Allein Trauer?

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„Ich bin in diesem Lande [Deutschland], in dem ich und meine Eltern geboren sind, überflüssig, und stelle fest, mit jeder erdenklichen Sicherheit: ‚Der Geist, der mir im Busen wohnt, er kann nach außen nichts bewegen“ – so Alfred Döblin im Jahr 1953 an den damaligen Bundespräsident Heuss.

Dieses Zitat und die Stimmung in der Döblin diese Worte schrieb sind die Folge der Tatsache, dass in Deutschland sich niemand für Döblin interessiert. Während seine Romane in den USA die Millionenmarke überschreiten liegen seine Bücher in Deutschland wie Backsteine in den Bücherlagern. Darüber hinaus musste er erleben, wie jene Autoren die in der Nazizeit geschrieben haben auch heute wieder an den wichtigen Hebeln der Zeit saßen. Für Döblin hatte sich nichts in Deutschland geändert und das stimmte – was die Literatur und Kunst betraf – allemal. Die alten Geister, die die erste Demokratie zerstörten und die Diktatur lobpreisten und unterstützten, waren noch immer da.

Das was damals in Deutschland geschah sehen wir nur aus den Erfolgsberichten der Geschichte. Das Gute haben wir behalten, die schlechten Erinnerungen sind verschwunden. Gerade auch für uns, die in dritter Generation geboren wurden. Aber wer sich die damalige Zeit dediziert anschaut wird lernen müssen, dass die Erkenntnis dass die Nationalsozialistische Epoche nichts ist, das wir abstreifen können sondern ein Teil von uns ist. Remarque überzieht das meiner Ansicht nach aber bringt es zumindest einmal auf den Punkt und spricht von: der „Ratte im Menschen, die man nie ersaufen kann“ (Arc de Triomphe).

Ganz kann ich nicht mit dieser Vorstellung von Remarque mitgehen, aber im Roman Arc de Triomphe zeigt sich dann auch noch der Moment der Hoffnung wenn es weiter heißt, dass falsche Ideologien und falsche Werte „die ansteckendste Krankheit[en sind], die es gibt„. Gegen Krankheit kann man kämpfen, Krankheit kann man eindämmen und im besten Falle auch heilen. Dass Remarque in diesem Bezug recht hat sehe ich heute wieder. Die damals bekannte Krankheit ist nicht ausgerottet und befällt Menschen immer wieder. Eventuell ist es daher gerade heute an jenem Tag an dem wir an drei einschneidende Ereignisse und Taten in der deutschen Geschichte gedenken wichtig, dies im Blick zu halten.

Erinnern – gerade an die bösen Momente in der Menschheitsgeschichte – dürfen kein starres Aufzählen und Festhalten sein. Wenn wir etwas aus der Geschichte lernen wollen, dann müssen wir die Barrieren die wir durch eine zu rein moralisierende Erinnerungskultur geschaffen haben überwinden und aus dem Entsetzen, bei der Betrachtung der Taten, zu einem Erkennen und einem Wollen gelangen, das uns radikal erfüllt in dem Ausruf: Nie wieder! Wir können die Taten der Geschichte nicht ungesühnt werden lassen, wir können nicht zeitlebens in Sack und Asche gehen, aber wir können das Leben und Sterben jener Opfer des Terrors und der Unmenschlichkeit dahingehend würdigen und ihnen dahingehend erinnern, indem wir Räume und Wirklichkeiten schaffen in denen eben gerade diese Unmenschlichkeit keine Heimat mehr findet.

Heute an diesem Tag geht es wieder darum, dass wir die Menschen die in Shoa und Terror ermordet wurden nicht ein zweites Mal sterben lassen in dem wir sie vergessen. Beten wir für uns, dass dies nie in uns geschieht. Dies können wir in dem wir uns eben auch an die Glücksmomente dieses Gedenktags erinnern, die ganz klar von der Sehnsucht nach Freiheit, nach Frieden und Menschenwürde sprechen.

Berlin 2017 2. Tag Bibelreise

Der Rhythmus der Tage hier in Berlin ist gleich wie auf der Israelreise. Aufstehen, richten und eigene Gebete, gemeinsame Laudes, Frühstück, Einführung in eines oder mehrere Bücher, Lesezeit, Treffen und Termine, Gottesdienst und Abendessen.

So sollten am ersten Tag die beiden Bücher Apostelgeschichte und Offenbarung des Johannes gelesen werden. Da ich kein so schneller Leser bei diesen Texten, habe ich vor der Reise schon einmal die Apostelgeschichte in Freiburg gelesen und mich somit heute allein auf die Offenbarung konzentriert. Dies ermöglichte mir dann eben auch ein bisschen Zeit um mich in der Stadt umzusehen. Berlin besuche ich ja zwar nicht zum ersten Mal aber doch schon dahingehend zum ersten Mal, dass ich auch Zeit habe um mir etwas anzuschauen. Und das tat ich auch. Anlaufstelle war zuerst für mich das Mahnmal zur Erinnerung an die Shoa. Ausgehend von diesem Zielpunkt schlenderte ich durch die Stadt. Dort hatte ich Zeit, um mit dem Lesen anzufangen, was ich an zwei weiteren Stellen in der Stadt dann auch weiter tat. Einziger gemeinsamer Termin nach den beiden Einführungsreferaten am Morgen war um 16:30 Uhr der Besuch einer Ausstellung, eher Installation, zu Hieronymus Boschs Triptichon „Garten der Lüste“. Gerade im Blick auf das zweite zu lesende Buch des Tages war der Besuch dieser Ausstellung hochinteressant. Bosch ist nicht nur ein guter Maler sondern hat ein Werk hinterlassen, das sich einer einfachen Interpretation doch entzieht. So viele Bilder in Bilder, so viel Bildsprache … faszinierend und manchmal witzig bis erschreckend.

Danach sind wir in den Gottesdienst in die St. Hedwigskathedrale. Dort ist um 18.00 Uhr in der Krypta der Werktagsgottesdienst. Vielen ist diese Kirche ja irgendwie hässlich. Ich finde das nicht, aus meiner Sicht würde ein Anstrich ausreichen, aber ich muss hier ja nicht täglich feiern.

Zum Abendessen zogen wir in Richtung Gendarmenmarkt. An einem bayrischen Lokal wollten wir halt machen. Einer der Kollegen frug, ob sie Platz hätten für uns elf Esser. Dies verneinten sie und danach erfolgte so eine typische „Björn-Geschichte“. Da ich echt keine Lust hatte jetzt von Lokal zu Lokal zu wandern, drehte ich mich zu zwei Herren um, die an einem Weinfass standen und was tranken und sagte ganz frech und flapsig: „Sorry, sind sie Eingeborene?“, die beiden meinten darauf: „Kommt darauf an“ (schon mal ne witzige Antwort), „warum“. Als ich erklärte, na weil die Wirtschaft hier keinen Platz für uns hat und wir was anderes suchen müssen, meinte der jüngere der Beiden: „Ähm, Moment, das kann nicht sein“ – ich hatte also völlig unwissend den Chef angesprochen … und ein paar Minuten später hatten wir einen Sitzplatz. Das war mal wieder so eine ganz besondere Situation. Meine Kollegen hatten somit eine weitere witzige Erfahrung mit mir gemacht. Ich kann halt meine Gosche nicht halten.

Nach dem Abendessen war die Möglichkeit durch die Stadt zu ziehen. Ich verabschiedete mich, denn ich war spontan auf einen Geburtstag eingeladen. Eine liebe Bekannte aus den Tagen in Rom, die nun wieder in Berlin arbeitet, hatte Geburtstag und diese hatte mich, nach einem kurzen Gespräch am Tag zuvor am Telefon, eingeladen. Somit ging es in den Bezirk „Prenzlauer Berg“. Dort hatte ich dann die Möglichkeit „ganz normale“ Berliner kennenzulernen. Das hört sich jetzt an wie wissenschaftliche Feldstudien. Soll es nicht, es war ein angenehmer Abend bei dem ich wieder einmal als völlig Fremder in eine Gruppe hineingeworfen wurde, in der ich von gut 25 Personen gerade mal zwei kannte. Die Gastgeberin und ihr Mann. Manchmal überfordert mich so etwas doch. Ich habe doch irgendwie immer die Angst nichts zu Reden zu haben, langweilig zu sein oder irgendwas dummes zu sagen. Aber es war unterhaltsam und kurzweilig und ich habe mich – so denke ich- nicht zu sehr blamiert.

Yad Vashem

Im Jahre 1953 entschied die Knesset, dass es in Erinnerung an die Shoa ein Erinnerungszentrum geben solle, das neben einer Ausstellung dafür Sorge zu tragen hat, dass die „Namen“ jener Menschen nicht vergessen werden, die in der Shoa ermordet wurden. Der Naziterror hat zwar hier in dieser Welt etwas „erreicht“ er hat Schrecken und Tod verbreitet, aber das Ziel des radikalen Todes, die Juden in ihrer Gänze als Volk zu vernichten wurde nicht erreicht. Die Menschen die leiden mussten sind nicht vergessen und nicht aus der Geschichte ausgemerzt.
Diese im Gesetz definierte Auftrag zeigt sich auch im Namen der Einrichtung selber, der sich auf einen Bibelvers bezieht. In Jes 56,5 heisst es: Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird“ – Und darum soll es hier gehen; Sorge zu tragen, dass die Namen nicht vergessen werden.

Zur Shoa wurde sehr viel schon gesagt. Sehr vieles wurde dazu auch schon missverstanden. Somit halte ich mich auch so weit als möglich zurück. In tiefer Trauer und Respekt habe ich die Stunden in diesen Räumen erlebt. Nie wieder! Da sollte jeder in seine Gehirnwindungen schreiben, wenn er sich im Rahmen dieses Besuchs daran erinnert, was Menschen anderen Menschen antun können. Yad Vashem ist für mich jedoch mehr als ein bloßes Erinnern. Yad Vashem ist ein Auftrag nicht zu vergessen in Respekt gegenüber jenen Menschen die in der Shoa gestorben sind, aus Respekt vor allen Menschen, damit so etwas nie wieder geschehen wird.

Hier in diesen Räumen gehört für mich auch der Liedtext von Shalom Ben-Chorin der nicht bei einer Trauer stehen bleibt die einengt sondern die Trauer weitet in eine Hoffnung, in ein Wissen, dass wir auch trotz der grauenhaften Ereignisse eine Zukunft besteht – in Gott:

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht in Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
 Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.
Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.
Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,
das bleibt mir ein Fingerzeig für des Lebens Sieg.