Brief an die Christen in Irland – 2010

Im Jahr 2010 hat der damalige Papst Benedikt XVI. einen Brief an die Christen in Irland geschrieben. Darin hat er einige Themen aufgegriffen, die bis heute entscheidend aktuell sind und an vielen Stellen, aus meiner Sicht, nicht ernsthaft angegangen wurden. Da mich dieses Thema des Missbrauchs sehr stark umtreibt suche ich gerade Worte, die mir helfen, die ich als Hoffnungsworte entdecken kann, dass es weitergehen kann. Gerade dieser Brief spricht mich an, denn er ist ungemein persönlich und ich erlebe hier einen ehrlichen Hirten, der seine Sorge und seine Trauer ausdrückt. Fern von irgendwelchen theologischen Floskeln, fern von irgendwelchen politischen Absicherungen.

Der Papst hat damals ganz klar das Versagen der Kirche benannt. Er hat seine Trauer, seine Scham benannt und bat um Verzeihung und neues Vertrauen, durch Jesus Christus, an die Kirche.

An die Priester schrieb er damals unter anderem: „Ihr habt das Vertrauen, das von unschuldigen jungen Menschen und ihren Familien in Euch gesetzt wurde, mißbraucht, und Ihr müßt Euch vor dem allmächtigen Gott und vor den zuständigen Gerichten dafür verantworten. Ihr habt die Achtung der Menschen Irlands verspielt und Schande und Unehre auf Eure Mitbrüder gebracht. …Ich mahne Euch, Euer Gewissen zu erforschen, Verantwortung für die begangenen Sünden zu übernehmen und demütig Euer Bedauern auszudrücken. ….Zugleich ruft uns Gottes Gerechtigkeit dazu auf, Rechenschaft über unsere Taten abzulegen und nichts zu verheimlichen. Gebt offen zu, daß Ihr schuldig seid. Stellt Euch den Forderungen der Rechtsprechung“

An die Bischöfe schrieb er damals: „Es kann nicht geleugnet werden, daß einige von Euch und von Euren Vorgängern bei der Anwendung der seit langem bestehenden Vorschriften des Kirchenrechts zu sexuellem Mißbrauch von Kindern bisweilen furchtbar versagt haben. Schwere Fehler sind bei der Aufarbeitung von Vorwürfen gemacht worden. …muß zugegeben werden, daß schwerwiegende Fehlurteile getroffen wurden und daß Versagen in der Leitung vorkamen. Dies alles hat Eure Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit untergraben. Ich erkenne Eure Bemühungen an, vergangene Fehler wieder gutzumachen und zu garantieren, daß sie sich nicht wiederholen. Ich rufe Euch auf, neben der vollständigen Umsetzung der Normen des Kirchenrechts im Umgang mit Fällen von Kindesmißbrauch weiter mit den staatlichen Behörden in ihrem Zuständigkeitsbereich zusammenzuarbeiten. … Nur entschiedenes Vorgehen, das in vollkommener Ehrlichkeit und Transparenz erfolgt, werden den Respekt und das Wohlwollen des irischen Volks gegenüber der Kirche, der wir unser Leben geweiht haben, wiederherstellen.“ – Das so denke ich gilt für die ganze Kirche. Es darf kein Versteckspiel mehr geben, es gab keine doppelten Böden mehr geben oder irgendwelche verschleppten Vorgänge. Es gab und gibt keine Entschuldigung mehr für irgendwelche Giftschränke, die nicht geöffnet werden.

Papst Benedikt XVI. forderte von allen, ganz besonders von den Priestern, Ordensleuten und Bischöfen, ihr Gewissen zu erforschen, ihr Inneres zu reinigen, sich wieder verstärkt auf Christus auszurichten, also geistlich zu erneuern.

Doch nicht nur die innere Reinigung, die Neuausrichtung war Papst Benedikt XVI. wichtig. Die Prozesse, die Neuregelungen und ganz besonders die Laisierung von Priestern in seiner Amtszeit zeigen: Es wurde gehandelt. Aus heutiger Sicht kann mancher sagen: Das war nicht hart genug. Das ist aus meiner Sicht aber zu kurz gedacht. Papst Benedikt und in seiner Nachfolge auch Papst Franziskus haben die Punkte aufgegriffen, die weltkirchlich angegangen werden müssen. Gleichzeitig haben sie den Ortskirchen und den Bischofskonferenzen klar zu machen versucht, dass sie entscheidende Veränderungen vorzunehmen haben. Vor Ort muss was geschehen!!!

So kommt Papst Benedikt eben auch in diesem Brief, mit Blick auf die zukünftige Vermeidung solcher Situationen durch eine Überprüfung der Priesterausbildung, dazu wie folgt zu schreiben: „Nur durch sorgfältige Prüfung der vielen Faktoren, die zum Entstehen der augenblicklichen Krise geführt haben, kann eine klare Diagnose ihrer Gründe unternommen und können wirkungsvolle Gegenmaßnahmen gefunden werden. Zu den beitragenden Faktoren sind sicherlich zu zählen: unangemessene Verfahren zur Feststellung der Eignung von Kandidaten für das Priesteramt und das Ordensleben; nicht ausreichende menschliche, moralische, intellektuelle und geistliche Ausbildung in Seminaren und Noviziaten; …. so wie Papst Franziskus bemängelt er den Klerikalismus:  „eine gesellschaftliche Tendenz, den Klerus und andere Autoritäten zu begünstigen; sowie eine unangebrachte Sorge um den Ruf der Kirche und die Vermeidung von Skandalen, die zum Versagen in der Anwendung bestehender kanonischer Strafen und im Schutz der Würde jeder Person geführt hat. Es muß dringend gehandelt werden, um diese Faktoren anzugehen, die zu so tragischen Konsequenzen im Leben der Opfer und ihrer Familien geführt und das Licht des Evangeliums dermaßen verdunkelt haben, wie es nicht einmal in Jahrhunderten der Verfolgung geschehen ist.

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Gedanken zum Papst

Es hat lange gedauert, aber zwischenzeitlich beginnt es an allen Ecken und Enden: Nachdem die „Rechten“ sich auf Papst Franziskus eingeschossen hatten und das sehr schnell, wenden sich nun jene von ihm ab, die der Meinung waren, die großen Revolution(en) stehen an und auch jene, die sich in die sogenannte „linke“ Ecke ausrichten und irgendwie erwartet haben, dass Papst Franziskus aus der katholischen Kirche per Dekret irgendwas Neues macht.

Vom ersten Tag an wurden ihm Besonderheiten zugeschrieben und einzelne Aussagen interpretiert um ihn in ein Lager zu stecken, um einen Personenkult zu schaffen. Aber Papst Franziskus gehört nur in ein Lager, in das von Jesus Christus. Was Papst Benedikt mit Argumenten der Vernunft, der theologischen und philosophischen Wissenschaft versucht hat und damit ganz besonders in der deutschsprachigen Welt so manch eine Reaktion unter jeder Gürtellinie bekommen hat, das tut Franziskus mit den Argumenten der Spiritualität, der Pastoral und den Begriffen, die ihm aus der ignatianischen Spiritualität bekannt sind. Wer hier das Argument aufbringt, Papst Franziskus sei kein Theologe, sondern denke nur pastoral, der negiert die Pastoral und versucht die Forderung nach der Nachfolge Jesu Christi abzutun. Das ist fast so wie bei der Diskussion zum II. Vatikanischen Konzil. Auch dort wird behauptet es sei ja „nur“ ein pastorales Konzil.

Schon in seiner ersten eigenen Schrift finden wir eine klare Aufforderung: „Ich lade jeden Christen ein, gleich an welchem Ort und in welcher Lage er sich befindet, noch heute seine persönliche Begegnung mit Jesus Christus zu erneuern“. (EG 3) Und in der Vorkonklave erfahren wir um was es ihm geht, um Evangelisierung, nicht nur bei anderen, sondern bei uns selbst. Wir sollen den Mut haben, den heiligen Geist walten zu lassen, uns auf Christus einzulassen (vgl. Ansprache an die Kardinäle 15.03.2013). Wir sollen uns Christus anvertrauen, Christus ähnlich werden, Heilig werden, jeden Tag auf ein Neues, stehts im Evangelium sein, …. Dies können wir in vielen, vielen Reden und Texten finden. Somit können wir sagen: Papst Franziskus geht es zuallererst um ein neues Miteinander in dem einen Volk Gottes, darum, dass der Christ sich Christus anzieht, wie es mit der Taufe geschehen soll. Ganz und gar. Wer wirklich etwas verändern will, der kann das allein von Gott her, aus und in der Begegnung von Jesus Christus. Daran erinnert uns Franziskus.

Es ist unbequem was der Papst verlangt, denn das bedeutet, dass ich mich selbst darum kümmern muss. Papst Franziskus erinnert uns: Kirche sind wir, nicht allein die anderen! Wer vom Papst Taten verlangt, der hat ihn nur bedingt verstanden. Franziskus mahnt uns sehr eindrücklich, dass wir alle Taten folgen lassen müssen: Gebet in der Gemeinschaft, Gebet um in Christus für andere Handeln zu können. Wie schreibt Pater Hagenkord: „Nicht Franziskus wird der Agent der Erneuerung der Verkündigung sein. Entweder die ganze Kirche oder gar nicht. […] Das ist eine anstrengende Vorstellung von Christentum. Jesus Christus will in der Begegnung Dinge von uns, auf die wir vielleicht selber gar nicht kommen; alles geht über unsere momentanen Horizonte, die uns Sicherheit geben, hinaus. Unsere Sicht auf die Welt soll sich ändern. Unsere Welt wird sich ändern, wenn wir uns auf dieses Glaubensprojekt der freudigen Weitergabe einlassen.“ Das ist kein aktueller Text. Das schrieb Pater Hagenkord SJ schon 2013 im Vorwort zum Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium (Ausgabe Verlag Herder S. 38) und zeigt uns wohin der Weg mit Papst Franziskus gehen wird.

Hören wir also innerhalb der Kirche auf dem Papst Kleider überzustülpen die ihm gar nicht passen und die er gar nicht will. Der Papst ist für die katholische Kirche der geistliche Leiter, jener, der die Aufgabe hat sich um das Heil (aller) der Menschen zu sorgen. Dafür will er uns Christus zeigen und nicht irgendwelche Strukturpläne und Reformprojekte. Papst Benedikt hat damit angefangen, auch wenn das manche nicht wahrhaben wollen. Er forderte Entweltlichung, nicht eine Abkehr von den Menschen, den Problemen der Welt, sondern eine Konzentration der Welt auf ein Leben im Evangelium – das fordert Papst Franziskus in seiner Sprache. Nehmen wir sie doch endlich auf und machen uns mit Christus auf den Weg, für uns und die Welt heilig zu werden.

Frings, Thomas: „Aus, Amen – Ende?“

Die Meldung im Jahr 2016, dass ein Priester seine Gemeinde nach vielen Jahren der Seelsorge abgibt und eine Auszeit braucht um sich neu zu sortieren, ging durch alle möglichen Medien. Trotz ausführlicher Stellungnahme konnte man aus den Meldungen damals meist mehr die Meinung der Berichterstatter herauslesen, als die Meinung des Geistlichen Thomas Frings.

Nun, ein Jahr später legt der Seelsorger einen ausführlicheren Text vor als die damalige Stellungnahme. Ausführlich dahingehend, dass er den Text aus dem Jahr 2016 noch einmal zur Hand nimmt, seine Aussagen von damals reflektiert und vertieft. Hinzu kommt ein Modell, ein Vorschlag für eine neu gelebte Seelsorge.

Nun kann so manch ein Leser sagen: nichts Neues findet sich in diesem Buch. Das mag sein, dass Theoretiker genau dies so sehen. Was ganz sicher der Fall ist: Neu ist es nicht, dass Priester, die als Pfarrer Gemeinden leiten, sich davon zurückziehen. Die auffallendsten Fälle sind meist jene, die danach dann laisiert werden, da sie in einer Beziehung lebten. Eher unauffällig aber dafür noch Mahnender sind jene Pfarrer, die aufgrund der beruflichen Situation nicht mehr weiter wissen. Oft genug werden diese Priester, von den Kollegen die „Durchhalten“, nicht gerne gesehen. Ich selber kenne ein paar Priester, die sich mit diesem Problem beschäftigen und auch einer, der sich zum gleichen Schritt aufgerafft hat.

Bei Thomas Frings ist das jedoch ein bisschen anders, denn  endlich – und das ist das erste Neue daran – kommt hier ein Priester in einem größeren Rahmen zu Wort, der Seelsorger war, ist und auch bleiben will, sich aber bewusst gegen die aktuelle Pfarreien-Struktur stellt. Der also aus dem Hamsterrad aussteigt in das sich, dank Strukturreform und Zustandsbewahrer von Formen und Strukturen, die katholische Kirche in Deutschland an vielen Punkten verrannt hat.

Ebenfalls ist (leider) auch Neu an diesem Buch, dass alle Probleme, Sorgen und Misstände nicht mit Frustration, sondern mit einem hohen Respekt gegenüber all den darin Wirkenden benannt werden. Ich kenne leider kein anderes Buch, keinen anderen Text, der in dieser Form Kritik anbringt. So wird dieses Buch zu einem Text in dem ich immer wieder positiv zustimmen kann, denn viele Situationen sind mir bekannt, da ich sie so oder so ähnlich selber erlebt habe und mir davon von Freunden berichtet wurde. Was ich darüber hinaus noch schätze an dieser Situationsbeschreibung von Thomas Frings, ist die Wertschätzung, die gegenüber der Arbeit sich durch alle Anfragen, durch alle Beispiele zieht.

Das Buch ist aufgeteilt in zwei grobe Bereiche: Der erste Teil der gut zwei drittel des Buches umfasst, stellt eben die schon benannte Situationsbeschreibung und Analyse aus dem Alltag des Pfarrers Frings, dar. Der zweite Teil könnte als „Vorschlag zum Weiterdenken“ überschrieben werden. Wie gesagt, vieles ist nicht neu, was hier zu lesen ist, es ist aber gut zusammengefasst und bietet so eine gute Grundlage für eine nachfolgende Diskussion. Und eine Diskussion ist doch wohl notwendig nach diesem Buch, ganz besonders auch, zum Vorschlag eines neuen Modells für die Gemeindeseelsorge, der „Entscheidungsgemeinde“.  Hier handelt es sich aus meiner Sicht wirklich erst einmal um einen Vorschlag, einen Ausgangspunkt für eine Diskussion. Nicht weil er unausgereift erscheint, vielmehr weil es für viele Haupt- und Ehrenamtlichen doch schon eine große Anforderung ist, das einmal durchzudenken, was er vorschlägt und somit das eigene Wirken auf einen ehrlichen und reflektierten Prüfstand zu stellen. Dieses neue Gemeindemodell bricht mit so manchen Ansätzen, die für uns Standard sind. Wer hier weiterdenkt wird merken, dass alte Begriffe und Modell gar nicht mehr tragen würden. Damit wären die Fragen nach einer „Komm- oder Gehpastorale“ überholt. Begriffe wie Grundversorgung würden als das erscheinen, was sie sind: Unwürdig für den Auftrag der Kirche. Und Theorien von Schließungen würden ersetzt werden müssen gegen Modelle des Aufbaus und der Motivation.

Das Buch ist ein kleines Buch, schnell zu lesen, das so manch einer schnell weglegen wird. Es wird eventuell auch in zehn Jahren nicht mehr allzu bekannt sein. Es ist keine große Reformtheologie, die in diesem Buch zu lesen ist. Das Buch ist aber genau das, was wir heute eher brauchen. Keine Konzepte- und Strukturpapiere sondern eine Motivation zur Seelsorge – ja, das ist dieses Buch und damit hat dieses Buch auch eine wichtige Rolle, denn es steht in einer Linie mit den Wünschen des aktuellen Papstes, die Seelsorge wieder aus einem spirituellen Ansatz heraus anzugehen, damit Hirte und Herde sich gemeinsam auf die Wurzeln der Kirche, auf Christus beziehen.