Padre Pio – Gedenktag 23.09.

In diesen Tagen wird in Italien an den wohl beliebtesten italienischen Heiligen gedacht. Padre Pio! Vor 50 Jahren ist der lange umstrittene Heilige in seinem Kloster San Giovanni di Rotondo (Italien am Gargano) gestorben.

Die Kirche hat Padre Pio 2002 heiliggesprochen. Papst Johannes Paul II. hat die Heiligsprechung stark gefördert, was sich der Legende nach auf eine ganz persönliche Erfahrung mit dem Pater zurückführen lässt. Schon zu Lebzeiten wurde Padre Pio als Heiliger verehrt. Viele pilgerten zu ihm und sein Kloster war ein beliebter Ort. Dort traf Padre Pio den damaligen Priester Karol und – so die Legende – weissagte ihm, dass er Papst werden würde. 1947, in dem Jahr in dem dies wohl geschehen ist, war die Kirche eher noch distanziert zu diesem Gottesmann. Johannes XXIII. lehnte ihn rundweg ab und erst 1971 wurde das Leben und Wirken des Paters von Paul VI. positiv bewertet.

Und nicht nur die Päpste taten sich schwer mit ihm. Es ist kein Gradmesser, aber auch ich habe meine Probleme mit diesem Heiligen. Gerade auch, nachdem ich die Verehrung des Heiligen im Heiligen Jahr erlebte, als er, bzw. seine Ganzkörperreliquie im Petersdom ausgestellt war. Diese Menschenmassen, die Verzückungen und auch ganz viele andere Erfahrungen in der Praxis dieser Verehrung, die ich im Petersdom so erlebte, erschweren mir einen objektiven Umgang mit diesem Heiligen.

Die Schwierigkeit an diesem Heiligen zeigt sich für viele sicherlich an der Summe der Wunder, die sich an ihm und durch ihn ergaben. Unter anderem gehört dazu die Prophetie, der Erhalt der Stigmata und eine ihm nachgesagte Fähigkeit der Bilokation. Die Kirche hat diese Wunder, nicht ohne Diskussionen, anerkannt. Und noch heute ist er bei vielen umstritten, was auch an der Form der Kommerzialisierung dieses Heiligen an seinem Sterbeort liegt.

Trotzdem dieser Heilige bieten einen Raum zur Frage: Was können mir Heilige für mein Leben sagen?

Padre Pio stellte sein Leben ganz und gar in die Sache des Evangeliums. Die Stigmata sind ein Zeichen dafür. Ziel seines, ja Ziel unser aller Leben ist das Streben nach Heiligkeit im Alltag, daran erinnert uns Papst Franziskus in seinem letzten Schreiben Gaudete et exultate. Heilig werden, Christusähnlich werden, das ist das Ziel des Christen. Dazu gehört nicht allein der Versuch nach dem Evangelium zu leben, sondern auch die Sorgen und den Schmerz andere anzunehmen. Nicht indem wir selber körperlichen Schmerz uns zuführen, sondern ganz schlicht im mitleiden, in der Bereitschaft, Verantwortung für den Anderen zu übernehmen. Die schlichte Weisheit „geteiltes Leid ist halbes Leid“ ist erfahrbar, wenn Christen sich zur Seite stehen. Mitleiden zeigt sich im Gebet und entscheidend im aktiven helfen. Padre Pio, der mit der Spendung der Beichte, mit der Seelsorge, die Anwesenheit Christi ganz besonders sichtbar gemacht hat, kann hier eben auch zum sichtbaren Christus werden, eventuell wie eine Ikone: Im Tun und Sein des Padres zeigt sich das Antlitz Christi.

Diese Vorstellung, dass uns im Mitchristen das Antlitz Christi erscheint, das ist eine tragende Vorstellung. Einmal, ganz besonders in dem wir uns bewusst werden, dass in jedem Armen, Kranken und Hilfsbedürftigen das Antlitz Christi aufscheint, aber eben auch umgekehrt, wenn wir selber erleben; in tiefster Not, in Verzweiflung, gibt es Menschen, die uns helfen, die uns erfahren lassen, dass die Botschaft Christi wirkt. Wenn wir am Boden liegen, dann hilft uns Christus auf, oft genug durch Menschen – durch Menschen wie Padre Pio. Solche Erfahrungen machten die Menschen damals als sie Padre Pio begegneten. Er wurde für sie in Not und Bedrängnis ein kleiner Christus der ihnen Beistand.

Solche Erfahrungen sind einzigartig. Solche Erfahrungen wünsche ich uns allen. Dass es möglich ist dies zu erleben, das feiern wir, wenn wir an Heilige wie Padre Pio denken.

Werbeanzeigen

Brief an die Christen in Irland – 2010

Im Jahr 2010 hat der damalige Papst Benedikt XVI. einen Brief an die Christen in Irland geschrieben. Darin hat er einige Themen aufgegriffen, die bis heute entscheidend aktuell sind und an vielen Stellen, aus meiner Sicht, nicht ernsthaft angegangen wurden. Da mich dieses Thema des Missbrauchs sehr stark umtreibt suche ich gerade Worte, die mir helfen, die ich als Hoffnungsworte entdecken kann, dass es weitergehen kann. Gerade dieser Brief spricht mich an, denn er ist ungemein persönlich und ich erlebe hier einen ehrlichen Hirten, der seine Sorge und seine Trauer ausdrückt. Fern von irgendwelchen theologischen Floskeln, fern von irgendwelchen politischen Absicherungen.

Der Papst hat damals ganz klar das Versagen der Kirche benannt. Er hat seine Trauer, seine Scham benannt und bat um Verzeihung und neues Vertrauen, durch Jesus Christus, an die Kirche.

An die Priester schrieb er damals unter anderem: „Ihr habt das Vertrauen, das von unschuldigen jungen Menschen und ihren Familien in Euch gesetzt wurde, mißbraucht, und Ihr müßt Euch vor dem allmächtigen Gott und vor den zuständigen Gerichten dafür verantworten. Ihr habt die Achtung der Menschen Irlands verspielt und Schande und Unehre auf Eure Mitbrüder gebracht. …Ich mahne Euch, Euer Gewissen zu erforschen, Verantwortung für die begangenen Sünden zu übernehmen und demütig Euer Bedauern auszudrücken. ….Zugleich ruft uns Gottes Gerechtigkeit dazu auf, Rechenschaft über unsere Taten abzulegen und nichts zu verheimlichen. Gebt offen zu, daß Ihr schuldig seid. Stellt Euch den Forderungen der Rechtsprechung“

An die Bischöfe schrieb er damals: „Es kann nicht geleugnet werden, daß einige von Euch und von Euren Vorgängern bei der Anwendung der seit langem bestehenden Vorschriften des Kirchenrechts zu sexuellem Mißbrauch von Kindern bisweilen furchtbar versagt haben. Schwere Fehler sind bei der Aufarbeitung von Vorwürfen gemacht worden. …muß zugegeben werden, daß schwerwiegende Fehlurteile getroffen wurden und daß Versagen in der Leitung vorkamen. Dies alles hat Eure Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit untergraben. Ich erkenne Eure Bemühungen an, vergangene Fehler wieder gutzumachen und zu garantieren, daß sie sich nicht wiederholen. Ich rufe Euch auf, neben der vollständigen Umsetzung der Normen des Kirchenrechts im Umgang mit Fällen von Kindesmißbrauch weiter mit den staatlichen Behörden in ihrem Zuständigkeitsbereich zusammenzuarbeiten. … Nur entschiedenes Vorgehen, das in vollkommener Ehrlichkeit und Transparenz erfolgt, werden den Respekt und das Wohlwollen des irischen Volks gegenüber der Kirche, der wir unser Leben geweiht haben, wiederherstellen.“ – Das so denke ich gilt für die ganze Kirche. Es darf kein Versteckspiel mehr geben, es gab keine doppelten Böden mehr geben oder irgendwelche verschleppten Vorgänge. Es gab und gibt keine Entschuldigung mehr für irgendwelche Giftschränke, die nicht geöffnet werden.

Papst Benedikt XVI. forderte von allen, ganz besonders von den Priestern, Ordensleuten und Bischöfen, ihr Gewissen zu erforschen, ihr Inneres zu reinigen, sich wieder verstärkt auf Christus auszurichten, also geistlich zu erneuern.

Doch nicht nur die innere Reinigung, die Neuausrichtung war Papst Benedikt XVI. wichtig. Die Prozesse, die Neuregelungen und ganz besonders die Laisierung von Priestern in seiner Amtszeit zeigen: Es wurde gehandelt. Aus heutiger Sicht kann mancher sagen: Das war nicht hart genug. Das ist aus meiner Sicht aber zu kurz gedacht. Papst Benedikt und in seiner Nachfolge auch Papst Franziskus haben die Punkte aufgegriffen, die weltkirchlich angegangen werden müssen. Gleichzeitig haben sie den Ortskirchen und den Bischofskonferenzen klar zu machen versucht, dass sie entscheidende Veränderungen vorzunehmen haben. Vor Ort muss was geschehen!!!

So kommt Papst Benedikt eben auch in diesem Brief, mit Blick auf die zukünftige Vermeidung solcher Situationen durch eine Überprüfung der Priesterausbildung, dazu wie folgt zu schreiben: „Nur durch sorgfältige Prüfung der vielen Faktoren, die zum Entstehen der augenblicklichen Krise geführt haben, kann eine klare Diagnose ihrer Gründe unternommen und können wirkungsvolle Gegenmaßnahmen gefunden werden. Zu den beitragenden Faktoren sind sicherlich zu zählen: unangemessene Verfahren zur Feststellung der Eignung von Kandidaten für das Priesteramt und das Ordensleben; nicht ausreichende menschliche, moralische, intellektuelle und geistliche Ausbildung in Seminaren und Noviziaten; …. so wie Papst Franziskus bemängelt er den Klerikalismus:  „eine gesellschaftliche Tendenz, den Klerus und andere Autoritäten zu begünstigen; sowie eine unangebrachte Sorge um den Ruf der Kirche und die Vermeidung von Skandalen, die zum Versagen in der Anwendung bestehender kanonischer Strafen und im Schutz der Würde jeder Person geführt hat. Es muß dringend gehandelt werden, um diese Faktoren anzugehen, die zu so tragischen Konsequenzen im Leben der Opfer und ihrer Familien geführt und das Licht des Evangeliums dermaßen verdunkelt haben, wie es nicht einmal in Jahrhunderten der Verfolgung geschehen ist.

„Wer treten will, muss sich treten lassen.“

Die Überschrift ist ein Zitat aus dem Buch „Der Untertan“ von Heinrich Mann. Noch bis heute, also 104 Jahren nach dem Erscheinen wird dieser Roman von gewissen Kreisen totgeschwiegen oder als ein Werk eines Nestbeschmutzers, der die schöne gute Zeit, das Würdige, die Größe der Nation mit Dreck bewirft, überzeichnet, ins Komische abgleiten lässt.

Ja, der Roman ist wahrlich komisch und wenn er nicht so grundehrlich, so pragmatisch und doch so voller Größe wäre, dann müsste man auch Lachen, oder dann muss man auch lachen, denn das Weinen bleibt einem dabei im Halse stecken.

Dieser Roman ist und war und muss es mehr denn je sein: Ein Vorbild für kritische Gegenwartsliteratur. Als Vorbild für ein Buch, das in einer ganz wunderbaren Form eine Gesellschaftsstudie vorstellt, die ungeschönt, ehrlich zeigt, wie die Gesellschaft wirklich ist und damit die Masken von den Visagen abzieht. Das zeigt sich an der Aufdeckung der Doppelzüngigkeit der damaligen sogenannten besseren Gesellschaft, das zeigt sich am Leben des Diederichs, jener Hauptfigur des Romans, der als Prototyp des „Hurrapatriotismus“ sein Leben lebt: „Indes sie in fesselloser Weise mit den Hüften schaukelte, begann sie ihrerseits heftig zu blitzen, und den wurstförmigen Finger gebieterisch gegen den Boden gestreckt, zischte sie: ‚Auf die Knie, elender Schklafe!‘ Und Diederich tat, was sie heischte! … „Regelmäßig nach solchen nächtlichen Phantasien ließ er sich am Morgen das Wirtschaftsbuch vorlegen, und wehe, wenn Gustes Rechnung nicht glatt aufging.“ Prüde nach Außen, der harte Mann und die große Stütze der Gesellschaft, moralisch integer – ist er hinter geschlossenen Türen, der geile Bock, der zu Feige ist, seine Schwachheit auszuleben, der eben die Gewalt braucht, die Macht verlangt und lebt, nach oben buckelnd, nach unten tretend: „Am Geburtstag des Ordinarius bekränzte man Katheder und Tafel. Diederich umwand sogar den Rohrstock.“

Der gute Staatsbürger der damaligen Zeit kämpfte gegen die „Schlammflut der Demokratie“, denn sie ist das Verderben der Gesellschaft. Dieser gute Staatsbürger gab es nach 1918 immer noch, oder noch mehr, denn den Krieg verloren haben nicht die Großen, hat nicht der Kaiser und seine Feldherren, sondern allein die Anderen. Wahlweise, das Weltjudentum, die Kommunisten, die Demokraten … Die Hörigkeit war und blieb da. Der Deutsch ist zuerst Untertan, der sich nach dem Mächtigen sehnt.

Der Ruf nach einem starken Mann, die Sehnsucht einem nachzugehen, der weiß was uns guttut und dafür sorgt, dass es den Deutschen besser geht, prägte die Zeit von Weimar. Nach 1945 wurde aus dem starken Mann, der väterliche Führer. Konrad Adenauer griff die Sehnsucht auf, ganz Demokrat, aber auch ganz Patriarch. Es war wahrlich eine segensreiche Verbindung. Die Sehnsucht blieb. Die Mütter und Väter des Grundgesetzte, die Steuermänner, Lotsen, und Väter der Einheit, oder gar unsere „Mutti“. Sie hatten die Aufgabe, das zu tun, was zu tun war. Aber ganz wichtig: Sie hatten und haben stark zu sein und die Führung zu übernehmen, so wie es in unser Weltbild passt und allein für uns (und unseren Geldbeutel) zum Segen. Umgekehrt gedacht zeigt sich die negative Situation: Das Volk ist Untertan und nicht Souverän. Das Volk will das auch gar nicht sein, denn es müsste ja dann Verantwortung übernehmen. (Achtung nun mit viel Ironie echte Aussagen paraphrasiert) Die Deutschen waren nicht Schuld am I. Weltkrieg, den sie ja auch schlussendlich nicht verloren haben, sondern nur – aber das hatten wir oben schon. Beim II. Weltkrieg, da waren es auch nicht die Deutschen. Es waren die bösen Nazis, die aus dem nichts kamen und die wir ja alle so nicht wollten, und ach ja, von den Gräueln, von der Vernichtung von Millionen von Juden, Zigeunern und Andersdenkenden wussten ja alle nichts. Es waren die Bösen da oben, die nichts mit Deutschland zu tun haben. Das Volk wurde verführt vom Demagogen. Die Verantwortung, nein die liegt nicht beim Volk.

Es sind Ausreden, die es in Deutschland auf allen Ebenen gibt. In der Politik, der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Familie … nicht nur in Deutschland, das ist eventuell ein Menschheitsproblem. Es sind Ausreden, die heute noch genauso funktionieren: Die da oben müssen was ändern. Die Kanzlerin, die Regierung, der Papst, der Vatikan, der … und die … . Und wieder heißt es, uns trifft keine Schuld, bei uns liegt keine Verantwortung. Der Ruf nach der starken Führung ist da und bleibt da, aber ist nichts anderes als Selbstlüge. Denn wer nach der starken Hand ruft, der kann verstecken, dass er in der Politik der Souverän ist, dass er Macht und Verantwortung hat Ungerechtigkeiten zu verändern, oder dass er im Glauben Teil des einen Volk Gottes ist. Politiker sind Teil des Volkes und sind aus dem Volk heraus gewählt, was dazu führt, dass jedes Volk genau die Politiker verdient, die es wählt. Der Wähler ist verantwortlich. Für die Politik, für die Gerechtigkeit in und für die Gesellschaft.  Und auch im Glauben in der Religionsgemeinschaft gilt dies so. Wer über „die da oben“ schimpft, der muss Verantwortung übernehmen. Priester, Bischöfe, Oberen, Professoren etc. kommen aus dem Volk, sind und waren ein Gewächs dessen. Gibt es keine, dann ist es die Schuld des Volkes, gibt es Schlechte, dann bleibt die Verantwortung nicht nur bei den Ausbildern, sondern beim ganzen Volk.

Weitere Ausführungen sind möglich. Müssen aber nicht sein. Kommen wir der Verantwortung nach, die wir haben. Wir sind nicht dumme Schafe, die einfach nur nachtrotten. In der Politik, in der Gesellschaft in unseren Kirchen. Wir haben Verantwortung, wir haben das „verdient“ was wir in Person und Situation aktuell bekommen. Darüber jammern, dürfen nur die, die auch diese Verantwortung übernehmen, die nicht alleine nur das Tun, was zu ihrem Vorteil, ihrem Nutzen ist, sondern, die im Staat, das Gemeinschaftsziel im Blick haben (Grundrechte und Menschenrechte im Blick) und in der Religion jenen Anteil an der Arbeit zum Anbruch des Reiches Gottes leisten, der zu ihrer Berufung gehört (ganz im Blick der Glaubenspraxis und der Lehre).