Ein trauriger Tag und keiner schämt sich

Buchbild

Es ist mehr als unverständlich. Es ist zutiefst traurig. In Paris schließt die deutschsprachige Buchhandlung ihre Türen – für immer. Nachdem vor zwei Jahren die beiden deutschsprachigen Buchhandlungen ihr Aus erklärten, wagte es Frau Mönch-Hahn eine neue kleine Buchhandlung zu eröffnen. Zwei Jahre war sie jetzt tätig. Und wahrlich nicht untätig. Werbung in allen Formen, Lesungen und Veranstaltungen und eine große Präsenz zeichnete sie aus. Das dankten ihr nicht zuletzt die französischen Kunden.

Im November 2016 rief Frau Mönch-Hahn über einen Beitrag im Blatt des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels die deutschsprachigen Institutionen auf, ihr zur Seite zu stehen. Ich denke, dass dies nicht die erste Bitte dieser Art war. Persönliche Kontakte sind da sicher vorausgegangen. Diese Bitte an die deutschsprachigen Institutionen kenne ich sehr gut, habe ich doch auch selber diese Bitte immer und immer wieder in Rom formuliert. Ich kann also Frau Mönch-Hahn verstehen, denn diese Institutionen müssten nichts anderes tun, als nur ihre Bücher bei der jeweiligen deutschen Buchhandlung im Ausland zu bestellen.

Und jetzt wird geschlossen! Seit dem 14. Juli ist nun auch diese Kulturbotschaft im Ausland geschlossen. Frau Mönch-Hahn musste die Segel streichen und dieses wunderbare Projekt beenden.

Was mich daran so ärgert, was mich so aufregt, ist die Tatsache, dass wir hier in Deutschland immer so tun, als ob wir uns mit unseren Werten beschäftigten, mit unserer Kultur, mit unserer Tradition. Das ist – gerade auch, wenn wir einmal die Kulturpolitik im Ausland betrachten – mehr als peinlich, was Deutschland da liefert. Und die große Ausrede, dass wir ja unsere Goetheinstitute haben, die reicht nicht. Die bestellen nämlich lieber bei Amazon als beim deutschsprachigen Buchhändler vor Ort.

In den europäischen Großstädten haben wir mindestens drei deutschsprachige Botschaften, wir haben von den deutschsprachigen Ländern (Landesteilen) Deutschland, Österreich und Schweiz jeweils eine überraschend große Zahl von Instituten, wir haben Deutsche und Schweizer Schulen im Ausland – aber wir haben keine Bereitschaft dieser Einrichtungen – oder nur nach großen Kämpfen und mit großen Zugeständnissen oder Schwierigkeiten – die deutschen Buchhandlungen durch den Einkauf von Büchern zu unterstützen. Dass dies so ist, liegt wohl auch an den Gewohnheiten in Deutschland selber, denn auch dort erlebe ich immer wieder, dass staatlich geförderte Einrichtungen lieber bei Amazon bestellen, als den örtlichen Handel zu unterstützen – es muss Geld gespart werden, das ist meist die Begründung. Aber im Ausland zieht diese Argumentation nicht.

Förderprogramme für die deutschsprachigen Buchhandlungen gibt es nicht. Da sind uns die Engländer, Franzosen und Spanier weit voraus. Staatliche Preise und Ausschreibungen schließen deutschsprachige Buchhandlungen im Ausland aus. Subventionen etc. auch. All dies ist auch nicht die erste Forderung die die Deutschen Buchhändler an den Deutschen Staat haben/hatten. Auch die Deutsche Buchhandlung in Paris forderte dies nicht als Erstes. Die erste Bitte, die stehts ausgesprochen wird und die aktiv auch schnell helfen kann ist: Deutschsprachige Institutionen kauft bitte bei Deutschsprachigen Buchhandlungen. Das kostet nicht mehr Geld, das ist sogar – je nach Institut günstiger als die bisherigen Wege – denn einige der Institute dürfen ihre Bücher allein in Deutschland kaufen. Diese werden dann für viel Geld über Kurierdienste, zum Beispiel von München aus, verschickt. Der Blick in die deutsche und deutschsprachige Kulturarbeit eröffnet hier einen ersten Eindruck wie engdenkend diese Einrichtungen oft arbeiten.

Mit der Buchhandlung in Paris schließt eine weitere literarische Anlaufstelle. Die Botschafterin Schavan hat einmal, im Bezuge auf deutschsprachige Buchhandlungen im Ausland, von Kulturbotschaften gesprochen. Diese Zentren der deutschen Sprache und Literatur vertreten nicht nur Deutschland, sie vertreten den deutschen Sprachraum und die deutschsprachige Literatur. Es sind Orte, an denen Menschen, die die deutsche Sprache kennen oder kennenlernen wollen, erste Kontakte dazu finden. Hier, in Persona der Buchhändler und Buchhändlerinnen, werden und wurden Generationen von Menschen an die deutschsprachige Kultur und Denkweise herangeführt. Das ist dort, woe es dies nicht gibt, noch heute so. Das kann kein Internet, das kann kein YouTube-Video ersetzten. Das kann auch keine millionenteure Präsenz auf der Bienale in Venedig oder auf einer Weltausstellung und ganz oft auch nicht das Goetheinstitut vor Ort, das seinen Hauptauftrag im Film-Abend der Woche entdeckt hat.

Die Frankfurter Buchmesse präsentiert sich in vielen Ländern der Erde auf den Buchmessen. Dazu kommen sehr viele Politiker. Gerne – wie zuletzt auch in Polen – lassen sich Mitglieder der Bundesregierung oder in diesem Falle der Bundespräsident dort blicken. Dort werden die großen Reden gehalten über das Kulturgut Buch. Vor Ort aber, im Alltag, verschwindet dieses Kulturgut und das zuallererst in den Regalen der ausländischen Intelligenzija, denn die Hotspots der Literatur, wo erste Kontakte geknüpft wurden sind verschwunden. Studierende des 19. und 20 Jhdt. haben ihre Sprachkurse in den Großstädten der europäischen Nationen ergänzt und vertieft in den Buchhandlungen von Paris, Rom, Warschau, Barcelona, Athen … – diese Orte für die deutschsprachige Welt gibt es nicht mehr. Mit diesen Orten sterben die sprachlichen Kontakte. Mit diesen Orten sterben jene Orte, die auch entscheidend dafür da waren, damit aus nationalen Gedanken europäische Denkprozesse wurden. Wer die deutsche Sprache fördern will, der muss sich darüber bewusst sein, dass dies entscheidend davon abhängt, wo das geschehen kann. Das Buch ist Träger der Verständigung, das ändert sich auch nicht am Format, es ändert sich allein dann, wenn die Vermittlung zum Buch hin verschwindet.

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Ich schmecke die Stadt …

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Es ist Wahnsinn wie sehr diese Stadt mich gefangen hält. Vor einigen Tagen habe ich das obige Bild auf meinen Desktop gesetzt. Spontan, ohne lange nachzudenken, allein mit dem Wunsch, nach einem neuen Bild.

Gerade habe ich aber einen Text fertig gemacht und das Programm geschlossen und da war das Bild. Spontan. Plötzlich, Ganz und gar und ich spürte den Geschmack des römischen Morgen, ich spürte die Wärme und die Kühle des morgendlichen Windes. Ich höre die wunderbare Stille und hatte einen vollen Korb an Gefühlen, Eindrücken und Gedanken.

Das Bild habe ich an einem Morgen im August gemacht. Es war jener Tag an dem ich zum ersten Mal im Petersdom ministrieren durfte. Kurz vor sieben war es und bevor ich mit meiner Ministrantenkleidung in die Sakristei verschwinden wollte, musste ich einfach noch ein schnelles Bild vom Petersplatz machen.

Erinnerungen! Momente der Schönheit, verbunden mit dem Alltag – ich bin so dankbar, dass ich dies in dieser Stadt erleben durfte. Es hat aber einfach gepasst. Es war, wie wenn die Stadt auf mich und ich auf sie gewartet hätte. Und jetzt, nach der Zeit dort und nachdem ich nun bald schon zehn Monate wieder in Deutschland lebe wächst die Sehnsucht nach ihr, der großen Dame und noch mehr nach den Momenten mit den Menschen denen ich dort begegnen durfte. An die Menschen, an die Gespräche, an die Plätze und die wunderbaren Augenblicken mit „Gott und der Welt“ in dieser Stadt. Hach, Sehnsucht … und doch ist es gut. Das Ziel ist schön und klar, der Weg gehört dazu, die Stadt wird mich immer wieder empfangen.

Natale di Roma

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„Lebenspendende Sonne, du kannst wohl nichts Größeres erblicken als die Stadt Rom.“ – So sang schon Horaz in seinen Carmen saeculare (9, 11 f). Da war die ewige Stadt gerade mal gut runde 755 Jahre alt. Also noch ein junges Mädchen. Heute ist die Stadt zwar älter. Sie hat auch schon so manche Falten, Brüche, Runzeln, aber sie ist noch immer die Stadt, die es schafft mit einem Sonnenstrahl zur schönsten Stadt der Welt zu werden. Wo schnurren sonst die Katzen in der Mondnacht so lieblich wie wenn es Liebeslieder wären. Wo kleiden sich Männer und Frauen – und auch die der Kirche – so stilvoll und so voller Lebensfreude. Wo sind die Mädchen schöner, wo der Wein lieblicher, wo der Müll größer und wo die Schönheit neben der Hässlichkeit näher …. Rom, ja du bist eine Stadt, die kann man nur lieben oder hassen.

Feuerbach schreibt: „Bei dem Namen Rom hört alles Träumen auf, und die Selbsterkenntnis fängt an. Die alte Zauberin weist jeglichem Menschen seinen Platz an. Mein hiesiger Aufenthalt ist eine Entwicklungsgeschichte.“ – Das kann ich bestätigen, das hat die alte Dame auch bei mir getan. Sie hat mich den Zauber der Weltkirche, des Glaubens als Glauben selbst, inmitten der Fülle, leben gelernt. Sie hat mir gezeigt wohin ich gehöre. Sie hat mir auch gezeigt, dass die einzige wirkliche Liebe die ist, die auch die Trennung erträgt. Rom war und ist die Stadt meiner Träume, der Ort an dem ich in einzigartiger Form glücklich war und sie ist somit auch Sinnbild der Vergänglichkeit. Nie wieder werde ich ein Rom erleben wie ich es erlebt habe und noch oft werde ich ein großartiges „Nachhausekommen“ erleben und da freue ich mich drauf. Selbsterkenntnis, das ist es, was man in dieser Stadt lernt, in der Diskussion mit ihr, mit der Geschichte mit der ganzen bekannten Welt. Rom als Hauptstadt der katholischen Kirche, ja, aber noch mehr als Hauptstadt des Wissens. Hier lernte ich was es bedeutet: Initium sapientiea timor domini.

Ich bin noch jung um das abschließend zu sagen, aber ich zitiere Goethe gerne mit diesem Satz: „Ich kann sagen, daß ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei. Zu dieser Höhe, zu diesem Glück der Empfindung bin ich später nie wieder gekommen.“