Die andere Sicht! Frauen, Gender und Fragen dazu die nötig sind.

Es ist echt schwer mit Maria 2.0 und anderen sehr „eigenen“ ähnlichen Kampfszenarien das vorliegende Buch zu lesen. Warum? Zuerst braucht es einen freien Kopf und die Offenheit sich mit denen im Buch aufgegriffenen Themen auseinanderzusetzen, hat man doch ganz viele aktive Angriffe gegen die Männer im allgemeinen und im besonderen im Blick und bin ich doch rund um die Themen „Geschlecht, Macht und Religion“ eine andere härtere und kämpferische Sprache gewöhnt.

Das Buch „Geschlecht, Macht und religiöser Wandel in westlichen Gesellschaften“ von Linda Woodhead bietet eine ganz andere Herangehensweise an die gerade auch in den letzten Wochen und Monaten aufgegriffenen Fragen, als es von den vielen Protagonistinnen in der letzten Zeit zu hören war.

Und gerade deshalb ist das Buch erhellend für die Diskussion rund um Frauen in Religionsgemeinschaften. Ich sage bewusst Religionsgemeinschaften, da es in diesem Buch, soweit ich es ersehen konnte, zwar um verschiedene christliche Gemeinschaften geht, aber doch sehr stark um Studien zu Gemeinschaften die im Bereich von Pfingstgemeinden, evangelikalen und (im weitesten Sinne) evangelischen Kirchen. 

Die vier Texte des Buches behandeln die Fragen zum Thema Frauen und Religion/Spiritualität. Es werden Studien aufgegriffen und eingeordnet und Strukturen der Forschung dazu vorgestellt. Es ist ein Grundlagenwerk, von dem aus es gilt weiter zu denken und zu diskutieren. Auch über die Grundlagen, auch über die Studien und die darin verwendeten Fragen und Grundannahmen. Gerade bei den Grundannahmen gibt es für mich eine Menge an Fragen, die sich mir nach der Lektüre gestellt haben. Wenn zum Beispiel Thesen aufgestellt werden, welches Frauenbild, welches Gottesbild die religiösen Gemeinschaften und ihre Mitglieder haben, und wenn dann gezeigt wird, wie Männer dies alles sehen, dann stellt sich für mich die Frage: Welche Männer? Woher kommen die Typisierungen und welchen Einfluss haben die Erfahrungen der Fragenden und Forschenden auf die Ergebnisse der Studien?

Die meisten Studien sind vor dem Jahr 2005 anzusiedeln. Sehr viele in den 1990er Jahren. Die Ergebnisse sind Grundlagen, die Ergebnisse daraus ermöglichen Strukturen zu benennen, aber ich denke es ist dringend nötig hier neu auf die Themen zu schauen, erstens ob die Themen noch Themen sind, die abgefragt werden und wie die Lebenswelt der Menschen und der jeweiligen Religionsgemeinschaft aussieht. Egal wie es genannt wird aber ich denke, wer noch in Konzepten von Moderne und Postmoderne denkt, und diese als aktuell definiert, der ist ein bisschen hintendran. Von diesen Epochen aus gilt es weiter zu gehen. Hin zu einer Welt der Digitalisierung, und einer Welt der neuen Wahrnehmung der Wirklichkeit. Und von da aus gilt es neu zu fragen.

Fasziniert und dankbar bin ich für die Gedankenanstößße aus dem zweiten Kapitel. Die Überprüfung der Säkularisierungsthese von Weber und Marx und deren Rezeption bietet ganz neue Blickwinkel. Und dass der Abschied und die Beziehung zwischen Mensch und Religionsgemeinschaft unterschiedlich ist bei den einzelnen Geschlechter ist zwar irgendwie klar, aber hier wurde das kurz und prägnant gut aufgerissen und die Möglichkeit geschaffen neue Fragen zu stellen und Antworten zu suchen.

Die im dritten Kapitel aufgekommene Frage nach einem Identitätsdilemma ist eine absolut wichtige Frage, die dringend in den Diskurs gehört. Dabei stellt sich mir auch die ganz klassische Frage der Kommunikation nach Sender, Empfänger und der Botschaft auch hier. Welche Strukturen, welche Denkkonzepte, welche vorgefassten Meinungen führen zu was?

Was im dritten Kapitel zum ersten Mal auftaucht und am Rande auch im vierten ist die spirituelle Neuausrichtung auf östliche Religionen als positive Alternativen zur Enge der christlichen Religionspraxis. Das in diesen Religionen vorherrschende Menschenbild, die Rollenzuordnungen finde ich mindestens genauso fraglich wie so manch eine strengkonservative christliche Sekte. Kann es sein, dass hier vorgefasste Meinungen gibt, die dazu führen, dass Zuschreibungen nicht reflektiert werden? Und wenn ja, in wieweit behindert das eine seriöse Veränderung von wirklichen Schwächen und Fehlern in den Religionen?

Im vierten Kapitel finde ich die vier Positionierungen der Religion im Hinblick auf das Geschlecht und die Ausführungen dazu ungemein erhellend. Was mir noch unklar blieb ist die Frage von welchen Denkkonzepten aus wird das gedacht? Welche Rollenkonzepte von Religion in der Gesellschaft liegen hier der Theorie zugrunde? Was sind die Folgen daraus? Wie wird hier Macht gedacht? Wie können wir diese Theorie, geschlechtersensibel im Kontext der Botschaft des Evangeliums weiterdenken?

Die vier im Buch vorhandenen Texte sind ungemein spannend und ein guter Einstieg in eine weitere Diskussion. Die darin geforderten weiteren geschlechtsspezifische Studien wünschte ich mir auch. Und ich wünschte mir, dass daraus ein Diskurs entsteht, der nicht von „ich will“ bzw. von „ich weiß es besser“ geprägt wird sondern von einer gemeinsamen Sehnsucht danach die christliche Botschaft für Frauen und Männer voll und ganz, ohne Hemmschwellen und Einschränkungen erfahrbar zu machen.

 

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Karfreitag

„Und der, der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres berichtet, damit auch ihr glaubt.“ (Joh 19,35) Der Moment in der Passion, an der diese Stelle gelesen wird, ist für mich der absolute Höhepunkt. Dabei ist es schon schwer überhaupt hier von einem absoluten Höhepunkt zu sprechen, denn die Liturgie des Karfreitags ist für mich die intensivste Liturgie, die wir haben. Während die Osternacht und die Weihnacht für mich tiefe emotionale Momente sind, ist die Karfreitagsliturgie für mich der Inbegriff der Lebenswirklichkeit und Bejahung.

Die Ruhe, der Gleichklang, diese klare Konzentration auf Christus schafft für mich einen Raum in dem ich so ganz und gar alles abgeben kann was mich beschäftigt und hemmt. Ich stehe in der Gemeinschaft aller, als Teil des Volkes, das er einzeln berufen hat, ihm gegenüber. Für mich ist der Karfreitag eine Zuspitzung der Liebe. Wenn Weihnachten der Moment ist der Nähe Gottes zu den Menschen so ist der Karfreitag eine absolute Annahme des Menschen durch Gott. Da spüre ich, dass es kein Blatt mehr gibt zwischen Gott und mir, denn irgendwie ist dieser Moment in dem Gott stirbt, in dem er bis zum äußersten geht, der Moment in dem mir immer wieder aufs Neue klar wird, dass Gott kein ferner Gott ist und dass es ihm bei all seinem Tun nicht um eine Überwindung des Menschen, der Welt und der Menschlichkeit geht sondern um eine Vollendung. Um eine Vollendung, die hier und jetzt beginnt.

Wenn ich Karfreitag im Blick habe, als Brennpunkt des ganzen menschlichen Lebens Jesu, dann zeigt sich mir wie unrecht so viele Kritiker haben, die behaupten, dass das Christentum eine Vertröstung auf das Jenseitige ist. Das Leben Jesu – Geburt, Leiden, Tod und Auferstehung – sind Zeugnisse, dass das, was Gott will, nicht fern von uns, sondern eben innerweltlich beginnt zu wachsen. Das Reich Gottes von dem Jesu gesprochen hat ist nicht irgendwann, sondern an ihm sichtbar geworden und wächst um uns, wo die „Güte und die Liebe wohnt“, wo Frieden anfängt zu sprießen, wo Kranke geheilt, Hungernde gespeist und Einsame Freunde finden.

Diese Erfahrung des Karfreitags, diese radikale Zuverlässigkeit der Botschaft, dieser Sieg Jesu indem er sich selbst am Kreuz nicht auf diese menschenverachtenden Spielregeln der Menschen einlässt, wurde radikal verdunkelt, als in aller Grelligkeit sichtbar wurde wie sehr das Volk Gottes innerhalb der eigenen Reihen Geschwüre der Bösheit hat. Der sexuelle Missbrauch, jeder Missbrauch egal in welcher Intensivität ist zerstörerisch, und jede Vertuschung aus welchem Ansinnen heraus das auch immer geschehen ist, hat die gleiche Qualität und ich verstehe unseren Papst, wenn er so wortlos und fassungslos davorsteht, so dass er nur noch sagen kann: Das ist die Fratze des Teufels. Diese Fratze des Teufels verdunkelt die Botschaft des Karfreitags. Es schmerzt mich, dass das Böse in der Kirche wuchert (und jeder dürfte einige Fälle und Beispiele kennen, nicht zuletzt ich) und damit scheinbar noch immer stärker ist als die Ohnmacht Christi.

Und in diesem Moment, in dem ich das denke, kommt dieses Wort hinein, das ich eingangs zitierte. Und es zeugt davon, dass der Sieg nicht irgendein Gerede ist, sondern eben Wirklichkeit, verdunkelt, verdrängt aber doch ein Sieg und die wirkliche Chance zu einer Gegenwart in Gott. Das Zitat ist so radikal Bestätigung: Es war Johannes wichtig zu erwähnen, dass das keine Hirngespinste oder Albernheiten sind, die er erzählt, sondern Wahrheit, denn es gibt Zeugen, die haben es mit eigenen Augen gesehen und bezeugen es.

Heute und in Zukunft: Weihnachten

Allherrschender Gott,

durch den Stern, dem die Weisen gefolgt sind,

hast du am heutigen Tag

den Heidenvölkern deinen Sohn geoffenbart.

Auch wir haben dich schon im Glauben erkannt.

Führe uns vom Glauben

zur unverhüllten Anschauung deiner Herrlichkeit.

Darum bitten wir durch Jesus Christus. (Tagesgebet Epiphania)

Die Weisen sind erwähnt, der von Gott offenbarte Sohn, Glaube und die Sehnsucht nach einem mehr, das nehmen wir wahr, wenn das Gebet im Gottesdienst gesprochen wird. Die Erwähnung der Heiden (Heidenvölker) könnte aufhorchen lassen, denn wie oft hören wir diese Unterscheidung der Menschheit noch?

Das Tagesgebet eilt vorüber, zwischen Gloria und Lesung. Dabei ist das Tagesgebet doch ein Gebet, das der Priester stellvertretend für uns alle spricht, denn mit dem gemeinsamen „Amen“, schließt sich das Volk „dem Gebet an und macht es durch den Ruf Amen zu seinem Gebet“ (Grundordnung, 54). Mit dem „Amen“ bekunden wir, dass das Gebet unser Gebet ist.  Das „Amen“ ist unser „ja“ und damit unsere „tätige Teilnahme“ im Gottesdienst. Das Gebet darf daher nicht einzelne Stimme sein, vielmehr soll Gebet aller sein. Dazu braucht es ein Hören, aber auch eine Auseinandersetzung mit dem was wir beten.

Und das bedeutet schlussendlich, dass wir uns – um der tätigen Teilnahme willen – mehr mit den Texten und Gebeten der Liturgie auseinandersetzten müssen. Alex Stock, ehemaliger Theologieprofessor an der Uni Köln, bietet uns mit seiner Neuübersetzung und Auslegung der Tagesgebete (2014) Impulse und mögliche Annäherungen dazu an.

Zum heutigen Tagesgebet (Stock; Orationen, Tagesgebete der Festzeit. S. 51) stellt er heraus, dass hier zwei Zeitebenen angesprochen werden. Im ersten Satz des Gebetes wird das Ereignis der Offenbarung Gottes gefeiert und klar auf den Festtag terminiert. Mit dem „Heute“, werden sowohl die Weisen wie auch die feiernde Gemeinde in eine GleichZEITigkeit gesetzt. Die Weisen wie die Gemeinde erfahren die Menschwerdung Gottes und glauben. So sind wir im Glaubensakt selbst mit den „Heiden“ (gentibus), also hier u. a. mit den Weisen, geeint. Das Gebet zeigt: Wir vertrauen, wir haben die Botschaft gehört und glauben, allein aufgrund eines Hörens, denn Gott hat sich jetzt offenbart. Die Bewegung der Sterndeuter hin zu Gott wird hier zum Vorbild für uns. „Die Weisen aus dem Osten sind ein Anfang. Sie stehen für den Aufbruch der Menschheit auf Christus hin. […] Sie stehen für die innere Erwartung des menschlichen Geistes, für die Bewegung der Religionen und der menschlichen Vernunft auf Christus zu.“ (Ratzinger, Jesus III. S. 105 f.). Und auch wir brechen wie die Sterndeuter auf, nähern uns Jesus an. Im Vertrauen, im Glauben an etwas, das uns überragt.

Im zweiten Teil verändert sich die Blickrichtung und auch der Zeitrahmen. Es geht jetzt nicht mehr um die Gegenwart, der Blick geht in die Zukunft. Denn ganz „gleich“ wie die Sterndeuter sind wir nicht. Uns fehlt das Sehen, denn die angesprochenen Heiden sind zum Glauben gekommen, weil sie gesehen haben. Dieses Schauen der „unverhüllten Anschauung der Herrlichkeit“ Gottes, oder genauer „seinen Glanz in der Höhe“ das steht für uns noch aus. Trotz unseres Glaubens, oder eventuell besser gesagt, gerade wegen unseres Glaubens bitten wir um diese Nähe zu Gott. Wir bitten darum, denn die Sehnsucht nach dem Schauen ist eine Glaubenshoffnung.

Wir feiern die Geburt „heute“, aber „die Wirklichkeit dieses „factum est“ können wir […] nicht […] anschauen“ (Ratzinger, Jesus II. S. 124) wie die Sterndeuter damals. Weihnachten öffnet uns das Reich Gottes, aber trotzdem steht Gott für uns in einer „bleibende(n) Zweideutigkeit und Verhülltheit […] (und) lässt den Christen ausschauen auf jene endzeitlich verheißene Vollendung, in der er als ganzer „heil“ sein wird“ (Metz, Gesamtausgabe Band 2. S. 179). Und auf diese endzeitliche Vollendung hin weist die Bitte des Gebets, denn als weihnachtliche Menschen leben wir in einem „schon“ und wissen um ein „noch nicht“, hoffen aber, denn wir glauben.

Zwischen dem jetzt und der Zukunft stehend bekräftigen wir am heutigen Hochfest Epiphanie nun dieses Gebet mit dem „Amen“. Dabei erinnern wir uns daran, dass Weihnachten ein zeitloses Fest ist und wir uns in diese tiefe Zeitlosigkeit, die wir in der Annäherung an Gott erfahren, hineinbegeben können. Mit Gott an unserer Seite löst sich alles Bestehende auf, dann seine Zeit ist ein Bewegen hin auf eine anbrechende neue Zeit mit uns, hier und heute. Heute ist uns der Heiland geboren, heute beugen wir mit den Sterndeutern unsere Knie, um uns auf eine Zukunft mit Gott einzulassen. Dabei ist die Zukunft nicht irgendwann; sie beginnt heute.