Das Maß der Mittelmäßigkeit

Im Rahmen meines kleinen Amtes als Haussprecher durfte ich beim Tedeum zum Start des Semesters im Jahr 2019 eine Ansprache halten. Sie ist sicherlich nicht so wie andere, aber halt so wie ich bin, bzw. in einem Bezug zu meinem Denken, das mich aktuell umtreibt. Auch wenn Weihnachten liturgisch nun vorbei ist, poste ich den Text: 

Te deum laudamus – dich Gott loben wir, denn – so Ignatius von Loyola in seinen geistlichen Übungen: „der Mensch ist geschaffen dazu hin, Gott unseren Herrn zu loben, Ihn zu verehren und Um zu dienen“ (Geistliche Übungen, u. a. Nr. 10). Alles was wir tun, was wir denken, wie wir leben und wie wir handeln ist, ja hat Lob Gottes zu sein.

Wir Menschen sollen mit dem Leben Lobpreis sein, ein Lobpreis, der die ganze Welt umspannt, wie wir heute Morgen (Laudes vom 06.01) im Canticum aus dem Buch Daniel gebetet haben. Dieser allumspannende Lobpreis, in den wir einstimmen dürfen, ja als Krone der Schöpfung anführen dürfen, beginnt damit, dass wir uns ganz ausrichten auf Gott: Unser Denken, Handeln und Leben.

Dazu braucht es das Gebet (die passende Gebetszeit), Einkehr und ständige Reflektion dessen was wir tun und wie wir leben und wie wir glauben. Gradmesser all dessen ist das Leben Jesu Christi und seine Botschaft. Ziel dessen ist unser Heil, aber auch ganz besonders das Heil unserer Mitmenschen, denn es muss unsere Sorge sein, dass wir in unserem Tun und Sein nicht zum Stolperstein für andere werden. Darauf weist uns auch Ignatius immer wieder hin. All das nachdenken und all unser spirituelles Leben darf nicht zu einem „Kreisen um sich selbst“ werden. (vgl. Ignatius, 367-368).

Ein wirklich klassischer ignatianischer Text, um sein eigenes Leben, Handeln und Tun zu reflektieren ist der von Papst Franziskus, zu Weihnachten 2014 vorgetragene Katalog der Krankheiten. Damals wie auch im letzten Jahr in seinem Buch „Gott ist jung“ (Herder 2018) betonte der Papst, dass dieser Krankheitenkatalog Leitfaden zur Prüfung aller Christgläubigen sein soll. Es ist also hier nicht möglich mit einem Zeigefinger auf andere zu zeigen, sondern den Katalog als eigener Exerzitienleitfaden zu verwenden. Die Beschäftigung damit soll dazu führen, dass unser Leben wieder frei wird und wir ganz zu einem Lobpreis Gottes werden.

Als Adventsmeditation beschäftige ich mich seit November 2018 wieder mit diesen Krankheiten. Zwischenzeitlich (Stand 06.01) bin ich bei der achten Krankheit angekommen, die ich euch nun für diese erste Semesterwoche im neuen Jahr mitgeben will: „Es ist die Krankheit der existenziellen Schizophrenie. Es ist die Krankheit derer, die ein Doppelleben führen, Frucht der typischen Heuchelei des Mittelmäßigen und der fortschreitenden spirituellen Leere, die durch Diplome und akademische Titel nicht gefüllt werden kann. Eine Krankheit, die häufig diejenigen befällt, welche den pastoralen Dienst aufgeben, sich auf die bürokratischen Angelegenheiten beschränken und so den Kontakt zur Wirklichkeit, zu den konkreten Menschen verlieren. Auf diese Weise schaffen sie sich eine Parallelwelt, in der sie alles beiseiteschieben, was sie in Strenge die anderen lehren, und beginnen, ein verborgenes, oft ausschweifendes Leben zu führen. Für diese äußerst schwere Krankheit ist die Umkehr ziemlich dringend und unumgänglich (vgl. Lk 15,11-32).“ (Franziskus 22.12.2014)

Für mich ist das zentrale Wort darin der Begriff der Mittelmäßigkeit – alles andere kann man als deren Frucht ansehen.

Was bedeutet das; ein Leben der Mittelmäßigkeit? Ich frage mich ob wir nicht alle solche Erfahrungen der Mittelmäßigkeit erleben. An uns selber, aber gerade auch ganz aktuell in unserer Kirche. Eventuell ist diese Krankheit „Mittelmäßigkeit“ mehr als die anderen ein wahrer Scheinwerfer auf das Grundübel unserer Zeit, unserer Kirche, das uns im letzten halben Jahr geprägt hat. Ist nicht viel von dem was geschehen ist und geschieht eine Folge von Mittelmäßigkeit? Da gab und gibt es Formen des Doppellebens, die aufgedeckt wurden, da gab und gibt es Unzulänglichkeiten und Schwächen, eine Verengung auf Regeln, Struktur und vermeintliche juristische Sicherheiten, was schlussendlich die Frage aufwirft: Wo spielt Gott noch eine Rolle? Wo ist die spirituelle Grundlegung? Ich denke, ihr wie ich könnten dazu mit vielen Beispielen weiter gehen.

Ein neues Jahr soll man aber nicht mit einer negativen Grundstimmung beginnen. Das müssen wir auch nicht, auch nicht angesichts all dem, was wir im letzten Jahr so erlebt haben. Von Missbrauch über kirchliche Erosionen bis hin eben zu einer spirituellen Leere die allein von Floskeln aufrecht erhalten bleibt.

Ohne dies alles zu relativieren sagt uns Weihnachten vielmehr: Umkehr ist möglich, Neuaufbruch ist erwünscht. Weihnachten erinnert uns an einen Schatz den wir als katholische Kirche haben: Die Umkehr, die Reue, den Neuanfang. Denn Gott kam in diese Welt, um Mensch zu werden uns sich nochmal ganz besonders an unsere Seite zu stellen.

Reflexion, Überprüfung, Erkenntnis, Ehrlichkeit und dann Veränderung, das schafft Zukunft. Genauer, das lässt uns eintreten in eine Zukunft mit Gott. Werden wir uns bewusst was falsch läuft, nennen wir es beim Namen mit freundlichen Worten, die aber Salz haben (vgl. Kol 4) und gehen wir den Weg. Gehen wir einen Weg, den wir allein mit Gott aber auch ganz bewusst in Gemeinschaft gehen dürfen. Gehen wir den Weg, weg von der Mittelmäßigkeit hin zu Gott, damit wir aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, mit allem was wir haben ihn loben können. Te deum ladamus.

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Ein Leben der Mittelmäßigkeit

„The show must go on“ – Darum geht es doch, oder? Wichtig ist bei uns – vordergründig – dass alles stimmt. Dass die Lichter leuchten, dass wir eine coole Vorweihnachtszeit haben, die in eine Geschenkeorgie endet. Wenn ich mich so umsehe, dann staune ich über das Blendwerk, das wir aufbauen, auf das wir uns stützen. Tag für Tag werden Menschen bevorzugt, die eine gute Show bieten, die „schön“ sind, die gefällig sind, die im richtigen Moment das sagen, was die anderen alle hören wollen. Überall ist es wichtig das richtige zu sagen. Damit will ich nicht nur auf „die Gesellschaft“ zeigen. Das ist doch auch mir das Angenehme. Es ist doch auch mir angenehmer, wenn mir jeder das sagt was ich hören will oder zumindest das auslässt, was mich stört. Aber werde ich, werden wir damit glücklich? Werden wir auf Dauer mit dem Glücklich, was nichts weiter ist als potemkinsche Dörfer, in der Politik, in der Gesellschaft, im direkten und persönlichen Miteinander, bei mir selbst in meinem Leben? Nein, das werden wir sicher nicht. Klar im ersten Moment, aber auf Dauer? Schlussendlich ist alles was wir uns hier zusammenbasteln, die ganze heile Welt, in die wir abtauchen, nichts anderes als Mittelmäßigkeit!

In der Kirche ist das leider nicht anders. Hier gilt, was gehört werden will. Hier bekommt jene Idee, jene Person Raum und Aufmerksamkeit, die gefällig ist. Hier wird geglättet, gleichgemacht und sich so positioniert, dass es schlussendlich um vieles und doch um nichts geht. Die einen ballern sich mit Haltungen zu, die anderen geilen sich an Moralregeln auf und die dritten basteln sich heile Welten zwischen farbigen Tüchern und Kerzen oder zwischen längst unverständlichen und entleerten Traditionen und Requisiten.

In Kirche wird der letzte Rest, der noch laufen kann herangekarrt. In Kirche werden noch tausend Konferenzen geführt und Bewegungen gegründet, um die Leere des Aktionismus zu übertünchen. Papiere werden geschrieben, Räume so neu drapiert, dass sie voller sind und brav die Segel nach dem jeweils wehenden Wind gedreht – nur um nicht einzugestehen: Die Fassade ist schön, der Rest bröckelt nicht mal mehr, denn es gibt ihn gar nicht mehr. Und doch richten sich so viele darin ein. Sie geben sich ab mit Mittelmäßigkeit: im kirchlichen Leben, im durchdrücken von Regeln, Dogmen und Gesetzten, im eigenen Glaubensleben, in der Liturgie, im Miteinander, ja selbst in den allenthalben geforderten Veränderungen.

Dabei geht es um nur eines: Gott und seine Botschaft die Jesus Christus uns geschenkt hat. Und die ist klar: Es ist keine Moralkeule sondern die Botschaft: Glaubt und das Reich Gottes wird anbrechen. Das Evangelium reißt uns die Fratze ab, so wie es Jesus mit jenen Juden getan hat, die nicht mehr gläubig, sondern allein Gesetzestreu waren. Es geht um das Ende der Mittelmäßigkeit. Es geht darum, dass wir uns nicht mehr mit halben Sachen zufriedengeben.

Darum muss es auch in Kirche gehen. Um ein Ende der Mittelmäßigkeit. Doch nichts anderes findet sich in großen Bereichen der deutschsprachigen Kirche (und damit meine ich nicht nur Priester, sondern das ganze Gottesvolk) und das schockierte mich zu Anfang. Zwischenzeitlich ödet mich das an, es widert mich an und ich stehe da und frage mich: Wieso sagt niemand was, es müssten doch mehr als nur ich merken. Wieso sagt niemand was und bricht die Mauer des Schweigens. Stattdessen plappern wir irgendwelche Parolen nach, bewegen uns in Extremen und vergessen woran man die Christen erkennt – naja erkennen sollte: „Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“  – Das ist nicht Mittelmäßig!