Es bleibt die Hoffnung

Die Zahlen sind nun auch für Deutschland bekannt. Die Studie, die erst am 25. September vorgestellt werden sollte, wurde vorab geleakt. Geahnt habe ich die Zahlen, aber jetzt, klar vor sich sehend, erschlägt es einen. 3677 Missbrauchs-Opfer, 1670 Täter! Jedes einzelne Opfer ist unerträglich, unhaltbar unverstehbar! Tiefe Trauer und tiefe Scham macht sich in mir breit.

Die Zahlen habe ich ungefähr erwartet. Sie sind aber auch irgendwie so fern. Noch schlimmer wird es, wenn wir erfahren, wie viele es in unserem Erzbistum waren. Dieses Gefühl wertet nicht die Opfer pauschal ab, aber die Opfer in der eigenen Nähe, die Täter erkennen, die wir selber kennen, die wiegen emotional mehr. Da stehen uns noch Tage bevor.

Erschreckend aber sind für mich, für meinen weiteren Lebensweg, andere Fakten, die aktuell nur oberflächlich auftauchen, sporadisch sind, aber ein Licht auf die Kirche werfen, die davon berichten, wie unsere deutschen Bistümer mit der gesamten Situation umgehen. Da gibt’s es noch immer Bistümer, die nicht wirklich kooperieren, da werden weiterhin Akten zurückgehalten oder Inhalte nur in gewissen engen Regeln präsentiert. Da werden und wurden Akten vernichtet, da gibt es noch immer Menschen, die der Meinung sind, dass Informationen zurückgehalten werden können und müssen, da gibt es noch immer Strukturen, die es irgendwie besser finden etwas zu vertuschen, Vorgänge nicht weiter zu verfolgen, statt Anzeigen aufzuarbeiten und Täter den juristischen Prozessen in Staat & Kirche zu übergeben.

Erschreckend für mich ist auch, dass es kein Ende nimmt. Auch nach 2010 gibt es Fälle. Auch nach 2010 hat man das Gefühl, dass die Mühlen langsam mahlen, dass manch einer der Meinung ist, dass die Statistik reicht und wir weiter machen können wie bisher – nur verbrämt von ein paar Schönheitsreparaturen.

Und nun, wo die Medien die Studie haben, warte ich auf Reaktionen der kirchlichen Vertreter. Wir alle warten auf die Worte der Bischöfe und Generalvikare und auf ein passendes Wort des Vorsitzenden. Aber nichts kommt. Nur eine Pressemeldung des Trierer Bischofs Ackermann, der das zuständige Ressort in der DBK leitet. Anklage gegen die Medien und schlussendlich die Info: Die Kirche antwortet erst ab dem 25. November 2018, so wie geplant. Ich weiß nicht ob das wirklich jemand ernst nehmen kann. Die Meldung mag gut gemeint sein, die Botschaft ist vernichtend: Wir werden alleine gelassen.

Die Kirche hat die Opfer über Jahrzehnte alleine gelassen, ja oft sogar mit Missachtung oder anderen Methoden immer weiter beleidigt und ihre Seele zerstört. Missbrauch ist Mord an der Seele der Menschen und danach folgte ein nachtreten, weitere Anschläge gegen die Opfer und – was als Christ genauso wichtig ist: gegen Jesus Christus. Das Heil der Gläubigen ist für die Kirche entscheidend – und wurde (wird) entscheidend missachtet. Die Kirche hat geschwiegen und damit brauchen wir gar nicht in das ferne Rom zu schauen. Geschwiegen haben die Gläubigen und Mitarbeiter vor Ort, wo etwas geschah und wo es immer wieder auch andere mitbekommen haben und die Augen verschlossen haben. Geschwiegen haben nicht nur die Personalreferenten und Bischöfe, sondern auch die Dekane, die Mitbrüder, Ausbilder in den Seminaren und ganz viele weitere Menschen. Und heute? Wie ist es heute? Haben wir erkannt, dass wir reden müssen, dass es die falsche Version ist, die Institution zu schützen, statt die Menschen? Manchmal zweifle ich daran. Aber mir bleibt nur die Hoffnung, dass ich falsch liege, dass an den entscheidenden Stellen Menschen sind, die nun anders handeln, die Verantwortung übernehmen und bereit sind, Veränderungen anzugehen.

Herr, du unser Vater,

steh uns bei in diesen Stunden der Not,

steh jenen bei, die an Seele und Körper verletzt wurden,

steh uns bei, die an den harten Fakten fast verzweifeln,

steh all jenen bei, die Veränderungen angehen wollen, zum Heil der Seelen,

steh aber auch jenen bei die schuldig wurden, als Täter und Mitwissende,

dass sie ihre Fehler erkennen, dass sie Verantwortung übernehmen können

und dass Wunden zur Heilung geführt werden können.

Herr schenke uns Weitsicht und Weisheit,

Herr schenke uns die Kraft zur Hoffnung,

sei bei uns jetzt und alle Tage.

Amen.

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Brief an die Christen in Irland – 2010

Im Jahr 2010 hat der damalige Papst Benedikt XVI. einen Brief an die Christen in Irland geschrieben. Darin hat er einige Themen aufgegriffen, die bis heute entscheidend aktuell sind und an vielen Stellen, aus meiner Sicht, nicht ernsthaft angegangen wurden. Da mich dieses Thema des Missbrauchs sehr stark umtreibt suche ich gerade Worte, die mir helfen, die ich als Hoffnungsworte entdecken kann, dass es weitergehen kann. Gerade dieser Brief spricht mich an, denn er ist ungemein persönlich und ich erlebe hier einen ehrlichen Hirten, der seine Sorge und seine Trauer ausdrückt. Fern von irgendwelchen theologischen Floskeln, fern von irgendwelchen politischen Absicherungen.

Der Papst hat damals ganz klar das Versagen der Kirche benannt. Er hat seine Trauer, seine Scham benannt und bat um Verzeihung und neues Vertrauen, durch Jesus Christus, an die Kirche.

An die Priester schrieb er damals unter anderem: „Ihr habt das Vertrauen, das von unschuldigen jungen Menschen und ihren Familien in Euch gesetzt wurde, mißbraucht, und Ihr müßt Euch vor dem allmächtigen Gott und vor den zuständigen Gerichten dafür verantworten. Ihr habt die Achtung der Menschen Irlands verspielt und Schande und Unehre auf Eure Mitbrüder gebracht. …Ich mahne Euch, Euer Gewissen zu erforschen, Verantwortung für die begangenen Sünden zu übernehmen und demütig Euer Bedauern auszudrücken. ….Zugleich ruft uns Gottes Gerechtigkeit dazu auf, Rechenschaft über unsere Taten abzulegen und nichts zu verheimlichen. Gebt offen zu, daß Ihr schuldig seid. Stellt Euch den Forderungen der Rechtsprechung“

An die Bischöfe schrieb er damals: „Es kann nicht geleugnet werden, daß einige von Euch und von Euren Vorgängern bei der Anwendung der seit langem bestehenden Vorschriften des Kirchenrechts zu sexuellem Mißbrauch von Kindern bisweilen furchtbar versagt haben. Schwere Fehler sind bei der Aufarbeitung von Vorwürfen gemacht worden. …muß zugegeben werden, daß schwerwiegende Fehlurteile getroffen wurden und daß Versagen in der Leitung vorkamen. Dies alles hat Eure Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit untergraben. Ich erkenne Eure Bemühungen an, vergangene Fehler wieder gutzumachen und zu garantieren, daß sie sich nicht wiederholen. Ich rufe Euch auf, neben der vollständigen Umsetzung der Normen des Kirchenrechts im Umgang mit Fällen von Kindesmißbrauch weiter mit den staatlichen Behörden in ihrem Zuständigkeitsbereich zusammenzuarbeiten. … Nur entschiedenes Vorgehen, das in vollkommener Ehrlichkeit und Transparenz erfolgt, werden den Respekt und das Wohlwollen des irischen Volks gegenüber der Kirche, der wir unser Leben geweiht haben, wiederherstellen.“ – Das so denke ich gilt für die ganze Kirche. Es darf kein Versteckspiel mehr geben, es gab keine doppelten Böden mehr geben oder irgendwelche verschleppten Vorgänge. Es gab und gibt keine Entschuldigung mehr für irgendwelche Giftschränke, die nicht geöffnet werden.

Papst Benedikt XVI. forderte von allen, ganz besonders von den Priestern, Ordensleuten und Bischöfen, ihr Gewissen zu erforschen, ihr Inneres zu reinigen, sich wieder verstärkt auf Christus auszurichten, also geistlich zu erneuern.

Doch nicht nur die innere Reinigung, die Neuausrichtung war Papst Benedikt XVI. wichtig. Die Prozesse, die Neuregelungen und ganz besonders die Laisierung von Priestern in seiner Amtszeit zeigen: Es wurde gehandelt. Aus heutiger Sicht kann mancher sagen: Das war nicht hart genug. Das ist aus meiner Sicht aber zu kurz gedacht. Papst Benedikt und in seiner Nachfolge auch Papst Franziskus haben die Punkte aufgegriffen, die weltkirchlich angegangen werden müssen. Gleichzeitig haben sie den Ortskirchen und den Bischofskonferenzen klar zu machen versucht, dass sie entscheidende Veränderungen vorzunehmen haben. Vor Ort muss was geschehen!!!

So kommt Papst Benedikt eben auch in diesem Brief, mit Blick auf die zukünftige Vermeidung solcher Situationen durch eine Überprüfung der Priesterausbildung, dazu wie folgt zu schreiben: „Nur durch sorgfältige Prüfung der vielen Faktoren, die zum Entstehen der augenblicklichen Krise geführt haben, kann eine klare Diagnose ihrer Gründe unternommen und können wirkungsvolle Gegenmaßnahmen gefunden werden. Zu den beitragenden Faktoren sind sicherlich zu zählen: unangemessene Verfahren zur Feststellung der Eignung von Kandidaten für das Priesteramt und das Ordensleben; nicht ausreichende menschliche, moralische, intellektuelle und geistliche Ausbildung in Seminaren und Noviziaten; …. so wie Papst Franziskus bemängelt er den Klerikalismus:  „eine gesellschaftliche Tendenz, den Klerus und andere Autoritäten zu begünstigen; sowie eine unangebrachte Sorge um den Ruf der Kirche und die Vermeidung von Skandalen, die zum Versagen in der Anwendung bestehender kanonischer Strafen und im Schutz der Würde jeder Person geführt hat. Es muß dringend gehandelt werden, um diese Faktoren anzugehen, die zu so tragischen Konsequenzen im Leben der Opfer und ihrer Familien geführt und das Licht des Evangeliums dermaßen verdunkelt haben, wie es nicht einmal in Jahrhunderten der Verfolgung geschehen ist.

Schreiben von Papst Franziskus

Papst Franziskus hat einen Brief geschrieben und gesteht die Schuld ein. Die Kirche hat versagt. Die Kirche, alle Glieder haben versagt. Der Brief geht nicht an irgendwelche einzelne Personen, nicht allein an die Opfer oder an eine Nation, sondern an das gesamte Volk Gottes. Er stellt diesen Brief unter das Wort des hl. Paulus: „Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit (1 Kor 12,26) und mahnt uns, dass der Missbrauchsskandal nicht ein Problem von irgendwem ist, oder nur allein der Täter und der Opfer sondern ein Thema ist, das uns alle angeht. Jeden, dich lieber Leser, aber ganz besonders auch mich. Wie bei allen Themen, die aktuell anstehen, erinnert er uns daran, dass eine Veränderung der Situation, eine Veränderung dessen was zu dieser Situation des Todes geführt hat, bei uns, bei mir selber, beginnen muss. Wir können auch hier nicht allein auf eine Order von oben warten. Der „Vatikan“ hat – in dem Wissen, dass sich noch einiges verändern muss – einiges an Grundlagen geschaffen. Nun sind die Bischofskonferenzen und die (Erz)Bischöfe in der Pflicht und Verantwortung etwas grundlegendes zu ändern. Aber nicht allein das kirchliche Person, sondern wir alle stehen in einer Verantwortung, denn die aktuellen Priester sind Teil des Volkes Gottes und die zukünftigen kommen eben auch aus dem Volk Gottes. Priester sind keine Elitegruppe die irgendwo fernab gezüchtet werden und das Leid ist zwar meist hinter verschlossenen Türen, aber nicht unsichtbar geschehen. Klerikalismus, ein Grund für diese Vergehen, ist nicht allein ein Problem der Priester, denn „Der Klerikalismus, sei er nun von den Priestern selbst oder von den Laien gefördert, erzeugt eine Spaltung im Leib der Kirche, die dazu anstiftet und beiträgt, viele der Übel, die wir heute beklagen, weiterlaufen zu lassen. Zum Missbrauch Nein zu sagen, heißt zu jeder Form von Klerikalismus mit Nachdruck Nein zu sagen.“ (Auszug aus dem Brief). Deshalb fordert der Papst ein grundsätzlicher Wandel im gesamten Volk Gottes, der sich eben in unserer Grundhaltung, in unserer Spiritualität zeigen muss: In der Betrachtung des Herrn. Ausgehend von ihm, von Jesus Christus und seiner Botschaft gibt es die Möglichkeit, grundsätzlich etwas zu verändern. Unser Gebet, unser Fasten unsere büßende Haltung kann und muss Grundhaltung sein für das gesamte Volk Gottes. Den klassischen Antworten auf diese Forderung antwortet er schon im Voraus: Hier gilt nicht der Satz des Kain: „Bin ich der Hüter meines Bruders?« (Gen 4,9). Es gilt das Wort des Paulus.

Dieser Brief ist keine Flucht, ist kein abhauen vor der Verantwortung, dass Priester und Ordensleute unsagbares Leid zugefügt haben. Er zeigt die Grundhaltung dieses Papstes, der eventuell für einige eine scheinbar zu simple Antwort parat hat, aber die einzige die wirklich gelten kann. Wenn das Volk Gottes versagt, wenn es den Blick abwendet von den Menschen, dann wendet es den Blick ab von Gott, von dem Menschen in dem sich alles Leid und alles Heil bündelt: Jesus Christus.

Beten wir, fasten wir, büßen wir gemeinsam, denn daran muss man uns erkennen: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten.“ (Apg 2,42)

Der Brief in deutscher Sprache!