La dolce vita ‐ die römische Lebensart

IMG_0954Da gibt es ungemein viel Klischee. Rom ist Klischee, so wie die tausend und eine Geschichte von und um diese Stadt und ihre Lebensart. Oder noch mehr, Rom ist das was wir erleben und in diesem Erleben in Gedanken, in Gefühlen und in Wissen uns schaffen. Deshalb kann es wohl auch nur drei Typen von Menschen geben. Jene, die Rom lieben, jene, die Rom hasse und jene, die noch nie da waren.

Der nachfolgende Text ist also auch nur das Bedienen von Klischees. Dieser Text ist zum Schluss gesehen nichts anderes als eine Traumvorstellung, eine Liebeserklärung an eine alte Dame, die eben gar nicht mehr so traumhaft ist, wie es sie nie war. Daher gilt es den Text nicht ganz ernst zu nehmen, sondern eher als ein Text zu sehen, der eine Liebeserklärung ist an eine alte Dame, von einem Herrn der schon lange die Dame nicht mehr bei Helligkeit gesehen hat.

Aber was macht ein Römer so?
Am Morgen ein Frühstück, colazione, das kennen die Römer im trauten Heim nicht. Dazu geht es in die Bar. Dort wird ein Cappuccino bestellt und ein Dolce, also ein Hörnchen (Cornettoo), mit/con oder ohne/senza Füllung/classico oder semplice) eine Bomba oder ähnliches. Es gibt zwischenzeitlich auch Müsli, Jogurt und Co. selbst schon zum Mitnehmen. Der Kaffee To‐Go ist aber noch immer eine Todsünde. Starbucks & Co. überleben, wenn überhaupt, nur dank der Touristen.
In Italien gibt es zwei Preise: für sitzende Gäste und für jene an der Bar. In Rom ist das heute – außer in einzelnen Fällen – kein so großer Unterschied mehr wie im versnobten Florenz. Es summiert sich nur wenn man, wie ein Römer, mehrmals einen Cappuccino/Cafe am Tag nimmt.
Jeder Römer hat seinen Barista. In seinem Viertel, denn der Römer geht – außer er muss zur Arbeit, oder er ist jung ‐ nicht aus seinem Viertel, also seinem Rione. Eine weitere entscheidende Trennlinie in Rom ist der Tiber. Den überschreitet man nicht, außer in absoluten Notällen.

Getränke mit Milch werden traditionell – je nachdem wie römisch das Restaurant/die Bar ist – nach elf Uhr vormittags nicht mehr serviert. Was daran liegt, dass in vergangenen Zeiten ohne Kühlschrank die Milch meist ab da gefährlich (sauer, Bakterien) wurde. Darüber hinaus ist der Römer der Meinung, dass der menschliche Körper nachmittags keine Milch verträgt.

Wer in seiner Welt lebt, den kennt jeder, der kennt jeden und so ist auch die erste große Aussage von Reinhard Raffalt, SJ der behauptet, dass es in keiner anderen Stadt der Welt charmanter ist arm zu sein als hier. Und das kenne ich auch. Wie oft hatte ich mein Geld vergessen, wie oft kam die Aussage des Patrone: Sei du heute mein Gast! In dieser kleinen Welt lernt man, es gibt Familie – aber nur für jene strangieri die sich darauf einlassen. Ich hab es erlebt und gesehen und erlebe es noch immer.

Mittagessen – pranzo/colazione
Erste Verhaltensregel: in Rom wird man platziert. NIE sich selber einen Tisch aussuchen. Damit steigen ganz oft die Preise, denn sie werden als ignoranter Ausländer erkannt.
Die Zeiten ändern sich. Während die Panini (belegte Brötchen) oder die Tramezzini (Belegtes Toastbrot, ohne Rinde meist caldo/warm zu genießen) früher mal was für „zwischendurch“ waren, gibt es auch in Rom heute für viele nur einen kleinen Mittagstisch. Ein Brot, ein Gang oder gar nur ein Salat, das gibt es heute immer öfters. Das ist die Folge dieses „unangenehmen deutschen Lebensstress“, der aus dem Norden kommt (die Deutschen = Tedeschi; sind nicht immer wir, damit sind auch, wie ich schon gehört habe, die Norditaliener gemeint).
Klassisch gehört jedoch zum Mittagessen mindestens zwei im besten Falle vier Gänge: Antipasta, Primo, Secondo, Dolce – was also bedeutet: Vorspeise, erster Gang mit Pasta o. Ä., Fleisch und ein Nachtisch, gern auch mal Früchte oder einen Fruchtsalat (macedonia). Der Wein darf dabei nicht fehlen; Tischwein, Wein des Hauses … und ein Digestif auch (Grappa, Limoncello, Amaro, …). Aber alles angemessen.

Dann kommt die Mittagspause/Mittagsschlaf. bei diesem Thema kommen dann die Deutschen und erzählen was davon, dass die Italiener faul sind. Nein, das sind sie nicht, sie arbeiten meist mehr Stunden, haben aber einfach eine andere Einstellung. Die Arbeit ist für das Leben da und nicht andersherum. Das ist doch viel besser. Beim Staat und im Vatikan zeigt sich oft auch noch: Es gibt eigentlich eine sechs‐Tage‐Woche. Von Montag bis Samstag wird vormittags gearbeitet. Dazu sind zwei oder drei (oder mehr) Nachmittage zu arbeiten. Aber auch das ändert sich so langsam und damit sinkt die Lebensqualität.

Der Abend
Der Römer, gerade der junge Römer – und da ganz besonders die ragazze – gehen am Abend auf den Giro. Dieser Termin wäre – ich glaub ich hab das mal bei Franca Magnani einmal in einem Beitrag vernommen – einer der Gründe warum es in Rom keine Popper, keinen Schlabberlook o. Ä. geben könne, und warum die Römerin die am besten angezogene Frau der Erde sei. Und es ist doch so: Nirgends auf dieser Welt sind die Frauen so schön wie in Rom. Das macht das Licht, die Schönheit der Stadt und der Charme des Augenblickes. Das gilt für alle Frauen in dieser Stadt.
Der Giro ist der Spaziergang am Abend (nicht zu früh). Man trifft sich nicht in einem einzigen Restaurant. Jeder hat sein Gebiet, seine Strecke, seinen Startpunkt und man findet sich. Man beginnt eventuell gemeinsam, aber geht im Laufe des Abends gern auch getrennt weiter, nur um sich am Ende des Abends wieder zu finden. Startpunkt ist der Aperitivo und erst danach geht es weiter. Dabei ist der Aperitivo nicht einfach ein Getränk, nein er ist viel mehr. Der Aperitivo ist eine Ausprägung der römischen Lebensform den Abend, die Minuten des Sonnenuntergangs zu genießen und den Gaumen und die Sinne zu reizen.
Der Studierende und jener der kaum Geld hat, wird sich hier (nicht ganz anständig, aber manchmal notwendig) satt essen. Ein vollständiges Abendessen gibt es somit schon mancherorts für 8 €.
Danach geht es in die bevorzugte Lokalität zum Essen. Die Antipasta kann man so getrost weglassen – oder doch nicht, je nachdem wie man mag. Auch hier folgt die normale Reihung, bis hin zum Dolce und einem schönen Käse als Abschluss, muss nicht, kann, darf sein ist aber nicht typisch römisch, sagen die einen, die anderen genießen. All das ist Idealform, die es immer weniger gibt für die Römer. Warum? Das liebe Geld ist daran schuld. Das Leben wird immer schwerer, aus verschiedenen Gründen, aber einer ist ganz sicher der, dass auf der einen Seite alles teurer wird wegen der Touristen und auf der anderen Seite zerstört Arbeitslosigkeit und Armut die Schönheit des Lebens, gerade der jungen Menschen.

Der Absacker in einer Bar ist möglich, auf der Piazza ab 23.00 Uhr nur mit Plastikbecher, was die einen abschreckt, die anderen nicht stört. Dabei kommt der Piazza die Rolle zu, die ihr zugetragen ist. Die römische Piazza ist das Wohnzimmer, der Salone des Volkes aber grundsätzlich auch der Ort der Demokratie in seiner jeweiligen Ausprägung. Die Piazza ist das Forum, welches es in Rom immer gab und um das wir die Stadt beneiden dürfen. Die Piazza ist der zentrale Ort des Lebens. Hier wird geliebt, gelacht, geweint und gefeiert. Hier zeigen sich die jungen Menschen, auch ohne viel Geld. Gerade nun, wenige Tage nach einer ganz traurigen Wahl in Italien stellt sich die Frage, was ist los in Italien? Eventuell liegt es an der Piazza, dem Forum, oder gerade daran, dass nicht mehr dort gestritten wird. Wo waren die Wahlplakate? Wo war die Diskussion, wo war die Wahl, die die Wirklichkeit abbildete und nicht irgendwelche Scheinwelten. Wo ist Cicero um den heutigen, immer wieder auftretenden Politiker, wie Verres, Catilina und Co. paroli zu bieten. Das geht immer noch nur auf den heutigen Plätzen der Öffentlichkeit. Es hilft uns und unserer Demokratie nicht, dass wir das Forum und die vielen wunderbaren Plätze der Demokratie in Trümmern belassen und sie nur als alte Relikte sehen. Sie müssen was in uns bewegen. Das Leben, das ich hier beschrieben habe, ist das Leben der Reichen, der großen Menschen, die Rom hervorgebracht hat. Es ist aber eben auch das Leben all jener, die für die jeweilige Freiheit und für das Leben und die Liebe in dieser Stadt gekämpft haben. Wir können das belächeln und wie im Museum aufnehmen, oder wir können es leben, in der Gänze, also schönes Leben und Verantwortung dafür.

 

Verantwortung?

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Den nachfolgenden Text hatte ich einige Tage nach dem Anschlag in England geschrieben und ihn dann wieder vergessen. Hier stelle ich ihn, ganz im Kontakxt der Tage danach ein.

Ein bisschen war ich selber über mich geschockt. Irgendwo habe ich es gehört, dass sich da etwas in England ereignet hat, aber ich habe es nicht wahrgenommen. Auch am nächsten Tag war es kein Thema bei mir. Der Tagesablauf hat dazu geführt, dass ich erst am Nachmittag zum Lesen der Zeitung gekommen bin. Und auch danach: Irgendwie war das einfach weit weg. 22 Tote, viele verletzte … Ja, und nun?

Am Abend beteten wir für die Opfer und ihre Angehörigen. Mir kam nur so die Frage: und was ist mit dem Täter? Es ist leicht (und natürlich auch wichtig und gut) für die armen Menschen zu beten – aber wie ist das mit den „Feinden“?

Und selbst heute? Was fühle ich dabei, wenn ich daran denke, dass schon wieder Menschen sterben mussten? Die Bilder im Internet mit den Beileidsbekundungen, das angestrahlte Brandenburger Tor … zwischenzeitlich bekannte Rituale. Was sagt mir das, was macht das mit mir? Ich stumpfe ab. Schlussendlich so wie bei den Meldungen aus dem Nahen Osten oder aus anderen Ecken der Welt. Tote sind Zahlen, die mich nicht tangieren – solange sie nicht hier, direkt vor meiner Haustüre sind. Ist das nicht auch eine Art und Weise von Reduzierung. Ich schimpfe auf Trumps „Amerika zuerst“ und doch, mache ich selber da nicht das Gleiche? Ich reduziere mein Leben, meine Gedanken und meine moralischen Grundwerte auf mein Umfeld – alles andere ist unwichtig. Nach mir die Sinnflut. Der Rest ist mir doch schlussendlich egal – die paar Fürbitten tangieren mich nicht wirklich oder noch schlimmer sie sind ein pflichtschuldiger Akt.

Es ist so angenehm. Ich kann hier in einer heilen Welt sitzen. Habe schlussendlich alles was ich brauche und kann über die Ungerechtigkeiten der Welt philosophieren. Dass ich daran Anteil habe, durch den Kaffee den ich trinke, durch die Klamotten die ich trage, durch meine politische Lethargie … das verdränge ich. Das entschuldige ich mit der schönen These: Na, ich kann nicht die ganze Welt retten.

Wenn ich das so durchdenke, dann merke ich: Wow, das ko*** mich an was ich da denke. Und doch, ich stehe nicht auf, mache nichts …

Eine weitere Ausrede: Ich gehe zumindest wählen. Aber auch das reicht doch schlussendlich nicht. Oder? Ausreden über Ausreden. Ich mag mich gerade in diesem Bezug nicht. Da muss sich was ändern. Die Ausreden mit den „kleinen Dingen“ die ich leisten kann, müssen aufhören. Gerade auch als Christ muss ich mich endlich aufmachen und mein Leben so gestalten, dass ich mich einbringe. Wie kann das aussehen? Was muss ich tun?

Wie muss mein Leben, mein Handeln aussehen?
Welche Politik muss ich bevorzugen im Bezug auf Diktatoren, auf die Kriegsländer etc.?
Muss ich „meine“ Politiker mehr fordern, nicht nur von Werten zu reden, sondern auch die Werte einzufordern. Bei uns, aber auch ganz besonders in der Welt?
Wie stehe ich zum Pazifismus? Ist das wirklich die Antwort auf die Probleme dieser Welt? Oder ist das auch wieder nur eine Ausrede um nicht eine moralische Entscheidung zu treffen?
Wie denke ich über das Flüchtlingsthema in Deutschland?
Was mache ich dagegen, dass tausende Menschen auf dem Mittelmeer – sorry – verrecken?
Wie kann ich in den Spiegel schauen, wenn ich weiß, dass auf dieser Welt Christen sterben, psychisch & physisch zerstört werden, weil sie eben Christen sind?
Wie reagiere ich auf die Menschen, die sich in klassischer alter rechter Manier absolut untragbar benehmen? Stehe ich gegen Rechts, gegen Rassismus, gegen Ausgrenzung, gegen die geistige Dummheit der Einpeitscher von IS, NDP, AFD und anderen menschenverachtenden Gruppen in Deutschland und der Welt?

Das sind nur einige Fragen, spontan aus der Luft gegriffen, die mich umtreiben und die uns alle umtreiben sollten. Spontan, aber deshalb nicht falsch. Machen wir uns doch mal alle Gedanken.

Gedanken beim Kaffetrinken

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Ein bisschen war ich selber über mich geschockt. Irgendwo habe ich es gehört, dass sich da etwas in England ereignet hat, aber ich habe es nicht wahrgenommen. Auch am nächsten Tag war es kein Thema bei mir. Der Tagesablauf hat dazu geführt, dass ich erst am Nachmittag zum Lesen der Zeitung gekommen bin. Und auch danach: Irgendwie war das einfach weit weg. 22 Tote, viele Verletzte … Ja, und nun?

Am Abend beteten wir für die Opfer und ihre Angehörigen. Mir kam nur so die Frage: und was ist mit dem Täter? Es ist leicht (und natürlich auch wichtig und gut) für die armen Menschen zu beten – aber wie ist das mit den „Feinden“?

Und selbst heute? Was fühle ich dabei, wenn ich daran denke, dass schon wieder Menschen sterben mussten? Die Bilder im Internet mit den Beileidsbekundungen, das angestrahlte Brandenburger Tor … zwischenzeitlich bekannte Rituale. Was sagt mir das, was macht das mit mir? Ich stumpfe ab. Schlussendlich so wie bei den Meldungen aus dem Nahen Osten oder aus anderen Ecken der Welt. Tote sind Zahlen, die mich nicht tangieren – solange sie nicht hier, direkt vor meiner Haustüre sind. Ist das nicht auch eine Art und Weise von Reduzierung. Ich schimpfe auf Trumps „Amerika zuerst“ und doch, mache ich selber da nicht das Gleiche. Ich reduziere mein Leben, meine Gedanken und meine moralischen Grundwerte auf mein Umfeld – alles andere ist unwichtig. Nach mir die Sinnflut. Der Rest ist mir doch schlussendlich egal – die paar Fürbitten tangieren mich nicht wirklich oder noch schlimmer sie sind ein pflichtschuldiger Akt.

Es ist so angenehm. Ich kann hier in einer heilen Welt sitzen. Habe schlussendlich alles was ich brauche und kann über die Ungerechtigkeiten der Welt philosophieren. Dass ich daran Anteil habe, durch den Kaffee den ich trinke, durch die Klamotten die ich trage, durch meine politische Lethargie …das verdränge ich. Das entschuldige ich mit der schönen These: Na, ich kann nicht die ganze Welt retten.

Wenn ich das so durchdenke, dann merke ich: Wow, das ko*** mich an was ich da denke. Und doch, ich stehe nicht auf, mache nichts …

Eine weitere Ausrede: Ich gehe zumindest wählen. Aber auch das reicht doch schlussendlich nicht. Oder? Ausreden über ausreden. Ich mag mich gerade in diesem Bezug nicht. Da muss sich was ändern. Die Ausreden mit den „kleinen Dingen“ die ich leisten kann, müssen aufhören. Gerade auch als Christ muss ich mich endlich aufmachen und mein Leben so gestalten, dass ich mich einbringe. Wie kann das aussehen? Was muss ich tun?

Wie muss mein Leben, mein Handeln aussehen?
Welche Politik muss ich bevorzugen im Bezug auf Diktatoren, auf die Kriegsländer etc.?
Muss ich „meine“ Politiker mehr fordern, nicht nur von Werten zu reden, sondern auch die Werte einzufordern. Bei uns, aber auch ganz besonders in der Welt?
Wie stehe ich zum Pazifismus? Ist das wirklich die Antwort auf die Probleme dieser Welt? Oder ist das auch wieder nur eine Ausrede um nicht eine moralische Entscheidung zu treffen?
Wie denke ich über das Flüchtlingsthema in Deutschland?
Was mache ich dagegen, dass tausende Menschen auf dem Mittelmeer – sorry – verrecken?
Wie kann ich in den Spiegel schauen, wenn ich weiß, dass auf dieser Welt Christen sterben, psychisch & physisch zerstört werden, weil sie eben Christen sind?
Wie reagiere ich auf die Menschen, die sich in klassischer alter rechter Manier absolut untragbar benehmen? Stehe ich gegen Rechts, gegen Rassismus, gegen Ausgrenzung, gegen die geistige Dummheit der Einpeitscher von IS, NDP, AFD und anderen menschenverachtenden Gruppen in Deutschland und der Welt?

Das sind nur einige Fragen, spontan aus der Luft gegriffen, die mich umtreiben und die uns alle umtreiben sollten. Spontan, aber deshalb nicht falsch. Machen wir uns doch mal alle Gedanken.

Berlin 2017 1. Tag Bibelreise

Und weiter geht’s! Diesmal nach Berlin. Warum? Ganz groß gesagt: Um die Texte der jungen Gemeinde im Kontext der Großstadt, der katholischen Diaspora zu lesen und aufzunehmen. Paulus schreibt an Großstadtgemeinden. Wir sind in einer solchen. Paulus schreibt auch zum Thema Politik & Kirche. Wir bewegen uns in den nächsten Tagen zwischen diesen Welten. So habe ich zumindest den Sinn dieser Reise verstanden.

Ups, die sprechen ja Deutsch! Natürlich, wir sind ja auch in Deutschland. Irgendwie kommt das in meinen Kopf nicht rein. Reisen ist ins Ausland … so spuckt die Regel in meinem Kopf. Ich weiß nicht wann ich zuletzt innerhalb Deutschland verreist bin und Dann auch noch geflogen. Was einem der Kopf so alles vorgaukelt.

Abfahrt 08:00 Uhr nach Basel, mit Flieger nach Berlin-Schönefeld und mit der S-Bahn in den Wedding. Die letzte Schritte zu Fuß in unsere Unterkunft – das wäre die Reise gewesen. Wir sind in einer ehemaligen Fabrik untergebracht. Es schließt sich an eine „Hausbesichtigung“ und eine schnelle Tour durch die Stadt für jene, die noch nie hier waren und einen Überblick brauchen. Gottesdienst in St. Hedwig und Abendessen in der Berliner Republik. Zurück. Ein bisschen Gespräch und ins Bett und der Tag ist vorbei.

Da wir in der Osloer Straße wohnen fuhren wir bis zur Haltestelle Bornholmer Straße. Also voll rein in die Deutsche Geschichte. Hier begann schlussendlich das Wunder von Berlin. An jenem Abend sammelten sich hier, nach der Ankündigung im Fernsehen von Schabowski, die DDR-Bewohner und prüften dessen Aussage. Um 23:30 erhoben sich die Schlagbäume und die DDR hatte endgültig ihre Zähne eingebüßt. Mir bleiben wahrscheinlich ewig die Bilder im Kopf, jener Nacht, in der ich selber gerade 12 Jahre alt war. Mit solchen Erinnerungen im Kopf bin ich stolz einen deutschen Pass zu haben. Das Verhalten der Menschen in jener Nacht, das und alles was dazu drum herum geschehen ist, ist der Grund für eine neue Friedensordnung der Welt, für das neue Europa also für das, was dumme Menschen heute wieder kaputt machen wollen, bzw. aktiv daran sind es zu tun. Das Gegenteil unserer heutigen Situation ist das, was wir bis 1989 hatten, das dürfen wir nicht vergessen.

Bei einem Zeitzeugen, einem politisch handelnden jener Zeit und jener Veränderung hatte ich am Nachmittag einen kurzen Besuchstermin. In der Konrad-Adenauer-Stiftung traf ich den Vorsitzenden der Stiftung und ehemaligen Präsidenten des Europaparlamentes Prof. Pöttering. Spontan hat er sich Zeit genommen und wir hatten ein nettes Gespräch, wie man so sagt über „Gott und die Welt“. Raus ging ich also mit weiteren guten Gedanken und zwei Büchern, die er mir schenkte. Nach dem Termin schloss ich mich wieder der Gruppe am Brandenburger Tor an. Wir spazierten dann gemeinsam Unter den Linden in Richtung Hedwigskirche und machten einen kurzen Abstecher ins „Willy-Brandt-Forum“. In St. Hedwig feierten wir in der Krypta, in nächster Nähe zum Seligen Bernhard Lichtenberg, die Messe mit. Ich kann mich mit dem Stil dieser Kirche recht gut anfreunden, muss ich sagen.

Den Abend verbrachten wir in der „Berliner-Republik“. Ganz nettes Restaurant. Jetzt nicht das, in das ich jeden Abend gehen würde, aber ganz O.K. Das Essen war gut, aber schon „sehr genau bemessen“ und für Biertrinker ist das ja ein Eldorado.

Kaum waren wir draußen aus dem Restaurant zeigte sich mal wieder wie klein die Welt ist. Wir wollten zur Haltestelle und wer läuft mir über den Weg: Eine ganz liebe Tunslerin mit Freundin und dessen Freund. Die beiden Mädels und eine weitere Freundin hatten mich auch in Rom einmal besucht, worüber ich mich sehr gefreut hatte. Und jetzt, zwischen all den Menschen laufen wir uns in Berlin – völlig ungeplant – in die Arme. Mal wieder ein Beweis, wie klein doch die Welt ist. Einfach schön.

Europa – 60 Jahre Römische Verträge

 

 

Gestern feierte Europa Geburtstag. Europa, nicht nur die Staatenlenker, sondern auch viele Bürgerinnen und Bürger gedachten der Unterzeichnung der Römischen Verträge im Jahr 1957. Damals kamen Staatschefs sechs europäischer Nationen in Rom zusammen und unterzeichneten zwei Verträge die im entscheidenden Maße unser Vergangenheit, unsere Gegenwart und auch unsere Zukunft prägen werden, denn sie waren fest entschlossen die „Grundlagen für einen immer engeren Zusammenschluss der europäischen Völker zu schaffen“ (Präambel).

Die römischen Verträge, gerade die Unterzeichner, waren geprägt von der Geschichte, aber auch im hohen Maße geprägt von ihrem eigenen Glauben, von Visionen und Ideen, die ihnen die Möglichkeiten geben sollte das Leben von Millionen Menschen zu verbessern. Sie nahmen ihren Auftrag als Staatsmänner an und gestalteten ganz bewusst die Zukunft ihrer Staaten und deren Bürger. Aus diesem Vertrag mit sechs Ländern wurde die heutige EU mit 27 (naja 28) Staaten und weit über 500 Millionen Bürgern.

Heute war ich zum ersten Mal bei einer der Demonstrationen der Bürgerinitiative „Pulse of Europe“. Bisher konnte ich nicht, da ich unter anderem ja im Ausland war, aber ich habe mir vorgenommen an jedem möglichen Sonntag – nächste Woche in Berlin – dabei zu sein. In 60 Städten treffen sich aktuell jeden Sonntag um 14:00 Uhr tausende Bürger um nicht gegen etwas zu demonstrieren, sondern um für Europa zu demonstrieren. Wohl wissend, dass nicht alles perfekt ist in diesem Staatenbund, geht es den Organisatoren und auch den Teilnehmern darum Flagge zu zeigen für eine einmalige politische Erfolgsgeschichte und damit zu signalisieren: Europa, das sind nicht Verträge oder wohlmeinende Reden, sondern die Bürgerinnen und Bürger der Länder.

Die sehr allgemein gehaltenen Aussagen auf der Internetseite von „Pulse of Europe“ kann ich alle voll mitunterschreiben. Mir gehen sie nicht weit genug. Jedoch stehe ich voll und ganz dahinter. Wir können Europa, wir können unsere Zukunft, eine Zukunft in Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand nicht alleine den Politikern überlassen. Europa das sind wir selber, wir die einmal natürlich zur Wahl gehen müssen, wenn wir politische Veränderungen wollen, aber auch wir, die im Kleinen, im Alltäglichen zu Europa stehen und unsere Visionen aussprechen, um eine Stimme zu bekommen und die Politiker zu bewegen weiter zu gehen. Meiner Ansicht so weit zu gehen um eines Tages eine föderalistische politische Vereinigung zu erreichen, in der es allein regionale und sprachliche Grenzen aber keine nationalen Grenzen mehr gibt.

Mir ist ein gewähltes Parlament zu wenig, es braucht eine gewählte Regierung die ganz im Sinne der Subsidiarität arbeitet. Für mich ist es logisch, dass es in Anbetracht einer gemeinsamen Währung auch eine gemeinsame Finanzpolitik braucht. Für mich ist eine europäische Armee keine böse Vision, sondern in Zeiten von neuen Gefahren aber auch in Zeiten von Sparen und sinnvollem Wirtschaften eine gute und logische Folge der EU. Darüber hinaus muss sich auch im Bereich der Bildungspolitik entscheidendes verändern. Wir brauchen die Einführung von Standards in der Ausbildung, denn nur gut ausgebildete junge Menschen können auf einem europäischen Arbeitsmarkt in eine ehrliche Konkurrenz treten und dort eingesetzt werden wo man sie braucht.

Audienz beim Papst

Am Freitagabend hatten die 27 Vertreter der Länder der EU eine Audienz bei Papst Franziskus. Zum dritten Mal hielt der Heilige Vater eine Rede zur Lage der EU und stellte die Verbindungen zwischen EU und Christentum heraus. So sagte er: „Am Ursprung der Idee Europa steht »die Gestalt und die Verantwortlichkeit der menschlichen Person samt dem Ferment einer im Evangelium gegründeten Brüderlichkeit,“ (Franziskus 24,03.17). Hier und an vielen weiteren Textstellen mahnt er die Vertreterinnen und Vertreter an, nicht das Evangelium und die Botschaft Jesu Christi zu vergessen. Der Papst zeigt, dass er kein Politiker ist, dass aber die Kirche eine Verpflichtung hat in Wort und Tat die moralische Komponente einzufordern, die es braucht, dass ein Staat oder ein Staatsgebilde nicht nur Recht spricht, sondern auch stehts um Gerechtigkeit, auch um soziale Gerechtigkeit ringt.

Es ist gut, dass die Vertreterinnen und Vertreter der EU beim Heiligen Vater, dem Karlspreisträger 2016, zur Audienz waren. Es erinnert nämlich auch daran, dass die damaligen Ideengeber und Staatsmänner nicht nur christlich sozialisiert waren, sondern im hohen Maße ihre Politik aus einem gelebten Christentum heraus betrieben. Die Idee Europas ist eine zu tiefst christliche Idee, denn sie setzt die politische Komponente der Botschaft Jesu Christi in tägliches politisches und wirtschaftliches Handeln um – oder will es zumindest.

Für mich ist mein Glaube Grundlage einer Verpflichtung als Bürger, meine politische Meinung zu sagen, mich in politische und gesellschaftliche Diskurse einzubringen und wählen zu gehen, damit Politik und Gesellschaft ein Raum werden, in denen die Botschaft der Liebe zumindest im menschlichen Maße Wirklichkeit wird. Deshalb nehme ich an diesen Veranstaltungen teil und werde auch zu jeder Gelegenheit ausdrücken, dass ich ein badischer Europäer bin.

 

Klar ist das „Schleichwerbung“, aber grad die Verbindung zwischen katholischer Lehre und Politik ist mir wichtig und daher empfehle ich einige Bücher:

Franziskus: Mein Traum von Europa

Schavan (Hg.): Päpste vor Parlamente

Ratzinger, Josef: Werte in Zeiten des Umbruchs

Patocka, Jan: Europa und Nach-Europa

Möde, Erwin (Hg.): Europa braucht Spiritualität

Hertz, Dietmar: Die Europäische Union

Kompendium der Soziallehre