Jakobsweg – Schon geht’s weiter

 

Ich bin dann mal weg – ist zwischenzeitlich ein geflügeltes Wort: Dank Hape Kerkeling. Ich bin wieder da – das ist aber nur ein Satz. Ohne große weitere Infos. Ich bin dann mal wieder da, auch wenn es nur wenige Tage waren in denen ich dann mal weg war. Es ist kaum zu glauben, aber es ist wirklich viel passiert in den Tagen meiner kleinen Reise auf dem Jakobsweg, die ich machen durfte, dank des Priesterseminars.

Zuerst habe ich absolut gemerkt: Das Wandern ist nix für mich. Meine Füße tun mir noch immer weh. Diese Erkenntnis ist so nebensächlich aber überschattet aktuell noch – dank der Füße die ich eben noch immer spüre – meinen Rückblick auf die Tage.

Das nächste Thema ist die (wieder-)Erkenntnis, dass das „Auf dem Weg sein“ ein Bild ist, welches echt viel abverlangt. Es ist einfach das Thema, dass hierbei die Frage nach der „Berufung“ immer wieder kommt. Das ist ein immer wieder neu versichern, gerade dann, wenn die evangelischen Räte als Themen aufkommen.

Über den Punkt des Gehorsams habe ich ja schon geschrieben. Dazu kamen in den Tagen in Frankreich noch Armut und das Mega-Thema: Zölibat.

Reinhard Mey sang einst in seinem Lied: Ich liebe das Ende der Saison, folgende Worte: Du brauchst im Leben wirklich nur, um keine Not zu leiden, einen Freund, ein Stück Brot, ein Töpfchen Schmalz und ein Glas Wein! – das ist sehr romantisch diese Vorstellung, aber in diesem Tagen habe ich nochmal gemerkt, dass diese Reduktion sehr angenehm ist und – für mich – sehr stimmig. Was brauche ich zum Leben? Das ist die Frage. Noch klarer ist aber die Frage: Welches Verhältnis habe ich zu Besitz?

Mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich in einem Zimmer gelebt. Kindheit, Seminarzeit St. Pirmin, Rom, jetzt hier im Seminar und auch in der Zeit meines WG-Lebens. Und viele Jahre davon habe ich immer wieder gespürt, dass ich mich trotzdem mit dem kleinen vorhandenen Besitz nicht ganz glücklich fühle. In den Jahren in Rom und auch jetzt merke ich, dass ich wirklich nicht sehr viel brauche, gerade auch das nicht, was ich eingelagert habe und völlig aus meinem Gedächtnis gewischt habe. Es ist irgendwie komisch. Bücher, das ist ein Besitz den ich horte, den ich auch scheinbar nicht hergeben mag und doch merke, ahne ich auch hier: Das, was ich wirklich nicht loslassen will sind nicht die Bücher selber, sondern die damit einhergehende Selbstversicherung, dass ich irgendwie „was bin“, denn ich habe mir Wissen angelesen. Es geht also um die Sehnsucht nach Prestige, also einem Punkt den ich noch in Gänze ablegen sollte, wenn ich mich ganz auf Gott und den Menschen, dem ich dienen will in meinem Dienst, konzentrieren will.

Zum Thema Armut gehört für mich aber noch ein anderes Thema von dem ich das Gefühl habe, dass es nicht nur für mich ein Thema ist:

Ich brauche nur ein Zimmer – ich freue mich aber auch auf meine Arbeitszeit, wenn es dann auch mehr sein werden, mindestens zwei – aber das brauche ich. Scheinbar. Und auch hier. Es geht nicht um das Zimmer, es geht um etwas Anderes. Es geht um meine Privatsphäre. Es geht darum sich immer mal wieder zurückziehen zu können, selbst sein können ohne im zwischenmenschlichen Dialog sein zu müssen. Die Tage in der Gemeinschaft mit dem Mehrbettzimmer, auch die Zeit auf der Bibelreise mit der dauerhaften Gemeinschaft bei Tag und Nacht bringt und brachte mich an meine Grenzen. Ich denke ich habe diese gut gemeistert, aber ich weiß nun, dass ich mich genau darum sorgen muss: Raum zu haben für das Private. Dabei kommt mir der Rahmen in Erinnerung den sich Prof. Halik schafft in seinen Exerzitien. In einem seiner Bücher beschreibt er in welchem Umfeld er sich erholt und seine Bücher schreibt. Das ist in einem Kloster in dauerhaften Gegenwart Gottes, im Angesicht des Leibes Christi in einer Monstranz. Halik setzt sich dem Blick Gottes in ganz besonderem Maße aus. Das sehe ich gerade als eine Privatsphäre an nach der ich mich sehne.

Ich bin sehr gespannt was das Thema mir weiteres bringt.

Als ich vor einiger Zeit das Zimmer im Seminar wechseln durfte ging es wieder um das Ein- und Auspacken und es juckte mich ungemein in den Fingern mich wieder von Dingen zu trennen. Zuerst schmiss ich dann wieder Papier weg. Die moderne Technik ermöglicht mir hier einiges. Ich brauche keine Papierlager mehr, denn ich scanne alles ein, was machbar ist. Eine Datei hemmt mich nicht, schafft mir nicht die Frage: Wohin räume ich das. Ich denke, dass Armut eben da auch was mit Freiheit zu tun hat. Armut-Freiheit-Privatsphäre sind für mich aktuell drei Begriffe die sich gegenseitig bedingen, die zusammengehören.

Zurückkommend auf das Zitat von Mey gehört dazu auch das Thema der Freundschaft. So wie es die materiellen Punkte der Armut gibt, gibt es auch die persönlichen Aspekte, die ich eben schon benannt habe. Es kommt aber auch noch ein entscheidendes Thema hinzu: Liebe! Das ist nicht allein ein Zölibat-Thema. Auch eines für die Frage nach dem Reichtum. Um all das zu meistern, um sich zu konzentrieren auf das Wesentliche braucht es eben das Wesentliche: Liebe, Liebe zu Gott, aber auch zu den Menschen und da ganz besonders zu Menschen, die einem Liebe auch schenken. Hier also: Freunde.

Werbeanzeigen

Frings, Thomas: „Aus, Amen – Ende?“

Die Meldung im Jahr 2016, dass ein Priester seine Gemeinde nach vielen Jahren der Seelsorge abgibt und eine Auszeit braucht um sich neu zu sortieren, ging durch alle möglichen Medien. Trotz ausführlicher Stellungnahme konnte man aus den Meldungen damals meist mehr die Meinung der Berichterstatter herauslesen, als die Meinung des Geistlichen Thomas Frings.

Nun, ein Jahr später legt der Seelsorger einen ausführlicheren Text vor als die damalige Stellungnahme. Ausführlich dahingehend, dass er den Text aus dem Jahr 2016 noch einmal zur Hand nimmt, seine Aussagen von damals reflektiert und vertieft. Hinzu kommt ein Modell, ein Vorschlag für eine neu gelebte Seelsorge.

Nun kann so manch ein Leser sagen: nichts Neues findet sich in diesem Buch. Das mag sein, dass Theoretiker genau dies so sehen. Was ganz sicher der Fall ist: Neu ist es nicht, dass Priester, die als Pfarrer Gemeinden leiten, sich davon zurückziehen. Die auffallendsten Fälle sind meist jene, die danach dann laisiert werden, da sie in einer Beziehung lebten. Eher unauffällig aber dafür noch Mahnender sind jene Pfarrer, die aufgrund der beruflichen Situation nicht mehr weiter wissen. Oft genug werden diese Priester, von den Kollegen die „Durchhalten“, nicht gerne gesehen. Ich selber kenne ein paar Priester, die sich mit diesem Problem beschäftigen und auch einer, der sich zum gleichen Schritt aufgerafft hat.

Bei Thomas Frings ist das jedoch ein bisschen anders, denn  endlich – und das ist das erste Neue daran – kommt hier ein Priester in einem größeren Rahmen zu Wort, der Seelsorger war, ist und auch bleiben will, sich aber bewusst gegen die aktuelle Pfarreien-Struktur stellt. Der also aus dem Hamsterrad aussteigt in das sich, dank Strukturreform und Zustandsbewahrer von Formen und Strukturen, die katholische Kirche in Deutschland an vielen Punkten verrannt hat.

Ebenfalls ist (leider) auch Neu an diesem Buch, dass alle Probleme, Sorgen und Misstände nicht mit Frustration, sondern mit einem hohen Respekt gegenüber all den darin Wirkenden benannt werden. Ich kenne leider kein anderes Buch, keinen anderen Text, der in dieser Form Kritik anbringt. So wird dieses Buch zu einem Text in dem ich immer wieder positiv zustimmen kann, denn viele Situationen sind mir bekannt, da ich sie so oder so ähnlich selber erlebt habe und mir davon von Freunden berichtet wurde. Was ich darüber hinaus noch schätze an dieser Situationsbeschreibung von Thomas Frings, ist die Wertschätzung, die gegenüber der Arbeit sich durch alle Anfragen, durch alle Beispiele zieht.

Das Buch ist aufgeteilt in zwei grobe Bereiche: Der erste Teil der gut zwei drittel des Buches umfasst, stellt eben die schon benannte Situationsbeschreibung und Analyse aus dem Alltag des Pfarrers Frings, dar. Der zweite Teil könnte als „Vorschlag zum Weiterdenken“ überschrieben werden. Wie gesagt, vieles ist nicht neu, was hier zu lesen ist, es ist aber gut zusammengefasst und bietet so eine gute Grundlage für eine nachfolgende Diskussion. Und eine Diskussion ist doch wohl notwendig nach diesem Buch, ganz besonders auch, zum Vorschlag eines neuen Modells für die Gemeindeseelsorge, der „Entscheidungsgemeinde“.  Hier handelt es sich aus meiner Sicht wirklich erst einmal um einen Vorschlag, einen Ausgangspunkt für eine Diskussion. Nicht weil er unausgereift erscheint, vielmehr weil es für viele Haupt- und Ehrenamtlichen doch schon eine große Anforderung ist, das einmal durchzudenken, was er vorschlägt und somit das eigene Wirken auf einen ehrlichen und reflektierten Prüfstand zu stellen. Dieses neue Gemeindemodell bricht mit so manchen Ansätzen, die für uns Standard sind. Wer hier weiterdenkt wird merken, dass alte Begriffe und Modell gar nicht mehr tragen würden. Damit wären die Fragen nach einer „Komm- oder Gehpastorale“ überholt. Begriffe wie Grundversorgung würden als das erscheinen, was sie sind: Unwürdig für den Auftrag der Kirche. Und Theorien von Schließungen würden ersetzt werden müssen gegen Modelle des Aufbaus und der Motivation.

Das Buch ist ein kleines Buch, schnell zu lesen, das so manch einer schnell weglegen wird. Es wird eventuell auch in zehn Jahren nicht mehr allzu bekannt sein. Es ist keine große Reformtheologie, die in diesem Buch zu lesen ist. Das Buch ist aber genau das, was wir heute eher brauchen. Keine Konzepte- und Strukturpapiere sondern eine Motivation zur Seelsorge – ja, das ist dieses Buch und damit hat dieses Buch auch eine wichtige Rolle, denn es steht in einer Linie mit den Wünschen des aktuellen Papstes, die Seelsorge wieder aus einem spirituellen Ansatz heraus anzugehen, damit Hirte und Herde sich gemeinsam auf die Wurzeln der Kirche, auf Christus beziehen.