… mit seiner Sünde, vor Gott …

„Kein Makel, bedeutet das: Gott sieht manches nicht, will manches nicht sehen? So, wie der Vater wohl als Einziger nicht wusste, dass er einen verlorenen Sohn hatte.“ So formulierte ein Einsiedler seine Gedanken (Tagebuchauszug) zur Textstelle Hoheslied der Liebe 4,7.

Was sagt das? Ist das wirklich so? Hat der Vater den Sohn gar nicht als verloren, als sündigen Sohn angesehen? Ist dieser Gedanke eine Relativierung des Themas „Sünde“ so ein abschwächen? Ich weiß nicht, ich wurde überrascht von dem Satz und der Erkenntnis: Ja, es gibt eine Summe von Verfehlungen, die wir begehen, aber die Sichtweise darauf verändert sich, ob wir sie ansehen oder Gott, denn Gott sieht das in einem anderen Kontext, im Kontext der Gesamtheit meines Seins. Das Relativiert nicht die Grundbotschaft, es führt aber zu einem belächeln der „Zeigefingermentalität“, des Moralisierens und erinnert uns daran: Gottes Gerechtigkeit, die völlig anders denkt als unsere Gerechtigkeit, ist Barmherzigkeit. Barmherzigkeit ist kein gleichmachen oder schwachwerden, sondern die Höchstform der Gerechtigkeit.

Die Gedanken treiben mich um, sprechen mich an. Warum? Weil ich mir vermehrt die Frage stelle, ob diese moralisierende Kirche eine Kirche Jesu Christi ist. Nicht, dass ich die Grundsätze unserer Morallehre negieren wollte, aber ich nehme war, dass es irgendwann einmal dazu kam, die Botschaft Jesu Christi nicht mehr als Lebensform, als Grundhaltung, als Lebensausdruck zu definieren, sondern allein moralisch zu verfassen. Nicht „Du sollst“ – wie wir es in den Übersetzungen der Zehn Gebote immer wieder im Deutschen hören sind das Thema, sondern das davor, das „Warum“ die Ausgangssituation, warum der Mensch nicht töten „kann“.

Wir haben – auch in der katholischen Kirche – so denke ich, diese sauertöpfige Moralhaltung auch dank eines falsch verstandenen Luthers und Kants und erst recht, weil Theologen des 19. Jhdt. versuchten Jesus allein als Moralapostel zu definieren. Die Sozialkontrolle war der Ansatz. Und zwar so stark, dass gerade auch in der Sexualmoral die Kontrolle so weit ging, dass man nicht mehr weiß, ob die schriftlichen Anordnungen noch eine Morallehre sind oder schon eine prüde Form von Pornographie.

Viele Regeln finde ich stimmig, die haben einen Sinn, aber nicht, weil sie Regeln sind, oder „weil es zu tun ist“ sondern weil sie eine Grundhaltung aufzeigen. Das zu erkennen, das zu fördern, dass die Menschen das erkennen ist die Aufgabe der Kirche – der beiden Kirchen. Es geht also nicht darum etwas zu diffamieren und zu veralbern, um es dann abzuschaffen, sondern darum das Wissen (das Erleben) darum zu bilden und nicht individualistisch, sondern im Wissen um das Bezogensein meines Lebens mit meiner Umwelt, zu erfahren was die Grundhaltung des Christenmenschen für „folgen“ in der Lebensführung haben kann und muss.

Gott dürfte, so verstehe ich dieses Zitat des Eremiten nicht vom Fall her unser Leben anschauen, sondern von der Ganzheit des Lebens. Von der Beziehung, die wir mit Gott suchen, um die wir gegen die „Dämonen des Alltags“ kämpfen – davon her schaut er unser Leben an und deshalb sind wir auch keine verlorenen Söhne und Töchter für Gott sondern sein Gegenüber.

Werbeanzeigen

Verantwortung zu mehr als nur Fragen

IMG_0174

Gestern war ich bei einer Veranstaltung bei der es um zentrale Themen der Zukunft ging. Es ging um den Themenkomplex „Mensch & Maschine“. Ganz im (leider nicht angesprochenen) Kontext von Sophia, dem ersten Roboter der eine Staatsbürgerschaft bekommen hat, stellten die Referenten ihr Thema vor. Einstieg war ein Film aus dem Internet (wie der Referent sagte), der jeder im www anschauen kann. Wirklich interessant.

Danach sollte ein Vortrag kommen. Ich war gespannt, denn ich finde diesen Themenkomplex entscheidend wichtig. Gerade die (meine mir nachfolgende) nächste Generation, die nicht nur wie die meinige die digitale Welt so einigermaßen nutzt, sondern geradezu in sie hineingeboren wurde, bracht Fragen & Antworten. Und ich finde nun mal, dass diese Generation Antworten der Theologie, des Glaubens braucht. 1979 hat Hans Jonas sein Buch „Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“ herausgebracht. Schlussendlich bot er mit diesem Buch eine Grundlage zur Diskussion und erste Gedanken zu Antworten auf Fragen, die damals noch fern, heute mehr als nahe sind. Gibt es dazu aber Antworten innerhalb der Theologie?

Der Vortrag (wenn man diesen als einen solchen benennen kann) kam also. Es war ein deklamieren von Fragen. Fragen, Fragen, Fragen … denn – so die Referenten am Schluss – sie wollten uns Fragen geben zum weiterdenken. Waaaaas???? Das nenne ich verschenkte Chance im besten Falle oder wenn ich ganz böse wäre, Feigheit vor der Verantwortung. Aber das mit den Fragen ist wohl usus in den christlichen Vorträgen. Immer und immer wieder, ob in akademischen Vorträgen, ob in Predigten oder an anderen Orten, weichen die Referenten, Prediger, Redner aus und stellen Fragen, zur „Förderung des Denkens“. Das mag ja in einem gewissen Kontext und an einem gewissen Punkt ganz gut sein, aber Fragen alleine reichen nicht. Es braucht Antworten. Es braucht Antworten die auch mal daneben gehen, aber es braucht Antworten, die zur Diskussion stehen können und müssen, damit wir zumindest erste Antworten finden auf das was kommt.

Lassen wir uns hier, bei diesem Thema, nicht schlussendlich schon wieder das Heft aus der Hand nehmen? Zu einem Thema, bei dem wir Christen was zu sagen haben? Oder haben wir schlussendlich nichts mehr zu sagen? Ist unser Glaube, unsere Botschaft so schal und leer geworden, dass wir der Gegenwart nichts mehr geben können? Sind wir so sehr in internen Grabenkämpfen und Stellvertreterdiskussionen verstrickt, dass wir nicht mehr über das existenzielle Diskutieren und dadurch nicht mehr sprach-fähig sind? Sind die vielen Fragen in den Vorträgen und Texten Ausdruck von Neugier oder doch schlussendlich nichts anderes als die Botschaft: Wir haben aufgegeben?

Der Moralist – ein „literarischer“ Text

IMG_3468

Gerade habe ich ein bisschen Zeit um Texte fertig zu schreiben, oder sie voller Übermut einfach Online zu stellen. Es sind Momentaufnahmen, Gedanken die ausformuliert und ohne tiefere Zuordnung zu einem Ereignis, zu einer Person entstanden sind. Dieser text nun könnte einmal ein literarischer Text werden, eingebettet in einen Dialog, in eine Geschichte. Ich weiß es nicht.

Nein, ich höre in deiner Frage etwas anklingen, woran ich wirklich Anstoß nehme, denn ich glaube (ich hoffe, ich irre mich), den Hauch, den Atem eines Moralisten darin wahrzunehmen. Und in meinen Augen gibt es keine nutzlosere, verachtenswertere Kreatur als einen Moralisten. Du meinst es ist hart es so auszudrücken? Nein, ist es nicht. Vielmehr wäre es hart und unmenschlich dies so nicht zu sagen. Der Moralist (er mag auch weiblich sein) ist nutzlos, weil er all seine Energie damit vergeudet, Urteile zu fällen, statt sein Wissen zu mehren, und dies nur, weil Urteile leicht zu fällen sind, Wissen aber nur schwer zu erlangen ist. Und verachtenswert ist er, weil sein Urteil ein Selbstverständnis spiegelt, das er in seinem Stolz und seiner Ignoranz der ganzen Welt überstülpt. Du fühlst dich angegriffen? Ja? Das verstehe ich. Es ist ein altes Gefühl, das all jene kennen, die mit dir Umgang pflegen mussten. Die Jahr und Tag sich anhören mussten wie die Welt zu sein hat, wie wir als Mensch und auch ich im speziellen mich zu verhalten, zu denken, zu handeln habe.
Was mich am meisten an dir aufregt ist die Unehrlichkeit in die du deine festgemauerte Meinung und dein Moralgerede kleidest. Alle deine Forderungen finden sich in Fragen wieder. In Fragen die gar keine andere Antwort zulassen als jene, die du formuliert hast. Du stellst tote Fragen um noch totere Antworten zu bekommen. Damit tötest du jeden Moment eines Lebens, denn du zerstörst die Lebenskraft der Frage an sich.
Deine Fragen sind kleinlich, sie sind eng und damit schlussendlich dumm. Denn auch du bist schlussendlich dumm oder einfältig, denn du hast dich in deine Kokon eingewoben, der nur gehalten wird von überspitzten und auf Regeln und Gesetze reduzierte „Un-Ideale“. Aber Ideale sind nicht fest, sie sind nicht einengend, sondern gerade das Gegenteil. Ideale zeugen von der Weite des Denkens. Von der Weite des Weges und der Erkenntnis wo ich, wo du als Mensch in dieser Welt stehst.