulturnation werden würden, die Möglichkeiten sind da …

Schwanengesang

In Rom ist also was deutschsprachige Buchhandlungen angeht nicht mehr viel los. In Barcelona findet sich eine privat geführte Buchhandlung und auf Mallorca eine. In Kappstadt gibt es die Buchhandlung Naumann, in Athen, Tel Aviv, und selbst ganz nach den Worten Papst Franziskus „am anderen Ende der Welt“ findet sich deutschsprachige Buchhandlung(en). In Lateinamerika sind deutsche Bücher zu erstehen. Aber all das nur, weil Unternehmen, einzelne Persönlichkeiten sich auf dieses Risiko einlassen. Mögen sie zumindest von den deutschsprachigen Institutionen und den deutschsprachigen Einwohnern dort unterstützt werden. Aber solange der Staat nicht hilft könnte man auch den Grundsatz der Subsidiarität bemühen: Bei den Zahlen von Deutschen in Rom und Paris würde es schon reichen, wenn jeder deutschsprachige Bewohner dieser Städte, pro Jahr, zwei Bücher in den deutschen Buchhandlungen kaufen würde. Also Auslandsdeutsche übernehmt Verantwortung für eure Buchhandlungen auf dieser Welt – kauft die Bücher dort.

Bis dahin bleibt uns nichts anderes übrig als die Bücher in Deutschland zu kaufen und den traurigen wenigen Regalmetern in den verschiedenen Ländern vorbei zu schleichen.

Alma Mater


 

Alma Mater 1

Heute war ich zu einem Spaziergang in der Stadt. Die Sonne lädt dazu ein, aber auch mein Besuch, der mich an diesem Wochenende besucht und Freiburg noch nicht so kennt. So sind wir auch an der Uni gelandet, also meiner „Alma Mater“, die ich ihm, soweit es ging gezeigt habe. Universitäten werden mit dem Titel Alma Mater benannt, weil sie Studenten mit Bildung und Wissen nähren (sollen).

Aber ist die Universität der Ort der Näherung eines Seminaristen? In der neuen Ratio fundamentalis werden vier Dimensionen zur Ausbildung (menschliche Artikel 93-100, geistliche Artikel 101-115, intellektuelle Artikel 116-118 und pastorale Artikel 119-124) benannt, dabei empfinde ich die intellektuelle Dimension – anhand dieses Textes – irgendwie als Hebamme für die anderen dreien. Irgendwie ist die intellektuelle Dimension in diesem Text allein Hilfsmittel, für die tiefere Ausbildung der menschlichen, geistlichen und pastoralen Dimension der priesterlichen Ausbildung. Ist also doch dann eher das Seminar, oder sollte dann doch eher das Seminar die Alma Mater des Seminaristen sein?

In einzelnen kleinen Momenten merke ich, oder habe ich das Gefühl, dass bei einer tieferen Beschäftigung die Ratio fundamentalis viele (sehr kritische) Anfragen an die aktuelle Ausbildung hier in Deutschland stellt. Ist die neue Ration eventuell auch eine echte Aufforderung nicht nur am Ausbildungsprogramm Stellräder zu drehen, sondern grundsätzlich die Ausbildung einmal neu anzufragen und neu aufzubauen, Stein für Stein und Stufe für Stufe.

Berlin 2017 2. Tag Bibelreise

Der Rhythmus der Tage hier in Berlin ist gleich wie auf der Israelreise. Aufstehen, richten und eigene Gebete, gemeinsame Laudes, Frühstück, Einführung in eines oder mehrere Bücher, Lesezeit, Treffen und Termine, Gottesdienst und Abendessen.

So sollten am ersten Tag die beiden Bücher Apostelgeschichte und Offenbarung des Johannes gelesen werden. Da ich kein so schneller Leser bei diesen Texten, habe ich vor der Reise schon einmal die Apostelgeschichte in Freiburg gelesen und mich somit heute allein auf die Offenbarung konzentriert. Dies ermöglichte mir dann eben auch ein bisschen Zeit um mich in der Stadt umzusehen. Berlin besuche ich ja zwar nicht zum ersten Mal aber doch schon dahingehend zum ersten Mal, dass ich auch Zeit habe um mir etwas anzuschauen. Und das tat ich auch. Anlaufstelle war zuerst für mich das Mahnmal zur Erinnerung an die Shoa. Ausgehend von diesem Zielpunkt schlenderte ich durch die Stadt. Dort hatte ich Zeit, um mit dem Lesen anzufangen, was ich an zwei weiteren Stellen in der Stadt dann auch weiter tat. Einziger gemeinsamer Termin nach den beiden Einführungsreferaten am Morgen war um 16:30 Uhr der Besuch einer Ausstellung, eher Installation, zu Hieronymus Boschs Triptichon „Garten der Lüste“. Gerade im Blick auf das zweite zu lesende Buch des Tages war der Besuch dieser Ausstellung hochinteressant. Bosch ist nicht nur ein guter Maler sondern hat ein Werk hinterlassen, das sich einer einfachen Interpretation doch entzieht. So viele Bilder in Bilder, so viel Bildsprache … faszinierend und manchmal witzig bis erschreckend.

Danach sind wir in den Gottesdienst in die St. Hedwigskathedrale. Dort ist um 18.00 Uhr in der Krypta der Werktagsgottesdienst. Vielen ist diese Kirche ja irgendwie hässlich. Ich finde das nicht, aus meiner Sicht würde ein Anstrich ausreichen, aber ich muss hier ja nicht täglich feiern.

Zum Abendessen zogen wir in Richtung Gendarmenmarkt. An einem bayrischen Lokal wollten wir halt machen. Einer der Kollegen frug, ob sie Platz hätten für uns elf Esser. Dies verneinten sie und danach erfolgte so eine typische „Björn-Geschichte“. Da ich echt keine Lust hatte jetzt von Lokal zu Lokal zu wandern, drehte ich mich zu zwei Herren um, die an einem Weinfass standen und was tranken und sagte ganz frech und flapsig: „Sorry, sind sie Eingeborene?“, die beiden meinten darauf: „Kommt darauf an“ (schon mal ne witzige Antwort), „warum“. Als ich erklärte, na weil die Wirtschaft hier keinen Platz für uns hat und wir was anderes suchen müssen, meinte der jüngere der Beiden: „Ähm, Moment, das kann nicht sein“ – ich hatte also völlig unwissend den Chef angesprochen … und ein paar Minuten später hatten wir einen Sitzplatz. Das war mal wieder so eine ganz besondere Situation. Meine Kollegen hatten somit eine weitere witzige Erfahrung mit mir gemacht. Ich kann halt meine Gosche nicht halten.

Nach dem Abendessen war die Möglichkeit durch die Stadt zu ziehen. Ich verabschiedete mich, denn ich war spontan auf einen Geburtstag eingeladen. Eine liebe Bekannte aus den Tagen in Rom, die nun wieder in Berlin arbeitet, hatte Geburtstag und diese hatte mich, nach einem kurzen Gespräch am Tag zuvor am Telefon, eingeladen. Somit ging es in den Bezirk „Prenzlauer Berg“. Dort hatte ich dann die Möglichkeit „ganz normale“ Berliner kennenzulernen. Das hört sich jetzt an wie wissenschaftliche Feldstudien. Soll es nicht, es war ein angenehmer Abend bei dem ich wieder einmal als völlig Fremder in eine Gruppe hineingeworfen wurde, in der ich von gut 25 Personen gerade mal zwei kannte. Die Gastgeberin und ihr Mann. Manchmal überfordert mich so etwas doch. Ich habe doch irgendwie immer die Angst nichts zu Reden zu haben, langweilig zu sein oder irgendwas dummes zu sagen. Aber es war unterhaltsam und kurzweilig und ich habe mich – so denke ich- nicht zu sehr blamiert.

Berlin 2017 1. Tag Bibelreise

Und weiter geht’s! Diesmal nach Berlin. Warum? Ganz groß gesagt: Um die Texte der jungen Gemeinde im Kontext der Großstadt, der katholischen Diaspora zu lesen und aufzunehmen. Paulus schreibt an Großstadtgemeinden. Wir sind in einer solchen. Paulus schreibt auch zum Thema Politik & Kirche. Wir bewegen uns in den nächsten Tagen zwischen diesen Welten. So habe ich zumindest den Sinn dieser Reise verstanden.

Ups, die sprechen ja Deutsch! Natürlich, wir sind ja auch in Deutschland. Irgendwie kommt das in meinen Kopf nicht rein. Reisen ist ins Ausland … so spuckt die Regel in meinem Kopf. Ich weiß nicht wann ich zuletzt innerhalb Deutschland verreist bin und Dann auch noch geflogen. Was einem der Kopf so alles vorgaukelt.

Abfahrt 08:00 Uhr nach Basel, mit Flieger nach Berlin-Schönefeld und mit der S-Bahn in den Wedding. Die letzte Schritte zu Fuß in unsere Unterkunft – das wäre die Reise gewesen. Wir sind in einer ehemaligen Fabrik untergebracht. Es schließt sich an eine „Hausbesichtigung“ und eine schnelle Tour durch die Stadt für jene, die noch nie hier waren und einen Überblick brauchen. Gottesdienst in St. Hedwig und Abendessen in der Berliner Republik. Zurück. Ein bisschen Gespräch und ins Bett und der Tag ist vorbei.

Da wir in der Osloer Straße wohnen fuhren wir bis zur Haltestelle Bornholmer Straße. Also voll rein in die Deutsche Geschichte. Hier begann schlussendlich das Wunder von Berlin. An jenem Abend sammelten sich hier, nach der Ankündigung im Fernsehen von Schabowski, die DDR-Bewohner und prüften dessen Aussage. Um 23:30 erhoben sich die Schlagbäume und die DDR hatte endgültig ihre Zähne eingebüßt. Mir bleiben wahrscheinlich ewig die Bilder im Kopf, jener Nacht, in der ich selber gerade 12 Jahre alt war. Mit solchen Erinnerungen im Kopf bin ich stolz einen deutschen Pass zu haben. Das Verhalten der Menschen in jener Nacht, das und alles was dazu drum herum geschehen ist, ist der Grund für eine neue Friedensordnung der Welt, für das neue Europa also für das, was dumme Menschen heute wieder kaputt machen wollen, bzw. aktiv daran sind es zu tun. Das Gegenteil unserer heutigen Situation ist das, was wir bis 1989 hatten, das dürfen wir nicht vergessen.

Bei einem Zeitzeugen, einem politisch handelnden jener Zeit und jener Veränderung hatte ich am Nachmittag einen kurzen Besuchstermin. In der Konrad-Adenauer-Stiftung traf ich den Vorsitzenden der Stiftung und ehemaligen Präsidenten des Europaparlamentes Prof. Pöttering. Spontan hat er sich Zeit genommen und wir hatten ein nettes Gespräch, wie man so sagt über „Gott und die Welt“. Raus ging ich also mit weiteren guten Gedanken und zwei Büchern, die er mir schenkte. Nach dem Termin schloss ich mich wieder der Gruppe am Brandenburger Tor an. Wir spazierten dann gemeinsam Unter den Linden in Richtung Hedwigskirche und machten einen kurzen Abstecher ins „Willy-Brandt-Forum“. In St. Hedwig feierten wir in der Krypta, in nächster Nähe zum Seligen Bernhard Lichtenberg, die Messe mit. Ich kann mich mit dem Stil dieser Kirche recht gut anfreunden, muss ich sagen.

Den Abend verbrachten wir in der „Berliner-Republik“. Ganz nettes Restaurant. Jetzt nicht das, in das ich jeden Abend gehen würde, aber ganz O.K. Das Essen war gut, aber schon „sehr genau bemessen“ und für Biertrinker ist das ja ein Eldorado.

Kaum waren wir draußen aus dem Restaurant zeigte sich mal wieder wie klein die Welt ist. Wir wollten zur Haltestelle und wer läuft mir über den Weg: Eine ganz liebe Tunslerin mit Freundin und dessen Freund. Die beiden Mädels und eine weitere Freundin hatten mich auch in Rom einmal besucht, worüber ich mich sehr gefreut hatte. Und jetzt, zwischen all den Menschen laufen wir uns in Berlin – völlig ungeplant – in die Arme. Mal wieder ein Beweis, wie klein doch die Welt ist. Einfach schön.

Frühlingsstimmung

Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.
Er lässt mich lagern auf grünen Auen
und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.

Das war der heutige Kommunionvers. Ja, dass das stimmt das kann man an solch einem schönen Frühlingstag echt erkennen, verinnerlichen. Die Bilder die ihr anschauen könnt sind zwar von gestern, von meinem gestrigen Spaziergang in Richtung Altem Friedhof, aber sie hätten auch heute gemacht werden können.
Welch eine Fülle an Farben und welch eine Wohltat ist es doch, wenn die Sonne scheint. Diese Jahreszeitenerfahrung hatte ich in dieser Form in den letzten Jahren ja nicht – was ich auch nicht vermisst habe – aber jetzt wo ich wieder in Freiburg wohne nehme ich das richtig in mich auf. Die ersten zwei Tage nach unserer Rückkehr aus Israel war es ja so ein richtig kaltes Wetter aber jetzt, jetzt ist es Frühling und wer das so auf sich wirken lässt kann gut verstehen warum die deutschen Dichter so süße und manchmal auch kitschige Gedichte gemacht hat. Es ist einfach eine wunderbare Erfahrung – denn in all dieser Fülle und Pracht, in all diesem Füllhorn an Farben, Gerüchen, Bildern kann der Gläubige wirklich aufatmen und sagen: Ja, Gott IST. Bei all diesem muss es einen Schöpfer geben, denn ohne dies hat das alles keinen Sinn.

Das Wetter befreit das Herz und den Verstand von allem trüben. Und da ist es am Abend dann auch leichter zurückzuschauen. Viel mehr kann man im strahlenden Licht sehen als an anderen Tagen. Irgendwie sehe ich alles was war viel klarer – auch das, was ich verbockt habe … Gestern war das auch im Abendgottesdienst so. Die Säulen im Münster waren lila-blau vom hereinfallenden Abendlicht und nach und nach wanderte dieser Sonnenstrahl auf das große Fastentuch und strahlte am Ende, zum Segen genau den gekreuzigten an. Ganz großes Kino! Heute war das leider nicht so. Trotzdem kann ich jetzt beim Schreiben zum Fenster hinaussehen und kann den blauen Abendhimmel genießen.

Ja, die letzten Tage waren gut. Das kann ich schon sagen. Zwar bin ich wie immer hinter meinem geplanten Tagespensum geblieben, aber es geht aufwärts und ich bin schlussendlich zufrieden. Die Immatrikulation an die Uni ist abgeschlossen, ich habe mich dann auch durch die ganzen Programme gequält die es für den Stundenplan, Kennwörter etc. gibt. Gerade die ganzen Anmeldeprogramme finde ich sehr nervig. Je mehr ich da wieder hineintauche muss ich sagen: Das Ganze (nicht mein Studium, sondern allgemein) geht nach hinten los! Das gesamte Studium hat einen organisatorischen Überbau der absolut unpassend ist. Und dazu kommt echt noch, dass der Student wirklich kein Student mehr ist. Im besten Falle – nichts gegen diese – ist er noch ein Schüler der allein stupide das erledigt, was zu erledigen ist. Also ich versuche das jetzt echt nochmal mit einer gewissen Offenheit anzugehen, und werde davon auch in Zukunft berichten, aber was ich bisher schon so sehe ist echt nicht O.K. Nur denke ich, dass sich da schon alle so eingerichtet haben, dass da sich nicht viel mehr bewegen wird. Am Sonntag schrieb ich ja von Europa. Da muss Europa echt nochmal schauen, was getan werden kann. Bologna ist echt kein Erfolgskonzept.

Aber nichts desto trotz, auch das ist nur Episode. Ansonsten kann ich ganz viel lesen. Gestern den ganzen Tag die Herder Korrespondenz vom April mit ein paar echt guten Sachen drin, einen Krimi habe ich gelesen, zu dem ich eventuell auch mal noch was schreibe (O’Brian; Irische Nacht), ich bin weiter gekommen mit meinen Texten zum Thema Christologie bei Luther. Echt spannende Thematik, wenn auch an manchen Stellen für mich Blondchen doch auch nicht so einfach. Das kleine Büchlein „Leises Schlängeln“ von A. L. Kennedy habe ich fast gefressen – einfach schön und gerade lese ich, was wirklich viel zu spät ist, weil ein gutes Buch, von Waltraud Lewin „Feuer. Der Luther-Roman“. Bin jetzt in der Hälfte. Kann ich empfehlen.

Und ich konnte heute sogar mit dem Rektor ein bisschen über Literatur reden. Oh wie ich das vermisse. In Facebook habe ich eine Anfrage nach einem Literaturkreis gestellt. Mal schauen, ob das was wird. Und heute Abend vor der Messe war ich noch an der Dreisam spazieren mit einer Freundin aus den Sasbachertagen. Das Wetter und gute Gespräche … passt!

Am Donnerstag geht’s nach Berlin. Zum spontanen Einstieg habe ich gestern noch die Freude gehabt – fast mitten in der Nacht – mich mit einem lieben Freund aus Berlin zu treffen. War echt auch schön, wenn ich dann auch heute fast nicht aus dem Bett gekommen bin und – oh Schande – heute Mittag echt eine Stunde geschlafen habe. Was ich so gar nicht kenne. Liegt ,denke ich, auch an der Sommerzeit.