Wo sind die Ränder?

Vor wenigen Tagen war ich ja in Berlin. Da treffen in einer sehr offenbaren Form finanziell unterschiedlich ausgestattete Gruppen aufeinander oder besser: man kann sie dort bewusster wahrnehmen.

Mit der sinnvollen und notwendigen (richtigen) Forderung von Papst Franziskus „hinauszugehen aus der eigenen Bequemlichkeit und den Mut zu haben, alle Randgebiete zu erreichen, die das Licht des Evangeliums brauchen“ (EG 20) bleibt der Papst noch recht vage, welche Gruppen er damit meint. In den Abschnitten EG 53, 59 oder 191 zeigt er klarer auf, welche Randgruppen er damit meint: Jene, die unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systeme an den Rand der Existenz und damit unserer Städte, unseres eigenen Lebens drücken.

Mein Nachdenken darüber soll nicht dazu führen, dass ich alle Aktionen, alles Bemühen sich um diese von Papst Franziskus angesprochenen Gruppen zu kümmern und zu sorgen, abwerte. Sie sind notwendig, trotzdem überlege ich mir, was es braucht um „das eine zu tun und das andere nicht zu lassen“. Damit meine ich auch den Blick auf alle „Randgebiete“ zu legen, die vom „Licht des Evangeliums“ nicht oder nur schwach beschienen werden.

Damit meine ich die sogenannten Reichen, die heutige Mittelschicht, Menschen in Berufen, die einen hohen Lebensstandard sichern aber damit einhergehen, dass andere Dinge von Tag zu Tag unsicherer werden.

Ich bin Gott dankbar dafür, dass er mir Freunde und viele Begegnungen mit Menschen verschiedener Gesellschaftsschichten geschenkt hat und schenkt. Darunter sind sehr viele „EntscheiderInnen“ aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Und wenn ich mich mit diesen Menschen unterhalte, dann entdecke ich immer wieder eine große Sehnsucht, ein großes Fragen, viele Zweifel, viel Unsicherheit und Suche, nach dem, was das Leben lebenswert macht. Es sind dabei nicht jene, die gerade anfangen Geld zu verdienen. Viel mehr sind es jene, die viel schon „erreicht“ haben, die aber auch Erkennen, dass eine Krise, eine schwierige Lebenssituation alles zum Einsturz bringen kann, was aufgebaut wurde, weil – und das erfahren diese Menschen wirklich – ihr Lebenskonzept nur auf Abhängigkeiten und Schein oder bildhaft gesprochen auf Sand gebaut ist.

Ich hatte hier schon so viele großartige Gespräche: suchende, ahnende, fragende und hoffende Momente und nach diesen Gesprächen gehe ich nach Hause und frage mich: Wo haben diese Menschen ihren Platz in der Kirche? Wo heißen wir sie willkommen, nehmen ihre Lebenswirklichkeit an und auf und gehen von ihrem Lebenspunkt aus, im Licht des Evangelium, mit ihnen ihren Weg?

Ich habe aber auch schon wirklich reiche Menschen erlebt die mir sagen: Die Kirche verurteilt mich wegen dieses Reichtums. Wenn das so ist, dann ist das grausam. Auch mit dem Jesuszitat des Reichen und des Kamels ist das nicht eine Negierung und Ausgrenzung derjenigen die Reichtum haben, vielmehr ist es die Aufforderung unser Augenmerk auch auf diese suchenden Menschen zu werfen.

Beschäftigen wir uns damit? Ich kenne nahezu keine Räume, Konzepte und Angebote, wo sich diese Menschen angesprochen fühlen dürfen. Selten sind es einzelne Priester, die dann unter Schmähung und Lächerlichkeiten, in diesen Kreisen sich bewegen, mit Häme und Spott und Vorurteilen von gewissen kirchlichen Kreisen belegt, hier präsent sind.

Wie ernst nehmen wir die Aufforderung an die Ränder zu gehen? Ist die so stark steigende institutionalisierende Hilfe für Menschen mit finanziell niedrigeren Einkommen – so wichtig das ist – eventuell auch eine Ausrede um an manche Dinge nicht zu denken? Manchmal habe ich das Gefühl, dass es so ist und dafür nehmen wir in Kauf, dass wir Menschen, die finanziell sicherer da stehen aber trotzdem an unseren Rändern stehen verkraulen, da sie in unserer selbst geschaffenen christlichen Komfortzone nur stören. Sie bringen nämlich nicht Befriedigung und schöne Bilder mit der Schöpfkelle in der Suppenküche, sie kann man sich nicht mit einer Spendenüberweisung zu Weihnachten aus dem Gedächtnis streichen.

Die Beschäftigung mit allen „Randgruppen“ verlangt einiges mehr als Aktionismus.

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Der kleine Christus für den Mitchristen

Vor wenigen Tagen wurde nicht nur in Italien – aber dort wohl am intensivsten – an den wohl beliebtesten italienischen Heiligen gedacht. Padre Pio! Vor über 50 Jahren ist der lange umstrittene Heilige in seinem Kloster San Giovanni di Rotondo (Italien am Gargano) gestorben.

Die Kirche hat Padre Pio 2002 heiliggesprochen. Papst Johannes Paul II. hat die Heiligsprechung stark gefördert, was sich der Legende nach auf eine ganz persönliche Erfahrung mit dem Pater zurückführen lässt. Schon zu Lebzeiten wurde Padre Pio als Heiliger verehrt. Viele pilgerten zu ihm und sein Kloster war ein beliebter Ort. Dort traf Padre Pio den damaligen Priester Karol und – so die Legende – weissagte ihm, dass er Papst werden würde. 1947, in dem Jahr in dem dies wohl geschehen ist, war die Kirche noch distanziert zu diesem Gottesmann. Johannes XXIII. lehnte ihn rundweg ab und erst 1971 wurde das Leben und Wirken des Paters von Paul VI. positiv bewertet.

Die Schwierigkeit an diesem Heiligen zeigt sich für viele sicherlich an der Summe der Wunder, die sich an ihm und durch ihn ergaben. Unter anderem gehört dazu die Prophetie, der Empfang der Stigmata und eine ihm nachgesagte Fähigkeit der Bilokation. Die Kirche hat diese Wunder, nicht ohne Diskussionen, anerkannt. Aber noch heute ist er – eventuell gerade deshalb – bei vielen umstritten, was auch an der Form der Kommerzialisierung dieses Heiligen an seinem Sterbeort liegt.

Padre Pio stellte sein Leben ganz und gar in die Sache des Evangeliums. Die Wundmahle sind ein Zeichen dafür. Ziel seines, ja Ziel unser aller Leben ist das Streben nach Heiligkeit im Alltag, daran erinnert uns Papst Franziskus in seinem Schreiben Gaudete et exultate. Heilig werden, Christusähnlich werden, das ist das Ziel des Christen. Dazu gehört nicht allein der Versuch nach dem Evangelium zu leben, sondern auch die Sorgen und den Schmerz andere anzunehmen. Nicht indem wir selber körperlichen Schmerz uns zuführen, sondern ganz schlicht im mitleiden, in der Bereitschaft, Verantwortung für den Anderen zu übernehmen. Die schlichte Weisheit „geteiltes Leid ist halbes Leid“ ist erfahrbar, wenn Christen sich zur Seite stehen. Mitleiden zeigt sich im Gebet und entscheidend im aktiven helfen. Padre Pio, der mit der Spendung der Beichte, mit der Seelsorge, die Anwesenheit Christi ganz besonders sichtbar gemacht hat, kann hier eben auch zum sichtbaren Christus werden, eventuell wie eine Ikone: Im Tun und Sein des Padres zeigt sich das Antlitz Christi.

Diese Vorstellung, dass uns im Mitchristen das Antlitz Christi erscheint, das ist eine tragende Vorstellung. Einmal, ganz besonders in dem wir uns bewusst werden, dass in jedem Armen, Kranken und Hilfsbedürftigen das Antlitz Christi aufscheint, aber eben auch umgekehrt, wenn wir selber erleben; in tiefster Not, in Verzweiflung, gibt es Menschen, die uns helfen, die uns erfahren lassen, dass die Botschaft Christi wirkt. Wenn wir am Boden liegen, dann hilft uns Christus auf, oft genug durch Menschen – durch Menschen wie Padre Pio. Solche Erfahrungen machten die Menschen damals als sie Padre Pio begegneten. Er wurde für sie in Not und Bedrängnis ein kleiner Christus der ihnen Beistand.

Solche Erfahrungen sind einzigartig. Solche Erfahrungen wünsche ich uns allen. Dass es möglich ist dies zu erleben, das feiern wir, wenn wir an Heilige wie Padre Pio denken.

„E se non piangi, di che pianger suoli?“

Es ist traurig, ich bin traurig, bei solch einer Nachricht, wie jener, dass Italien, das Land des Humanismus per se, Menschen verhaftet, weil sie nicht wegschauen, weil sie die Verantwortung übernehmen, die wir Europäer so lange von uns wegschieben.

Es ist die Verantwortung unseres Lebens, die sich aus einer Grundsituation in unserer Welt und Gesellschaft ergibt, die wir – ich als einzelne Person – eventuell nicht zu verantworten habe, für die ich aber mitverantwortlich bin, denn durch passives Verhalten, durch meinen Lebensstil, durch ein Verhalten meiner Freunde, meiner Familie, meiner Gemeinschaft (Staat, Gesellschaft) hat sich in der Welt etwas zum Schlechten gewandelt, leiden andere weil irgendwer gedankenlos oder gar bösartig was getan hat, das Folgen hat.

Die Lebenssituation Afrikas ist so ein Fall. Wir haben und wir tun es noch immer, diesen Kontinent ausgebeutet. Unser Lebensstil hat Folgen für Afrika und nun sind die Folgen so radikal, dass die Menschen fliehen, seit Jahren und Jahrzehnten, aber erst seit 2015 bekommen wir das mil. Kommt der Bumerang zu uns – wenn auch sehr klein und eher noch aktuell aufgebauscht – zurück.

Im 33. Gesang des Infernos (Dante; La Divina Commedia), erfahren wir vom Graf Ugolino, der miterleben musste, wie seine Kinder im Gefängnis, an seiner Seite verhungern. Im Inferno betreibt er nun Kannibalismus um dieses ungemeine Leid, das er erleben musste zu rächen. Dabei findet sich ein Satz, im Rahmen der Erzählung über den Tod seiner Kinder, der ungemein passt: „E se non piangi, di che pianger suoli?“ (33/42: „Und wenn du hier nicht weinst, wann willst du weinen?“)

Also, wann wollen wir weinen? Oder sind wir schon so tot, so egoistisch und stupide, dass wir nur wegschauen, dass wir viel lieber – analog, wie der Erzbischof Ruggieri in der Geschichte – die Menschen weiter wegschließen und dafür sorgen, dass sie verhungern?

Und wie Pisa im Inferno angeklagt, so gilt es uns, und in dem heutigen Falle Salvini und die Rechten Italiens und Europas anzuklagen, die verweigern die Menschlichkeit. Aber auch uns, als die „Nachbarn“, die darüber hinwegsehen, wie ein erlässlicher kleiner unbedeutender Fehler:

„Ahi Pisa, vituperio de le genti

del bel paese là dove ‚l sì suona,

poi che i vicini a te punir son lenti“

(Inferno; 33,79-81)