Judentum – Shoa

Es ist absolut richtig und auch immer wieder notwendig, dass wir uns – gerade angesichts solcher Jahrestage – mit dem Judentum, mit der Shoa und ganz besonders dann auch mit dem christlich-jüdischen Dialog beschäftigen. 80 Jahre nach der Reichsprogromnacht ist es leider nicht selbstverständlich, dass Menschen in Deutschland sich mit dem Antisemitismus, mit der Shoa auseinandergesetzt haben und erfasst haben, dass ein entscheidendes Gebot aus diesen Ereignis ein „Nie wieder!“ sein muss. Ein „nie wieder“ für jede Form von Ausgrenzung, Diskriminierung, Beleidigung und Negierung von Menschen egal welcher Rasse, welcher Religion, Nationalität oder Einstellung und Lebensform.

An solchen Tagen wie dem 09. November ist es zwingend notwendig sich die Frage zu stellen, ob wir als Gesellschaft alles notwendige dafür tun, dass jeder eine Grundhaltung sich aneignet die sich auf dem Grundgesetz und den Menschenrechten bezieht. ES darf und kann in Deutschland niemand geben, der sich nicht seriös und reflektiert mit dem Nationalsozialismus, der Shoa und der grundsätzlich menschenverachtenden Grundhaltung der Nazis beschäftigt hat und erkannt hat, dass nichts, aber auch gar nichts davon als gut erachtet werden kann. Keine der scheinbar so positiven Errungenschaften der NS-Zeit sind positiv, denn sie sind aus einer Menschenverachtung heraus entstanden, die geraden für einen Christen streng zu verneinen ist. Die Botschaft Jesu Christi, die Botschaft des Gottes des ersten und zweiten Bundes ist die grundsätzliche Bejahung jeden menschlichen Lebens. Der Gott unserer Väter hat den Menschen erschaffen, jeder Mensch hat den göttlichen Funke in sich und daher ist es die genetisch eingepflanzt in uns Christen, dass wir jeden Menschen respektieren und sich um seine Würde sorgen.

Das ist klar, was ich schreibe und eigentlich sollten die Folgen die sich daraus heraus für uns ergeben im Umgang mit jedem Menschen, ob deutsch, oder einer anderen Nationalität, ob Flüchtling oder Reisender …. . Aber leider ist das in Deutschland eben gerade heute nicht mehr selbstverständlich. Die Lehren, die wir gerade aus dem zweiten Weltkrieg zu ziehen haben, sind nicht mehr Allgemeingut. Warum ist das so?

Wir haben versagt. Wir haben an ganzen Generationen versagt ihnen aufzuzeigen, dass Hass gegen andere nicht bestehen darf. Dafür haben wir vielmehr mit unseren Bildungsoffensiven, mit der moralsauren Dauer-Berieselung in den Schulen und in den Medien und mit einfach inkompetenter Bildungsarbeit das Gegenteil erreicht von dem, was das Ziel war. Heute hatten wir einen Studientag und er war einmal mehr das Beispiel dafür wie es die Bildung schafft, ein Thema so aufzugreifen, dass die Massen schreiend wegrennen. Während der Ansatz – Besuch der Synagoge, kennenlernen der Traditionen und Gespräch mit Zeitzeugen bzw. mit Juden heute gut war – versaute die Referentin mit ihrem hohen Maß an Ich-Bezogenheit, mit ihrer nicht verarbeitenden Rollenproblematik (und wahrscheinlich noch andere Probleme) jede Motivation der Teilnehmenden. Da bleibt nur einmal mehr die Aussage: Note 6 bitte setzten sie sich!

Wahrlich, ich habe keine Antwort wie wir diesen Themenbereich wirklich den jungen Generationen ans Herz legen können. Ich weiß nur, dass es nicht mit der Moralkeule geht, oder mit einer Überzogenheit und mit einem Redeschwall, der alles abtötet. Bei einer Veränderung der Situation, bleibt uns wohl nichts anderes übrig als das Thema gemeinsam anzugehen. Was viele Menschen vor uns erkannt haben, das einzige was hilft ist der Dialog, das sichkennenlernen. Das geht nur wenn Christen und Juden, wenn die Menschen sich anerkennen als Mitmenschen. Fremdheit, ob bei diesem Thema oder bei anderen Themen (Muslime, Arbeitslose, Flüchtlinge, Katholiken…), kann nur beendet werden, wenn wir aufeinander zu gehen. Deshalb muss es in der Schule – in allen Bildungseinrichtungen – darum gehen, dass wir, neben einer seriösen Wissensvermittlung, endlich Grundhaltungen erlernen. Und dies ohne moralischem Zeigefinger, ohne überzogenen Aktionen wie Nestle-Boykott o. Ä. sondern grundsätzlich. Wir müssen in unserer Gesellschaft verinnerlichen, was es braucht um friedlich miteinander und füreinander zu leben.

Die vielen tausend Erinnerungsprojekte, Mahnmale etc. und ihren „Ertrag“ zeigen, dass diese Form von Bildung gescheitert ist. Das heißt nicht, dass diese Form ganz beendet werden muss. Das braucht es auch, aber eben nicht nur ….

Werbeanzeigen

Wissen oder Emotion?

Die Tage bleibt es ja nicht aus, dass wir uns (hoffentlich) alle mit dem Beschäftigen, was da in Chemnitz geschehen ist. Chemnitz ist ganz nüchtern gesagt, der Ort an dem sich Menschen sichtbar gezeigt haben, dass die Ideen des Nationalsozialismus nicht tot sind. Emotional gesagt: Ich habe Angst vor dem was sich da gezeigt hat. Die Fratze des Hasses und des Todes, die scheinbar seit 1945 tot ist, hat sich ganz unverblümt gezeigt. Und was das schlimmste ist: Nicht allein in Chemnitz sondern in ganz Deutschland und wahrscheinlich geht es vielen wie mir: direkt in meinem Umfeld, durch Menschen, die ich aus meiner Schulzeit kenne, die ich aus meinen ehemaligen Wohnorten, Berufen, Verein(en) her kenne und die den braunen Parolen zustimmen.

IN den letzten Tagen habe ich von Per Leo das Buch „Flut und Boden“ gelesen. Ein Buch in dem sich der Autor mit seiner Familiengeschichte, besonders mit seinem Großvater der Nazi und Mitglied der SS war, auseinandersetzt. Es war nicht ganz „mein Buch“. Mir sind einige Passagen zu lang und dafür die Hauptgeschichte zu kurz gekommen. Namensabkürzungen und Bezeichnungen haben für Verwirrung beim Lesen gesorgt und irgendwie erschien mir das Buch als unfertig. Es hat mich nicht weiter gebracht. Vielmehr hatte ich das Gefühl es ist ein Buch, das sich jemand runter geschrieben hat. Ich empfehle es nicht wirklich zum lesen. Es wird in wenigen Tagen in die Tiefen meiner Erinnerung entschwinden und das wars.

Eine Stelle im Buch passt jedoch sehr gut zur aktuellen Situation und zur Frage, wie kann es geschehen, dass wir nach über 70 Jahren nach Kriegsende, nach Bildungsoffensiven und nach Millionen von ausgegebenen DM und Euros, ein Volk vor uns haben, das bis heute noch nicht oder wieder nicht verstanden hat, dass Hass, Vernichtung, Rassismus, ein ausgrenzenden Deutschtum, Nationalismus etc. keine Zukunft bringen, sondern nur Zerstörung und Dunkelheit. All diese Punkte führen in eine Diktatur und nicht in eine bessere Welt.

Per Leo beschreibt in seinem Buch, wie er einen Professor der Geschichte erlebt, der in einer ganz anderen Form die Geschichte des Nationalsozialismus bearbeitet wie es sonst getan wird. „Herbert wusste, dass es vor allem die philosophische Dimension des Holocaust war, die uns reizte: dass wir vor allem diskutieren wollten … Doch gleich in der ersten Sitzung machte er uns klar, dass das mit ihm nicht zu haben war.“ (S. 42-43). Es geht ihm in aller erster Linie darum, dass die Studenten „Bescheid wissen. Sie sollen wissen, was passiert ist.“ (S. 43). Und das ist die Frage. Wissen wir heute Bescheid? Wir wissen, dass die Shoa böse war, aber kennen wir die Zahlen, kennen wir die Fakten. Wissen wir Bescheid? Leo schreibt: „Uns wurde schlagartig klar, wie selbstgerecht und billig unsere Lieblingsanklage an die Nazigeneration war. Es mochte sein, dass unsere Großeltern trotz totalitärer Informationsbeschränkung ziemlich viel gewusst hatten – aber was war das für ein Vorwurf, wenn man selbst trotz frei zugänglicher Bibliotheken praktisch nichts wusste?“ (S. 43).

Kann es sein, dass wir seit Jahren nur über die Emotionen gesprochen haben? Wie war es bei mir? Meine Besuche in Auschwitz, Birkenau und Yadvashem sind geprägt von Trauer, von Emotion, aber ab wann haben sie meine rationale Seite ergriffen, ab wann wurde aus einem Gefühl ein wissen und verstehen? Verstehen dafür wie so etwas geschehen konnte, ergreifen was da passiert ist und damit auch ein Verstehen dafür und wie wir dafür sorgen können, dass es nie wieder geschieht. Betroffenheit alleine, das wedeln mit der moralischen Keule, reicht alleine nicht. Da sind wir aber stehen geblieben. In den Diskussionen, im Unterricht, in den Geschichtsbüchern und den Sendungen. Gefühl ist keine messbare Größe. Gefühle sind keine Mauern, die nicht zerbrochen werden können. Ratio, Verstand, verstehen und ergreifen sind die einzigen Grundlagen dafür, dass der Mensch etwas nicht tut. Wer verstanden hat, warum man etwas nicht tut, der tut es nicht. Und in Angesicht von Chemnitz, AFD, Pegida und den vielen anderen Nazibewegungen bleibt mir nichts anderes zu sagen: Wir haben versagt. Bei denen ist Toleranz, Verantwortung, Mitmenschlichkeit, Menschenrechte nichts anderes als Gefühle und Wohlfühlzonen der Gutmenschen. Und somit stehen hier Gefühle gegen Gefühle und auf dieser Ebene ist das, was ansteht nicht zu erledigen, denn jedes Gefühl ist subjektiv und damit richtig. Der Verstand hat hier nichts auszurichten. Für das Weitere brauchen wir aber gerade dieses: Verstand, Fakten und mutige Menschen, die immer und immer wieder versuchen, diese Menschen aus ihren Wohlfühlzonen und Verdrängungswelten herauszuholen. Verstand ist gefragt – und als Christ: Das Gebet, das Vertrauen in die Botschaft Jesu Christi und das Leben in ihm.

 

Allein Trauer?

IMG_6088

„Ich bin in diesem Lande [Deutschland], in dem ich und meine Eltern geboren sind, überflüssig, und stelle fest, mit jeder erdenklichen Sicherheit: ‚Der Geist, der mir im Busen wohnt, er kann nach außen nichts bewegen“ – so Alfred Döblin im Jahr 1953 an den damaligen Bundespräsident Heuss.

Dieses Zitat und die Stimmung in der Döblin diese Worte schrieb sind die Folge der Tatsache, dass in Deutschland sich niemand für Döblin interessiert. Während seine Romane in den USA die Millionenmarke überschreiten liegen seine Bücher in Deutschland wie Backsteine in den Bücherlagern. Darüber hinaus musste er erleben, wie jene Autoren die in der Nazizeit geschrieben haben auch heute wieder an den wichtigen Hebeln der Zeit saßen. Für Döblin hatte sich nichts in Deutschland geändert und das stimmte – was die Literatur und Kunst betraf – allemal. Die alten Geister, die die erste Demokratie zerstörten und die Diktatur lobpreisten und unterstützten, waren noch immer da.

Das was damals in Deutschland geschah sehen wir nur aus den Erfolgsberichten der Geschichte. Das Gute haben wir behalten, die schlechten Erinnerungen sind verschwunden. Gerade auch für uns, die in dritter Generation geboren wurden. Aber wer sich die damalige Zeit dediziert anschaut wird lernen müssen, dass die Erkenntnis dass die Nationalsozialistische Epoche nichts ist, das wir abstreifen können sondern ein Teil von uns ist. Remarque überzieht das meiner Ansicht nach aber bringt es zumindest einmal auf den Punkt und spricht von: der „Ratte im Menschen, die man nie ersaufen kann“ (Arc de Triomphe).

Ganz kann ich nicht mit dieser Vorstellung von Remarque mitgehen, aber im Roman Arc de Triomphe zeigt sich dann auch noch der Moment der Hoffnung wenn es weiter heißt, dass falsche Ideologien und falsche Werte „die ansteckendste Krankheit[en sind], die es gibt„. Gegen Krankheit kann man kämpfen, Krankheit kann man eindämmen und im besten Falle auch heilen. Dass Remarque in diesem Bezug recht hat sehe ich heute wieder. Die damals bekannte Krankheit ist nicht ausgerottet und befällt Menschen immer wieder. Eventuell ist es daher gerade heute an jenem Tag an dem wir an drei einschneidende Ereignisse und Taten in der deutschen Geschichte gedenken wichtig, dies im Blick zu halten.

Erinnern – gerade an die bösen Momente in der Menschheitsgeschichte – dürfen kein starres Aufzählen und Festhalten sein. Wenn wir etwas aus der Geschichte lernen wollen, dann müssen wir die Barrieren die wir durch eine zu rein moralisierende Erinnerungskultur geschaffen haben überwinden und aus dem Entsetzen, bei der Betrachtung der Taten, zu einem Erkennen und einem Wollen gelangen, das uns radikal erfüllt in dem Ausruf: Nie wieder! Wir können die Taten der Geschichte nicht ungesühnt werden lassen, wir können nicht zeitlebens in Sack und Asche gehen, aber wir können das Leben und Sterben jener Opfer des Terrors und der Unmenschlichkeit dahingehend würdigen und ihnen dahingehend erinnern, indem wir Räume und Wirklichkeiten schaffen in denen eben gerade diese Unmenschlichkeit keine Heimat mehr findet.

Heute an diesem Tag geht es wieder darum, dass wir die Menschen die in Shoa und Terror ermordet wurden nicht ein zweites Mal sterben lassen in dem wir sie vergessen. Beten wir für uns, dass dies nie in uns geschieht. Dies können wir in dem wir uns eben auch an die Glücksmomente dieses Gedenktags erinnern, die ganz klar von der Sehnsucht nach Freiheit, nach Frieden und Menschenwürde sprechen.