Impuls von Augustinus – Confessiones Buch VIII.

Mit dem heiligen Augustinus verbinde ich zuallererst die Confessiones. Das Buch ist in der Rückschau nicht nur das erste Werk, das ich von Augustinus ganz gelesen habe, sondern auch das, was mich am meisten geprägt hat. Was nicht bedeutet, dass die Schriftauslegungen des Heiligen mich nicht auch prägen. Gerade dort finden sich so viele Denkanstöße.

Die Confessiones habe ich als ein Buch ganz zum ersten Mal im ersten Semester meines Studiums gelesen. Daheim das Buch und in der Uni ein Professor, der immer und immer wieder betont hat, dass er Augustinus gefährlich findet. Der Professor hat Augustinus negiert, anhand Zitate, und ich saß damals daheim und dachte – nach der Durchsicht der Zitate und der Suche nach ihnen in den Texten – dass ich die Welt nicht mehr verstehe, oder zumindest die theologische Welt.

In den Confessiones gehört das VIII. Buch für mich zu den für mein Leben prägendsten Stellen, denn hier geht es um die Erzählung von einer Grundsätzlichen Veränderung, von „der Befreiung aus den Fesseln“ (Con. VIII., 1), die Augustinus noch daran hindern als Christ zu leben.

Augustinus hat den Moment erreicht, wo er die „richtige“ Gottesvorstellung aufgenommen hat, aber sich zum Christentum zu bekenne, dazu ist er noch nicht bereit, denn davon halten ihn die Hoffnung auf Ehre und Geld (spe honoris et pecuniae; Con. VIII., 1) und die Bindung an „die Frau“ und an das Verlangen nach geschlechtlichen Erlebnissen, ab.

Augustinus beobachtet die Gläubigen, kritisiert manches Verhalten und ist sich bewusst, dass auch er eben nicht ganz Christ sein kann. Mit seinen Fragen und Zweifeln besucht er Simplicianus, Taufvater des Ambrosius und berichtet ihm, dass er platonische Bücher gelesen hat, dieser beglückwünscht ihn und nutzt diese Information, um ihm eine Geschichte über den Übersetzter Marius Victorius zu erzählen. Dieser war erst heimlicher Christ, der dann doch den Entschluss gefasst hat, öffentlich sich Taufen zu lassen und damit sein ganzes Leben verändert hat (Con. VIII., 2). Diese Lebensgeschichte bewegt Augustinus sehr und Augustinus hat die Sehnsucht dem Marius Victorius nachzufolgen (Con. VIII., 5), wird aber noch abgehalten.

Mein Wollen hielt der Feind gefangen, und von ihm aus hatte er mir eine Kette geschmiedet und mich umschlungen. Denn aus dem verkehrten Willen geht die böse Lust hervor, und wer der bösen Lust dient, dem wird sie zur Gewohnheit, und wer der Gewohnheit nicht Widerstand leistet, dem wird sie Notwendigkeit. In diesen gleichsam untereinander verbundenen Ringen – ich nannte es deshalb eine Kette – war ich gefesselt in harter Sklaverei. Der neue Wille aber, mit dem ich begann, dir um deiner selbst willen zu dienen und dich zu genießen, o mein Gott, war noch nicht stark genug zur Überwindung des durch das Alter erstarkten Willens. So stritten sich zwei Willen in mir, ein alter und ein neuer, ein fleischlicher und ein geistlicher, und sie zerrissen meine Seele.“ (Con. VIII., 5). Augustinus macht sich darüber Gedanken, warum er, warum so viele Menschen die guten Aspekte des Christentum erkennen, warum sie sehen, dass als Christ leben der richtige Weg ist, sie aber doch den letzten entscheidenden Schritt nicht wagen. Er fragt, was da vor sich geht, was der Wille hier bewegt oder nicht bewegt bzw. wer den Willen bewegt hin zum Tun. In dieser Abhandlung über den Willen unterscheidet Augustinus zwischen dem alten/fleischlichen Willen und dem neuen/geistigen Willen (voluntas nova/spiritalis). Sie beiden ringen miteinander (Con. VIII., 5).

Ein weiterer Schritt hin zur Bekehrung geschieht nach dem Besuch bei Simplicianus, zu Hause bei Augustinus durch einen Besucher (Con. VIII., 6 f.). Augustinus erhält Besuch von Ponticianus der durch ein Buch des Paulus dazu angeregt wird über Antonius zu erzählen und dem folgend eine Geschichte über zwei kaiserliche Beamte, die durch das Lesen der Vita des Antonius bekehrt wurden.

Zwei zentrale Impulsgeber berichten von Bekehrungen und der Idealform des christlichen Lebensentscheidung, der Veränderung des Lebens nicht nur auf Christus hin, sondern von Christus ausgehend. Diese Impulsgeber brauchte es, damit nun als Höhepunkt des Buches die eigentliche Bekehrungs- oder Rückführungsszene des Augustinus erfolgen kann. Es ist die sprichwörtliche “Gartenszene“ die nun beschrieben wird (Con. VIII., 12). Diese Szene, dieser Weg hin zur Läuterung und zur Wandlung ist wunderbar mehrschichtig komponiert indem der Text z zwischen äußerem und innerem Schauplatz wechselt. Augustinus beschreibt hier verschiedene Prozesse, die gleichzeitig ablaufen in nächster Nähe, dass sie auch als Leser nahezu gleichzeitig erfahren werden. Noch einmal steht der Wille im Blick. Die Gedanken dazu führen dann aber zu einer absoluten Distanzierung Augustinus gegenüber dem Manichäismus. Augustinus bricht hier zuerst mit bisher gedachten Konstrukten. Er schließt ab, macht sich frei vom Falschen, er reinigt sich durch das Gebet, um zu jenem Punkt zu gelangen an dem er ein Hörender wird. Einer, der so genau hinhört, dass er auch die Stimme der Kinder hören kann. Augustinus tritt in diesem Prozess der Gartenszene seelisch zurück ins Paradies, um von dort neu seinen Lebensweg zu gehen. Mit dieser neuen Reinheit, oder besser Offenheit Gott gegenüber hört er den Anruf des „tolle lege“ (nimm und lies; Con. VIII., 12), den Augustinus dann auf sich und seine Situation beziehen kann. Er nimmt das Wort auf, er greift zum Buch und lässt sich leiten. An dieser Stelle geht es nicht mehr um ein rationales Lesen, sondern um ein Aufnehmen des Wortes, daher schlägt er das Buch auf, dort wo es sich öffnet und trifft auf eine Paulusstelle, die ihn trifft, ins Innerste, ganz und gar. Damit wird ein Pauluswort für ihn zum Orakel. zur Hand schlägt es auf und liest die Textpassage auf die seine Augen als erstes sehen. Die Botschaft trifft ihn, denn sie spricht direkt seine Situation an. Alles wird klar, so klar, dass er davon sofort berichten kann. Zwar erst noch „nur“ dem Freund Alypus der ihm nachfolgt, aber schon bald auch seiner Mutter. Womit dieses Kapitel endet.

Immer wieder lese ich dieses VIII. Buch und merke wie Augustinus, wie klar alles ist, doch wie schwer es ist, das Leben ganz zu ändern. Während das Buch irgendwie ein ganz oder gar nicht platziert merke ich, dass das bei mir nicht so einfach geht. Ganz oder gar nicht, das funktioniert nicht. Fast ganz – das schon immer mehr. Aber immer wieder mit einem Wissen um den Schritt zurück, der auch zum Glaubensweg gehört. Und so stresst mich dieser Text immer wieder, da ich merke, dass ich den Zielen noch so fern bin, er entspannt und erfreut aber auch immer wieder, da er mich motiviert, denn wie die Viten von denen die beiden Impulsgeber berichten führt die Geschichte auch mich immer tiefer hinein in ein Leben das tiefer und tiefer von Christus her auf Christus hin ausgerichtet ist.

Die Geschichte erinnert mich aber auch entscheidend daran, dass Glauben keine „Ach-AG“ ist. Glaubensleben beginnt über Vorbilder und wird auch von „Vor-Bildern“ gestört. Je nachdem ob sie Christusbezogen sind oder nicht.

Heute, am 28. August ist nicht nur Hl. Augustinus sondern auch der Geburtstag von Goethe. Eines der entscheidenden Werke der deutschsprachigen Literatur, das mich geprägt hat und prägt ist „Der Faust“. Das Werk und ich werden von Jahr zu Jahr älter und jedes Jahr, wenn ich es auf ein Neues lese entdecke ich was Neues, das mir Impuls ist.

Eine der vielen Stellen die zentral sind für mich ist die Frage nach der Übersetzung der ersten Worte des Evangeliums nach Johannes. Was ist zuerst? Was war am Anfang? Das Wort, der Sinn, die Kraft, der Geist oder die Tat?

Im Kontext der Vorbilder, die unser Glaubensleben prägen, wie eine Hebamme heben dürfte „Am Anfang steht die Tat“ stehen. Jene Tat des gelebten christlichen Lebens. Oder ist es dann doch der Geist, der Geist der Liebe, der Anfang ist um als Vorbild zu wirken? Es bleibt offen, aber egal für was man sich selbst entscheidet. Zur Bekehrung gehört der Impuls. Zum Wachsen der eine Same, der gesät werden muss – aber zu allem gehört der Andere. Gott, aber eben auch das Vorbild.

Augustinus hat mir mit der Confessiones gezeigt, dass mein Glaubensleben nicht mit mir allein gelingt. Er hat mir gezeigt, dass ich auf den Anderen verwiesen bin und durch diesen weiter gehen kann. Augustinus hat mir aber auch gezeigt, dass Bekehrung, dass christliches Leben des Einzelnen auch in der Verantwortung der Anderen steht. Vorbilder muss man sich nicht nur suchen, Vorbilder müssen auch diesen Auftrag annehmen, eben Vorbild zu sein. Das erwarte ich von mir, Tag für Tag, das erwarte ich von meinen Mitchristen und das erwarte ich im entscheidenden Maße von jenen, die Berufene ausbilden. Hoffen wir, dass es welche gibt, die diesen Vorbildstatus auch annehmen.

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Berufung – Weihnachten

Allen wünsche ich heute einen wunderbaren Festtag (Verkündigung des Herrn). Mitten in der Fastenzeit dürfen wir daran denken, dass in neuen Monaten Weihnachten ist. Die Geburt beginnt nicht am Tag der Geburt, sondern mit einer Entscheidung. Mit einer Lebensentscheidung.

Maria hat sich entschieden. Sie hat erfahren, dass der Schöpfergott kein ferner Gott ist, kein Gott ist, dem die Menschen egal sind, sondern ein Gott ist, der Anteil nimmt am Leben, an der Freiheit des Lebens, der Menschen, ganz und gar. Und damit ist er eben ein Gott, der nicht über uns verfügt, sondern uns die Freiheit der Entscheidung, der Erkenntnis schenkt. Maria hat ihr „Ja“ gesprochen. Es liegt an uns, ob wir unser „Ja“ sprechen. Ob wir eine Lebensentscheidung zulassen für uns.

Heute feiern wir den Anfang der Geburt. Heute denke ich daran, dass Gott jeden von uns ruft, und somit auch mich gerufen hat und ich so dankbar bin, dass er mich hat hörend gemacht. Heute ist der Tag an dem wir alle uns fragen können, wie wir zum ganzen Menschen in Gott geboren werden, geboren wurden. Heute können wir, am Vorbild Mariens, uns fragen: Habe ich eine Lebensentscheidung, habe ich meine Berufung. mein Charisma, meine Fähigkeiten, mein Leben angenommen?

Das Maß der Mittelmäßigkeit

Im Rahmen meines kleinen Amtes als Haussprecher durfte ich beim Tedeum zum Start des Semesters im Jahr 2019 eine Ansprache halten. Sie ist sicherlich nicht so wie andere, aber halt so wie ich bin, bzw. in einem Bezug zu meinem Denken, das mich aktuell umtreibt. Auch wenn Weihnachten liturgisch nun vorbei ist, poste ich den Text: 

Te deum laudamus – dich Gott loben wir, denn – so Ignatius von Loyola in seinen geistlichen Übungen: „der Mensch ist geschaffen dazu hin, Gott unseren Herrn zu loben, Ihn zu verehren und Um zu dienen“ (Geistliche Übungen, u. a. Nr. 10). Alles was wir tun, was wir denken, wie wir leben und wie wir handeln ist, ja hat Lob Gottes zu sein.

Wir Menschen sollen mit dem Leben Lobpreis sein, ein Lobpreis, der die ganze Welt umspannt, wie wir heute Morgen (Laudes vom 06.01) im Canticum aus dem Buch Daniel gebetet haben. Dieser allumspannende Lobpreis, in den wir einstimmen dürfen, ja als Krone der Schöpfung anführen dürfen, beginnt damit, dass wir uns ganz ausrichten auf Gott: Unser Denken, Handeln und Leben.

Dazu braucht es das Gebet (die passende Gebetszeit), Einkehr und ständige Reflektion dessen was wir tun und wie wir leben und wie wir glauben. Gradmesser all dessen ist das Leben Jesu Christi und seine Botschaft. Ziel dessen ist unser Heil, aber auch ganz besonders das Heil unserer Mitmenschen, denn es muss unsere Sorge sein, dass wir in unserem Tun und Sein nicht zum Stolperstein für andere werden. Darauf weist uns auch Ignatius immer wieder hin. All das nachdenken und all unser spirituelles Leben darf nicht zu einem „Kreisen um sich selbst“ werden. (vgl. Ignatius, 367-368).

Ein wirklich klassischer ignatianischer Text, um sein eigenes Leben, Handeln und Tun zu reflektieren ist der von Papst Franziskus, zu Weihnachten 2014 vorgetragene Katalog der Krankheiten. Damals wie auch im letzten Jahr in seinem Buch „Gott ist jung“ (Herder 2018) betonte der Papst, dass dieser Krankheitenkatalog Leitfaden zur Prüfung aller Christgläubigen sein soll. Es ist also hier nicht möglich mit einem Zeigefinger auf andere zu zeigen, sondern den Katalog als eigener Exerzitienleitfaden zu verwenden. Die Beschäftigung damit soll dazu führen, dass unser Leben wieder frei wird und wir ganz zu einem Lobpreis Gottes werden.

Als Adventsmeditation beschäftige ich mich seit November 2018 wieder mit diesen Krankheiten. Zwischenzeitlich (Stand 06.01) bin ich bei der achten Krankheit angekommen, die ich euch nun für diese erste Semesterwoche im neuen Jahr mitgeben will: „Es ist die Krankheit der existenziellen Schizophrenie. Es ist die Krankheit derer, die ein Doppelleben führen, Frucht der typischen Heuchelei des Mittelmäßigen und der fortschreitenden spirituellen Leere, die durch Diplome und akademische Titel nicht gefüllt werden kann. Eine Krankheit, die häufig diejenigen befällt, welche den pastoralen Dienst aufgeben, sich auf die bürokratischen Angelegenheiten beschränken und so den Kontakt zur Wirklichkeit, zu den konkreten Menschen verlieren. Auf diese Weise schaffen sie sich eine Parallelwelt, in der sie alles beiseiteschieben, was sie in Strenge die anderen lehren, und beginnen, ein verborgenes, oft ausschweifendes Leben zu führen. Für diese äußerst schwere Krankheit ist die Umkehr ziemlich dringend und unumgänglich (vgl. Lk 15,11-32).“ (Franziskus 22.12.2014)

Für mich ist das zentrale Wort darin der Begriff der Mittelmäßigkeit – alles andere kann man als deren Frucht ansehen.

Was bedeutet das; ein Leben der Mittelmäßigkeit? Ich frage mich ob wir nicht alle solche Erfahrungen der Mittelmäßigkeit erleben. An uns selber, aber gerade auch ganz aktuell in unserer Kirche. Eventuell ist diese Krankheit „Mittelmäßigkeit“ mehr als die anderen ein wahrer Scheinwerfer auf das Grundübel unserer Zeit, unserer Kirche, das uns im letzten halben Jahr geprägt hat. Ist nicht viel von dem was geschehen ist und geschieht eine Folge von Mittelmäßigkeit? Da gab und gibt es Formen des Doppellebens, die aufgedeckt wurden, da gab und gibt es Unzulänglichkeiten und Schwächen, eine Verengung auf Regeln, Struktur und vermeintliche juristische Sicherheiten, was schlussendlich die Frage aufwirft: Wo spielt Gott noch eine Rolle? Wo ist die spirituelle Grundlegung? Ich denke, ihr wie ich könnten dazu mit vielen Beispielen weiter gehen.

Ein neues Jahr soll man aber nicht mit einer negativen Grundstimmung beginnen. Das müssen wir auch nicht, auch nicht angesichts all dem, was wir im letzten Jahr so erlebt haben. Von Missbrauch über kirchliche Erosionen bis hin eben zu einer spirituellen Leere die allein von Floskeln aufrecht erhalten bleibt.

Ohne dies alles zu relativieren sagt uns Weihnachten vielmehr: Umkehr ist möglich, Neuaufbruch ist erwünscht. Weihnachten erinnert uns an einen Schatz den wir als katholische Kirche haben: Die Umkehr, die Reue, den Neuanfang. Denn Gott kam in diese Welt, um Mensch zu werden uns sich nochmal ganz besonders an unsere Seite zu stellen.

Reflexion, Überprüfung, Erkenntnis, Ehrlichkeit und dann Veränderung, das schafft Zukunft. Genauer, das lässt uns eintreten in eine Zukunft mit Gott. Werden wir uns bewusst was falsch läuft, nennen wir es beim Namen mit freundlichen Worten, die aber Salz haben (vgl. Kol 4) und gehen wir den Weg. Gehen wir einen Weg, den wir allein mit Gott aber auch ganz bewusst in Gemeinschaft gehen dürfen. Gehen wir den Weg, weg von der Mittelmäßigkeit hin zu Gott, damit wir aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, mit allem was wir haben ihn loben können. Te deum ladamus.