Heute und in Zukunft: Weihnachten

Allherrschender Gott,

durch den Stern, dem die Weisen gefolgt sind,

hast du am heutigen Tag

den Heidenvölkern deinen Sohn geoffenbart.

Auch wir haben dich schon im Glauben erkannt.

Führe uns vom Glauben

zur unverhüllten Anschauung deiner Herrlichkeit.

Darum bitten wir durch Jesus Christus. (Tagesgebet Epiphania)

Die Weisen sind erwähnt, der von Gott offenbarte Sohn, Glaube und die Sehnsucht nach einem mehr, das nehmen wir wahr, wenn das Gebet im Gottesdienst gesprochen wird. Die Erwähnung der Heiden (Heidenvölker) könnte aufhorchen lassen, denn wie oft hören wir diese Unterscheidung der Menschheit noch?

Das Tagesgebet eilt vorüber, zwischen Gloria und Lesung. Dabei ist das Tagesgebet doch ein Gebet, das der Priester stellvertretend für uns alle spricht, denn mit dem gemeinsamen „Amen“, schließt sich das Volk „dem Gebet an und macht es durch den Ruf Amen zu seinem Gebet“ (Grundordnung, 54). Mit dem „Amen“ bekunden wir, dass das Gebet unser Gebet ist.  Das „Amen“ ist unser „ja“ und damit unsere „tätige Teilnahme“ im Gottesdienst. Das Gebet darf daher nicht einzelne Stimme sein, vielmehr soll Gebet aller sein. Dazu braucht es ein Hören, aber auch eine Auseinandersetzung mit dem was wir beten.

Und das bedeutet schlussendlich, dass wir uns – um der tätigen Teilnahme willen – mehr mit den Texten und Gebeten der Liturgie auseinandersetzten müssen. Alex Stock, ehemaliger Theologieprofessor an der Uni Köln, bietet uns mit seiner Neuübersetzung und Auslegung der Tagesgebete (2014) Impulse und mögliche Annäherungen dazu an.

Zum heutigen Tagesgebet (Stock; Orationen, Tagesgebete der Festzeit. S. 51) stellt er heraus, dass hier zwei Zeitebenen angesprochen werden. Im ersten Satz des Gebetes wird das Ereignis der Offenbarung Gottes gefeiert und klar auf den Festtag terminiert. Mit dem „Heute“, werden sowohl die Weisen wie auch die feiernde Gemeinde in eine GleichZEITigkeit gesetzt. Die Weisen wie die Gemeinde erfahren die Menschwerdung Gottes und glauben. So sind wir im Glaubensakt selbst mit den „Heiden“ (gentibus), also hier u. a. mit den Weisen, geeint. Das Gebet zeigt: Wir vertrauen, wir haben die Botschaft gehört und glauben, allein aufgrund eines Hörens, denn Gott hat sich jetzt offenbart. Die Bewegung der Sterndeuter hin zu Gott wird hier zum Vorbild für uns. „Die Weisen aus dem Osten sind ein Anfang. Sie stehen für den Aufbruch der Menschheit auf Christus hin. […] Sie stehen für die innere Erwartung des menschlichen Geistes, für die Bewegung der Religionen und der menschlichen Vernunft auf Christus zu.“ (Ratzinger, Jesus III. S. 105 f.). Und auch wir brechen wie die Sterndeuter auf, nähern uns Jesus an. Im Vertrauen, im Glauben an etwas, das uns überragt.

Im zweiten Teil verändert sich die Blickrichtung und auch der Zeitrahmen. Es geht jetzt nicht mehr um die Gegenwart, der Blick geht in die Zukunft. Denn ganz „gleich“ wie die Sterndeuter sind wir nicht. Uns fehlt das Sehen, denn die angesprochenen Heiden sind zum Glauben gekommen, weil sie gesehen haben. Dieses Schauen der „unverhüllten Anschauung der Herrlichkeit“ Gottes, oder genauer „seinen Glanz in der Höhe“ das steht für uns noch aus. Trotz unseres Glaubens, oder eventuell besser gesagt, gerade wegen unseres Glaubens bitten wir um diese Nähe zu Gott. Wir bitten darum, denn die Sehnsucht nach dem Schauen ist eine Glaubenshoffnung.

Wir feiern die Geburt „heute“, aber „die Wirklichkeit dieses „factum est“ können wir […] nicht […] anschauen“ (Ratzinger, Jesus II. S. 124) wie die Sterndeuter damals. Weihnachten öffnet uns das Reich Gottes, aber trotzdem steht Gott für uns in einer „bleibende(n) Zweideutigkeit und Verhülltheit […] (und) lässt den Christen ausschauen auf jene endzeitlich verheißene Vollendung, in der er als ganzer „heil“ sein wird“ (Metz, Gesamtausgabe Band 2. S. 179). Und auf diese endzeitliche Vollendung hin weist die Bitte des Gebets, denn als weihnachtliche Menschen leben wir in einem „schon“ und wissen um ein „noch nicht“, hoffen aber, denn wir glauben.

Zwischen dem jetzt und der Zukunft stehend bekräftigen wir am heutigen Hochfest Epiphanie nun dieses Gebet mit dem „Amen“. Dabei erinnern wir uns daran, dass Weihnachten ein zeitloses Fest ist und wir uns in diese tiefe Zeitlosigkeit, die wir in der Annäherung an Gott erfahren, hineinbegeben können. Mit Gott an unserer Seite löst sich alles Bestehende auf, dann seine Zeit ist ein Bewegen hin auf eine anbrechende neue Zeit mit uns, hier und heute. Heute ist uns der Heiland geboren, heute beugen wir mit den Sterndeutern unsere Knie, um uns auf eine Zukunft mit Gott einzulassen. Dabei ist die Zukunft nicht irgendwann; sie beginnt heute.

Werbeanzeigen

Ad fontes ??

Heute findet sich in der FAZ ein Beitrag von Markus Schauer, Latinist der Uni Bamberg. Darin berichtet er davon, wie er der Frage nachging, ob Latein noch zeitgemäß sei, ob ein Lateinstudium noch das Richtige sei um junge Menschen für die Herausforderungen der Zeit fit zu machen. Er zeigt anhand der Frage und der Gespräche auf, dass dies der Fall ist, dass man mit dem Studiengang „Latein“ auch was für das Heute lernen kann. Ich fand die Fragestellung spannend und noch interessanter fand ich die Frage: „Könnte die weit entfernte Antike nicht auch gleichsam als ressentimentfreier gedanklicher Experimentierraum dienen, in dem auf sicheren Terrain kulturelle und gesellschaftliche Unterschiede verhandelt werden?“

Ist dies möglich, hilft uns das eventuell heute wirklich weiter? J. F. Kennedy hat damals in Berlin ebenfalls lateinische Literatur zitiert, als er sagte, dass jeder freie Mensch ein Bürger Berlins sei. Meist wird das dann abgetan mit einer anderen Zeit, mit einem anderen Bildungsstandard. Aber ist das die richtige Form damit umzugehen? Ist es eventuell nicht doch interessant, sich gerade mit den alten lateinischen Texten auseinander zu setzten um daran dann Grundzüge, Grundhaltungen und Grundbotschaften zu definieren und dann – gerade da sie eine Allgemeingültigkeit haben könnten – in den heutigen Kontext zu setzten?

Eventuell ist es nicht nur im politischen von Interesse zu sagen: Schauen wir auf die lateinischen Texte. Eventuell müssen wir auch im christlichen Denken nochmal auf die alten Texte schauen, nochmal uns mit diesen Texten auseinandersetzten und verstehen lernen, wie die Gedanken und Ideen damals zu Stande kamen um dann Grundbotschaften herauszufiltern um neu das Alte zu denken. Eventuell tut es uns heute gut, dies zu tun und damit zu lernen, dass wir Texte, Meinungen, Botschaften vergangener Zeiten nicht abtun dürfen sondern sie würdigen „müssen“. Ja, sollten wir das In den Generationen Gedachte nicht geradezu destilieren, um die Essenzen daraus auf unser Heute zu übertragen, bzw. in unser Heute einzubetten und fruchtbar zu machen.

Wäre das nicht doch wirklich ein Ansatz? Wie wäre es, wenn wir damit aufhören irgendwelche Epochen „ad acta“ zu legen und die verteufelten Meinungen der Vergangenheit mit in unser Denken hinein nehmen, um eben mehr und tiefer zu denken und gemeinsame Ergebnisse zu finden?