Einheit, Frieden, Freiheit

Die Rede von Pastor Dr. Martin Luther King aus dem Jahr 1963, vor ca. 250.000 Menschen, die zu einem Friedensmarsch nach Washington gekommen sind, gehört zu den großen Reden der Menschheit. Die Worte, die er damals sprach haben heute noch immer eine traurige Wirklichkeit. Noch immer herrscht in verschiedenen Stärken in Amerika aber auch in vielen anderen Ecken der Welt – auch in Deutschland – Rassismus. Abgrenzung, Verfolgung, Beleidigung und Negierung der menschlichen Würde erfahren Menschen noch immer.

Gerade deshalb ist es auch heute so wichtig sich den Geist der Rede zu verinnerlichen und diesen Traum des Pastors endlich zu verwirklichen.

Am 21. Januar ist Martin Luther King Day. Grund genug sich damit zu beschäftigen.

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Angst

Heute schon wieder. Auch heute finde ich in meiner Timeline Beiträge von Facebook-„Freunden“ und in Twitter Post, die mir die Haare zu Berge stehen lassen. Es sind Beiträge, die pauschal irgendwas behaupten und die versuchen rassistische und nationalistische Parolen zu relativieren und zu rechtfertigen. Es wird versucht zwischen Heimatliebe, Fragen für die Zukunft, Sorgen und nationalsozialistischen Parolen den Unterschied zu leugnen und eben alles zu relativieren. Aber das ist falsch und dumm. Wenn ich mein Land liebe, dann schaffe ich nicht Grenzen, sondern teile dieses Land mit anderen Menschen, wenn ich Respekt vor Menschen habe, dann teile ich die Menschen nicht in Rassen und Gruppen ein und schließe irgendwelche aus. Wenn ich Sorgen habe, dann artikuliere ich diese, dann suche ich die Begründungen und Lösungen und wälze sie nicht ab auf andere Menschen. Wenn ich erkenne, dass was falsch läuft, dann suche ich nicht Sündenböcke, sondern kümmere mich darum, dass es wieder besser läuft.

Immer wieder wird gesagt, dass Menschen die Afd wählen und der Pegida hinterherrennen, weil sie Angst haben. Auch ich habe Angst. Jeder von uns hat Angst. Vor dem Tod, ich genauer vor einem qualvollen Sterben, vor Krankheit, vor Armut, vor Einsamkeit, vor einem Krieg, … es gibt so viele Ängste. Und jede Angst ist erstmal gerechtfertigt und hat ein Recht darauf, dass sie angesprochen wird. Aber Angst rechtfertigt nicht, jeden Scheiß zu glauben. Angst rechtfertigt nicht, irgendwelchen Verschwörungstheorien nachzurennen. Angst rechtfertigt nicht, Sündenböcke zu schaffen und diese zu verfolgen. Angst rechtfertigt nicht unmenschlich zu werden.

Die einzige Antwort auf Angst ist Zuversicht, ist Glück. Wer glücklich ist, der hat keine Angst, der hat Respekt vor der Zukunft, der nimmt an, was geschieht und verändert das was möglich ist. Angst bekämpfen wir mit Verstand, damit, dass wir nachdenken, dass wir uns der Situation bewusst werden und durch Verstand die Welt verändern. Wer denkt wird glücklich. Wer behauptet, dass denken unglücklich macht, der hat nicht gedacht, der hat sich nicht befreit von seiner Angst und dem was ihn hemmt.

Angst, das ist O.K. Angst, die braucht Raum. Angst braucht Antworten, Angst braucht Menschen, denen man sie erzählen kann. Angst braucht Verantwortung jedes Einzelnen, sich nicht von Angst gefangen zu nehmen. Angst löst sich auf, wenn wir Menschen haben die einen lieben – wenn wir Liebe erfahren (aus meiner Sicht jene Liebe, die sich in Gott begründet). Aber ich muss halt die Liebe erkennen, ich muss sie annehmen. Ich muss denken und damit Mensch sein.

Angst rechtfertigt nicht Hass, Angst verlangt nach denkender Liebe!

Wissen oder Emotion?

Die Tage bleibt es ja nicht aus, dass wir uns (hoffentlich) alle mit dem Beschäftigen, was da in Chemnitz geschehen ist. Chemnitz ist ganz nüchtern gesagt, der Ort an dem sich Menschen sichtbar gezeigt haben, dass die Ideen des Nationalsozialismus nicht tot sind. Emotional gesagt: Ich habe Angst vor dem was sich da gezeigt hat. Die Fratze des Hasses und des Todes, die scheinbar seit 1945 tot ist, hat sich ganz unverblümt gezeigt. Und was das schlimmste ist: Nicht allein in Chemnitz sondern in ganz Deutschland und wahrscheinlich geht es vielen wie mir: direkt in meinem Umfeld, durch Menschen, die ich aus meiner Schulzeit kenne, die ich aus meinen ehemaligen Wohnorten, Berufen, Verein(en) her kenne und die den braunen Parolen zustimmen.

IN den letzten Tagen habe ich von Per Leo das Buch „Flut und Boden“ gelesen. Ein Buch in dem sich der Autor mit seiner Familiengeschichte, besonders mit seinem Großvater der Nazi und Mitglied der SS war, auseinandersetzt. Es war nicht ganz „mein Buch“. Mir sind einige Passagen zu lang und dafür die Hauptgeschichte zu kurz gekommen. Namensabkürzungen und Bezeichnungen haben für Verwirrung beim Lesen gesorgt und irgendwie erschien mir das Buch als unfertig. Es hat mich nicht weiter gebracht. Vielmehr hatte ich das Gefühl es ist ein Buch, das sich jemand runter geschrieben hat. Ich empfehle es nicht wirklich zum lesen. Es wird in wenigen Tagen in die Tiefen meiner Erinnerung entschwinden und das wars.

Eine Stelle im Buch passt jedoch sehr gut zur aktuellen Situation und zur Frage, wie kann es geschehen, dass wir nach über 70 Jahren nach Kriegsende, nach Bildungsoffensiven und nach Millionen von ausgegebenen DM und Euros, ein Volk vor uns haben, das bis heute noch nicht oder wieder nicht verstanden hat, dass Hass, Vernichtung, Rassismus, ein ausgrenzenden Deutschtum, Nationalismus etc. keine Zukunft bringen, sondern nur Zerstörung und Dunkelheit. All diese Punkte führen in eine Diktatur und nicht in eine bessere Welt.

Per Leo beschreibt in seinem Buch, wie er einen Professor der Geschichte erlebt, der in einer ganz anderen Form die Geschichte des Nationalsozialismus bearbeitet wie es sonst getan wird. „Herbert wusste, dass es vor allem die philosophische Dimension des Holocaust war, die uns reizte: dass wir vor allem diskutieren wollten … Doch gleich in der ersten Sitzung machte er uns klar, dass das mit ihm nicht zu haben war.“ (S. 42-43). Es geht ihm in aller erster Linie darum, dass die Studenten „Bescheid wissen. Sie sollen wissen, was passiert ist.“ (S. 43). Und das ist die Frage. Wissen wir heute Bescheid? Wir wissen, dass die Shoa böse war, aber kennen wir die Zahlen, kennen wir die Fakten. Wissen wir Bescheid? Leo schreibt: „Uns wurde schlagartig klar, wie selbstgerecht und billig unsere Lieblingsanklage an die Nazigeneration war. Es mochte sein, dass unsere Großeltern trotz totalitärer Informationsbeschränkung ziemlich viel gewusst hatten – aber was war das für ein Vorwurf, wenn man selbst trotz frei zugänglicher Bibliotheken praktisch nichts wusste?“ (S. 43).

Kann es sein, dass wir seit Jahren nur über die Emotionen gesprochen haben? Wie war es bei mir? Meine Besuche in Auschwitz, Birkenau und Yadvashem sind geprägt von Trauer, von Emotion, aber ab wann haben sie meine rationale Seite ergriffen, ab wann wurde aus einem Gefühl ein wissen und verstehen? Verstehen dafür wie so etwas geschehen konnte, ergreifen was da passiert ist und damit auch ein Verstehen dafür und wie wir dafür sorgen können, dass es nie wieder geschieht. Betroffenheit alleine, das wedeln mit der moralischen Keule, reicht alleine nicht. Da sind wir aber stehen geblieben. In den Diskussionen, im Unterricht, in den Geschichtsbüchern und den Sendungen. Gefühl ist keine messbare Größe. Gefühle sind keine Mauern, die nicht zerbrochen werden können. Ratio, Verstand, verstehen und ergreifen sind die einzigen Grundlagen dafür, dass der Mensch etwas nicht tut. Wer verstanden hat, warum man etwas nicht tut, der tut es nicht. Und in Angesicht von Chemnitz, AFD, Pegida und den vielen anderen Nazibewegungen bleibt mir nichts anderes zu sagen: Wir haben versagt. Bei denen ist Toleranz, Verantwortung, Mitmenschlichkeit, Menschenrechte nichts anderes als Gefühle und Wohlfühlzonen der Gutmenschen. Und somit stehen hier Gefühle gegen Gefühle und auf dieser Ebene ist das, was ansteht nicht zu erledigen, denn jedes Gefühl ist subjektiv und damit richtig. Der Verstand hat hier nichts auszurichten. Für das Weitere brauchen wir aber gerade dieses: Verstand, Fakten und mutige Menschen, die immer und immer wieder versuchen, diese Menschen aus ihren Wohlfühlzonen und Verdrängungswelten herauszuholen. Verstand ist gefragt – und als Christ: Das Gebet, das Vertrauen in die Botschaft Jesu Christi und das Leben in ihm.