„Wer treten will, muss sich treten lassen.“

Die Überschrift ist ein Zitat aus dem Buch „Der Untertan“ von Heinrich Mann. Noch bis heute, also 104 Jahren nach dem Erscheinen wird dieser Roman von gewissen Kreisen totgeschwiegen oder als ein Werk eines Nestbeschmutzers, der die schöne gute Zeit, das Würdige, die Größe der Nation mit Dreck bewirft, überzeichnet, ins Komische abgleiten lässt.

Ja, der Roman ist wahrlich komisch und wenn er nicht so grundehrlich, so pragmatisch und doch so voller Größe wäre, dann müsste man auch Lachen, oder dann muss man auch lachen, denn das Weinen bleibt einem dabei im Halse stecken.

Dieser Roman ist und war und muss es mehr denn je sein: Ein Vorbild für kritische Gegenwartsliteratur. Als Vorbild für ein Buch, das in einer ganz wunderbaren Form eine Gesellschaftsstudie vorstellt, die ungeschönt, ehrlich zeigt, wie die Gesellschaft wirklich ist und damit die Masken von den Visagen abzieht. Das zeigt sich an der Aufdeckung der Doppelzüngigkeit der damaligen sogenannten besseren Gesellschaft, das zeigt sich am Leben des Diederichs, jener Hauptfigur des Romans, der als Prototyp des „Hurrapatriotismus“ sein Leben lebt: „Indes sie in fesselloser Weise mit den Hüften schaukelte, begann sie ihrerseits heftig zu blitzen, und den wurstförmigen Finger gebieterisch gegen den Boden gestreckt, zischte sie: ‚Auf die Knie, elender Schklafe!‘ Und Diederich tat, was sie heischte! … „Regelmäßig nach solchen nächtlichen Phantasien ließ er sich am Morgen das Wirtschaftsbuch vorlegen, und wehe, wenn Gustes Rechnung nicht glatt aufging.“ Prüde nach Außen, der harte Mann und die große Stütze der Gesellschaft, moralisch integer – ist er hinter geschlossenen Türen, der geile Bock, der zu Feige ist, seine Schwachheit auszuleben, der eben die Gewalt braucht, die Macht verlangt und lebt, nach oben buckelnd, nach unten tretend: „Am Geburtstag des Ordinarius bekränzte man Katheder und Tafel. Diederich umwand sogar den Rohrstock.“

Der gute Staatsbürger der damaligen Zeit kämpfte gegen die „Schlammflut der Demokratie“, denn sie ist das Verderben der Gesellschaft. Dieser gute Staatsbürger gab es nach 1918 immer noch, oder noch mehr, denn den Krieg verloren haben nicht die Großen, hat nicht der Kaiser und seine Feldherren, sondern allein die Anderen. Wahlweise, das Weltjudentum, die Kommunisten, die Demokraten … Die Hörigkeit war und blieb da. Der Deutsch ist zuerst Untertan, der sich nach dem Mächtigen sehnt.

Der Ruf nach einem starken Mann, die Sehnsucht einem nachzugehen, der weiß was uns guttut und dafür sorgt, dass es den Deutschen besser geht, prägte die Zeit von Weimar. Nach 1945 wurde aus dem starken Mann, der väterliche Führer. Konrad Adenauer griff die Sehnsucht auf, ganz Demokrat, aber auch ganz Patriarch. Es war wahrlich eine segensreiche Verbindung. Die Sehnsucht blieb. Die Mütter und Väter des Grundgesetzte, die Steuermänner, Lotsen, und Väter der Einheit, oder gar unsere „Mutti“. Sie hatten die Aufgabe, das zu tun, was zu tun war. Aber ganz wichtig: Sie hatten und haben stark zu sein und die Führung zu übernehmen, so wie es in unser Weltbild passt und allein für uns (und unseren Geldbeutel) zum Segen. Umgekehrt gedacht zeigt sich die negative Situation: Das Volk ist Untertan und nicht Souverän. Das Volk will das auch gar nicht sein, denn es müsste ja dann Verantwortung übernehmen. (Achtung nun mit viel Ironie echte Aussagen paraphrasiert) Die Deutschen waren nicht Schuld am I. Weltkrieg, den sie ja auch schlussendlich nicht verloren haben, sondern nur – aber das hatten wir oben schon. Beim II. Weltkrieg, da waren es auch nicht die Deutschen. Es waren die bösen Nazis, die aus dem nichts kamen und die wir ja alle so nicht wollten, und ach ja, von den Gräueln, von der Vernichtung von Millionen von Juden, Zigeunern und Andersdenkenden wussten ja alle nichts. Es waren die Bösen da oben, die nichts mit Deutschland zu tun haben. Das Volk wurde verführt vom Demagogen. Die Verantwortung, nein die liegt nicht beim Volk.

Es sind Ausreden, die es in Deutschland auf allen Ebenen gibt. In der Politik, der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Familie … nicht nur in Deutschland, das ist eventuell ein Menschheitsproblem. Es sind Ausreden, die heute noch genauso funktionieren: Die da oben müssen was ändern. Die Kanzlerin, die Regierung, der Papst, der Vatikan, der … und die … . Und wieder heißt es, uns trifft keine Schuld, bei uns liegt keine Verantwortung. Der Ruf nach der starken Führung ist da und bleibt da, aber ist nichts anderes als Selbstlüge. Denn wer nach der starken Hand ruft, der kann verstecken, dass er in der Politik der Souverän ist, dass er Macht und Verantwortung hat Ungerechtigkeiten zu verändern, oder dass er im Glauben Teil des einen Volk Gottes ist. Politiker sind Teil des Volkes und sind aus dem Volk heraus gewählt, was dazu führt, dass jedes Volk genau die Politiker verdient, die es wählt. Der Wähler ist verantwortlich. Für die Politik, für die Gerechtigkeit in und für die Gesellschaft.  Und auch im Glauben in der Religionsgemeinschaft gilt dies so. Wer über „die da oben“ schimpft, der muss Verantwortung übernehmen. Priester, Bischöfe, Oberen, Professoren etc. kommen aus dem Volk, sind und waren ein Gewächs dessen. Gibt es keine, dann ist es die Schuld des Volkes, gibt es Schlechte, dann bleibt die Verantwortung nicht nur bei den Ausbildern, sondern beim ganzen Volk.

Weitere Ausführungen sind möglich. Müssen aber nicht sein. Kommen wir der Verantwortung nach, die wir haben. Wir sind nicht dumme Schafe, die einfach nur nachtrotten. In der Politik, in der Gesellschaft in unseren Kirchen. Wir haben Verantwortung, wir haben das „verdient“ was wir in Person und Situation aktuell bekommen. Darüber jammern, dürfen nur die, die auch diese Verantwortung übernehmen, die nicht alleine nur das Tun, was zu ihrem Vorteil, ihrem Nutzen ist, sondern, die im Staat, das Gemeinschaftsziel im Blick haben (Grundrechte und Menschenrechte im Blick) und in der Religion jenen Anteil an der Arbeit zum Anbruch des Reiches Gottes leisten, der zu ihrer Berufung gehört (ganz im Blick der Glaubenspraxis und der Lehre).

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Krieg und Familie

In meiner Familie wurde früher viel gesungen. Volkslieder, so manch ein Stück aus einer Operette und auch so manch ein Lied, das man unter Chanson, Ballade oder Bänkellied einordnen kann. Dazwischen auch immer wieder Lieder die ich früher nicht einordnen konnte, die sich aber als Lieder entpuppten, die stark mit den deutsch-französischen Kriegen, mit den Kriegen allgemein und mit den Folgen beschäftigen. Oft ganz sichtbar in klaren Worten, oft eher subtil. Zuletzt viel mir auch auf, dass es bei einem Lied einen Text gibt der wohl auf eine alte englische Ballade zurückzuführen ist. Lieder sind spannende Zeugnisse der Geschichte!

Mit den Liedern kamen aber auch immer die Geschichten. Meine Uroma hatte viele auf Lager, mein geliebter Großonkel auch und bei ihm wusste man, dass da sowohl so manch ein Schmunzeln dabei sein musste wie auch der Versuch traurige Geschichten mit Humor zu erzählen. Es waren Familiengeschichten, die oft die schmerzhaften Stellen ausließen oder umschreiben. Was gerade dran war, das lernte ich als Kind heraushören.

Das hat mich grundsätzlich neugierig gemacht. Irgendwann habe ich angefangen meine Familiengeschichte zu erforschen. Immer mal wieder mit mehr und mal mit weniger Motivation und Erfolg. Letztes Jahr habe ich zum Beispiel herausgefunden, dass es eine Akte zu meinem Uropa gibt, die ich irgendwann mal lesen will. Da ich ein bisschen Angst vor dem Inhalt habe, dauert das noch ein bisschen.

Zur Familiengeschichte gehören landwirtschaftliche Themen, aber auch die letzten drei Kriege, genauer ihre Folgen im familiären Leben. Eine Cousine meiner Oma hat dazu auch mal ein Buch geschrieben: „Mit Gott – für Kaiser und Reich“ und in meinem Geburtsort Tunsel prägen noch heute die Erinnerungstafeln und Orte das Dorf und die Kirche.

Aber wie gehen wir damit um? Ich denke, dass wir grundsätzlich verstanden haben dürften, dass Krieg etwas Schlechtes ist. Und doch – wir akzeptieren ihn immer weiter. Keiner dachte nach dem I. Weltkrieg daran, dass die Menschen so dumm sein konnten, so kurz danach wieder ein großes Schlachten zu beginnen. Und auch nach dem II. Weltkrieg hätte es doch klar sein sollen, dass Diktatur (wie in der DDR), Vernichtung von Menschen oder die Unterstützung von Krieg, die wir auch seit 1945 aktiv und passiv geben nicht gut für die Menschheit sind. Aber wir tun es weiter und immer weiter. Klar, ich bin mir bewusst, dass das eine Utopie ist, aber wieso gehen wir nicht endlich mutig voran und beenden das Rüsten. Die Gespräche in den letzten Tagen im Rahmen der NATO-Konferenz widern mich an. Hier geht es nicht um wirtschaftliche Themen oder um Geld. Hier fordern einzelne, eine Maschinerie aufzurüsten die allein auf eines aus ist: Auf Zerstörung. Das mag vordergründig Friedenssicherung sein, am Ende sind Waffen dazu da um zu töten. Friedenssicherung mit Waffen, das ist Lüge, dann dieser Frieden ist nichts anderes als im besten Falle eine Abwesenheit von Krieg.

In einem anderen Kontext zitiert Stephan Grätzel in seinem Buch „Versöhnung“ Goethe: „und was man ist, das bleibt man anderen schuldig“. Das Zitat stammt aus dem Tasso. Damit will Grätzel zeigen: dass wir unser „Sein zugleich in seinen Bezügen und Beziehungen zu den Anderen, zur Welt und zu sich selbst“ verstehen müssen. Weiter schreibt er „Alle Lebewesen leben voneinander, so dass sie sich gegenseitig brauchen und verbrauchen, dass sie gebraucht und verbraucht werden. Jedes Lebewesen lebt sich selbst nur, indem es von anderen bekommt und an andere gibt.“ (alle Zitate: Grätzel; Versöhnung. Freiburg 2018. S. 234-235) Wie gesagt, er schreibt das in einem anderen Kontext und doch gilt das auch in unserem Leben recht allgemein. Wir stehen in einen Kontext zu unserer Gegenwart, zur Vergangenheit und den Menschen und auch zur Zukunft. Was frühere Generationen getan haben, wie diese gelebt und was sie erlebt haben hat uns geprägt und wird nächste Generationen prägen. Geschichte ist ein Generationenvertrag und Leid und Krieg ein Erleben, das weiter getragen wird. Und so sind in unseren letzten drei Kriegen, die wir Deutsche gegen Frankreich geführt haben, starben somit nicht nur die Soldaten auf den verschiedenen Frontseiten, sondern es litten auch die Menschen darum herum, ihre Familien und ihre Nachkommen. Die Kriege und ihre Folgen sind eingegraben in unser heutiges Leben, auch wenn wir es verdrängen oder nicht sehen (wollen).

Vieles in meiner Familie kann man nur verstehen, wenn man die Geschehnisse der Jahre 1933 – 1945 im Blick hat, wenn man weiß oder erahnt, was damals geschehen ist. Zu lange haben wir in Deutschland im Bezug auf diese scheinbar kleinen Randthemen geschwiegen. Zu lange haben wir in Deutschland uns auf ein paar wenige Themen zurückgezogen und nur ein paar wenige waren mutig genug die Perspektive zu wechseln weg von den fremden Toten in den KZ Und an den Fronten hin zur Frage der Familie, der Nachbarn und des eigenen Lebens.

Die Lieder, die wir in der Familie gesungen haben, die lustigen Geschichten, die wir gehört haben, die zeigen eine Welt, spannend ist aber die Welt, die dazwischen liegt, jene Auslassungen, auf die diese Geschichten und Lieder hinweisen.

Bei der Bearbeitung von Geschichte geht es mir nicht darum, dass wir in Sack und Asche gehen. Wir sind nicht verantwortlich für das was Generationen vor mir getan haben. Ich bin aber dafür verantwortlich, dass ich weiß, was sie getan haben und dafür sorge, dass ich die Fehler nicht mehr tue, dass ich aus den Fehlern lerne. Das beginnt bei der Kommunikation, bei der Sensibilität in der Nutzung von Begriffen oder bei der Sorge darum, dass Gedanken und Ideologien keinen Nährboden mehr bekommen.

Familiengeschichte ist nicht abgeschlossen, denn gerade die Ängste und Nöten, die psychischen Probleme werden an die nächsten Generationen (unterbewusst) weitervererbt. Das fängt bei ganz einfachen Dingen wie dem Umgang mit Nahrungsmittel an, das hört bei Ängsten und Phobien auf. Geschichte der Staaten und Völker endet nicht, das kann nie abgeschlossen werden und so müssen wir uns den Folgen des II. Weltkrieges genauso stellen, wie den Folgen der jüngeren Zeit oder auch des I. Weltkrieges. Gerade gibt es die Möglichkeit sich ganz bewusst mit dem I. Weltkrieg zu beschäftigen. In Belgien in Wijtchaete gibt es eine Grabungsstätte, die Höhe 80, die ausgegraben wird. Hier kann man Geschichte hautnah erleben, durch einen Besuch, durch Mitarbeit als Freiwilliger.

Eventuell lernt da auch eine neue Generation – und auch die ältere Generation – , dass es sinnlos und unmenschlich ist Krieg zu führen. Kein Ziel, kein Ergebnis rechtfertigt den Mord an so vielen Menschen und daran müssen wir denken. Krieg und der Einsatz von Soldaten ist zuallererst die Akzeptanz, dass Menschen getötet werden. Wollen wir das wirklich. Nehmen wir das mal persönlich, denn das ist Krieg nun mal.

Bei Krieg und Streit gilt das Wort von Papst Benedikt XVI.: „Gesegnet sei, wer als erster den Ölzweig erhebt und dem Feind die Rechte entgegenstreckt, ihm den Frieden unter vernünftigen Bedingungen anbietet.“ Nicht die Sieger gewinnen den Krieg, die waren Sieger müssen jene sein, die sich gegen Krieg und Streit stellen. Fangen wir auch in unserem Leben an den Ölzweig zu heben, wir haben schon genug Leid und Schicksal, fangen wir an und ändern wir die Welt. Ernsthaft und ehrlich!

Der verborgene Gott?

Ein verborgener Gott – ist Gott das wirklich? Im heutigen Tagesgebet (MB 313,22) sprechen wir ihn als verborgenen Gott an. Aber nochmal: Ist er das? Verbirgt sich Gott vor uns? Oder verdecken/verbergen wir ihn vielmehr selbst vor uns? Verdecken wir ihn nicht eventuell mit all den Ersatzgöttern, die eben im unseren Alltag greifbarer sind, die schneller angreifbar sind und schneller zu Sündenböcken gemacht werden können?

Zum Sündenbock, oder zum Lückenfüller können wir Gott nicht machen, da gibt es nur ein entweder – oder. Gott anerkennen bedeutet, uns als Menschen anerkennen einzuordnen in die Schöpfung und dann können wir Gott nicht mehr für alles verantwortlich machen, denn Gott stellt uns in die Freiheit. Das ist anstrengend, zehrend, nervend. Damit übergibt uns Gott Verantwortung – Verantwortung, die wir annehmen, oder eben nicht. Prüfen wir uns heute einmal ob wir die Freiheit die Gott uns schenkt annehmen, ob wir die Verantwortung, die er uns übergibt leben.